Aus einem Datensatz resultiert schon eine Utopie? #om11

von Kusanowsky

Ein politisches Projekt wie die Piratenpartei ist auf Utopien angewiesen. Utopien zeichnen sich dadurch, dass sie ihre Gegenwartskritik in einer Zukunkftsvision formulieren, in welcher die durch Kritik behandelten Gegenwartsdefizite verschwunden sein sollten. Die Entwicklung sind für die moderne Gesellschafts nichts ungewöhnliches. Schon die frühneuzeitlichen religiösen Erweckungsbewegungen waren ein Urbanisierungsphänomen, das maßgeblich durch eine andere Art der sozialen Differenzierung zustande gekommen war. Aber spätestens mit der Industrialisierung entstand eine inflationäre Verbreitung von Utopien, deren Beliebtheit steigerbar war, weil sie säkular orientiert und damit nicht mehr Weisungskompetenzen von Autoritäten verpflichtet waren. Zwar ist die Industrialisierung längst in einen Ausbauzustand gekommen, der maßgeblich durch technische Fortschrittsutopien des 19. Jahrhunderts erhofft wurde, aber offensichtlich führt dies nicht dazu, dass eine Technik-Utopie ihren aufmerksamkeitssteigernden Attraktor einbüßt. Die Technik-Utopie des 19. Jahrhunderts hatte in ihrer sozialdemokratsichen Variante die Befreiung aus den Zwängen der Erwerbsarbeit in Aussicht gestellt. Und in einer Zeit, in welcher dies tatsächlich technisch möglich wird, wird einfach eine weitere Utopie formuliert. Aber man kann doch den Eindruck gewinnen, dass der Aufwand zur Formulierung einer nächsten Utopie so gering geworden ist, dass man ihre Halbwertszeit einigermaßen gut voraus berechnen kann. Sie stabilisiert sich vielleicht nur bis zum nächsten Tweet.
Diesen Eindruck konnte man gerade auf der #om11 beim Vortrag von mspro bekommen. Wer sowohl über den live-stream die Diskussion vor Ort als auch über Twitter die Reaktionen auf den utopischen Gehalt einer Querology verfolgt hat, musste feststellen, dass die Kritik an dieser Utopie etwa genauso schnell formuliert war wie diese selbst. Das Abfrageergebnis eines Suchalgorithmus wäre demnach das, was Öffentlichkeit herstellt. Einfach ausgedrückt heißt das nur, dass ein Datensatz, den keiner kennt, schon Anlass liefert für eine Utopie. Und da kaum jemand den utopischen Gehalt genau ermitteln kann, kann man froh sein, wenn der nächste Vortrag in der Tagesordnung aufgerufen wird.
So wandelt sich unter der Hand eine Semantik der Utopie. Diese Semantik lässt es langsam zu, von Ratlosigkeit sprechen zu dürfen ohne die Ansprüche, die eine politische Partei erheben muss, zu verlieren. Der Anspruch besteht ja immer noch darin, Ideen durchzusetzen. Und man kann langsam merken, dass der Glaube an die Kraft der Ideen ganz langsam dahin schmilzt.

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