Niklas Luhmann – das letzte faustische Genie Deutschlands

Im Jahre 1984 wurde die Studie “Homo Academicus” des französischen Soziologen Pierre Bourdieu veröffentlicht. Diese Studie war der zu diesem Zeitpunkt längst überfällige Versuch, die Soziologie und die Wissenschaft allgemein auf ihre Fähigkeit zur Selbstbeobachtung selbstreferenziell zu testen. Ich betone: die Überfälligkeit scheint mir das Bemerkenswerte, nicht der Versuch, weil Versuche zur Beobachtung der Systemreferenz durch das System selbst für moderne Funktionssysteme schon vorher erprobt und nach erfolgreichem Durchlauf als Thema wie jedes andere behandelt wurden. Wichtig ist, dass diese Behandlung anschließend leichter fällt, wenn gleichsam der Härtestest der Selbstreferenz zuvor bestanden wurde. Dies gilt gewiss für die Kunst, aber auch für die Politik könnte man vermuten, dass der moderne Personenkult des Faschismus und Bolschewismus einen vergleichbaren Versuch zur Erprobung von Selbstreferenz darstellte. Für die Wirtschaft dürfte man solche Belastungsversuche der Selbstreferenz an dem Börsengeschehen verfolgen können.
Motiviert werden solche Versuche durch ständig anfallende Irritationen, die aus Beobachtungsdefiziten resultieren, wenn eine Leitdifferenz zur Dirigierung von Anschlussfindung die Kommunikabilität der Welt, die ein System versteht, so weit ausdehnen kann, dass eine Reduktion dieser Komplexität schließlich noch durch die Beobachtung des systemeigenen Beobachtungsschemas selbstreferenziell durchgeführt werden muss, um die Leitdifferenz auf ihre vielleicht letzte haltbare Möglichkeit zu testen. Wenn diese Überlegung stimmen sollte, so heißt das, dass sich ein System anschließend in all seinen Möglichkeiten entfaltet hat und dann in Trivialität zerfällt. Diese Trivialität würde sich dadurch auszeichnen, dass ein System schnell und einfach neue Kombinationen erfindet und durch Verbreitung seine Grenzziehung zugleich irritativ und routiniert behandelt.

Insofern wäre Demokratie nur das Ergebnis einer Trivialsierung des politischen Systems, das den Flaschenhals der autoritären Macht gemeistert hat. Ein solcher Flaschenhals dürfte auch in der Kunst bewältigt worden sein, indem sie, sobald sie auch noch die Banalität des Künstlersubjekts ästhetisiert hatte, so etwas wie “Jeder Mensch ist ein Künstler” als Parole ausgeben konnte. Solche Trivialisierungsphänome dürften auch in der Wirtschaft bemerkbar sein (z.B als “Ich-AG“, ein Phänomen, das sich nicht nur ökomisch, sondern konsequenterweise auch semantisch aufdrängt). Und folgerichtig auch in der Wissenschaft. So ist es dann kein Wunder, dass erst der Ausbau der Massenuniversität diese Bourdieusche Studie wahrscheinlich machte. Die Massenuniversität hat den Habitus des faustischen Genies trivialisiert.

Das herausstechende Merkmal des faustischen Genies besteht darin, als Alleskönner und Weltversteher seine Leistungsfähigkeit gerade dadurch zu steigern, dass es eine Beschränkung seiner Verstandesfähigkeit als Ausgangsposition nimmt. Das faustische Subjekt ist dasjenige, das seine, ehedem bei Feuerbach als Urgrund aller Religiösität verstandenen Selbstentzweiung unter methodische Kontrolle zu bringen vermag, in dem es Wissen auf seine Entfaltungswirkung für weiteres Nichtwissen überprüft und damit das Ungenügende aller Forschungsarbeit als dasjenige erkennt, das ein Genügen als wissenschaftliches Leistungskriterium etabliert. Der faustische Gelehrte hat erst dann genügend geleistet, wenn für andere ein Erlebnishorizont aufgespannt wird, der auf genügend Ungenügendes verweist, das als Lehre genommen zu einem Anschlussstudium ermutigt. Der faustische Gelehrte wäre damit der Manager eines sozial gegerelten Selbstwiderspruchs, in welchen er einerseits mit seiner ganzen Subjektivität verstrickt ist, aber diesen andererseits nur partiell für soziale Beobachtung bereit stellt. Eine andere Hälfte verbleibt privat. So kommt es, dass das faustische Genie privat studiert und öffentlich lehrt, wodurch die Verknüpfungswege von Sinnkombinationen durch ein alchemistisches Verfahren der halbseitigen Blockierung der sozialen Anschlussfähigkeit intransparent werden. Zurück bleibt ein Geheimnis als Charaktermerkmal des Genies, ein Mysterim der Könnerschaft, das umso größer wird, je intensiver und differenzierter es durch das selbe alchemistische Verfahren behandelt wird.
Man kann das sehr deutlich an den Vorschriften zur Abfassung einer Doktorarbeit ablesen: der Kandidat darf nichts von dem, was er zur Prüfung übergibt, vorher schon veröffentlicht haben. Es muss geheim bleiben, privat, undurchsichtig, unbekannt, weil andernfalls das wissenschaftliche Prüfverfahren seine Irritationsfähigkeit verlieren würde. Eben dieses Prinzip der vorhergehenden Verheimlichung gilt als Vorschrift für alle wissenschaftliche Wissensproduktion; und sie funktioniert als Vorschrift auch dann, wenn der Wissenschaftler nach erfolgreichem Bestehen der Prüfung weitere Texte produziert, da alle Abläufe auf die Unterscheidung von privat und öffentlich eingerichtet sind, welche übrigens auch Anforderung an individuelle Zurechenbarkeit stellen. Nur die individuelle Zurechenbarkeit der Ergebnisse hat für den faustischen Habitus eine Attraktivität, weil nur damit die säkluare Selbstentzweiung des Subjekts auf Dauer gestellt werden kann. Es muss schließlich auch seine soziale Herkunft leugnen, um die Welt des Sozialen beschreibbar zu machen. Die soziale Welt ist dann eine Welt der Subjekte.

Dass sich dies trivalsiert und als Trivialform in der Wissenschaft etablieren kann, zeigt der Umgang mit dem Nachlass von Niklas Luhmann. Es stand zu befürchten, dass, nachdem in der Soziologie erkannt wurde, dass die Klassiker-Exegese nur begrenzt weiter führt, man konsequenterweise dazu übergehen muss, das Werkzeug dieser Alchemie – die Verwandlung privater Unordung in sozialer Anschlussfindung – dem selben philologischen Verfahren zu unterziehen. Da aus Luhmanns Schriften hervor geht, dass man nicht wissen kann, was der Autor meint, unterzieht man nun den Zettelkasten philologischer Analyseverfahren, um herauszufinden, was man doch nicht wissen kann, aber offensichtlich immer noch wissen will: die Einsicht in ein großes Geheimnis.

Frage: Also Sie sind auf der Suche nach dem System im Zettelkasten des Systemtheoretikers. – Was erhoffen Sie denn eigentlich, da zu finden?
Antwort: ‎Was man sicher finden wird, ist eine Erkenntnis darüber, wie Luhmann eigentlich wirklich gearbeitet und gedacht hat.“ (Herkunft)

Es lebe das faustische Genie.
Nicht viel anders fällt dieser Beitrag des WDR-Fernsehens vom 18. Februar 2011 aus. Auch hier wird noch einmal das Geheimnis des faustischen Genies revitalisiert. Man beachte vor allem, wie in der Berichterstattung sich die Aura des Denkmals entfaltet. Der Einwand, all dies sei ja nur Gesprächsfutter für Massenmedien, die solche Unterscheidung benutzen, da sie der wissenschaftlichen Komplexität dieser Zusammehänge durch ihren Quantifizierungscode nicht gewachsen wären, trifft nur auf die in der Systemtheorie selbst trival gewordene Unterscheidung von System und Umwelt, in der schon eingeschlossen ist, was ein solcher Einwand ausschließen will: dass die Komplexität von anderen genauso gut verstanden werden kann. Dies zeigt sich insbesondere am letzten Satz dieses Fernsehrbeitrags, der lautet:

Luhmanns Schatzkiste wird als Möbel erhalten bleiben. Ihr kostbarer
Inhalt wird, wenn alles fertig ist, auf einen kleinen USB-Stick passen.

So wird das Geheimnis des Genies nicht gelüftet, sondern digitalisiert. Man beachte die Lakonie dieses letzten Satzes.

Wer weiß, vielleicht werden diese Zettel, wenn sie erst einmal digialisiert sind, durch ein geeignetes Mash-Up-Verfahren sortierbar. Dann kann jeder Student ab dem 4. Semester sein eigenes Luhmann-Buch schreiben. Jedenfalls wird es noch etwas dauern, bis man erkennen kann, wie die inflationäre Textproduktion von Luhamnn zustande kam. Bislang wird sie noch als Leistung des faustischen Gelehrten apostrophiert. Erst die Digitalisierung wird vielleicht deutlich machen, dass sie verdächtig ist.