Die diabolische Falle und der transzendentale Vermeidungsirrtum 1

von Kusanowsky

Lieber Blindenhund,

im zurück liegenden Kommentar schreibst du:

„Wieso kommunizieren so viele Menschen trotz einer Manipulationsgefahr über das Internet? Wieso hab ich trotzdem weiter Beiträge gepostet obwohl ich jedes Mal befürchten musste, daß du sie garnicht erst freischaltest?“ Das ist die entscheidende Ausgangsfrage, mit der ich mich beschäftige und praktisch nur damit. Und du schreibst:
„Du fragst nach einer Lösung, des Problems der doppelten Kontingenz? Ganz einfach: Kommunikation. Aber wenn, dann so, daß man versucht den Manipulationsverdacht zu minimieren anstatt zu verstärken.“

In dieser Hinsicht möchte ich dich über einen Irrtum informieren, den ich einen „transzendentalen Vermeidungsirrtum“ nennen möchte, im Internet bekannt unter der Formel: „don’t feed the troll.“ Ich bin mir darüber im Klaren, dass es mir mit dieser Replik nicht gelingen wird, das vollständig und zweifelsfrei zu argumentieren. Es ist einfach zu unwahrscheinlich, weil die Kommunikation nur durch Selektion möglich wird, wodurch alles lückenhaft bleiben muss, damit die Kommunikation genügend Anlässe findet, um aufkommende Defizite für weitere Selektionen zu benutzen. Etwas Bestimmtes zu erklären ist darum höchst unwahrscheinlich, weil alle Kommunikation ihre Defizite niemals eliminiert und es nur im seltenen Fällen zulässt, dass trotzdem noch etwas Bestimmtes zustande kommt. Daher unterstelle ich dir etwas Geduld und warte ab, ob du bemerkst, dass ich die gleiche Geduld zeige.

Das Internet erzeugt die Beobachtung von Internettrollerei, ein Ausdruck den ich nur aus Verlegenheit benutze, weil mir kein anderer einfällt. Ein anderer Ausdruck könnte sein: diabolische Falle. Und vielleicht gibt es dafür ein noch besseres Wort dafür ein. Egal.
Beim Nachdenken darüber wie diese Falle zustande kommt und was man tun könnte, um ihr zu entgehen, wenn eben dies, also die Vermeidung dieser diabolischen Falle und ihr Zustandekommen, wie alles andere auch, sehr unwahrscheinlich ist, komme ich darauf, dass es nicht anders geht, als sich an der Internetkommunikation zu beteiligen. Das Argument, die beste Vermeidungsstrategie wäre die Enthaltung, ist nicht überzeugend, weil wir immer schon in Kommunikation verwickelt sind. Probleme, die durch Kommunikation entstehen, kann kein Mensch vermeiden. Man könnte das Leben vermeiden, ein Argument, das erst Recht nicht überzeugt, weil wir ja auch immer schon in Leiblichkeit verwickelt sind. Man kann beides nicht einfach lassen, nicht, wenn der Leib wie die Hölle schmerzt und auch nicht, wenn der Sinn der Kommunikation an grenzenloser Idiotie grenzt. Es geht immer weiter, solange es nur geht.

Für das Anlaufen einer Internetkommunkation braucht es einen enormen Voraussetzungsreichtum, in welchem auch ein gegenseitiges Informiertsein darüber enthalten ist, was wir irgendwie von einander zu halten haben, auch für den Fall, dass wir uns nicht kennen. Das Wort dafür: Kultur; der Habitus, also die durch eine Kultur ausgeformte soziale Charaktermaske nenne ich für den Fall unserer Kultur: das transzendentale Subjekt.
Das Selbstbeschreibungsprogramm dieses Subjekts vollzog sich über die jahrhundertelange Beschäftigung mit der Dokumentform, welche ein Wissen um dieses Subjekt ausdifferenzierte und einen zirkulären Verweisungsprozess in Gang setzte, der das eine durch das andere plausibel machte. In einem Satz: im Laufe der kulturellen Entwicklung der modernen Gesellschaft haben wir gelernt, uns gegenseitig mit einer Rationalitätsunterstellung zu begegnen. Die Dokumentform war damit gleichermaßen Voraussetzung wie Ergebnis dieses Prozesses, weil sie all das komplexe Wissen, das man braucht, um sich als ein solches Subjekt in Erfahrung zu bringen, operationalisierbar machte.
Ein entscheidender Grund für die Wirkungsweise der Dokumentform war die jahrhundertelange Einübung der Vermeidung von Manipulation, die notwendig wurde, weil andersherum durch die Dokumentform die rationalgesteuerte Ermittlung von Wahrheit gelingen konnte, was nur geht, wenn die Manipulation wirksam ausgeschlossen wurde. Da aber durch das Wahrheitsfindungsverfahren auch die Wahrheit über die Manipulation er- und vermittelt wurde, wurde die Manipulation durch das gleiche Verfahren betrieben, durch welches auch die Wahrheit gefunden wurde. Die Evolution war damit ein Trainingsprogramm, das die Wahrheit der Manipulation und die Manipulation der Wahrheit zustande brachte. Und damit auch die Verwechselung.

Mit dieser, wenngleich für diese Zwecke sehr reduzierten Betrachtungsweise könnte man nun den Ausdiffernzierungsprozess der Gesellschaft beobachten und sich fragen, wann, zu welchem Zeitpunkt welche Probleme durch die Dokumentform auftraten, gelöst, verschoben, verkompliziert, zerstört oder vergessen wurden. Aber all das lass ich  beiseite und stelle fest: wir sind in einer Situation, in der wir den Unterschied von Wahrheit und Manipulation nicht mehr festellen können. Natürlich können wir Unterschiede festellen, Plausibilitäten, Glaubwürdigkeiten, Verlässlichkeiten beobachten und damit rechnen, aber wenn, dann nur auf der Basis ihrer paradoxen Struktur. Damit zurecht zu kommen ist nicht ganz einfach. Es muss alles gelernt werden. Und die Gesellschaft hat keinen Aufpasser und keinen Lehrer. Wir befinden uns in der Lernkurve.

Fortsetzung.

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