Das Ende der transzendentalen Subjektivität 2

von Kusanowsky

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Das Ende der transzendentalen Subjektivität ist dann erreicht, wenn bemerkbar wird, dass man für Lügen oder Irrtümer keine Rechtfertigungen mehr braucht. Den vorletzten Schritt erkennt man daran, dass die Decke, die noch Ausreden und Rechtfertigungen für Lügen oder Irrtümer tragen könnte, so dünn wird, dass diese Irritationen ihren obszönen Charakter verlieren und wieder als Gegenstände zur Verstärkung der Kognition heran gezogen werden können.

Ein Beispiel dafür ist eine Peinlichkeit in der zu-Guttenberg-Plagiatsaffäre. Was bislang selten bemerkt wurde ist, dass diese Doktorarbeit mit „summa cum laude“ bewertet wurde: „Eine hervorragende Leistung!“ Die Frage darf sachlich gestellt werden, ob diese Note gerechtfertigt war. Die Antwort kann Ja, Nein oder Vielleicht lauten. Das traditionelle Verständnis professoraler Professionalität jedenfalls besteht darin, darüber kompetent wie kein anderer urteilen zu können. Eben dies – und keine andere – ist die vornehmste Aufgabe eines deutschen Universitätsprofessors. Der entscheidet darüber, was wissenschaftlich ist. Und diese Arbeit von zu Guttenberg galt gemäß einer wissenschaftlichen Prüfung als etwas ganz Besonderes.

Kurzbemerkung zur Analyse: War diese Bewertung gerechtfertigt, dann müsste, findet man heraus, dass der Autor gemogelt hat, jemand anders diese Bewertung erhalten. Diese Doktorarbeit hat aber keinen Autor, den man loben könnte, denn der verhaftete Autor gilt als Schummler. Die Arbeit hat aber auch keinen anderen Autor, denn sie besteht aus zusammenkopierten Textbausteinen. Entsprechend müsste diese Bewertung dann nur für die Arbeit gelten und nicht für einen Autor. Das hieße dann, dass die Arbeit keinen empirischen Autor hätte. So etwas darf es aber dem Selbstbeschreibungsprogramm der Wissenschaft zufolge gar nicht geben; auch dann nicht, wenn empirisch alles dafür spricht. Denn immerhin spricht die Bewertung „summa cum laude“ dafür, dass die Arbeit etwas ganz Besonderes ist. Oder ist sie es tatsächlich nicht? Und wie konnte dem Professor das entgehen? Hat er sie denn nicht geprüft? Hat vielleicht auch der zuständige Professor gemogelt? Indem er eine Arbeit mit „summa cum laude“ durchgewunken hatte, ohne sie ernsthaft und gründlich auf ihre Wissenschaftlichkeit zu überprüfen? Wie auch immer. Es gilt eine Entweder-oder-Entscheidung zu treffen. Entweder die Arbeit war sehr gut, dann gilt dies nur für die Arbeit. Und dann hätte sie keinen Autor. Oder sie hat einen Autor, dann hat sie aber kein wissenschaftliches Prüfsiegel verdient. Aber wodurch entstand dann das „summa cum laude“? Durch Täuschung. Aber wer hat getäuscht? Der Autor? Oder der Prüfer? Oder: weder der eine noch der andere?
Mindestens kann man erkennen, dass nicht nur einer gemogelt hat. Die Wissenschaft unterliegt hier einem Selbstwiderspruch, der sich aus der Kontingenz ihrer Regeln, der Komplexität ihrer Möglichkeiten und der Intransparenz ihrer Ordnung ergibt. Und weil man aus dem Irrsinn nicht anders klug werden kann, exekutiert die Wissenschaft ihre Wahrheit durch Inanspruchnahme der Staatsgewalt: der Autor ist ein Betrüger. Und nur der Autor.
Dieses Urteil kann dann für eine skandalsüchtige Presse als die letzte aller Wahrheiten genommen werden, weil die vorletzte Wahrheit, dass auch der Professor geschummelt hat, viel zu kompliziert zu analysieren wäre, als dass man in Massenmedien darüber berichten könnte. Und schon gar nicht ist es möglich, die wahrscheinlichste Variante ernst zu nehmen, dass nämlich kein Mensch gelogen oder betrogen hat. Gewiss kann man sagen, dass Menschen an den Ansprüchen der Wissenschaft gescheitert sind, aber auch in dem Fall gilt, dass nicht nur einer dafür einen Malus erhalten dürfte.

Aber dieser Irrtum ist nicht mehr rechtfertigungsfähig. Es gibt keine Ausreden mehr. Es wird einfach exekutiert. Ohne Rücksicht auf Verluste. Denn schließlich, wie man in der Folge sehen kann, ist alles auch egal: der Professor bleibt weitgehend unbekannt und macht einfach weiter, wie auch der Autor, der seine Karriere unverdrossen und erfolgreich an anderer Stelle fortsetzt.

Fortsetzung

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