Sprechblasen zweiter Ordnung #piratenpartei
von Kusanowsky
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Möglicherweise wird die Piratenpartei die erste Partei werden, die auf den Niedergang der konventionellen Massenmedien am besten vorbereitet ist. Damit ist nicht gesagt, dass, nur weil die Mitglieder der Piratenpartei mehrheitlich wissen, wie man mit dem Internet umgeht, sie auch das Internet besser verstehen würden als alle anderen, sondern nur, dass innerhalb der Piratenpartei das Dispositiv der Massenmedien nicht mehr in der Weise greift, wie es notwendig wäre, um sich dem Parlamentsbetrieb so zu unterwerfen, dass auch Journalisten wissen, wie sie über die Piratenpartei gemäß ihrer Routinen berichten können.
Man kann das Geschehen sowohl innerhalb der Parteien als auch das Konkurrenzgeschehen zwischen ihnen nur verstehen, wenn man auch darauf schaut, wie Parteipolitiker sich darauf einrichten, dass über sie, bzw. über ihre Gegner berichtet wird. Man Beispiel des Verhältnisses zwischen Linkspartei und der CDU kann man das sehr gut beobachten.
Alle routinierten Warnungen aus der CDU, die eine Zusammenarbeit zwischen der Linken und der SPD behaupten, haben in der Vergangenheit immer dazu geführt, die Linke zu stärken mit der Absicht, die SPD zu schwächen. Das hat deshalb wunderbar funktioniert, weil der Filter, der durch die Massenmedien eingeschaltet wird, mit voraussehbarer Wahrscheinlichkeit Unterscheidungen reflektiert, die in diesen Warnungen selbst noch gar nicht oder nur latent angelegt sind, aber notwendig angewendet werden, weil ja auch Journlisten ein „Links-Rechts“-Zuordnungsschema verwenden, aus dem erfahrungsgemäß die „Pawlowschen Reflexe“ resultieren. Denn alle Warnungen aus der CDU wurden in der SPD prompt mit der Leugnung einer solchen Zusammenarbeit beantwortet. Kam es nun zu einem Wahlergebnis, das die Linke als relativ starke Partei hervorbrachte, geriet die SPD unter den Zwang, all ihren Beteuerungen zum Trotz doch mit den Linken zusammen zu arbeiten. Man konnte das bei den Landtagswahlen in Hessen 2008 und NRW 2010 beobachten.
Die Dialektik, die hier eine Rolle spielt, ergibt sich aus eingespielten Verfahrensweisen der Bericherstattung der Massenmedien. Diese „Pawlowschen Reflexe“ funktionieren in der Politik genauso zuverlässig wie in den Massenmedien. Diese Zuverlässigkeit dürfte sich daraus ergeben, dass sowohl die Parteien als auch die Verlage und Sendeanstalten übereinander in Hinsicht auf die jeweiligen Zielgruppen recht gut informiert sind. Man kann dies wissen aufgrund langjährig eingespielter Regeln, die durch Meinungsumfragen, Wahlen und Wahlforschung einerseits und andererseits durch Besitzverhältnssse in den Medienunternehmen zustande kamen. Jeder Seite weiß über die andere, insbesondere in Hinsicht auf die zielgruppenspezifischen Rücksichtnahmen, recht gut Bescheid. Ein Politker der CDU kann bei einer Aussage über die Linke sehr gut wissen, welche Zeitung darüber auf welche Weise berichten wird. Diese eingespielten Regeln führen dazu, dass man als Leser oder Zuschauer ein permanentes Déja-vu-Erlebnis hat. Irgendwie hat man den Eindruck, dass man das alles schon einmal erlebt hat, wenn auch nicht ganz genau so, aber auch nicht ganz anders. Und obwohl sich alle Beteiligten darüber informieren können, dass es sich so verhält, weshalb bei vielen eine Ernüchterung ob solcher Mechanismen die Motivation zum Weitermachen gefährdet, geht es einfach so weiter. Also auch dann, wenn die Strukturen der Reproduktion durchschaut werden, kann daran nichts geändert werden, solange das Dispositiv, das alle relevanten Vorentscheidungen durch seinen Filter schon getroffen hat, weiter funktioniert.
Berichterstattung über Politik wird damit zu einer Berichterstattung über Sprechblasen, die deshalb zustande kommen, weil die Massenmedien nur solche Sprechblasen kommunizieren können, die durch wechselseitige Beobachtung von Journalisten und Politiker alle Hürden der Kommunikabiltät von unwahrscheinlichen Sachverhalten überwunden haben. Dabei spielt eine Erwartungssicherheit der gezielten Anschlussfindung eine wichtige Rolle; und die entscheidende Frage wäre, was passiert, wenn eine solche Erwartungssicherheit nicht mehr zuverlässig funktioniert.
Für die bislang etablierten Parteien dürfte die Vermutung gelten, dass sie jetzt bald damit anfangen müssten zu lernen, wie ihre Sprechblasen wirken, wenn diese Erwartungssicherheit nicht gegeben ist. Und wenn sie damit anfangen, funktionieren ihre Sprechblasen wahrscheinlich nicht mehr. Für die Piratenpartei dürfte sich darum die Möglichkeit eröffnen, dieses Scheitern der Sprechblasen selbst in Sprechblasen zu formulieren, die sich für die beständigen Dekontextualisierungen und Kontxtverschiebungen durch die Internetkommunikation am besten eignen. Folglich werde ich einmal darauf achten, ob sich bald solche „Sprechblasen zweiter Ordnung“ bei den Piraten finden lassen.
„Also auch dann, wenn die Strukturen der Reproduktion durchschaut werden, kann daran nichts geändert werden, solange das Dispositiv, das alle relevanten Vorentscheidungen durch seinen Filter schon getroffen hat, weiter funktioniert.“
Mir geht es um ein entscheidendes Moment der diesen Überlegungen zu Grunde liegenden Annahmen: Ganz ähnlich wie bei Foucault wird hier ausgegangen von der Vorstellung einander gleichsam ablösender erkenntnisleitender, apriorischer und somit im Kant-Sinne „transzendentaler“ Dispositive (letzteren Begriff hat Foucault übrigens als die, die französischen Heideggerübersetzungen dominierende, Standardübersetzung von „Gestell“ rezipiert).
Schon früh wurde allerdings die – bis heute nicht zureichend beantwortete- Frage aufgeworfen (unter anderem von Derrida), wie man sich nun aber die Aufeinanderfolge jener Aprioris vorzustellen habe. Wann kann davon gesprochen werden, ein Schema (Foucault gibt ihm auch den Namen episteme) sei bruchlos in Takt, funktionell in einwandfreiem Betrieb; wann muß konstatiert werden, mit seiner routinierten Eingeschliffenheit ginge es langsam zu Ende, und wann schließlich finde die Ablösung durch eine Nachfolgeschema statt. Und wie könnte das beobachtet werden, räumt man jener Apriorischen Determinate tatsächlich jene alles-konstituierende Macht ein (jede Halbherzigkeit erzeugte hier nur neue Probleme), die im Endeffekt ja auch die Beobachtung des Beobachtungsschema rückhaltlos in dessen Sog geraten läßt.
Mit anderen Worten: das „Durchschauen der Strukturen der Reproduktion“ müßte seinerseits ein von den Strukturen selbst erzeugter, notwendiger Trug sein, der zu ihrem reibungslosen Weiterfunktionieren nachgerade quintessentiell ist.
Die List könnte nun eben darin bestehen, der Illusion des Durchschauthabens nicht mehr auf den Leim zu gehen. Aber wie?
„Die List könnte nun eben darin bestehen, der Illusion des Durchschauthabens nicht mehr auf den Leim zu gehen. Aber wie?“ – indem man eine andere Unterscheidung wählt. Denn sobald man – wie dies in diesem Frageansatz durchscheint – auf eine Paradoxie stößt (Illusion der Luzidität der Illusion) kommt man nicht mehr weiter: „Ich durschaue, dass ich es nicht durchschauen kann…“ Empirisch sind dabei die Ausweichstrategien interessant und das Vermeidungsverhalten. Ein anderer und wahrscheinlicher Prozess ist die Wüstung des Beobachtungsschemas, über die man sich gar keine Gedanken machen muss. Man macht einfach etwas anderes. Aber: so einfach ist das alles nicht.
„Die List könnte nun eben darin bestehen, der Illusion des Durchschauthabens nicht mehr auf den Leim zu gehen. Aber wie?“ – indem man eine andere Unterscheidung wählt.
Aber würde sich nicht gerade ein solcher Voluntarismus, der die Möglichkeit der „freien Entscheidung zur Unterscheidung“ unterstellt ebenfalls in der Aporie des Apriori verfangen? Entweder bestimmt das tranzendentale Apriori des Beobachtungsschemas die Unterscheidungsroutinen voll und ganz und restlos, dann wäre der Entschluß zur „anderen Unterscheidung“ vom ihm selbst konstituiert und reguliert (und man würde es damit nicht verlassen; eine andere Unterscheidung wäre eine Unterscheidung innerhalb seiner selbst).
Dann läuft – in der Sprache der Systemtheorie – die Zweibeobachtungssprechblase immer schon mit, in der Weise, dass sich Erstbeobachtung als ein Effekt von Zweitbeobachtung ergibt und der Vorsatz „Folglich werde ich einmal darauf achten, ob sich bald solche „Sprechblasen zweiter Ordnung“ finden lassen“ stünde als eine Paraphrase von „Draw a distinction“ am unabgeschlossenen Anfang aller Diskurse.
Oder, tja, statt im Bilde einer linearen Abfolge dominanter Dispositive und mitgeschleppter rezessiver Wüstungen müsste Historizität völlig anders gedacht werden.
Dein „so einfach ist das alles nicht“ geht vielleicht in diese Richtung…