Das Ende der transzendentalen Subjektivität 1
von Kusanowsky
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Vom Ende des Subjekts oder auch von seiner Dezentrierung hat man schon häufig gehört, sei es in Formulierungsversuchen der Kritischen Theorie, im Diskurs um die Postmoderne oder auch im Anschluss an die französische Philosophie von Derrida und Foucault. Und auch die Hirnforschung arbeitet daran, dem Selbstwertgefühl des Subjekts die eine oder andere Delle zu verpassen.
All diese Überlegungen haben nichts gebracht. Wer noch einmal davon anfangen will, muss sich auf Gähnen einstellen: Ja, das Subjekt verschwindet. Wer will das noch bestreiten? Beobachten kann man aber auch, dass Diskussionen sobald sie ihre begrifflichen und semantischen Kapazitäten erschöpft haben, irgendwann wieder von vorn anfangen. Doch scheint mir beides, sowohl das Desinteresse als auch die Wiederholung der gleichen epistemologischen Hilflosigkeit geschuldet zu sein; das Desinteresse entsteht, weil man nicht angeben kann, ob noch etwas Entscheidendes übersehen wurde; die Wiederholung, weil niemand alles übersehen kann. So kann man aus ähnlich Gründen die Diskussion wahlweise wieder aufgreifen oder auch fallen lassen, weshalb man sich ganz ernsthaft die Frage stellen muss, ob man dazu überhaupt noch etwas beitragen kann, wenn die Antwort nach jedem Durchlauf stets Ja und Nein lauten muss.
Mir scheint, dass eben diese Beliebigkeit das Kennzeichen einer epistemologischen Erschöpfung ist, die sich aus einer noch weitgehend intakten Ontik speist. Zwar werden die Risse und Brüche überall bemerkt, doch haben sich die ontologischen Selbstbeschreibungsprogramme der Systeme schon bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten soweit ausgedehnt, dass sie auch noch den größten Quatsch unverdrossen thematisieren können, weil vielleicht nur der allergrößte Quatsch eigentlich noch inakzeptabel ist. Als Beispiel sei hier nur eine Rezension in der ZEIT genannt, in welchem das Buch „Deceit and Self-Deception“ des Evolutionsbiologen Robert Trivers besprochen wird. Die zu besprechende These lautet, dass Menschen, je intelligenter sie im Laufe der Evolution wurden, umso raffiniertere Täuschungstricks anwendeten, um sich Vorteile zu verschaffen. Das Scheitern an der Realität wäre sozusagen das, wodurch der Mensch seine Überlegenheit erwirtschaftet. Und ausgerechnet ein Evolutionsbiologe kann solche Thesen täuschungsfrei erklären. Er unterliegt keiner Selbsttäuschung mehr sobald er sich über seine Selbsttäuschung im Klaren ist. Der Evolutionsbiologe kennt die Realität, an der zu scheitern wäre; und der Rezensent bemerkt das alles nicht, er unterliegt der Selbsttäuschung. Woher kennt der Evolutionsbiologe die Realität? Nun, er hat Dokumente (Statistiken, Bilder usw. ), die er miteinander vergleichen kann und muss aus unerfindlichen Gründen glauben, dass die Evolution diese Dokumente immer schon kannte.
Nun könnte man sich leicht darüber lustig machen, aber vielleicht käme es darauf an, die Sache von der anderen Seite zu betrachten. Evolutionsbiologisch kann so ziemlich alles als natürlich erklärt werden, was als natürlich erklärt werden soll; es käme nur darauf an, was das Natürliche sein sollte, die Realität, der Irrtum, die Täuschung, die Differenz. Es müsse doch für alles Natürliche eine natürliche Erklärung geben; und warum nicht auch für das Lügen, das Manipulieren? Weil man ja im gleichen Zug auch eine Erklärung für die Wahrheit und die Aufrichtigkeit mitliefern kann. Denn auch das muss noch natürlich sein. Und interessant wird es dann, wenn diese Erklärungen auch für Rechtfertigungen verwendet werden dürfen. Die Angst vor einem neuen Sozialdarwinismus ist gegenstandslos, weil nicht nur die Wahrheiten dieser Lehre natürlich wären, sondern auch ihre Irrtümer.
Und vielleicht ist das der sozialevolutionäre Vorteil, der mit diesem Quatsch verbunden ist: Das transzendentale Subjekt verliert langsam seine Angst. Es weiß von sich, dass es in der Rationalität der Systeme immer schon enthalten ist, immer schon berücksichtigt werden muss, weshalb es andersherum seine eigene rationale Diszplin peu á peu schleifen lassen darf. Das Ende des transzendentalen Subjekts wäre dann kein Grund zur Trauer, weil es sich in den Systemen schon verwirklicht weiß. Es darf in dem Augenblick abdanken, indem der soziale Selbstverwirklichungsprozess abgeschlossen ist.
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„Die modeme Literatur scheint wenig Neigung zu verspüren, einen besonderen Begriff der Person beizubehalten oder auch nur, mit einer alten Tradition, Person und Mensch zu unterscheiden. Daß Menschen Subjekte, Subjekte Individuen und Individuen Personen sind (aber was heißt: „sind“?), gilt als selbstverständlich. Vermutlich hat diese Begriffsverschmelzung damit zu tun, daß in der modemen Welt Individuen durch Selbstbeobachtung definiert sind und Selbstbeobachtung präzise als Beobachtung des eigenen Beobachtens, also als Beobachtung zweiter Ordnung verstanden werden muß. Dann geben die ontologischen, animalischen oder, was Person betrifft, juristischen Unterscheidungen der alten Welt in der Tat wenig Sinn. Im Sprachgebrauch des Deutschen Idealismus und der Romantik müßten sie als „brutal“, also tierbezogen verurteilt werden.
Statt dessen besetzen andere Unterscheidungen das Problem. Vor allem unterscheidet man heute das Individuum von seiner ihm angenehmen oder lästigen, jedenfalls zugemuteten „sozialen Identität“, das I vom me oder das für sich selbst nur fragmentarisch und situativ gegebene Ich vom aufgerundeten Normalich, das sozialen Erwartungen zu genügen hat, die sich speziell darauf richten, daß es mit sich selbst identisch zu bleiben hat. Diese Doppelich-Version führt zu Problemen bei der Abgrenzung psychischer und sozialer Systeme. “
(aus: Die Form Person. In: Soziale Welt 42 (1991), S. 166 und Luhmann, N. (2005) Soziologische Aufklärung, Band 6, S. 137)