Der Habitus als Vermeidungsstruktur

von Kusanowsky

Wollte man sich einen Rundgang durch ein Museum vornehmen, welches die gescheiterten Maskeraden der transzendentalen Subjektivität zur Schau stellt, so dürfte man es mit einer etwa 500 jährigen Kulturgeschichte der modernen Gesellschaft zu tun bekommen, in welcher übrigens die Musealisierung von allerlei Kulturgütern selbst als eine transzendentale Maskierungspraxis vorkommen müsste. Denn eine Maske ist das, was man erkennt, wenn man das erkennt, was durch sie verdeckt werden soll. Ein Maske kann also immer nur durch einen zirkulären Verweis bemerkt werden, wenn durch sie auf eine Differenz vewiesen wird, durch welche der Unterschied von Enthüllung und Verhüllung für die Beobachtung bereit gestellt wird. Bemerkt man diese Differenz nicht, bemerkt man auch die Maske nicht.
Wo also immer etwas zur Schau gestellt, enthüllt wird, wo immer Aufklärung, Entdeckung, betrieben wird, da stellt sich die Anschlussfrage ein, was damit und auf diese Weise der Beobachtung entzogen, was verschleiert oder durch Kritik affirmiert wird. Deshalb wäre das Museum ein Ort wie ein Friedhof: man zeigt, was angeblich nicht vergessen werden soll, wodurch zugleich immer auch andere Dinge der Erinnerung entzogen werden. Das Vergessen fällt leichter, weil durch ritualisierte Inszenierungen der unaufhaltsame Prozess des Vergessens leichter verdrängt werden kann. Friedhöfe sind darum, ganz wie Museen oder Archive, Orte des Vergessens; und nicht, wie das Selbstbeschreibungsprogramm dieser Institutionen definieren möchte, Orte der Erinnerung; und nur aus diesem Grunde sind sie als Orte für Gedächtnisbildung geeignet. Diese Orte helfen beim Vergessen.

Wollte man sich auf einen solchen Rundgang der Habitualisierungen begeben, die für die Entwicklung der moderne Gesellschaft bedeutend waren, so müsste man wohl mit der Herausbildung des städtischen Bürgerstolzes beginnen, der sich im späten Mittelalter, in der Renaissancezeit in Europa ausbreitete. Schon in dieser Zeit findet man alles präformiert: der Unternehmer (Jakob Fugger), der Künstler, Schreiber, Gelehrte (Giovanni Boccaccio), der Entdecker und Eroberer (Heinrich der Seefahrer), der Rebell und Reformer (Jan Hus), die Staatslenker wie die Medici. Der entscheidende Grund für diesen Bürgerstolz lag in den Bedingungen der Urbanität, die sich von der antiken Polis unterschieden. Die antike Polis war entstanden aus einem Siedlungszusammenschluss von Grundbesitzern, die untereinander Rechte anerkannten, sofern sie ihren Reichtum nicht durch eigene Erwerbstätigkeit vermehrten. Für Geld zu arbeiten, Tauschhandel zu betreiben wäre für den antiken Patrizier undenkbar gewesen.

Ganz anders das moderne Bügertum. Es hatte keinen Grundbesitz, aber war trotzdem frei; es hatte Rechte, aber keine eigene Sicherheit. Es war unselbstständig selbstständig. Die moderne Urbanität hatte damit folgenreiche Voraussetzungen geschaffen, deren imperiale Durchsetzungsfähigkeit an der Freigabe von Rationalisierungen geknüpft war, welche der antike Zivilisationsstolz stets vermieden hatte. Für letzteren galt der Logos, die absolute Wahrheit als das apriori allen Handelns, wohingegen das moderne Bürgertum eine Kontingenz der Wahrheit akzeptieren lernte und dieser Kontingenz ein anderes Apriori unterstellte, nämlich: Vernunft.
Und mit den Strukturen der Beförderung von Vernunft war auf deren Rückseite zugleich ein neues Vermeidungsverhalten notwendig. Kommunikationstheoretisch wird dieses Phänomen mit symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien beschrieben, aufgrund derer trotz aller Unwahrscheinlichkeit der Fortsetzung von Kommunikation diese dennoch ermöglicht wird und durch welche zugleich etwas anders vermieden werden muss, damit die Unwahrscheinlichkeit in Erwartbarkeit erfolgreich transformiert werden kann. Wo also immer erfolgreich etwas Unbestimmtes als Bestimmtes kommuniziert wird, wird immer zugleich auch etwas Bestimmtes als Unbestimmtes durch Aussortierung, durch Verweigerung von Anschlussfindung vermieden.
Insofern zeigen die wechselnden Habitualisierung des transzendentalen Subjekts nicht nur, womit man es zu tun hatte, sondern auch, womit man es nicht zu tun haben wollte.

Dieser hier angedeutete Rundgang würde mit der Reformation und dem Bekenntnisstolz ein wichtiges Kapitel finden. Zu bemerken wäre, dass diese Habitualisierung sich nicht abwechseln, sondern sich erweitern, wobei früher entwickelte Formen in der weiteren Ausgestaltung eingebaut bleiben, wodurch nicht nur eine Steigerung der Kommunikabilität von etwas Bestimmten gelingt, sondern auch eine Steigerung und Radikalisierung der Vermeidung von etwas anderem.
So könnte man die Reihe der Erweiterungen folgendermaßen fortsetzen: Bürgerstolz, Bekenntnisstolz, Nationalstolz, Rassen- bzw Klassenstolz. Um zu erzählen wären dann auch all die Traumatisierungen, die mit der Steigerung von Kommunikabilität und Inkommunikabilität verbunden sind, nicht verschweigbar. Man macht sich nur selten genaue Vorstellungen darüber, wie sehr diese Traumatisierungen in der Strukturen sozialer Systeme ihre Abdrücke hinterlassen haben. Ablesen kann man dies an automatisierten Affektsteuerungen der körperlichen Eigenbewegung.

Und man kann bemerken, was mit Diversifizierungsstrategien des Habiuts berücksichtigt wird, nämlich entweder die Selektion von solchen Verhaltensmustern, mit welchem die Systeme am wenigsten schlechte Erfahrungen gemacht haben, man denke dabei an so etwas wie einem Sexualstolz (Coming-out von Homosexuellen), oder solches Verhalten, das gerade aufgrund seines obszönen Charakters zu Verstärkung von Inkommunikabilität dienlich ist („Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“). Ein dritte Möglichkeit zeigt sich schießlich auch noch in der Trivialsierung eines Zivilisationsstolzes, ablesbar an dem Begehren, durch eigene Arbeit sein eigenes Geld zu verdienen. Die Diskussion um ein sogenanntes bedingungsloses Grundeinkommen lässt sehr genau erkennen, was durch diese Diskussion in ihrer Erkenntnismöglichkeit vermieden werden soll: dass nämlich keiner durch eigene Arbeit eigenes Geld verdienen kann.

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