Internetkommunikation – Strukturen ohne Chefetage

von Kusanowsky

Diskussionen, die sich über Internetkommunikation ergeben, zerfallen entweder in Langeweile, in gegenseitigen Beileidigungen oder machen deutlich, dass die kantengenaue Trennung von Spaß und Ernst nicht mehr durchhaltbar ist. Dies kann man auf allen Plattformen beobachten, bei Blogs, in Listen, Foren, bei Twitter. Der Grund dafür scheint mir zu sein, dass die Internetkommunikation nicht den Erwartungen auf Regelhaftigkeit entspricht, wie sie vor allem durch Organisationssysteme hergestellt werden. Die Strukturen der Internetkommunikation lassen keine Chefetage zu. Es gibt keine Sanktionierungsregeln, welche in der Interaktion den anwesenden Körper des Gegenübers beobachten könnte.

Beispielsweise zeichnete sich die althergebrachte Form der politischen Diskussion, wie sie sich in Organisationen zeigte, nicht nur durch eine halsbrecherische Humorlosigkeit aus, sondern vor allem dadurch, dass die Beteiligten sich gegenseitig mit überzogenen Ansprüchen an vernünftige Rede bedrängten, was konsequenterweise immer wieder die Affektkontrollen überprüfbar machte und damit die Eskalation unhaltbarer Erwartungen auf solche Ansprüche genauso anfeuerte wie unterdrückte. Die performative Ebene des Gesprächs bei gegenseitiger Wahrnehmung der Answesenheit war gleichsam die Prüfungsebene. Überzeugen konnte, wer besser „aufgestellt“ war, wem es besser gelang den Widerspruch zwischen Handeln und Verhalten auszublenden, von ihm abzulenken. Dies gelang nicht selten dadurch, dass dieser Widerspruch selbst als Element in der Rhetorik berücksichtigt wurde, oder, schlimmstenfalls gar nicht bemerkt wurde. In Fall solcher Nachlässigkeit war dies dann der Grund für den Verlust von Vertrauenswürdigkeit, bis ihn zum Ansehensverlust und Rufschädigung.

Dieses Problem entstand deshalb, da dieser Widerspruch eigentlich durch Sanktionsstrukturen der Selbstbeobachtung entzogen wurde, oder nur in selten Ausnahmefällen als selbstreferenzieller Verweis benutzt werden konnte, wenn zugleich die Ermittlung der  kommunikativen Situation sicher stellle, dass eigentlich um etwas anderes ging. Gelang dies nicht, hatte man es mit unerwünschter Störung zu tun, etwa als Zurechnung auf „albernem Verhalten“, das in Organisationen immer noch höchst unzulässig ist.
Das Interessante an der Interkommunikation könnte wohl sein, dass langsam gelernt wird, wie man mit dem performativen Selbstwiderspruch umgehen könnte. Dieser Selbstwiderspruch kommt normalerweise in der Erwartung zum Ausdruck, von der Gegenseite nur vernünftige Argumente zu akzeptieren, womit fraglich wird, ob dieser Anspruch selbst vernünftig ist, weil diese Erwartung auch von der Gegenseite erbracht wird und notwendig die Skepsis steigert, wenn man bemerkt, dass beim Durchlauf durch diese Routine keiner mehr etwas Vernünftiges zu sagen hat. Was macht man also, wenn dieser Selbstwiderspruch immer aufdringlicher die Selbstbeobachtung dirigiert? Man vermeidet, man verschweigt ihn nicht mehr, sondern inszeniert ihn, womit letztlich das Problem der Diskussion in Indifferenz überführt und auf eine weitere Ebene der Beobachtung gehoben wird. (Daher diese Rede von „Metascherzen„).
Wenn man in Erfahrung gebracht hat, dass erstens Argumente nicht mehr überzeugen wegen der prinzipiellen Kontingenz all dessen, was argumentierbar ist, und dass zweitens auch die Beschimpfung und Beleidung nichts anderes erbringt als die wiederholte Beobachtung der Unzugänglichkeit der Argumente für einander, so muss schließlich die Eskalation auf der Affektebene weiter geführt werden. Aber jetzt unter der Bedingung der Selbstbeobachtung der Affekte, weil ja jeder allein vor einer Anschlussfindungsendungstelle (Computer) sitzt, was dazu führt, dass die Geringschätzungen der Gegenseite durch Selbstwertschätzung reflektiert werden. Zweck der Kommunikation ist dann nicht mehr ein Trainingsprogramm, das Vernunft heran züchten könnte um zu überzeugen, sondern eines, dass die Affektkontrolle selbst kontrolliert mit dem Ergebnis, dass, wer zuerst dabei beobachtet wird, die Ernsthaftigkeit aufzugeben, wer zuerst die Affektkontrolle fallen lässt, nicht nur Humorcharakter einer solchen Diskussion zeigt, sondern damit auch Anlässe liefert, um zu testen, ob sich auch dieser Humor letztlich als unhaltbar erweist. Kontrolliert würde dann der Kontrollverlust der Affektkontrolle.

Für die Erarbeitung von Regeln, die die soziale Wildnis in Ordnung überführen, dürften damit gänzlich andere Ausgangsbedingungen geschaffen sein, welche allerdings, solange immer noch das Eingreifen einer Chefetage erwartet wird, ihre Möglichkeiten nicht entfalten können.

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