Verlust der Privatsphäre – Angst und Hoffnung

von Kusanowsky

Zur Zeit wird sehr viel darüber diskutiert, ob wir es in naher Zukunft mit einem Verlust der Privatsphäre zu tun bekommen. Diese Überlegungen, die sowohl von Hoffnungen wie von Ängsten stimuliert werden, haben vielleicht noch niemals die empirischen Schwierigkeiten durchgerechnet, die ein Orwellscher Beobachter hätte, wenn man glauben wollte, dass er alles wissen könnte. Dieser Empirieverzicht ist möglicherweise der übrig gebliebene Rest eines Kinderglaubens, der einen allwissenden und allmächtigen Gott als übermächtige Instanz vorsah, dem das ahnungslose Kind hilflos ausgeliefert ist. Ein solcher Orwellscher Beobachter wäre gleichsam ein omnipotenter Weltbeobachter, der, damit er gleichzeitig und überall beobachtend eingreifen kann, selbst nicht durch die Beobachtung anderer in seinen Möglichkeiten eingeschränkt wird. Der Orwellsche Beobachter wäre gleichsam nicht selbst in der Welt vorhanden. Er wäre Gott selbst.
Es mag vielleicht sein, dass jemand wie Mark Zuckerberg immer noch nicht einem solchen Kinderglauben entwachsen ist und sich aufgrund eines ständig wachsenden Kontostands einbilden kann, nur noch Gott selbst als Karriereziel vor sich zu haben. Jedenfalls kann man feststellen, dass Datenschutzangelegenheiten nicht mehr nur, wie früher in den 80er Jahren, mit Ängsten überfordert werden, sondern jetzt auch mit Hoffnungen, was vielleicht der bemerkenswerteste Fortschritt in dieser Sache ist. Es scheinen mir aber diese Überforderungen zu sein, die deutlich davon sprechen, dass die Probleme, wie immer man sie sich vorlegen und betrachten will, so nicht lösbar sind.
Die nahezu scham- und pietätlose Selbstverständlichkeit, mit welcher man meint, Ängste und Hoffnungen könnten empirisch als Regelungsfaktor dienen, um das Seelenheil im Diesseits zu retten, das seine ständige Gefährdung als Mangel an Freiheit erfährt, scheint mir nur eine kognitive Ausweichstrategie zu sein, um sich dem Problemerfahrungsprozess in der Weise zu entziehen, dass man ihm Ursachen und Wirkungen unterstellt, die empirisch nur dadurch plausibel werden, dass man sie mit Akzeptanzverstärkungen versieht. Solche Akzeptanzverstärkungen ergeben sich, wenn die Erpressbarkeit des Menschen mit einer Vermeidungsalternative konfrontiert wird. Denn sowohl Angst als auch Hoffnung können solche Verstärkungen bewirken. Angst kann verstärkend wirken, wenn sie auf potenzielle Wirkungen verweist, deren aktuelle Bedeutung mit einem Verlust von Freiheit verknüpft wird; Hoffnungen, wenn sie sich auf aktuelle Ursachenpotenziale beziehen, die einen angeblichen Freiheitsverlust bestimmen, welcher künftig vermieden werden könnte.

Daran erkennt man, dass mit Angst und Hoffnung ein Zirkel beschrieben wird, der operativ doppel- und gegenläufig gezogen wird; doppelt, weil Angst und Hoffnung sich in ihrer Verstärkungswirkung gegenseitig erhärten; gegenläufig, weil sie einander ausschließen und doch auf einander angewiesen bleiben, damit das eine oder das andere zur Verstärkung von Akzeptanz oder Ablehnung genommen werden kann. So sind es dann auch diese Verstärkungsstrategien, die ihren Teil dazu beitragen, dass der Problemerfahrungsprozess nicht als ein sozialer Prozess beobachtbar und verstehbar wird. Oder wenn doch, so wird diese soziale Prozesshaftigkeit als ein Bestimmungs- und Bewirkungsgefüge zwischen Subjekten verstanden, die sich gegenseitig mit Ängsten und Hoffnungen bedrängen müssen, um irgendwie die eine oder die andere Möglichkeit als empirische Gewissheit durchzusetzen. Daraus ergibt sich dann auch, dass sowohl alle Hoffnung als auch alle Angst ihr jeweiliges Gegenstück immer Huckepack tragen und sich mit keinem Argument als unhaltbar beweisen lassen.

Die Verstärkung von Argumenten durch Stimulierung von Angst und Hoffnung wäre damit der Versuch, im Handgemenge der Affekte eine Durchsetzungswahrscheinlichkeit durch Entmutigung der jeweils anderen Seite zu erreichen. Und sobald solche Enmutigungsversuche sich auf Gegenseitigkeit beziehen, bewirken sie immer wieder nur die Ermutigung zur verstärkten Wiederholung dessen, was schon vorher gescheitert war.
Und da es im Handgemenge der Kritik und Gegenkritik ohnehin unwahrscheinlich ist, andere Unterscheidungen erfolgreich einzuführen, bleibt praktisch nur, auf der Basis des aktuellen Entwicklungsstands der Problemsituation das Kopfschütteln zu vermeiden.

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