Quatsch ist nicht mehr wichtig
von Kusanowsky
Schon bei Hegel findet sich die Einsicht, dass Vernunft kontingent in Erscheinung tritt, jeweils abhängig vom aktuellen Entfaltungszustand des absoluten Weltgeistes, der in der Welt seine Mittel sucht, um sich über sich selbst zu informieren; nicht viel anders bei Marx, bei welchem alle Vernunft den kontingenten Selbsterfahrungsprozess einer jeden herrschenden Klasse widerspiegelt. Das Apriorische allen Erkenntnisvermögens ist darum immer nur ein historisch überlieferter Entwicklungszustand, ein zurückliegend entwickeltes Dispositiv, das für die nachfolgende Zeit zum Prüfstein ihrer Möglichkeit wird, was allerdings erst dann gelingt, wenn man diesem Prüfungsauftrag aus dem Wege geht; wenn Perturbation dafür sorgt, die Probleme anders zu betrachten als sie historisch determiniert in Erscheinung treten; wenn es entsprechend gelingt, den blinden Fleck der Erkenntnis als das Verhinderungsproblem der Erkenntnis zu betrachten.
Darin bestand die historische Notwendigkeit, durch Freiheitsrechte die Streitfälle für die Kommunikation freizugeben, weil die Einsicht aufkam, dass die Uneindeutigkeit der Vernunft keineswegs ein Hindernis darstellt, sondern umgekehrt erst die transzendentale Ermöglichungsbedingung liefert, damit Gewissheiten definierbar werden, die ihre Bewährungschancen dadurch limitieren, dass man alles auch noch einmal und ganz anders betrachten kann. Nur Erkenntnisgewinne, die über diesen Stein nicht stolpern, erhalten das Siegel der Vernunftgemäßheit.
In der Ausübung dieser modernen Freiheit ist also der Quatsch immer schon eingeschlossen, damit man ihn durch Selektion wirksam auschließen kann. Die Prosperität der modernen Gesellschaft findet darin ihren Grund. Das Leistungsvermögen ist deshalb so beachtlich, weil der Quatsch nirgendwo vollständig vermieden werde kann. Denn was für die Vernunft gilt, gilt wohl auch für allen Blödsinn, dass er nämlich kontingent in Erscheinung tritt. Das ist ein Knochen, auf dem Quanten- und Relativitätstheoretiker bis heute vergeblich herumnagen. Es ist nämlich gelungen, diese Kontingenz zu rationalisieren und zwar ohne dafür die fremdreferenziellen Formen der Urteilsbildung zu durchleuchten. Tatsächlich ist nur eine Erweiterung dieser Fremdreferenz bis an die letzte Grenze ihrer Formbarkeit vorgenommen worden: Hirnbiologen suchen im Gehirn nach dem menschlichen Geist, ohne sich zu fragen, wie es nur kommen konnte, dass der Geist über sich selbst so im Unklaren ist, dass er nicht weiß wo er sich versteckt hält. Anthropologen erforschen versteinerte Knochen und fragen sich, ob dieser Knochen als Baustein einer Anatomie und Physiologie einen „Gedanken tragen“ konnte. Astrophysiker schauen so tief ins Weltall hinein wie es nur geht und suchen nach dem Urkall, ein Ereignis, das notwendig die Frage aufwirft, was vor dem Urknall passierte, womit gleichzeitig geleugnet wäre, dass sie finden könnten, wonach sie suchen.
Aber egal, die Forschung geht weiter, solange das Medium der Fremdreferenz, wenn es auch schon hinsichtlich seiner Erkenntnismöglichkeiten vollständig ausgebeutet wurde, so doch immerhin noch in anderer Hinsicht relevant bleibt: Karrieren, Reputation, Finanzierung, Steuerung, alle Anschlussfindung orientiert sich noch an dieser Relevanz. Nicht der Unterschied von Vernunft und Blödsinn ist das, was für die Systeme relevant wäre. Relevant sind die sekundären Unterscheidungsroutinen, die sich an der Differenz geht/geht nicht knüpfen.
Kein Student könnte mit einem intelligenten Weblog einen Doktortitel erhalten; kein Musikproduzent kann mit Filesharing Geld verdienen; kein Datenschützer kann damit einverstanden sein, dass geschieht, was geschieht, weil das der insitutionalisierten Selbstbeauftragung widerspricht; kein Autor kann auf Urheberschaft verzichten; kein Staat könnte das Geldmonopol aufheben, weil einfach nicht gewusst wird, wie es denn gehen könnte, wenn es so nicht weiter geht Also muss es irgendwie so weiter gehen, ob der Teufel raus kommt oder nicht, spielt keine Rolle. Dass er aber längst umher geht, kann als Chance nicht gesehen werden.
Die Digitalisierung und die verbreitete Benutzung des Internets ist darum gar nicht das Problem, sondern die unwiderrufliche Zuspitzung und Verschärfung der Problemerzeugungsstrukturen ist das Problem des Problems. Diese Problemerzeugungstrukturen entfalten sich aufgrund des transzendentalen Vermeidungsirrtums, welcher besagt, dass nur innerhalb eingespielter Beobachtungs- und Unterscheidungsroutinen das gefunden werden könnte, was durch diese Routinen selbst verloren geht: wenn man alles auch ganz anders betrachten kann, dann kann nur sehr schwer verstanden werden, dass alles auch noch anders als anders gehen könnte, was andersherum heißt: anders geht es nicht. Und wenn doch, dann eben anders. Aber daraus lassen sich keine Begründungskontexte ableiten, keine Rechtfertigungen, keine Legitimationen, keine Privilegien, und schon gar nicht könnt man sagen, wie tief man graben müsste, um jemanden zu finden, der das versteht. Also geht alles so weiter, solang es nur weiter geht.
Auf die Relevanz des Unterschieds von Vernunft und Blödsinn ist kaum noch einer ansprechbar, weil immer schon gewusst wird, was man davon halten kann: Verschiedenes. Und so geht das weiter.
Den Artikel von Sascha Lobo findet man hier: Quatsch ist systemrelevant
[…] übrigens auch eine Leseempfehlung. Hierzu gibt es auch eine Replik von Klaus Kusanowsky. Zitate Internet, Philosophie, Sascha Lobo, Spiegel Online, System, web2.0, Zitat ← […]
@addliss “dass Klaus viel zusammenwirft, was vielleicht gar nicht zusammengehört” – es käme in diesem Fall darauf an zu wissen, was zusammen gehört und was nicht. Man kann Unterschiede unterschiedlich unterscheiden. Man kann Quatsch von Ernsthaftigkeit oder auch von Vernunft unterscheiden, und dann sagen: Ernsthaftigkeit und Vernunft sind unterschiedlich, oder auch: gehören zusammen. Es käme also nicht nur darauf an, welche Unterscheidungen man wählt, sondern auch, welche man vermeiden will. Für beides gibt es keine übergeordnete Evidenz. Also: was gehört zusammen, und was nicht nicht? Ich würde antworten: es kommt darauf an, was geht und was nicht geht. Beispiel: in der Druck-Ausgabe des SPIEGEL-Magazins darf man nichts als Quatsch publizieren, oder wenn doch, dann nur, wenn dies als Quatsch gekennzeichnet ist, z.B: in der Rubrik “Rückspiegel”. Alles andere muss vernünftig/ernst sein. Warum? Das hängt mit Erwartungen an massenmedialer Kommunikation zusammen, deren Gelingen enorm kapitalintensiv ist. Es muss sich rechnen, sonst geht es nicht. Bei SPON sieht die Sache etwas anders aus. Hier darf der Verlag auch mit Quatsch experimentieren, weil die Verbreitungskosten enorm gering sind. Also geht es.
Das Dispositiv der Massenmedien ist auf einen Quantifizierungscode eingestellt: publiziert werden kann, was massenmäßig relevant ist, bzw. massenmäßig als relevant erwartet wird. Wird Quatsch erwartet, kann man Quatsch schreiben, wird Ernsthaftigkeit erwartet, muss ernsthaft geschrieben werden. Entscheidend ist dabei, ob es sich rechnet, ob Auflage geschafft wird, ob Quote erreicht wird. Gelingt dies nicht, geht es nicht. Das Internet lässt diese Erwartungssicherheit nicht zu, jedenfalls nicht in dieser Rigorosität, weil es eben nicht nur als Massenmedium benutzbar ist.
Und insofern stellt sich dann die Frage, was zusammen gehört und was nicht, ganz anders. Aber auch in diesem Fall stellt sich die Frage: kann das kommuniziert werden oder nicht? Schon die Frage, was zusammen gehört und was nicht, deutet an, dass noch etwas zu Vermeidendes als Vorbehalt eingeführt werden soll, nämlich: Durcheinander, Chaos, Verwirrung. Aber warum? Wenn eben dies durch Internetkommunikation gar nicht vermieden werden kann?
http://addliss.net/zitat-des-tages-92-ernsthaftigkeit-in-sozialen-netzwerken/2011/12/21/comment-page-1#comment-4181