Differentia

Monat: November, 2011

Die diabolische Falle und der transzendentale Vermeidungsirrtum 3

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Der von mir bezeichnete „transzendentale Vermeidungsirrtum“ ist das, was sich auf der Außenseite der Dokumentform zeigt und was man nur beobachten kann, wenn man die Beobachtungsmöglichkeiten zulässt, wie sie durch die Dokumentform entstehen.  Dazu gehört vor allem, dass dieser Irrtum nicht als Irrtum zur Welt gekommen war, sondern als eine höchst überraschende und enorm faszinierende Lösung für Probleme, die durch die stratifizierte Gesellschaftsform überliefert wurden. Diese kannte keine Dokumente. Für sie war die Dokumentform selbst nur die Außenseite ihrer eigenen Problembehandlungsroutinen, die sich in ihrem Selbstbeschreibungsprogramm niederschlugen und durch welche diese Außenseite sich peu á peu als ein Problem aufdrängte, das der Behandlung bedurfte. Dafür mussten aber erst die Freigabeformalitäten in der Gesellschaft verbreitet sein, damit man das, was sich durch das Selbstbeschreibungprogramm als Zivilisationsstolz manifestierte, für die Nachfahren zur Verhandlungssache werden konnte.
Dieses Selbstbeschreibungprogramm der stratifzierten Gesellschaft zeigte ich in der Behandlung der Form des Monuments, welches die Wahrheit (Gesetz, Logos, Gottes Wille) apriori behandelte und Irrtum ausschloß und durch diesen Ausschluss lernte, ihn auf der Innenseite der Form zu behandeln; bekannt als aristotelische Tradition. Diese Monumentform hatte sich im Laufe eines langen Entwicklungsprozesses in ein Medium aufgelöst, dessen Elemente zur neuen Formenbildung genutzt wurde, nachdem sich zeigte, dass alle Wahrheit kontingent ist. Dieser Lernprozess war spätestens mit der Reformationszeit abgeschlossen, bzw besser: war auf einen Punkt gekommen, der all die Irrversibilitäten der Evolution schließlich unter andere Bedingungen stellte.
Das ist natürlich alles sehr grob formuliert und soll nur dem Zweck dienen zu zeigen, dass die Evolution von Gesellschaft immer durch historische Voraussetzung geschieht, die erst nach und nach durch einen Abbauprozess  entweder vergessen oder als Strukturen überliefert werden, die als Ruinen nur noch schwer eine Ahnung davon geben, was ehedem die Menschen beschäftigte. Ein prominentes Beispiel: die katholische Kirche, in welcher praktisch das antike Römische Weltreich als Ruine erhalten geblieben ist. Tasächlich aber sind solche Reststrukturen in der Gesellschaft ständig beobachtbar; man denke allein an unsere Sprache oder auch ganz banale Alltagsdinge oder Verhaltensweisen, so z.B das Nicken und Schütteln mit dem Kopf, um Zustimmung oder Ablehnung zu signalisieren. Aber wichtig: diese Reststrukturen sind anderen Verhältnissen ausgesetzt, durch welche sie weiterhin reproduziert werden und durch welche sie dann noch, und dann auch anders interpretiert werden können. Und das wichtigste Beispiel in diesem Zusammenhang: „Wahrheit“. Noch immer kennen wir Wahrheit, noch immer ist darüber ein Gespräch, ein Diskurs möglich, was daher daher kommt, dass sie verhandelt werden darf, dass also die Kontigenz selbst für einen Wahrheitsdiskurs gar kein Hindernis darstellt, sondern im Gegenteil für diesen Diskurs selbst als kontingent behandelt werden muss, damit der Diskurs funktioniert. Das erklärt dann auch, weshalb wir immer noch Wahrheit erkennen, aber doch nur schwer damit zu recht kommen, wenn es darum gehen müsste, sie apriori zu verstehen. Das geht jetzt nicht mehr. Wir erkennen und verstehen Wahrheit, aber definieren können wir sie nicht. Das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium Wahrheit stammt aus einem älteren Stadium der Evolution und ist erarbeitet, geformt und verbreitet worden zu einer Zeit als sie selbst zwar durch Latenz gestüzt in der sozialen Alchemie verhandelt wurde, aber nicht so, dass es bemerkbar war, weil die Außenform des Monuments, die Kontingenz der Wahrheit, vermieden werden musste. Die Ketzverbrennung zeigen uns dies, denn die Ketzerverbrennung waren gleichsam die empirische Art und Weise, das Problem zu behandeln, bzw.: es zu vermeiden.

Die Unterscheidung von Medium und Form, wie Niklas Luhmann sie verwendet hat, liefert einen sehr interessanten Ansatz für die Beschreibung von Werden und Vergehen. Der Erkenntnisreichtum von Forschungen, die auf diese Weise kulturelle Evolutionsprozesse beschreiben, dürfte man dabei kaum gering schätzen können. Noch ein kurzes Beispiel: das, was ab dem 18. Jahrhundert als „Aberglauben des Volkes“ beschrieben wurde, war durch die Verbürgerlichung der Wissenschaften entstanden, die zur Vergewisserung über ihre Selbstbeschreibung ein Material heran gezogen hatte, das aus der vorher gehenden Gesellschaft stammte und als Restbestand der aristotelischen Tradition erhalten geblieben war, aber jetzt anders betrachtet wurde. Dieser Aberglauben war nämlich nun eine schwache, weil triviale Form – also Element eines Mediums – geworden, die nun von dem sich sich zeigenden transzendentalen Subjekt benutzt wurde, um seine eigene Leistungsfähigkeit, kognitive Stärke und soziale Selbstverwirklichung zu trainieren. Man schätze nun die Dummheiten und Abwegigkeiten des Volkes nicht mehr, weil man auf eine Spur gekommen war, die auf etwas Härteres,Festeres zeigte, aber um dies in Erfahrung zu bringen, war ein hoher Aufwand nötig, der nur gelang, solange der Findungs- und Gestaltungsprozess der transzendentalen Subjektivität nicht selbstreferenziell beobachtbar war. Deshalb sammelte man Beweise, Erklärungen, Widerlegungen um die Überlegenheit der modernen Wissenschaft und Philosophie zu demonstrieren. Und sobald das gelang passierte es auch, dass dieser Aberglauben und das ganze Volkstum romantiziert wurde, also zu einer verblassenden Erinnerung an einer vergangene Zeit degenerierte.

Meine These lautet: etwas vegleichbares geschieht gegenwärtig mit der Dokumentform und der transzendentalen Subjektivität, indem dieses Subjekt anfängt, sich selbstreferenziell zu beobachten.

Fortsetzung folgt.

Die diabolische Falle und der transzendentale Vermeidungsirrtum 2

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Nun, ich beteilige mich an Internetkommunikation. Ich tue dies nicht unvorbereitet, aber relativ ahnungslos, weil ich nicht weiß, wie die Kommunikation sich entwickelt. Ich weiß aus Erfahrung, dass durch das Internet ziemlich viele Schäbigkeiten zustande kommen, aber auch sehr viele hübsche und nette Sachen. Und ich denke über die diabolische Falle nach, in welcher ich, selbstbeobachtend verwickelt bin; und bin mir sicher der Blindenhund ist es auch, ob er das zugibt oder nicht, spielt keine Rolle. Denn ob ich mich darin irre oder nicht kann ich nur durch Kommunikation mit dem Blindenhund ermitteln. Aber wie soll ihm das erklären? Und andersherum: wie käme er dazu, mir meinen Irrtum zu erklären? Es geht nur mit Kommunikation, aber wie anfangen? Theoretisch führt das auf die Einsicht, dass die Kommunikation mit dem Blindenhund schon funktionieren müsste, damit sie weiter geht, aber er hört ja nicht auf mich, wenn ich rufe: komm her, mach Sitz, mach Platz, sei brav! Wie bring ich ihm das bei? Und: wo ist er denn überhaupt? Wer ist er denn? Versteht er meine Sprache? Ist er auch so vernünftig wie ich? Was mag er, was schätzt er, was scheut er, was kann er und was kann er nicht? Ich weiß das alles nicht; und das, obwohl die Kommunikation schon angelaufen sein müsste, denn auch mein Nichtwissen über ihn kann ja nur durch Kommunikation zustande kommen, wenn auch noch nicht durch Kommunikation mit ihm, aber irgendwie schon doch. Tja.
Aber hoppla! Plötzlich schlägt als Kommentator ungerufen in diesem Blog bei mir auf. Nennt sich Blindenhund – ich bin rational informiert: so heißt kein vernünftiger Mensch, denke ich; er hinterlässt keinen wiederauffindbaren Namen, keine wieder ansteuerbare Adresse, gibt eine Mailadresse an, die auch nicht stimmt, betreibt also Manipulation. Und er schreibt irgend etwas. Ich finds einigermaßen interessant, schalte den Kommentar frei, es entsteht eine kurze Diskussion, es kommt zu Reibereien, zu Spott. Und er verschwindet wieder, genauso spurlos wie er angekommen war.

Nun denke ich über das Ergebnis nach. Was sollte das denn? Sicher: durch Freischaltung seines Kommentars habe ich die manipulativ geprägte Kommunikation ermöglicht, wobei es nicht auf die Frage ankommt, wer mit Manipulation angefangen hat. Denn auch ich schreibe eigene Texte, über die man verschiedenes denken kann, z.B. auch, dass ich vielleicht willkürlich einige Ungereimtheiten eingebaut habe, die dem Blindenhund aufgefallen sein könnten. Aber worin bestehen diese Ungereimtheiten denn? Dies zu klären wäre wieder eine Sache der Kommunikation, aber sie ist ja zuende. Er ist weg! Und es kommt etwas wichtiges hinzu. Zwischen ihm und mir gibt es ein asymmetrisches Verhältnis der Wiederauffindbarkeit: ich hinterlasse eine wiederansteuerbare Adresse, das Blog, er aber nicht. Der Einwand, ich könnte seine IP-Adresse ermitteln ist gegenstandslos, weil er seine Kommentare genau so gut in einem Internetcafé abgesetzt haben könnte und zwar irgendwo auf der Welt! Kurz: der Köter kommt zu mir in die Stube, gewiss, ich lass ihn rein; er pinkelt mir auf den Teppich; als ich ihm etwas Futter gebe, beißt er mir in die Hand und verschwindet wieder.
Nun finde ich folgende Überlegung interessant. Was auch immer er von mir wollte: wie hat er mich denn gefunden? Woher weiß er denn, dass ich so nett bin und seine Kommentare freischalte? Vielleicht hat er mal Lust mir das zu erklären, denn eigentlich hat er die gleichen Anfangsfindungsprobleme wie ich. Er weiß doch über mich gar nichts, und wenn doch: dann ist er ein ganz genialer Trickser und Täuscher, der mich im Unklaren darüber lässt, dass wir uns bereits kennen. Das soll er mir mal alles klar und deutlich erklären; und zwar so, dass ich das auch verstehen kann. Leider: weg isser.

Aber, seltsam, nach einiger Zeit taucht er wieder auf. Und für diese Gelegenheit habe ich mir etwas ausgedacht.

Fortsetzung

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