Die diabolische Falle und der transzendentale Vermeidungsirrtum 4

von Kusanowsky

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Tatsächlich schlägt mein Blindenhund ganz unerwartet und ungerufen als Kommentator ein zweites Mal bei mir auf. Überraschend finde ich in meinem WordPress CMS die Mitteilung, dass ein Kommentar auf Freischaltung wartet. Ich lese ihn und erkenne den Habitus, die Charakterisitik seiner Prosa. Das ist er wieder. Soll ich freischalten wie beim letzten Mal? Beim letzten Mal haben wir beide keine sehr gute Figur gemacht. Und ich frage mich, ob sich das jetzt wiederholen könnte. Ich bitte das sehr ernst zu nehmen: ohne vorhergehende Erlaubniseinholung schickt mir einen Kommentar! Was will er denn jetzt schon wieder? Kennt er meine „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“? Sie lauten: sei vernünftig, sei sachlich, nimm Rücksicht und schreibe keinen Mist. Natürlich nehme ich an, dass er diese AGB auch akzeptieren würde, doch genau damit fangen die ganzen Probleme an. Was heißt das schon? Und woher  kann ich wissen, dass diese AGB auch für ihn gelten? Ich kenn ihn doch gar nicht.

Doch brauche ihn gar nicht zu kennen. Ich studiere nämlich eine Soziologie, die die Gesellschaft studiert, und aus den Untersuchungsergebnissen geht hervor, dass die Menschen der modernen Gesellschaft von der sozialen Charaktermaske des „transzendentalen Subjekts“ überzogen sind, welche Auskunft darüber gibt, was die Menschen von einander halten können, auch ohne sich persönlich zu kennen. Dieser Habitus wird in der Soziologie durch eine Vielzahl von „Wesensmerkmalen“ beschrieben, dazu gehört auch eine Rationalitätsunterstellung. Diese gegenseitige Rationalitätsunterstellung hat sich etwa seit dem 17. Jahrhundert in der Gesellschaft durch Ausdifferenzierung entwickelt, durch diese Entwicklung verbreitet und durch die Verbreitung trivialisiert. Das heißt, dass seit geraumer Zeit die Annahme gilt, dass jeder Mensch vernünftig ist. Jedenfalls kann man es erwarten. Soweit ist alles klar, aber jetzt kommt das „Aber“: diese Rationalitätsunterstellung trifft im historischen Augenblick ihrer vollständigen Entfaltung, die sich auf alle Kommunikationsstrukturen bezieht, auf gänzlich veränderte Bedingungen der Fortsetzung von Kommunikation, durch welche diese Entfaltung plötzlich bemerkbar wird. Diese veränderten Bedingungen nenne ich: Interaktion zwischen Abwesenden, oder auch: Internetkommunikation. So etwas gab es bislang nicht. Bislang kannten wir nur, wenn es darum ging, dass unbekannte Menschen mit ihnen unbekannten Menschen in Kontakt traten, Interaktion in Organisation. Und die war immer auf Anwesenheit angewiesen. Die AGB solcher Interaktionen waren immer durch eine enorme und intransparente Komplexität von Regeln sanktioniert, die kein Mensch alleine herstellen konnte. Obendrein unterliegen die Regeln der Interaktionen zwischen Anwesenden auch der gleichsam „automatischen“ Sanktionierung durch das Affektgeschehen von Körpern, die aufeinander reagieren, denn der Körper leistet sich eine Eigensinnigkeit, die sich jeder Kontrolle durch das Bewusstsein entzieht. Wer noch nie verliebt war, hat keine Ahnung was das bedeutet. (Merkzettel für die Zukunft: daran kannst du eine Turing-Maschine erkennen, nicht an ihrer Intelligenz.)

Haben wir es aber nun mit Interaktion zwischen Abwesenden zu tun, dann finden die Affekte des Körpers kein Gegenüber mehr, sie haben freie Bahn und der Körper kann dann mal so richtig auf die Kacke hauen. Jeder sitzt allein an einer Anschlussfindungsendungsstelle, genannt Computer, womit die AGB für eine Trollkommunkation der Internetkommunikation definiert wären. Und nun denke ich darüber nach, ob mein Blindenhund diese AGB auch akzeptiert, was sehr schwierig heraus zu finden ist, weil die Soziologie diese noch nicht erforscht hat; und, wie ich vermute, mit ihren Mitteln gar nicht erforschen kann. Also fange ich mit der Forschung an. Meine Methoden sind banal, aber bessere habe ich nicht. Ich versuche nun durch Kommunikation herauszufinden, ob der Blindenhund die Bereitschaft zeigt, die überlieferte Rationalitätsunterstellung um einen Unterschied zu erweitern; und das geht, indem ich andersherum ihr Scheitern nicht vermeide.

Statt also seinen Kommentar einfach freizuschalten und mich auf das Risiko einzulassen, dass die Kommuniktion wieder so verläuft wie beim letzen Mal, unterziehe ich ihn einer Prüfung. Ich manipuliere einfach diesen Kommenar, schreibe ihn um, mach Blödsinn daraus; und erst dann schalte ich ihn frei. Mit diesem Verhalten liefere ich mich seiner Kritik aus; und an der Art wie ich seine Kritik formuliert finde, kann ich ablesen, ob er trotzdem noch weiter machen will. Umd ganz überraschend finde ich heraus, dass er mich auch nur prüfen will.

Fortsetzung folgt

 

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