Arthur Schopenhauer: Wille und Erkenntnis
von Kusanowsky
Je mehr wir des Objekts uns bewußt sind, desto weniger des Subjekts: je mehr hingegen dieses das Bewußtseyn einnimmt, desto schwächer und unvollkommener ist unsere Anschauung der Außenwelt. Der zur reinen Objektivität der Anschauung erforderte Zustand hat theils bleibende Bedingungen, in der Vollkommenheit des Gehirns und der seiner Thätigkeit günstigen physiologischen Beschaffenheit überhaupt; theils vorübergehende, sofern derselbe begünstigt wird durch … Diese naturgemäßen Beförderungsmittel der cerebralen Nerventhätigkeit sind es vorzüglich, welche, freilich um so besser, je entwickelter und energischer überhaupt das Gehirn ist, bewirken, daß immer mehr das Objekt sich vom Subjekt ablöst, und endlich jenen Zustand der reinen Objektivität der Anschauung herbeiführen, welcher von selbst den Willen aus dem Bewußtseyn eliminirt und in welchem alle Dinge mit erhöhter Klarheit und Deutlichkeit vor uns stehn; so daß wir beinah bloß von ihnen wissen, und fast gar nicht von uns; also unser ganzes Bewußtseyn fast nichts weiter ist, als das Medium, dadurch das angeschaute Objekt in die Welt als Vorstellung eintritt. Zum reinen willenlosen Erkennen kommt es also, indem das Bewußtseyn anderer Dinge sich so hoch potenzirt, daß das Bewußtseyn vom eigenen Selbst verschwindet. Denn nur dann faßt man die Welt rein objektiv auf, wann man nicht mehr weiß, daß man dazu gehört; und alle Dinge stellen sich um so schöner dar, je mehr man sich bloß ihrer und je weniger man sich seiner selbst bewußt ist. – Da nun alles Leiden aus dem Willen, der das eigentliche Selbst ausmacht, hervorgeht; so ist, mit dem Zurücktreten dieser Seite des Bewußtseyns, zugleich alle Möglichkeit des Leidens aufgehoben, wodurch der Zustand der reinen Objektivität der Anschauung ein durchaus beglückender wird … Sobald hingegen das Bewußtseyn des eigenen Selbst, also die Subjektivität, d.i. der Wille, wieder das Uebergewicht erhält, tritt auch ein demselben angemessener Grad von Unbehagen oder Unruhe ein: von Unbehagen, sofern die Leiblichkeit (der Organismus, welcher an sich Wille ist) wieder fühlbar wird; von Unruhe, sofern der Wille, auf geistigem Wege, durch Wünsche, Affekte, Leidenschaften, Sorgen, das Bewußtseyn wieder erfüllt. Denn überall ist der Wille, als das Princip der Subjektivität, der Gegensatz, ja, Antagonist der Erkenntniß…
Arthur Schopenhauer: Vom reinen Subjekt des Erkennens. In: Die Welt als Wille und Vorstellung. Zürcher Ausgabe. Werke in zehn Bänden. Band 4, Zürich 1977, S. 436.
[…] über die Analyse des subjektiven Vermögens der Willkür, bei Vermeidung objektiver Letztaussagen (Schopenhauer, Nietzsche, Psychonalyse), bis zur Objektivierung des Subjekts (Soziologie, Biologie, Psychologie), […]
🙂 Erinnert mich an Frankl:
Im Digha Nikāya sind 8 Erlösungen oder Befreiungen (attha vimokkha) aufgezählt…
http://www.palikanon.com/wtb/vimokkha.html
Schopenhauer spricht offenbar insbesondere von der zweiten:
Es geht wohl im Wesentlichen um die Erkenntnis, dass „Glückseligkeit“, erst in der „Selbsttranszendenz“ erfahrbar wird.
Eine „Ekstase“ im Sein und Erleben jenseits der Schranken des egoistischen Wollens/ des triebhaften Begehrens… Mehr sein, als das Tier! (Ohne das Tier dabei zu vergessen.)
Man sensibilisiert sich für das Wollen und Nichtwollen der erlebten Umwelt – stellt sich entsprechend auf Schwingungen, Signale und Muster ein, die von Anderen und von Außen wahrgenommen werden und synchronisiert den eigenen Willen mit einem erweiterten systemischen Kontext.
…. ist eigentlich auch völlig in Ordnung…
Aber es lohnt sich darüber nachzudenken, ob das was man zu wollen meint auch das ist, was man wirklich will.
Es ist bestimmt gesund und vernünftig und gut zu tun, was man will, den eigenen Impulsen, Motiven und Zielsetzungen zu folgen, wenn man dabei wachsam und aufmerksam bleibt, wohin man sich bewegt… — wenn man das Wollen und Nichtwollen einer erlebten Umwelt im Zuge der eigenen, individuellen Willensentscheidungen nicht übersieht…
Was man will kann man praktisch nur im gegebenen Kontext entscheiden.
Wenn man sich bei der Definition des eigenen Willens nicht von kurzsichtigen/ triebhaften Impulsen lenken lässt, dann ist es nur gesund zu tun, was man will.
In Konsequenz zu einer empathischen Kurzsichtigkeit oder einer versperrten Sicht auf den Kontext der Umstände durch ein übergewichtiges, unflexibles, plumpes Ego, stolpert man leichter über verfahrene, unangenehme und peinliche Situationen, die alles andere als wünschenswert sind.
Und um das beurteilen zu können, sollte man in der Lage sein, die eigene, limitierte Perspektive zu wechseln und den Horizont der Selbstwahrnehmung entsprechend zu erweitern, um eventuelle Folgen jeweils vernünftig absehen und einschätzen zu können…. und um alternative Handlungsoptionen in Betracht nehmen zu können.
Es kann ja sein, dass ich womöglich viel wollenswertere Möglichkeiten erschließe, wenn ich mich aus der kurzsichtigen Perspektive meiner unreflektierten Selbsterfahrung heraus bewege… Eine gewisse Skepsis, den eigenen Vorstellungen, Intentionen und Motiven gegenüber ist sowieso angebracht.
Wenn man sich selbst überhaupt ständig die Frage stellt, was man vom Leben und von Anderen will/ was man haben will/ was man erreichen will, dann neigt leicht man dazu Bedürfnisse und Wünsche zu erfinden, die das eigene Leben nur unnötig verkomplizieren.
(Egoistisches Wollen ist so gesehen auch eine chinesische Fingerfalle, eigentlich: Je fester man zieht, desto schmerzhafter greift das Verlangen.)
Im Modus „Mitgefühl“ (Empathie) und „NächstenLiebe“ (Empathie) kann man eigentlich ziemlich optimal in Resonanz zur erlebten Umwelt treten.
Dann kann man im Wesentlichen auch recht gut Entscheidungen treffen… Auch im Hinblick auf das, was man vielleicht wollen will…
(Meta-Wille)
(Galater 5.14)
„Liebe“ ist definitv ein Resonanzphänomen.
// Liebe = Resonanz ?
Die Deutsche Mystik thematisiert insbesondere diese Transzendenz des Selbst in der Erfahrung Gottes
(„Gott“ als Einheit/ als absolut transzendete/ uninstanzierte/ bildlose Instanz des ErLebens)
Jan van Ruysbroek
doctor ecstaticus
Das Buch von der höchsten Wahrheit (Kap. 11)
Klicke, um auf Das%20Buch%20von%20der%20hoechsten%20Wahrheit.pdf zuzugreifen
Meister Eckhart (Eckhart von Hocheim)
Predigten, Traktate, Sprüche
4. Von stetiger Freude
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Meister+Eckhart/Predigten,+Traktate,+Spr%C3%BCche/Predigten/4.+Von+stetiger+Freude
;Die Predigten oben klingen alle ziemlich verklärt und schwärmerisch…
Philosophisch interessant wird es, wenn man versucht „Gott“ als „absolute Objektivität“ zu übersetzen… und das Wort „Seele“ kann manchmal mit „Selbst“/ „Subjekt“ oder „Subjektivität“ ersetzt werden.