Differentia

Vertrauenswürdigkeit – ein Vermeidungsproblem der empirischen Sozialforschung

Das Internet und seine selbstorganisierte Anarchie liefert die bislang beste Möglichkeit dafür, dass Unbekannte mit Unbekannten in Kontakt treten können, ohne, dass die Bedingungen für diese Kontaktaufnahme durch ein überliefertes Regelwerk von Organisationen sanktioniert werden könnten. Diese Anarchie scheint mir gleichsam die Bewährungsprobe für das transzendentale Subjekt zu sein, das erst sterben darf, wenn es diese Probe durchläuft.
Die funktional-differenzierte Gesellschaft hatte bislang ihre Verhandlungsgegenstände durch Massenmedien erzeugt und durch Organisationen legitimiert; und unter Berücksichtigung dieser Erzeugungs- und Legitimierungsroutinen konnte das transzendentale Subjekt seine „Gewissenhaftigkeit“ überprüfen, weil Organisationen die nötige Fremdreferenz für Adressabilität lieferten, durch welche alle Selbstreferenz („Selbstdarstellung“) eingeschränkt und ihre Selbstbeobachtung vermieden wurde.
Mit der Beteiligung an Internetkommunikation müssen die Subjekte nun selbstständig ihre Fremdreferenz erzeugen und legitimieren. Sie müssen gleicham lernen Selbstreferenz fremdreferenziell zu organisieren, ohne, dass die Chefetage eingreifen kann; sprich: die Subjekt müsse auf Selbstorganisation warten, weil keine andere Organisation diese durchsetzen könnte. Das liegt daran, dass Organsationen selbst an der Internetkommunikation teilnehmen. Denn auch Organisationen können die „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ der Internetkommunkation nicht mehr hierachisch verhandeln, auch dann nicht, wenn diese Organisationen durch den Staat legitimiert sind. So etwa die Wissenschaft und ihre Anbindung an bürokratische Verfahren der Sicherstellung von Authentizität, Erreichbarkeit und Vertrauenswürdigkeit.
Wie schwer es der Wissenschaft, hier: die empirische Sozialforschung, fällt, sich damit zu arrangieren, zeigt dieses Beispiel, das deutlich macht, was die Wissenschaft noch zu vermieden versucht, ohne dass dies gleichwohl möglich ist.

Vor ein paar Tagen bekam ich nämlich per Facebook eine Freundschaftsanfrage, welche ich akzeptierte. Später bekam ich von der selben Adresse eine Facebook-Mitteilung über ein Forschungsprojekt, das sich für Internetblogger interessiert und in welcher ich angefragt wurde, ob ich mich an einer Umfrage beteilige möchte. Der Text der Mitteilung lautete:

Journalisten … sind dazu da, um Kritik und Kontrolle auszuüben … Doch funktioniert das auch in der Praxis? Sind Sie als Blogger vielleicht sogar gewissenhafter … – und sind Blogger eine Ergänzung oder gar Ersatz für den Journalismus? … In einer wissenschaftlichen Studie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wollen wir mehr über Ihr Denken und Handeln als Blogger … herausfinden. Dazu benötigen wir Ihre Hilfe. Mit Ihren Antworten ermöglichen Sie es uns, wichtige Erkenntnisse zu Bloggern in Deutschland zu gewinnen. In unserem Fragebogen stellen wir Ihnen spannende Fragen, bei denen Sie Ihr Handeln als Blogger reflektieren können. Wir lassen Sie ins Grübeln kommen, wenn es um Abwägungen zur Veröffentlichung heikler Themen geht. Das Ausfüllen des Fragebogens ist unkompliziert und wird etwa 8-10 Minuten in Anspruch nehmen. Eine Rücksendung an den Absender ist nicht notwendig. Den Link zum Fragebogen finden Sie hier: http://ww3.unipark.de/uc/Polzin/21ff/  Ihre Daten werden selbstverständlich vertraulich behandelt und Sie bleiben anonym: Wir können anschließend nicht nachvollziehen, wer den Fragebogen ausgefüllt hat.

Wichtig ist dieser Satz: „Ihre Daten werden selbstverständlich vertraulich behandelt“. Stimmt das? Nicht ahnend, dass das vielleicht (ich betone: vielleicht!) so nicht stimmen könnte, schickte ich den angegeben Link als Status-Update bei Facebook herum, ergänzt durch ein Zitat, das ich dieser Webseite entnommen habe: „Und nun viel Spaß beim Ausfüllen!“

Screenshot der Webseite

Als nun dieser Status-Update in der Timeline meiner FB-Freunde auftachte, wurde das prompt kommentiert, auch von jener Adresse, die mich zu dieser Umfrage eingeladen hatte, und zwar von ihr mit den Worten: „danke. lieb gemeint, ist aber nur an bestimmte blogger gerichtet, die wir ausgesucht haben :)“

Allein die Wissenschaft sucht aus, wer adressiert ist? Indem eine Webadresse zur Verfügung gestellt wurde, die weltweit von jedem Internetnutzer abgerufen werden kann, womit es im Prinzip jedem möglich ist, sich an dieser Umfrage zu beteiligen. Also auch Hinz und Kunz, auch solche, die gar nicht bloggen. Wie stellt man unter diesen Bedingungen Exklusivität sicher, wenn die Exklusionregeln der Organisation durch die Internetanarchie gar nicht eingehalten, durch die Internetanarchie jederzeit sabotiert werden können? Denn es sind ja gar nicht allein Organisationen, die das Regelwerk der Internetkommunikation durchsetzen. Der Versuch, das kann man der Facebook-Mitteilung entnehmen, legitimiert sich über das Angebot konspirativer Kooperation. Die Mitteilung enthält Schmeichelei („Sind Sie als Blogger vielleicht sogar gewissenhafter…“) und Vertraulichkeit, gleich so, als sei so jemand wie Klaus Kusanowksy unbedingt vertrauenswürdig. Das wird gewiss nicht behauptet. Aber woher nehme ich die Gewissheit, dass man dem Leiter des Forschungsprojektes vertrauen kann? Ich hab eine solche Gewissheit nicht, und er auch nicht. Und in dem Augenblick, wo auffällt, dass die Exklusivität nicht gesichert ist, fällt auch auf, dass meine Angaben beim Ausfüllen des Fragebogens gar nicht vertraulich behandelt werden. Denn angeblich gehöre allein ich zu den „Ausgesuchten“, womit fraglich ist, ob ich als Ausgesuchter noch anonym bleiben kann. Und außerdem: als „Augesuchter“ gilt ein jeder, der diese Fragen beantwortet, wie auch immer er an diese Webadresse gekommen ist. Dass ich sie verheimlichen müsste, davon steht in meinen AGBs nichts geschrieben, weil diese Web-Adresse ohnehin nicht geheim ist.
Wie Frage stellt sich für die empirische Forschung hier folgendermaßen: wie kann sie ihre Selbstreferenz umgehen und vermeiden? Wie kann sie dokumentieren, dass die Forscher diesen Fragebogen nicht selbst ausgefüllt haben? Dass ihn ausschließlich Internet-Blogger ausgefüllt haben?
Sie kann es auf dem Wege über die Beteiligung an der Internetanarchie gar nicht. Aber eben dies fällt ihr wohl nicht auf. Sie macht einfach, was sie immer gemacht hat: Kollektivverhöre per Internet durchführen und die Ergebnisse als Fremdreferenz selbstreferenziell zu behandeln, auch dann, wenn die Internetkommunikation dies nicht zulässt.

Fazit: Die Wissenschaft kann auf der Basis ihres selbst erzeugten Regelwerkes Aspekte der Internetkommunikation durch Beteiligung an Internetkommunikation gar nicht erforschen. Sie kann darüber nur etwas wissen, sofern die Internetkommunikation sich an die Kommunikation der Wissenschaft hält. Aber das tut sie nicht. Die Internetkommunikation ist dieser Art der Wissenschaft nicht zugänglich.

Siehe dazu auch:

I will feed you! Bekennerschreiben eines Internettrolls

Das Ende der transzendentalen Subjektivität 2

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Das Ende der transzendentalen Subjektivität ist dann erreicht, wenn bemerkbar wird, dass man für Lügen oder Irrtümer keine Rechtfertigungen mehr braucht. Den vorletzten Schritt erkennt man daran, dass die Decke, die noch Ausreden und Rechtfertigungen für Lügen oder Irrtümer tragen könnte, so dünn wird, dass diese Irritationen ihren obszönen Charakter verlieren und wieder als Gegenstände zur Verstärkung der Kognition heran gezogen werden können.

Ein Beispiel dafür ist eine Peinlichkeit in der zu-Guttenberg-Plagiatsaffäre. Was bislang selten bemerkt wurde ist, dass diese Doktorarbeit mit „summa cum laude“ bewertet wurde: „Eine hervorragende Leistung!“ Die Frage darf sachlich gestellt werden, ob diese Note gerechtfertigt war. Die Antwort kann Ja, Nein oder Vielleicht lauten. Das traditionelle Verständnis professoraler Professionalität jedenfalls besteht darin, darüber kompetent wie kein anderer urteilen zu können. Eben dies – und keine andere – ist die vornehmste Aufgabe eines deutschen Universitätsprofessors. Der entscheidet darüber, was wissenschaftlich ist. Und diese Arbeit von zu Guttenberg galt gemäß einer wissenschaftlichen Prüfung als etwas ganz Besonderes.

Kurzbemerkung zur Analyse: War diese Bewertung gerechtfertigt, dann müsste, findet man heraus, dass der Autor gemogelt hat, jemand anders diese Bewertung erhalten. Diese Doktorarbeit hat aber keinen Autor, den man loben könnte, denn der verhaftete Autor gilt als Schummler. Die Arbeit hat aber auch keinen anderen Autor, denn sie besteht aus zusammenkopierten Textbausteinen. Entsprechend müsste diese Bewertung dann nur für die Arbeit gelten und nicht für einen Autor. Das hieße dann, dass die Arbeit keinen empirischen Autor hätte. So etwas darf es aber dem Selbstbeschreibungsprogramm der Wissenschaft zufolge gar nicht geben; auch dann nicht, wenn empirisch alles dafür spricht. Denn immerhin spricht die Bewertung „summa cum laude“ dafür, dass die Arbeit etwas ganz Besonderes ist. Oder ist sie es tatsächlich nicht? Und wie konnte dem Professor das entgehen? Hat er sie denn nicht geprüft? Hat vielleicht auch der zuständige Professor gemogelt? Indem er eine Arbeit mit „summa cum laude“ durchgewunken hatte, ohne sie ernsthaft und gründlich auf ihre Wissenschaftlichkeit zu überprüfen? Wie auch immer. Es gilt eine Entweder-oder-Entscheidung zu treffen. Entweder die Arbeit war sehr gut, dann gilt dies nur für die Arbeit. Und dann hätte sie keinen Autor. Oder sie hat einen Autor, dann hat sie aber kein wissenschaftliches Prüfsiegel verdient. Aber wodurch entstand dann das „summa cum laude“? Durch Täuschung. Aber wer hat getäuscht? Der Autor? Oder der Prüfer? Oder: weder der eine noch der andere?
Mindestens kann man erkennen, dass nicht nur einer gemogelt hat. Die Wissenschaft unterliegt hier einem Selbstwiderspruch, der sich aus der Kontingenz ihrer Regeln, der Komplexität ihrer Möglichkeiten und der Intransparenz ihrer Ordnung ergibt. Und weil man aus dem Irrsinn nicht anders klug werden kann, exekutiert die Wissenschaft ihre Wahrheit durch Inanspruchnahme der Staatsgewalt: der Autor ist ein Betrüger. Und nur der Autor.
Dieses Urteil kann dann für eine skandalsüchtige Presse als die letzte aller Wahrheiten genommen werden, weil die vorletzte Wahrheit, dass auch der Professor geschummelt hat, viel zu kompliziert zu analysieren wäre, als dass man in Massenmedien darüber berichten könnte. Und schon gar nicht ist es möglich, die wahrscheinlichste Variante ernst zu nehmen, dass nämlich kein Mensch gelogen oder betrogen hat. Gewiss kann man sagen, dass Menschen an den Ansprüchen der Wissenschaft gescheitert sind, aber auch in dem Fall gilt, dass nicht nur einer dafür einen Malus erhalten dürfte.

Aber dieser Irrtum ist nicht mehr rechtfertigungsfähig. Es gibt keine Ausreden mehr. Es wird einfach exekutiert. Ohne Rücksicht auf Verluste. Denn schließlich, wie man in der Folge sehen kann, ist alles auch egal: der Professor bleibt weitgehend unbekannt und macht einfach weiter, wie auch der Autor, der seine Karriere unverdrossen und erfolgreich an anderer Stelle fortsetzt.

Fortsetzung