Authentizität und Originalität

von Kusanowsky

Echtheit und Einmaligkeit – Wie konnte es kommen, dass sich für die Kommunikation Echtheit und Einmaligkeit als Direktionsswerte zur Produktion normativer Vorgaben heraus stellten, wenn doch unter empirischen Gesichtpunkten beide Seiten einer Unterscheidung prinzipiell anschlussfähig sein müssen? Woher und warum konnte „Echtheit“ als das zu Gewährleistende in Erscheinung treten, wenn Fälschung jederzeit genauso erwartbar sein muss? Woher und warum das Bestehen auf „Einmaligkeit“, wenn Verwechselbarkeit gar nicht ausgeschlossen werden kann? Denn mit der Herstellung von Originalität wird ja gerade die andere Seite, also das, was durch die erfolgte Anschlussfindung vermieden wurde, mit vollzogen. Wie anders könnte man festellen, dass Originalität vorliegt, wenn nicht Verwechslung in Betracht gezogen wird? Beide Seiten der Unterscheidung müssen möglich bleiben, damit nur eine Seite für die Anschlussfindungen zur Verfügung steht.

Natürlich kann man vermuten, dass solche Routinen der Reproduktion von Direktionswerten nur gelingen, wenn sich geeignete Reproduktionen in der Umwelt von Systemen anderweitig und gleichzeitig ergeben, wodurch sich die Formfindung normativer Strukturen  erhärten kann, weil die Konditionierung darauf angewiesen ist, dass für ein System nur dann etwas der Fall sein kann, wenn etwas anderes für ein anderes System schon der Fall ist.

So kann Originialität nur entstehen, wenn auch Individualität als Vorgabe erscheint, Individualität nur, wenn Exklusvität und Exklusivität nur, wenn auch Authentizität usw. So entsteht ein Verweisungsgefüge von Bedingungen auf andere Bedingungen, deren Erfüllung allerdings höchst unwahrscheinlich ist. Denn nur, wenn alle diese Bedingungen erfüllt sind, kann verstanden werden, dass es im Einzelfall auf Authentizität, Exklusivität, Individualität und Originalität ankäme, denn alles Nachfragen, Bezweifeln oder Definieren kann nur gelingen, wenn auf weitere Verstehenshorizonte verwiesen wird, welche selbst kein weiteres Nachfragen, Bezweifeln oder Definieren zulassen. Man kann erst dann etwas plausiblisieren, wenn immer schon etwas anderes als plausibel verstanden wurde, wodurch sich schießlich die Bedingungen gegenseitig schützen und sich dann auch zirkulär aufeinander beziehen. Man kann das eine nicht ohne das andere verstehen.

So kann es dann auch passieren, dass, wenn in einer solchen Kette der Verweisungen ein Glied an Plausibilität verliert, alle anderen ebenfalls überprüft werden müssen. Und man kann annehmen, dass eine solche Fraglichwerdung nur gelingt, wenn alles andere auch schon fraglich geworden ist.

Ein Beispiel findet sich in diesem Artikel bei heise online: „Die einsame Originalidee“ von Peter Glaser.  Dieser Artikel zeigt, wie die Digitalisierung auf bekannte Unterscheidungsroutinen erodierend wirkt: wenn die Unterscheidung von Original und Kopie nicht mehr durchhaltbar ist, so zeigt sich, dass auch andere Unterscheidungen nicht mehr funktionieren, etwa die von Produzent und Verbraucher. Denn eine digitale Operationsbasis der Kommunikation lässt nicht mehr erkennen, dass etwas verbraucht würde, was dann auch fraglich werden lässt, wer denn eigentlich etwas produziert hätte.

Man kann diesem Artikel aber auch entnehmen, wie schwer es fällt, sich von solchen Unterscheidungsroutinen zu lösen, was man daran erkennen kann, dass etwas ähnlich Unwahrscheinliches als Konsequenz ernsthaft erwogen wird: „Und wenn die Entwicklung abhängig ist von den kleinen Unterschieden beim Kopieren, dann führt die digitale Kopie in ihrer Perfektion vielleicht zu einem gefährlichen Stillstand.“ Das ist höchst unwahrscheinlich und eigentlich außerhalb empirischer Möglichkeiten. Aber trotzdem kann es kommuniziert werden.
Dass dies gelingt, liegt an der Verwendung der Dokumentform.

Siehe dazu auch:
Das Plagiat – ein akademisches Kulturgut