Ontologische Theorien der Kunst #dokumentform #systemtheorie
von Kusanowsky
Die Probleme, die durch die Dokumentform aufgeworfen werden, lassen sich in allen sozialen Systemen auf jeweils sehr spezifische Weise wieder finden. Hier habe ich heute eine schöne Übersicht über die theoretischen Probleme gefunden, die sich für die Kunst ergeben, wenn man das Dokumentschema als dasjenige Schema benutzt, durch das die Welt empirisch gemacht werden kann. Dabei handelt es sich um einen Artikel zur History of the Ontology of Art, verfasst von Paisley Livingston, erschienen in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.
Man beachte vor allen Dingen, welche theoretischen Aus- und Abschweifungen sich daraus ergeben können:
Was ist eigentlich ein Musikstück: Ist das der gedruckte Notentext? Oder ist das Musikstück das, was bei einer Aufführung aufgeführt wird? Oder ist es die Summe aller Aufführungen? Ist ein Musikstück nur das, was man sinnlich wahrnehmen kann? Oder ist ein Musikstück irgendetwas Nicht-Materielles (eine Idee sozusagen), die immer wieder unterschiedlich realisiert werden kann, so wie es z.B. viele verschiedene Aufführungen von ein und derselben Symphonie gibt?
Ein Beispiel aus der Literatur: Wenn durch einen dummen Zufall alle gedruckten oder sonstwie vorhandenen Textexemplare von Hamlet auf einen Schlag verbrannt werden oder verloren gehen – gibt es dann noch Hamlet?
Wenn in einer Ausgabe von Tolstois Krieg und Frieden zufällig ein Komma falsch gesetzt wird, ist es dann noch Krieg und Frieden?
Wenn ein Autor zwei Fassungen eines Romans schreibt – ist das dann derselbe Roman oder gibt es zwei Romane?
Wenn zufällig und ohne jede Kenntnis von Goethe ein Autor im Jahr 2011 ein Werk schreibt, das bis auf das Komma genau Goethes Faust gleicht – gibt es dann einen Faust oder zwei? (Herkunft)
Es reicht nicht, solche Spekulationen mit Geringschätzung ob ihrer theoretischen Mängel zurück zu weisen, wie dies gewisse Anhänger einer systemtheoretischen Schule gerne tun. Es käme eher darauf an erklären zu können, wie solche Spekulationen zustande kommen und wodurch sie ihren Charakter der ernsthaften Befassung erhalten. Welche Form der Erfahrung kann Anlass zu solchen Überlegungen geben?
Könntest du vielleicht in allgemeinverständlicher Weise erläutern, wo genau der theoretische Mangel bei diesen Fragen liegt? Diese Fragen waren natürlich salopp formuliert, aber die Probleme, die dahinter stecken, finde ich nicht besonders abseitig. Man kann sich auch leicht praktische Fälle vorstellen, in denen solche Fragen relevant werden (Kunstfälschung etc.).
„aber die Probleme, die dahinter stecken, finde ich nicht besonders abseitig“ ja, und ich frage mich, wie das möglich ist. Ich frage mich nicht, ob die Fragen richtig sind, berechtigt oder vernünftig, sondern woher die Richtigkeit, Berchtigung oder Vernunft dieser Fragen kommt. Ich stelle nicht ihre Mangelhaftgkeit fest. Denn welche Fragen zeichneten sich nicht dadurch aus, dass sie die Unvollständigkeit vorhergehender Antworten reflektieren? Ich frage danach, wie Kommunikationssysteme einen Operationsmodus ausbilden, der sich durch seine Verbreitung und Akzeptanz verplausbilisieren kann und Vertrautheit und ein Verständnis von Normalität ausbildet. Foglich kommt dann auch die Frage in den Sinn, wie das, was ehedem als normal, vernünftig oder legitim behandelt wurde, mit einem Mal als rätselhaft und merkwürdig aufkreuzt. Insofern finde ich diese Fragen tatsächlich sehr merkwürdig und abseitig, was durch die Benutzung eines modifizierten Beobachtungsschemas geschieht. Die Dokumenform selbst erhärtete sich im Laufe ihres Differenzierungsprozesses der modernen Gesellschaft beispielsweise auch dadurch, dass sie triviale Strukturen der aristotelischen Tradition als Aberglauben markierte, indem ein Beobachtungsschema Verwendung fand, das Vernunft und nicht Wahrheit als apriorische Möglichkeit setzte und in der Folge, wie im deutschen Idealismus bei Schelling und Hegel, schließlich auch sich selbst als kontingent in Erfahrung brachte. Sie brauchte diesen Aberglauben gleichsam, indem sie ihn durch die Unterscheidung von beweisbar und nichtbeweisbar erst erzeugte und den Aberglauben auf die Seite der Nichtbeweisbarkeit setzte.
Worüber ich immer noch nachdenke ist, wie die Dokumentform ihren Attraktor ausbilden konnte, der ja nicht nur die Akzeptanz der Dokumentform legitimierte, sondern auch dafür sorgte, dass trotz aller empirischen Unzulänglichkeiten die immer gleichen Routinen auf Dauer gestellt werden konnten, wie etwa das Problem von echter und falscher Kunst, allgemein bekannt als der Unterschied von Authentizität und Manipulation, der ja in allen Funktionsssysteme von eminenter Bedeutung ist. Wie entfaltete die Dokumentform ihren Attraktor? Und woraus bezieht er seine Tenazität?
Ich kenne ja nun dieses Systemtheoriejargon, daher gehe ich mal davon aus, dass du mich nicht auf den Arm nehmen willst. Ich frage einfach nochmal: Du hast oben von „theoretischen Mängeln“ gesprochen. Kann man nicht einmal klar sagen, worin die bestehen? Und was soll damit überhaupt gemeint sein, wenn du gleichzeitig sagst: „Ich frage mich nicht, ob die Fragen richtig sind, berechtigt oder vernünftig“. Was denn nun?
Das mit der „Dokumentform“ halte ich übrigens für extrem unklar. Du gibst ja selbst zu, dass du das nicht klar definieren kannst und schon der erste Satz in deinem verlinkten Artikel ist kein sinnvoller deutscher Satz: Durch Erfahrungen kann man nichts beschreiben, Erfahrungen hat man oder macht man und kann diese Erfahrungen auch beschreiben, aber Erfahrungen sind nichts, durch das irgendetwas beschrieben wäre. Schon nach dem ersten Satz ist es mir daher nicht möglich, auch nur ansatzweise zu verstehen, wovon da die Rede sein soll.
Für Klarheit dankbar:
dbH
Essentialistische Altlasten?
Redlicherweise und zur Wiedereinführung von Kontingenz müsste man ja zunächst einmal ergänzen, dass die vermeintlichen Probleme, die in den oben zitierten Fragen adressiert werden sollen, vor allem Probleme für die europäischen Konzeptionen von Kunst, Künstlern und Kunstwerken darstellen. Dokumentschema? Möglicherweise. Blinde Flecke der Philosophietradition (Ideenlehre, Mimesis-Verbot, Originalität und Genie)? Sicher.
Woher kommt eigentlich diese Selbstverständlichkeit, mit der man meint, ein anderer könne sich klarer, eindeutiger und verständiger ausdrücken als man selbst? Woher und warum diese Forderung nach Klahrheit, wenn doch Unklarheit genauso empirisch und wahrscheinlich ist? Wer kann die sinnvollen deutschen Sätze von den sinnlosen gut unterscheiden, wenn man gleichzeitig annimmt, die Forderung nach Klarheit und Verständigkeit müsse zuerst von anderen erfüllt werden? Weil man annimt, man selbst habe diese Forderung schon immer zur Genüge und vollständig erfüllt? Warum geschieht diese Selbstzurechnung von übergeordneter Klarsicht mit dieser automatischen Routine, während man bei anderen schon nach dem ersten Satz ganz genau bemerken kann wie unklar und defizitär all das folgende ist, was man gar nicht erst lesen will? Woher diese ganz spezielle Art der Arroganz? Dieses weltfremde: „ich weiß schon was ich von den Dingen halten soll, die ich nicht verstehe“? Und woher diese Ungeduld, diese affektive, idiosynkratische Ablehnung, dieses Abkanzlen, Beiseiteschieben und Abwimmeln? Warum überhaupt ein Wort verlieren über die Unzulänglichkeit des anderen? Mag das daher kommen, dass auf diesem Wege die Selbstbeeindruckung so gut funktioniert, dass man sie nicht einmal mehr selbst bemerken kann?
Wie auch immer: Wer schon nach einem Satz den defizitären Charakter anderer Texte mit absoluter Genauigkeit zu beurteilen weiß, braucht sich nicht für seine eigenen Defizite zu schämen, weil die Arroganz so weit geht, auch noch für Belehrung dankbar zu sein ohne die Bedingungen angegeben zu wollen, durch die eine Belehrung erst möglich wird. So wird immer nur die Unzulänglichkeit der anderen als Problem bemerkbar. Und wo dies für jeden gilt, der immer auch ein anderer ist, gilt sie schließlich immer nur für einen selbst.
Kurz: ich würde gern mehr Klarheit einbringen, wenn du mir nur ganz klar sagst, was du unter Klarheit verstehst.
> Wer kann die sinnvollen deutschen Sätze von den sinnlosen gut unterscheiden,
> wenn man gleichzeitig annimmt, die Forderung nach Klarheit und Verständigkeit
> müsse zuerst von anderen erfüllt werden?
Jeder, der der deutschen Sprache, ihrer syntaktisch-semantischen Regeln, mächtig ist. Und da ist es nunmal so, dass „etwas durch Erfahrung beschreiben“ kein verständlicher Ausdruck ist.
> Kurz: ich würde gern mehr Klarheit einbringen,
> wenn du mir nur ganz klar sagst, was du unter
> Klarheit verstehst.
Ganz einfach: Wenn du Begriffe benutzt, die vom Alltagssprachgebrauch abweichen, wäre eine Erläuterung hilfreich. Wenn du grammatikalische Konstruktionen benutzt, die von grammatikalischen Regeln abweichen („Erfahrungs“-Beispiel), wäre eine eine Erläuterung hilfreich. Wenn du jemanden einen theoretischen Mangel attestiert, wäre es hilfreich, wenn du auch sagst, worin genau dieser Mangel besteht.
Ich halte das für sehr verständliche Forderungen. Siehst du das anders?
Interessanterweise werden diese Fragen in Europa kaum gestellt, die Diskussion darüber spielt sich v.a. im anglo-amerikanischen Raum ab. – Ansonsten verstehe ich auch bei deinem Posting nicht ganz, was du sagen wollst. Was genau haben meine Fragen mit „Ideenlehre, Mimesis-Verbot, Originalität und Genie“ zu tun? Ich seh da keinen Zusammenhang, außer vielleicht bei der Ideenlehre, da es (wenige) Theoretiker gibt, die Kunstwerke als platonische Ideen betrachten. Das ist aber eine extreme Randposition, glaube ich.
Hat der Alltagssprachgebrauch eine Klarheit, die andere Gebrauchsweisen nicht haben? Von welcher Stelle aus gesehen ist ein Alltagssprachgebrauch erkennbar, der es zulässt, diese Art des Sprachgebrauchs für allgemein verbreitet und verbindlich zu halten? Auf welche Verbindlichkeit lässt man sich ein, wenn man sich auf Sprachgebrauch einlässt? Und wer kann sagen, dass die Dinge nun mal so sind wie sie sind, wenn man nicht auch sagen könnte, dass sie anders sind als sie sind als sie scheinen? Wie kommt eine Arroganz zustande, die ihren eigenen spezifischen Sprachgebrauch als allgemeinverbindliche deutsche Sprachregeln behandelt, wohingegen dem spezifischen Sprachgebrauch anderer nicht die gleiche Rechte auf allgemeine Verbindlichkeit zugesprochen werden? Und: wer darf an wen mit welchem Recht Forderungen richten? Und woraus ergibt sich seine Plausibilität? Und die Vernunft einer Forderung nach Klarheit, die selbst keine Klarheit hat, oder wenigstens ihre Klarheit nicht aus sich selbst heraus verständlich machen kann?
Noch habe ich keine klare Antwort auf die Frage bekommen, was Klarheit ist. Und ich bin gespannt ob ich darüber noch mit Vernunft und Verständigkeit belehrt werde. Eines dürfte ganz bestimmt gelten: So einfach ist das alles nicht. Jedenfalls nicht in empirischer Hinsicht, wie dieser kurze Kommentarwechsel bereits zeigt.
Gut, du willst offensichtlich nicht sagen, wo der theoretische Mangel liegt, und stellst lieber ausweichende Gegenfragen nach der Verbindlichkeit der Alltagssprache (die hier natürlich völlig off topic ist). Danke für die Diskussion.
Wörtlich habe ich geschrieben: „Es reicht nicht, solche Spekulationen mit Geringschätzung ob ihrer theoretischen Mängel zurück zu weisen“ Ich habe nicht geschrieben, dass der theoretische Mangel dieser Spekulationen das Hauptproblem darstellt, sondern dass es nicht reicht, auf Mängel zu verweisen. Diese Mängel beziehen sich in erster Linie auf Implikationen der Selbstreferenz, mit denen man rechnen muss, wenn man sich auf Definitionsprobleme konzentriert. Die Dokumentform zeichnet sich dadurch, dass sie Selbstreferenz als höchst empindliche Operation beobachtbar macht, einschließlich der daraus sich ergebenden Probleme um Paradoxien, Selbstwidersprüche und Differenzierungsversuchen, diesen Empfindlichkeiten aus dem Wege zu gehen und sie zu vermeiden. Diese Mängel würde ich als offtopic behandeln, umso mehr als deine Trollattacke ganz schnell zur Verschiebung des Diskussionsschwerpunkts führte.
> Diese Mängel beziehen sich in erster Linie auf Implikationen
> der Selbstreferenz, mit denen man rechnen muss, wenn man
> sich auf Definitionsprobleme konzentriert.
Vielen Dank, das ist schon verständlicher für meine Ohren. Nur scheint mir da ein Missverständnis vorzuliegen: Ontologische Fragen sind nicht mit definitorischen Fragen identisch: Man kann problemlos etwas darüber sagen, welche Art von Gegenständen Kunstwerke sind, ohne dabei zu definieren, was ein Kunstwerk ist. Unter definieren verstehe ich hier, notwendige und hinreichende Eigenschaften für Kunstwerke anzugeben. Zu sagen, in welche Kategorie von Dingen Kunstwerke fallen, ist aber, wenn überhaupt, dann nur gleichbedeutend mit dem Angeben von notwendigen Eigenschaften für Kunstwerke – aber eben nicht von hinreichenden. – Kurz: Es ging in meinem Artikel (und auch im SEP-Artikel) überhaupt nicht um Definitionsprobleme. – Darüber hinaus ist mir unverständlich, was hier „Implikationen der Selbstreferenz“ bedeuten soll und was es heißt, dass sich die „Dokumentform“ dadurch auszeichnet, „dass sie Selbstreferenz als höchst empindliche Operation beobachtbar macht.“ Das ist für mich nur Rauschen. Aber gut, vielleicht sollten wir’s wirklich lassen, bevor ich die knallharte Sachdiskussion noch weiter verschiebe.
Was ich sagen will: manche Probleme stellen sich einem nur, weil man (bewusst oder unbewusst) Theorieentscheidungen traf (und laufend trifft), etablierte, tradierte Routinen, die sich so fundamental in die Erkenntnisprozesse eingeschrieben haben, dass sie sich ihrer Beobachtung in der Regel entziehen – und das ist das eigentliche Problem. Ihre Gewohnheit, das Sich-von-selbst-Verstehen, die offenbare Evidenz – gleichzeitig verfestigt und verschleiert diese Routine das die tiefe Einfaltung (ins Denken, in die Sprache, in die Beobachtung). Erste Herausforderung und damit auch: Voraussetzung einer möglichen Entfaltung, heisst dann: Sichtbarmachung des Unsichtbaren, um aus Routine wieder Rätsel zu machen.
Das heisst im konkreten Fall: nicht etwa das Kunstwerk – was immer man darunter zu verstehen hat – als eine platonische Idee zu betrachten (das ist wohl berechtigterweise eine extreme Randposition), sondern den merkwürdigen Zusammenhängen zwischen Platons Differenzierung von Urbild und Kopie, christlichem Bilderverbot und modernem Genie-Kult auf die Spur zu kommen. Etwas näher angedeutet habe ich das vor einiger Zeit hier: http://sebastian-ploenges.com/blog/2011/neue-kunst-fuer-neue-gesellschaft/
Mir wäre es recht, wenn nun endlich Klarheit in die Diskussion käme, was sich auch auf einen Begriff für Klarheit bezieht, der noch kein bißchen klarer geworden ist. Übrigens: wer ein Recht auf Ignoranz in Anspruch nimmt ohne dafür woanders um Erlaubnis zu bitten, kommt nicht dazu, die eigenen Defizite jemals zu bemerken. Das hängt damit zusammen, dass man sich das Recht auf Ignoranz stets selbst gestattet und dann nicht begreifen kann, wie sehr Selbstreferenz alles Prozessieren vo Sinn und alle Kommunikation steuert, weil durch die Dokumentform Fremdreferenz auf den Prüftstand gestellt wird und wodurch zuerst die Umwelt der Kommunikation, insbesondere psychische Systeme erheblich affiziert werden, weil der lebende Körper ja auch mit im Spiel ist und Bedingungen bereit stellt, die von der Komunikation einfach und ungestört ignoriert werden, wohingegen das Bewusstsein sich solche Unempfindlichkeit gar nicht leisten kann. Es reagiert affektiv schon auf winzige Unterschiede sowohl sinnhafter Irritation wie physischer Selbstbewegung und muss darum schnell eine Entscheidung darüber treffen, was Aufmerksamkeit verdient oder was ignoriert wird.
Wenn die Beurteilung des Seins und die Ordnung der Dinge für sinnverstehende Systeme zum Attraktor wird, müssen sich auch psychische Systeme bald selbst als Dinge in Erfahrungen bringen und sich durch diese Erfahrung selbst beschreiben, indem sie lernen, sich selbst als etwas Fremdreferenziertes zu erkennnen. Das meint Reifikation. So ist man zwar immer dabei, immer anwesend, wenn die Systemkoppelung ein- und ausrastet, aber bemerken kann man dies nicht, weil immer schon auf Anderes und Fremdes bezug genommen wird, was umso leichter und schneller geht, wenn durch ein lebenslanges Training Fremdreferenziertes schließlich als essentialistische Bedingung für die Selbstbeobachtung genommen wird.
@Sebastian – ja Danke für diese Ergänzung, insbesondere der erste Absatz, ist damit doch mit anderen Worten nur formuliert, was ich im vorhergehenden Kommentar erläutet habe. „Sichtbarmachung des Unsichtbaren, um aus Routine wieder Rätsel zu machen.“ – ja, aber was sich so einfach liest, dürfte nichts weniger sein als die Arbeit mindestens einer ganzen Generation, die dafür sorgt, dass man das Erbe der Ahnen nicht mehr verstehen, nicht mehr nachvollziehen kann. Und vermutlich geht der Weg, so jedenfalls würde ich die Bedingungen betrachten, mit denen wir es zu tun haben, tatsächlich dahin, diese Latenzen in den Erkenntnisprozessen so differenziert wie möglich zu analysieren und in Theorie zu überführen. Denn die Gewohnheit ändert sich ja nicht durch bessere Einsicht, sondern: bessere Einsicht gewinnt man, wenn sich die Gewohnheit ändert, aber das zu leisten ist aufgrund des Voraussetzungsreichtums für das Individuum schier unmöglich. Daher eher empfehle ich das Blogschreiben als eine Art soziale Psychotherapie. Und wenn nicht das Blogschreiben speziell dazu geeignet ist, dann wenigstens die Befassung mit den Produktions- und Reproduktionsweisen, wie sie durch das Internet möglich werden. Aber man sieht an dem Fall des „blinden Hundes“ wie gering die Chancen sind, etwas, das von den eingeschliffenen Routinen abweicht, plausibel machen zu können. Der „blinde Hund“ ist ja nur das paradigmatische Beispiel dafür, wie schwer ein solcher Ablöseprozess sich empirisch gestaltet.
@Kusanowsky: Der erste Abschnitt war ja auch nicht als Antwort auf Dich, sondern als Re-Plausibilisierungsversuch für den blinden Hund gedacht (nachdem er ja explizit nach seinem blinden Fleck fragte) – also ein bescheidener Versuch, zum Anschluss an die Sachdimension motivieren und damit die schon wieder wildernde Trollkommunikation zu entlasten… whatever. Die Kommunikation unter Bedingungen des Internets, ihre „Produktions- und Reproduktionsweisen, kurzum: der hierdurch induzierte Überschuss an Verweisungsmöglichkeiten – kann für den Ablöseprozess sicher nicht hoch genug eingeschätzt werden; sie ist die Bedingung seiner Möglichkeit (was Du als „Krise der Dokumentform“ bezeichnest). Falls der
wildeblinde Hund noch an Übersetzung interessiert ist.wilderne Trollkommunikation? Naja… was ich nur schade finde ist, dass die Kommentare nicht als Trollattacken gedacht waren, vermutlich. Jedenfalls wird es noch etwas dauern bis es zum akzeptierten Standard wird, dass Forderungen nach Klarheit, die andere zuerst erfüllen sollten, mindestens Alarm Gelb rechtfertigen. Wie auch immer, jedenfalls war dein Kommentar sehr passend und als Ergänzung umso besser geeignet, da ich beim Abfassen meines Kommentars von deinem noch nichts wusste und du möglicherweise von meinem auch nicht.
@Kusanowsky:
Ja, wildernd… in der Tat war’s genauso. Das mit dem gelben Alarm nehme ich in den Zitatenschatz auf (für eine rote Karte musst Du mir mal Deine Postadresse mal per Mail mitteilen). Wie auch immer: Die Ablehnung der De-Finition und das Aushalten der Ablehnung ist ein mühsamer Prozess. Musste gerade an unsere Performat/Leviathan-Diskussion aus dem letzten Jahr denken – was gab es da nicht an Definitionsforderungen. Hartnäckige Biester… immer noch. Möglicherweise wirklich Arbeit „einer ganzen Generation“.
Begriffliche Klarheit zu fordern ist immer ein Risiko, speziell wenn man keine Kriterien dafür angeben kann. Da sollte man heute schon einen Standpunkt angeben können. Ob dafür Grammatik aussreicht, erscheint doch eher zweifelhaft. Differenzen zwischen der eigenen Verwendungsweise und der von Anderen erscheint da erfolgversprechender, wenn man die notwendige Geduld mitbringt. Die Frage, ob einige Begriffe der hier vorgestellte Theorie lediglich auf dem Alltagsverständnis aufsetzen, erscheint nicht ganz unberechtigt.
Aber das Problem der Klarheit lässt sich auch auf den ursprünglichen Beitrag bzw. das Zitat anwenden. Würde man genauer zwischen den Systemreferenzen sozial und psychisch unterscheiden, würden sich einige Probleme nicht in der Art stellen, wie sie im Zitat formuliert werden. Und im Anschluß daran dann auf der sozialen Seite zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz im Sinne von Mitteilung (Informationsträger) und Information oder Signifikant und Signifikat.
Vor diesem Hintergrund stellt sich dann die folgende Frage nicht selbstverständlich:
„Welche Form der Erfahrung kann Anlass zu solchen Überlegungen geben?“
Welche denn? Die Antwort ‚Dokumentform‘ finde ich nicht sehr zwingend, denn Erfahrungen machen doch zunächst mal nur Menschen und keine sozialen Systeme.
An anderer Stelle wurde die Dokumentform als „Problemlösung für die Kontingenz von Wahrheit“ definiert. Hier müsste man zunächst fragen: Wahrheit im alltäglichen Sinne oder als Selbstreferenz der Wissenschaft?
Da es sich aber um ein funktionssystem-übergreifendes Problem zu handeln scheint, das mit der Dokumentform zumindest zeitweise gelöst wurde, müsste gezeigt werden, wie die Dokumentform die Annahme einer bestimmten Kommunkation wahrscheinlicher machte und heute wieder unwahrscheinlicher macht. Das hab ich noch nicht begriffen. Es wäre hilfreich zu explizieren, inwiefern sich die Dokumentform von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien – und möglicherweise auch von Verbreitungsmedien unterscheidet.
@Der Blindenhund – Danke für diese Einwände, die gewiss weiter helfen. „Die Antwort ‘Dokumentform’ finde ich nicht sehr zwingend“ – das würde ich auch so sehen, insbesondere der Hinweis, dass wir es nicht mit zwingenden Antworten zu tun haben, aber dass „Zwingendes“ immerhin erwartet (vermutet, erhofft oder gefürchtet) wird, zeigt, dass es da doch noch etwas gibt, dass bedenkungsbedürftig ist. Übrigens ist auch der Hinweis auf den Unterschied zwischen der Dokumentform und den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien sehr treffend bemerkt. Für die Dokumentform dürfte gelten, dass sie Kommunikation genauso wie Gedanken oder Gefühle als Sachproblem behandelt, deren theoretische Behandlungsweise den gleichen (oder ähnlichen) Anforderungen zu genügen hat wie alles andere auch: Solchermaßen theoretisch eingrenzbare Probleme müssen dem Dokumentschema nach auf Kausalität und Logik überprüfbar sein. Hinzu kommen Ansprüche an Genauigkeit (bekannt als „harte Methoden“ der Naturwissenschaft), an Zählbarkeit, Meßbarkeit und damit Vergleichbarkeit, wie dies insbesondere von der sogenannten empirischen Forschung angefordert wird. Aber damit nicht genug, auch Ansprüche an Widerspruchsfreiheit, Moral und Humanität werden durch das Dokumentschema behandelt (man denke nur an die aktuellen Diskussionen um die Forschungen der Neurobiologie um die Willensfreiheit) und in der Dokumentform ausgebildet. So gelangte man zum Beispiel zu einem Kommunikationsmodell, das auf eine Sender-Empfänger-Unterscheidung bezugnahm, weil sich dies gemäß den Anforderungen der Dokumentform ideal einpassen ließ, dies insbesondere hinsichtlich des Kausalitätsprinzips. Aber sobald das Problem der Kommunikation überhaupt behandelt werden konnte, mussten notwendig Erweiterungen, Einschränkungen und Relativierungen für eine Differenzierung sorgen, die sich schließlich – wie in der deutschen Soziologie – auf die Alternative zwischen Kausalität ohne Determination (Habermas) und Determination ohne Kausalität (Luhmann) zuspitzte.
Tatsächlich, ich hatte es zuvor in einem zurück liegenden Kommentar angedeutet, denke ich noch darüber nach, wie die Ausbildung der Dokumentform einen Attraktor stabilisieren kann. Damit wäre der Unterschied zu symbolisch generalisierten Kommunikaitonsmedien angedeutet. Betrachtungen darüber, gleichviel ob zustimmend oder ablehnend, nehme ich gern entgegen. Manchmal muss man sich eben auch beim Nachdenken helfen lassen.
Vielen Dank für diesen Kommentar.
ich vermute ja, dass die durch die Dokumentform etablierte Unterscheidung quer zu derjenigen von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien und Verbreitungsmedien liegt. Ebenso wie zu den einzelnen Funktionssystemen (also auch der Wissenschaft) – die Form des Dokuments scheint wesentlich tiefer gelegt werden müssen, wenn man ihre Erfolgsgeschichte archäologisch nachvollziehbaren will.
Ja, es würde sich tatsächlich um eine Archäologie der Evolution handeln. Und beim Nachdenken darüber komme ich immer wieder auf den Gedanken zurück, dass nicht der Buchdruck diese Formenbildung hevorbrachte, sondern selbst durch diese Form zustande kam. Übrigens glaube ich, dass der Buchdruck, wenn auch von wichtiger Bedeutung, so doch eine unangemessene Popularität in der Theorie bekommen hat. Nicht weniger wichtig meine ich, ist das Uhrwerk, das – zusammen mit dem Buchdruck – eigentlich der Prototyp der modernen Maschine ist. Das bedeutende am Uhrwerk ist ja die Erfindung des Automats, anders als der Buchdruck. Der Automat benötigt einen Antrieb als Motor, der potentielle Energie als gespannte Feder oder als aufgewickeltes Gewicht bereit stellt und diese Energie gleichmäßig und mit kontrollierter Geschwindigkeit übeträgt um die Uhr in Gang zu halten. Das wichtige daran ist die Zuverlässigkeit und die vorhersehbare Zeitspanne, in der das Gewicht wieder aufgewickelt werden muss. Diese Notwendigkeit, die durch Benutzung einer Uhr entstehen, erzwangen im Laufe der Zeit immer weitere Differenzierungen, die als mechanische Präzisierung auffielen. Aber warum reichten Sonnen- oder Sanduhren nicht mehr? Warum die Präzisierung? Das führt übrigens auch zur der Frage, warum in der Antike keine mechanischen Uhrwerke erfunden wurden, obgleich sowohl die dafür nötige Handwerkskunst entwickelt war als auch ein theoretisches Verständnis der Himmelsmechanik. Außerdem braucht man sicher auch ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Differenzierung, die eine Koordination durch Uhren erforderte. Aber wodurch entstand das Erfordernis, diese Koordinationsleistung zu automatisieren?
»Warum die Präzisierung?«
Ist Deine implizite These, dass die Entwicklung mechanischer Uhrwerke eine Antwort auf die notwendige Dokumentarisierung der Zeitdimension gewesen ist – was für die Sach- und Sozialdimension (nur beispielsweise mit Katalogisierung und Vertragsform) lange erledigt worden war, aber insbesondere im Falle von Verschränkungen der Sach- und Zeitdimension, z.B. im Falle exakter wissenschaftlicher Laborberichte, dringend benötigt wurde? Die erste mir bekannte Forderung nach genauer Zeitmessung stammt mit David Landes (L’heure qu’il est, Paris 1987) aus Benediktiner- und Zisterzienserklöstern: um die täglichen Gebetsroutinen und Gottesdienste pünktlich (!) zu koordinieren.
Unabhängig davon kann die Bedeutung der Uhr für die Entwicklung der modernen Gesellschaft gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Speziell für das 19. Jahrhundert las ich vor einiger Zeit bei Jürgen Osterhammel (http://j.mp/r2HR28) höchst erhellende Implikationen der standardisierten Zeitmessung: Für den Verkehr (verlässliche Dampfschiff- und Eisenbahnfahrpläne), die Wirtschaft (Quantifizierbarkeit von Arbeitsprozessen, ineinandergreifender Fernhandel) etc. – eigentlich für Alles. Aber das nur am Rande. Spannende erste Archäologie-Fragen: Warum Minutenzeiger im 16. Jahrhundert? Warum Sekundenzeiger im 17. Jahrhundert? Und die Antworten können nicht lauten, weil der technische Fortschritt eine genauere Zeitmessung ermöglichte. Oder mit den Worten von Landes: »Es ist nicht die Uhr, die das Interesse für die Zeitmessung aufkommen ließ; es war das Interesse für die Zeitmessung, das zur Erfindung der Uhr geführt hat.«
[…] gehört zu einer ebenso verbreiteten wie bekannten Kommunikationsroutine, in einer Diskussion Klarheit einzuforden. Da diese Forderung in diesem Blog schon viele Male gestellt wurde, und mit Sicherheit wieder […]
„Warum Minutenzeiger im 16. Jahrhundert? Warum Sekundenzeiger im 17. Jahrhundert?“ Wenn ein Anspruch an Präzisierung erst einmal durchgesetzt ist, werden die Etappen der Steigerung dieser Ansprüche wahrscheinlich, aber wie und warum werden solche Ansprüche aufgeworfen? Ich vermute für das Mittelalter, dass die abschließende Durchsetzung des Christentums eine wichtige Vorbedingung war, hatte doch das Christentum, genauso wie der Islam, innerhalb einer Kontinuität der Reproduktion stratifizierter Gesellschaftsstrukturen immerhin einen Gott für alle geschaffen, also einen für Herr und Untertan gleichermaßen beobachtbare Verbindlichkeit gegenüber dem eigenen Seelenheil, welches zu befördern Rücksicht nehmen darauf nehmen musste, dass alle anderen dieses Seelenheil ebenfalls gegenüber dem selben Gott beförderten; und nicht wie in der Antike gegenüber einem jeweils eigenen Gott. „Ein Gott für alle“ wäre damit das, was später als Gesellschaftsvertrag bei Roussseu diskutiert wurde, aber auf dem Umweg der gegenseitigen Rücksichtnahme, wodurch sich möglicherweise Regeln einspielten, die ein geschichtetes „Nebeneinander gegenüber dem selben Gott“ in ein „Füreinander als selbstgleiche Menschen“ übersetzten. Dieser mögliche Regelbildungsprozess von einem Nebeneinander in ein Füreinander machte andere Koordinierungsmaßnahmen nötig. Für Klöster dürfte gelten, dass dieses „ora et labora“ von Anfang an immer auch an eine Arbeitsteilung orientiert war, die sich über den Raum erstreckte. Daher vielleicht die Erfindung von Kirchtürmen und Glocken als Signalgeber zur Überbrückung größerer Räume. Ähnliches dürfte vielleicht auch für das Stadtleben notwendig gewesen sein, da die Stadt durch Arbeitsteilung Zeitgrenzen für ihre Routinen (Markt,- Arbeits-, Feier und Ruhezeiten) etablierte, die, obwohl sie an eine Zentralsteuerung orientiert waren, keiner zentral steuern konnte. Daher die Versuche der Automatisierung von Signalen und die Präzierungen, wenn durch Fehlsignale die Koordinierung misslang. Der erste Schritt wäre also die Automatisierung der Signalgebung und der nächste wäre, wenn heraus gefunden wird, dass nicht der Teufel die anschließende Verwirrung stiftete, sondern nur die mangelnde Präzision. Wird das in Erfahrung gebracht, drüfte für die Präzisierung der Grenzwertfindung selbst keine Grenze mehr gesetzt sein, insbesondere dann, wenn die Arbeitsteilung durch Verkehr immer größere Räume umfasst.
Das Dokumentschema
Sachdimension: Längen, Höhen, Entfernungen, Gewichte…
Zeitdimension: Zeitpunkte, Zeitabschnitte, Reaktionszeiten…
Sozialdimension: Kontrakte, Gesetze, Zeugnisse, Lebensläufe…
Wissenschaft: Tatsachen(berichte), Publikationen, Texte…
Recht: Gesetzestexte, Paragraphen…
Politik: Wahlprogramme, Erklärungen, Entscheidungen…
Wirtschaft: Eigentum, Zertifikate, Produkt, Marle…
Kunst: Urheber, Original, Werk…
…
Spontane Sammlung. Etwa so?
@Sebastian Damit wäre eine kurze Morphologie umrissen. Schwierig ist die Frage der Attrakivitätsbildung. Gewiss ist die funktionale Differenzierung selbst sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis dieser Formbildung, aber wie kann sich eine Regel einspielen, die Regelfindungen nach dem Dokumentschema erwartbar macht und schließlich selbst zur Natur wird? Insbesondere der Ablöseprozess von der aristotelischen Tradition stelle ich mir als so schwierig wie nur möglich vor, insbesondere deshalb, da die Ablöseversuche auch dann noch anhielten als ihnen gar keine Hindernisse mehr entgegen standen. Vielleicht konnte erst deshalb 1838 die Sternenparallaxe gemessen werden, die ein wichtiger Beweis für die Erdrotation war und präzises Messen erforderte, also zu einem Zeitpunkt als Gegenbeweise erstens schon lange nicht mehr möglich waren und zweitens die Zerrüttung der Dokumentform durch die Erfindung fotochemischer Verfahren gleichzeitig schon in Gange war. Normalerweise heißt es ja, die sog. Naturwissenschaft stünden immer auf der Höhe ihrer Zeit, wohingegen die sog. Geisteswissenschaften hinterher hinkten. Noch konnte niemand diesen Irrtum aufklären, wenn man mal von einfachen Meinungsverlautbarungen absieht, die nur etwas anderes behaupten, ohne es ausreichend erklären zu können.
Irgendwie (und besser kann ich es nicht formulieren) glaube ich, dass steigende und fallende Attrkaktivität der Überzeugungskraft dieser Form mit einer Unterscheidung von Mythos und Trauma formuliert werden könnte.
„zwingend“ deswegen, weil ich dachte Sie würden das Stilmittel der Suggestivfrage verwenden, die den Leser ganz im Sinnes des Hauptthemas dieses Blogs auf die Antwort „Dokumentform“ führen solle. Aber vielleicht habe ich mich da auch geirrt.
Die Problembeschreibung in Ihrer direkten Antwort auf meinen Kommentar verstehe ich leider nicht. Im Anschluß an die nachfolgende Diskussion mit Sebastion fallen mir zum Stichwort Attraktor zwei mögliche Pfade ein, die man weiterverfolgen könnte. Zum einen die Möglichkeit – das klingt jetzt tautologisch – der Dokumentierbarkeit und die damit implizierten Kontrollmöglichkeiten, da man eine unabweisbare Basis für weitere Kommunikationen hat (oder halt die Dokumentationsform in Frage stellt; z.B. bei Gerichtsprozessen die Glaubwürdigkeit von Sachverständigen zu untergraben). (Nebenbei, ich habe um das Wort Dokumentierbarkeit zu vermeiden und in Ermangelung eines adäquaten Ersatzes an das englische Wort recordable denken müssen)
Ich denke aber, das geht noch nicht tief genug. Was die Dokumentform so attraktiv macht, ist das sich aus der Präzisierung der Maßeinheiten ergebende Potential für Organisation. Die Konsequenz wäre dann aber, das Problem, für das die Dokumentform die Lösung sein soll, nicht mehr auf der Ebene der Funktionssysteme zu verhandeln, sondern auf Ebene der Organisations- & organisierte Interaktionssysteme. Mithin wäre die Dokumentform dann nichts Drittes neben sgKM und Verbreitungsmedien, sondern – so meine Vermutung – integraler Bestandteil der Konditionalprogrammierungen einzelner Funktionssysteme. Diese kommen eben erst in Organisationen zur Anwendung. Ob man dann noch von der Dokumentform als Medium sprechen kann, wäre eine spannede Frage.
Das einfach mal so ins Blaue gedacht.
»Die Konsequenz wäre dann aber, das Problem, für das die Dokumentform die Lösung sein soll, nicht mehr auf der Ebene der Funktionssysteme zu verhandeln, sondern auf Ebene der Organisations- & organisierte Interaktionssysteme. Mithin wäre die Dokumentform dann nichts Drittes neben sgKM und Verbreitungsmedien, sondern – so meine Vermutung – integraler Bestandteil der Konditionalprogrammierungen einzelner Funktionssysteme.«
Oder noch basaler, weil sowohl Organisationen und Interaktionen als auch Funktionssysteme Dokumente als Zurechnungsgröße benötigen, zumindest ab einem gewissen Grad der Ausdifferenzierung (von einem Medium kann man dann sicherlich problemlos sprechen – die Frage ist, was man dabei gewinnt…). Spannend finde ich dann, um diesen Faden noch einmal aufzunehmen, die Frage nach dem »Anderen« des Dokuments. Klaus und ich haben hier schon das eine oder andere Mal über diese Frage nachgedacht, meines Wissens aber keine zufriedenstellende Antwort gefunden (so tief wie Sinn und Welt, die wohl problematischsten Begriffe in Luhmanns Theoriearchitektur, würde ich das Dokument denn auch nicht legen wollen).
„Mithin wäre die Dokumentform dann …integraler Bestandteil der Konditionalprogrammierungen einzelner Funktionssysteme“ – ja, sie würde durch Konditionalprogrammierungen ihre übergreifende Funktion der Verfizierung und Reproduktion von Strukuren der Erfahrung erhalten, wodurch ermöglicht wird, dass Kommunikationsmedien wie z.B. Wahrheit überall Anschlussfähigkeit herstellen ohne in jedem Fall Irritationen darüber hervor zu bringen, dass sie systemintern unterschiedlich codiert und bereits als kontingent in Erfahrung gebracht wurden. Ich war einmal Zeuge in einem Zivilverfahren, in dem ich vor meiner Aussage darüber belehrt wurde nur die Wahrheit zu sagen. Ich erinnere mich daran, dass der Richter dies zwar ernsthaft, aber nicht ohne zu schmunzeln sagte, woraus ich schließen konnte, dass er von der Wahrheit soviel auch nicht wusste, und dies, ohne von mir persönlich zu wissen, dass es mir genau so ging. So konnte ich also über die Wahrheit etwas Glaubhaftes aussagen, obwohl wir beide über die Wahrheit selbst kaum etwas Verlässliches wussten. Trotz der ermittelten Kontingenz kann also auch dann noch eine „wenn-dann-Beziehung“ regelhaft funktionieren, wenn allseitig eine Informiertheit über die Unzuverlässigkeit des Codes vorhanden ist, was ja selbst durch Dokumentgebrauch zustande kommt. Man liest in Büchern und hört aus dem Radio, dass auch woanders seltsame Dinge vor sich gehen, so dass z.B. ein wissenschaftliches Gutachten, das eine wissenschaftliche Wahrheit erhärten soll, in einem Gerichtsverfahen auch dann noch verwendet wird, wenn der juristische Wahrheitscode für das Rechtssystem zweifelhaft geworden ist. Und noch besser, wie man dies im Fall Kachelmann beobachten konnte: wenn es keine Beweise für eine Tat gibt, erzeugt man anschließend welche.
Ob die Attraktivität der Dokumentform in ihrem Potenzial für Organisation liegt, darüber habe ich so noch nicht nachgedacht. Immerhin ein überraschender Gedanke, zu dem mir noch nichts Genaus einfällt. Aber was würde das heißen? Dass sie für die moderne Gesellschaft Macht auf sehr eigene Weise durchsetzt?
„Aber was würde das heißen? Dass sie für die moderne Gesellschaft Macht auf sehr eigene Weise durchsetzt?“
Daran hatte ich zwar nicht gedacht, würde es aber nicht ausschließen. Macht dann aber nicht im politischen Sinne. Da müsste man schauen, was als Vermeidungsalternative angeboten wird. In der Regel handelt es sich dabei ja nicht um physische Gewalt.
Zunächst hatte ich erstmal nur im Sinn, daß Dokumente häufig als Grundlage für Einscheidungen dienen in dem sie zur Konstruktion von Alternativen benutzt werden. Sie liefern dann eine brauchbare Datengrundlage, die eine gewisse Verlässlichkeit für weitere Anschlüsse bieten. Soll heißen, daß man nicht einfach eine Entscheidung ignorieren oder rückgängig machen kann. Ich dachte da an Beispiele wie den Bau eines Wolkenkratzers oder des Space Shuttle, oder die komplette Logistik in einem Warenlager.
„Oder noch basaler, weil sowohl Organisationen und Interaktionen als auch Funktionssysteme Dokumente als Zurechnungsgröße benötigen, zumindest ab einem gewissen Grad der Ausdifferenzierung (von einem Medium kann man dann sicherlich problemlos sprechen – die Frage ist, was man dabei gewinnt…). “
Dokumente als Zurechnungsgrößen würde ich ähnlich sehen, aber eingebetet in den Prozess des Anschlusses von Entscheidungen an Entscheidungen. Ich bin mir allerdings nicht sicher ob man dann von einem Medium sprechen kann. Stellt man auf die Rolle von Dokumenten bei der Konstruktion von Alternativen ab, müsste man den Aufbau von Komplexität (verschiedene Alternativen) und Reduktion von Komplexität (die Entscheidung für eine Alternative) analysieren. Das spielt sich vermutlich schon im Medium Sinn (Potentialität/Aktualität) ab.
@Der Blindenhund – Bislang hatte ich mir mir die Dokumentform als evolutionäres Ergebnis der Verkoppelung (und Erzeugung) von Unterscheidungen und ihre Ausbildung in Routinen der Behandlung vorgestellt, durch welche die moderne Gesellschaft lernte, sich selbst zu beschreiben, durch welche sie sich schließlich selbst in Erfahrung brachte und damit diese Form nach und nach trivialisierte. Einem solchen Selektionsprozess der Formenbildung unterliegt Fremdreferenz als Medium – Gott, Schöpfung, Mensch, Tier, Kosmos, Natur und bald auch Bewusstsein, Staat, Kultur, Gesellschaft und die sich daraus ergebenden Differenzierungen. Das Medium besteht also aus all den Elementen, aus denen Kommunkation nicht besteht. Insofern würde ich den Formbildungsprozess verstehen als die Herstellung einer Dauerzeugenschaft, die sich in die Beobachtungsverhältnisse einschleifte und sich als Referenz auch dann und dort eignete, wenn und wo das erlebbare Dokument fehlt, insbesondere bei sogenannten Interkationssystemen, die zwar keine Dokumente als erlebbare Entitäten produzieren, aber auf das Dokumentschema gleichsam geeicht werden können, so dass schließlich auch für die Ergebnisse von Interkationen Zeugenschaft ermittelt werden kann. Als Beispiel hierfür sei die kriminalistische Methodes des Kreuzverhörs angeführt, durch die Zeugen in ihre Selbstbeobachtung verlieren, in Widersprüche verwickelt und mit diesen konfrontiert werden.
Die Dokumentform bezeichne ich daher als diejenige Form der Erfahrung, durch welche die moderne Gesellschaft ein spezifisches Weltverständnis ausbildete, das die Kontingenz der Wahrheit durch ein Apriori behandeln lernte, das Vernunft in Aussicht stellte. Insofern stelle ich mir die Transzendentalphilosphie Kants als den evolutionären Wendepunkt vor, durch den in der Folge diese Apriori selbst als kontingent heraus gefunden wurde. Übrigens ist diese „Dokumentform“ in der Soziologie schon bei Marx auffällig geworden, aber dort als Sonderfall „Warenform“. Auch scheint mir der Zerfallsprozess der Dokumentform in der bekannten Luhmannschen Formulierung reflektiert zu sein, die lautet: „Selbstreferenzielle Systeme gibt es wirklich.“ Und der dort formulierte Verzicht auf erkenntistheoretischen Zweifel bezeichnet die zu diesem Zeitpunkt trivial gewordene Anforderungen der Dokumentform, die Unterscheidungsroutinen (hier die von Theorie und Gegenstand) ausschließlich fremdreferenziell zu behandeln.
Hier bei Interesse eine Liste der Artikel, die ich zu diesem Thema schon verfasst habe. https://differentia.wordpress.com/?s=Dokumentform
„Einem solchen Selektionsprozess der Formenbildung unterliegt Fremdreferenz als Medium – Gott, Schöpfung, Mensch, Tier, Kosmos, Natur und bald auch Bewusstsein, Staat, Kultur, Gesellschaft und die sich daraus ergebenden Differenzierungen.“
Wäre es hier nicht erstmal sinnvoller zu schauen, wie was mit welchen der o.g. Begriffe beobachtet wird und diese als Selbst- oder Fremdbeschreibungen bestimmter Beobachter zu analysieren? Im weiteren Fortgang könnte man dann noch weiter schauen, wie sich diese Beobachtungen langsam zu Symbolen verdichten und dann z. B. in die Form eines Totems, Wappen oder Flagge gebracht werden.
„Das Medium besteht also aus all den Elementen, aus denen Kommunkation nicht besteht.“
Das hieße aber dann, daß die Dokumentform nicht teil der Gesellschaft wäre und somit der Umwelt zuzuordnen ist. Dann könnte die Dokumentform aber kein Beobachterschema sein.
Wenn Sie die „Externalisierungen der Gesellschaft“ – also die materiellen Spuren die Kommunikation in der Umwelt hinterlässt – meinen, müsste man schauen, welche Relevanz diese für Kommunikation haben, z.B. als Mitteilung.
Es sei auch daran erinnert, daß für den Anschluß weiterer Kommunikation immer zwischen Mitteilung und Information unterschieden werden muss und daß die Umwelt immer schon von sozialen und psychischen Systemen mit Sinn überzogen ist. Die Unterscheidung von Mitteilung und Information geschieht dann also nicht voraussetzungefrei. Wie die Unterscheidung getroffen wird, kann sich mit der Weiterentwicklung der Verbreitungsmedien ändern. Dass sich damit auch die Rezeptionsgewohnheiten der psychischen Beobachter ändern und neue kommunikationstechnologische Errungenschaften zu Selbstverständlichkeiten werden, ist sicherlich unbestritten. Das ändert aber nichts daran, daß selbst die rudimentärste Form der Kommunikation nur funktioniert, wenn zwischen Mitteilung (Selbstreferenz) und Information (Fremdreferenz) unterschieden wird. Das ist keine evolutionäre Errungenschaft, die erst durch die Dokumentform ermöglicht wurde und dann vergessen wurde. Folgender Satz hat bei mir den Eindruck erweckt, daß sie eben dies annehmen:
„Und der dort formulierte Verzicht auf erkenntistheoretischen Zweifel bezeichnet die zu diesem Zeitpunkt trivial gewordene Anforderungen der Dokumentform, die Unterscheidungsroutinen (hier die von Theorie und Gegenstand) ausschließlich fremdreferenziell zu behandeln.“
Luhmann wollte mit dem Satz „Systeme gibt es wirklich“ sich bloß gegen den Vorwurf wehren, es handele sich bei seinen Analysen lediglich um theoretische Konstruktionen und nicht um Beschreibungen der sozialen Wirklichkeit. Das hat meiner Meingung nach nichts mit der Dokumentform zu tun, denn den Vorwurf konnte man auch vor der Erosion der Dokumentform erheben.
„Das hieße aber dann, daß die Dokumentform nicht teil der Gesellschaft wäre und somit der Umwelt zuzuordnen ist. Dann könnte die Dokumentform aber kein Beobachterschema sein.“
Es ist möglich und zulässig, wenn auch nicht von jedem erwünscht und nachvollziehbar, verschiedene Beobachtungsschemata darauf hinzu beobachten, wie sie enstanden sein könnten und nicht wie sie tatsächlich, im positivistischen Sinne, nachweislich enstanden sind. Es wird von mir nichts Verifizierbares, bzw. Falzifizierbares behauptet, weil alles nur auf Mögliches hin betrachtet wird. Eine Evolutionstheorie sozialer Systeme ist, wenn sie in eine Form gebracht werden kann, eine Kombination aus kreativer und disziplinierter Fantastik; sie ist kreativ, wenn sie Klarheit erwirtschaften kann und diszipliniert, wenn sie auf Unklarheiten stößt, die sie möglicherweise in ihrem Vollzug auch selbst hervorgerufen hat.
Die Dokumentform bezeichne ich, so viel sei mir gestattet, denn mit irgend etwas muss man anfangen, als evolutionäres Ergebnis eines solchen kreativ-disziplierten Selektionsprozesses, hervorgegangen aus der Überführung lose gekoppelter Elemente eines Mediums in strikte, harte, beständige Koppelungen, die sich in Unterscheidungsroutinen niederschlugen und in ihrer Anwendung ein Beobachtungsschema erzeugten, das diesen Überführungsprozess organiserte. Die Dokuemtform ist kein Beobachtungsschema, sondern gleichermaßen Voraussetzung und Ergebnis eines Prozesses, der die Elemente des Mediums Fremdreferenz in feste Koppelung überführte.
Wenn du schreibst: „Das hieße aber dann, daß die Dokumentform nicht teil der Gesellschaft“ – dann stimmt das, wenn das Beobachtungsschema, durch das diese Konklusion evident wird, nicht selbst evident ist, sondern erklärungsbedürftig wird, wenn diese Konklusion durch Anschlussfindung Irritationen erzeugt. Insofern ist die Konklusion folgerichtig, wenn das Beobachtungsschema System/Umwelt verwendet wird. Wird dieses Beobachtungsschema aber verwendet, erzeugt es im sozialen Vollzug seiner anschlussfähigen (Weiter-)Verwendung seine Erklärungsbedürftigkeit. Oder so: die SystemUmwelt-Unterscheidung wie Luhmann sie verwendet hat ist als Beobachtungschema merkwürdig, seltsam und unwahrscheinlich. Es kommt daher nicht darauf an, die Ergebnisse, die mit diesem Beobachtungschema gewonnen werden, routiniert in Schulweisheit zu überführen, sondern seine Merkwürdigkeit zu erklären. (Man muss dies nicht tun, aber man darf!)
Die Konklusion, dass die Dokumentform nicht teil der Gesellschaft ist, ist aber nicht plausibel, wenn das Beobachtungsschema Mensch/Umwelt verwendet wird, denn nach Maßgabe dieses Beobachtungsschemas sind es Menschen, die soziale Realität als ihre Umwelt herstellen und damit auch die Dokumentform. Die Dokumentform wäre von Menschen gemacht wie alle andere soziale Realität auch. Und jetzt wieder: würde die Konklusion lauten „die Dokumentform ist Teil der Gesellschaft“ und würde sie innerhalb der Gesellschaft anschlussfähige Verwendung finden, was ja empirisch der Fall ist, dann wird das Beobachtungsschema Mensch/Umwelt erklärungsbedürftig. Die Befriedigung dieser Bedürftigkeit fand in der Evolution der modernen Gesellschaft ihren Niederschlag in der Ausbildung der Dokumentform, die diese Probleme selber aufwarf und mit der Zeit in unüberschaubare Komplexität überführte, welche es schließlich wahrscheinlich machte, dass die Mensch/Umwelt-Unterscheidung von Erklärungsbedürftigkeit in Erklärungsunmöglichkeit umschlug.
Es kommt nicht darauf an, welche Sätze wahr sind, richtig, plausibel oder verifizierbar, weil sie immer anschlussfähig sind, wenn anschlussfähig sind. Es komt vielmehr auf die Analyse einer „wenn-dann-Beziehung“ zwischen Aussagen und den ihnen unterliegenden Beobachtungsschemata an. Also: Die Dokumentform ist Teil der Gesellschaft, wenn …. und nicht, wenn … Aber ein Beobachtungsschema ist sie nicht, sondern ermöglicht als Bedingung die Erzeugung genau dasjenige Beobachtungsschema, durch das sie zustande kommt und zerfällt, wenn die Verfahren des reproduktiven Vollzugs der Unterscheidungen etwas anderes als das ermöglichen, durch das diese Unterscheidungen ihren Bewährungscharakter erhielten.
Es geht um Werden und Vergehen, nicht um die Frage, welches Beobachtungsschema „wissenschaftlich“ ist und schulmäßig verwendet werden muss.
„denn den Vorwurf konnte man auch vor der Erosion der Dokumentform erheben“ ja, das sehe ich auch so, was übrigens auch geschah. Nur findet man das woanders in anderen Schriften mitgeteilt, die bald wieder, wenn bestimmte ideologische Blockaden nicht mehr durchsetzbar sind, einer neuen Interpretation unterzogen werden können, angespielt sei damit vor allem auf die Marxsche Theorie.
@Blindenhund
Die entscheidende Frage ist doch zunächst, ob man Kusanowskys Theorieform der Dokumentform als erkenntnisreichen Vorschlag annimmt oder zurückweist. Ich habe mich, nach einigem Hin und Her, für die erste Variante entschieden. Weil ich der Meinung bin, dass Kusanowsky experimentell einer Entwicklung auf der Spur ist, die derzeit auch andere Theoretiker in der Griff zu bekommen versuchen (Systemtheoretiker sind dabei ein besonders heikler Fall, weil man sie grob nach zwei Kategorien differenzieren kann: jene, die kreativ und wohl ganz in Luhmanns Sinne mit seinen Arbeiten umgehen und jene, die sich darauf beschränken, möglichst genau und in großer Fleißarbeit den Duktus des Meisters zu simulieren; beides ist okay – aber ersteres meist spannender…).
Ob die Dokumentform dann Teil der Gesellschaft ist, ist dann nicht unmittelbar entscheidend. Ich denke, sie ist es nicht. Rückübersetzt in Schulsprache ist sie m.E. am ehesten mit dem späteren Konzept von „Person“ vergleichbar, möglicherweise ist Person auch schon Ergebnis der (frühen) Evolution der Dokumentform. Wenn dezidierte Formen von Dokumentation Gegenstand von Kommunikation werden, überführt Kommunikation sie sogleich in Gesellschaft – und schafft neue Probleme.
Vielleicht schaffe ich es heute Nachmittag oder morgen, ein paar ausführlichere Zeilen zum funktionalen Vergleich von Person und Dokument zu schreiben.
„Es ist möglich und zulässig, wenn auch nicht von jedem erwünscht und nachvollziehbar, verschiedene Beobachtungsschemata darauf hinzu beobachten, wie sie enstanden sein könnten und nicht wie sie tatsächlich, im positivistischen Sinne, nachweislich enstanden sind. Es wird von mir nichts Verifizierbares, bzw. Falzifizierbares behauptet, weil alles nur auf Mögliches hin betrachtet wird.“
Klar kann man das. Die Frage ist dann allerdings: in welchen literarischen Genre bewegt man sich damit? Da Sie es selbst schon andeuten, hoffe ich Sie legen mit folgende Einordnung nicht als Sarkasmus o.ä. aus: Phantasy oder Sience Fiction.
„Es geht um Werden und Vergehen, nicht um die Frage, welches Beobachtungsschema „wissenschaftlich“ ist und schulmäßig verwendet werden muss.“
Ok. Aber was genau entsteht und vergeht? Ich verwende den Formbegriff im Anschluß an Spencer Brown und Luhmann in Bezug auf Unterscheidungen bzw. Beobachterschemata und damit ein spezifisch soziales Phänomen.
„Die Dokumentform ist Teil der Gesellschaft, wenn …. und nicht, wenn … Aber ein Beobachtungsschema ist sie nicht, sondern ermöglicht als Bedingung die Erzeugung genau dasjenige Beobachtungsschema, durch das sie zustande kommt und zerfällt, wenn die Verfahren des reproduktiven Vollzugs der Unterscheidungen etwas anderes als das ermöglichen, durch das diese Unterscheidungen ihren Bewährungscharakter erhielten.“
Wenn davon ausgegangen wird, daß die Dokumentform – immerhin wird der Begriff ständig von Ihnen verwendet – auch in der materiellen Umwelt vorkommt, weiß ich nicht mehr, wovon eigentlich die Rede sein soll. Wie würden Sie dasjenige oder diejenigen Beobachtungsschemata bezeichnen, durch die die Dokumentform zustande kommt und auch wieder zerfällt?
@Sebastian „ist sie m.E. am ehesten mit dem späteren Konzept von „Person“ vergleichbar“ – daran habe ich auch schon gedacht, insbesondere nach einer erneuten Beschäftigung mit dem Entfremdungsbegriff der Marxschen Theorie. Was mir immer unbehaglich war, das gilt für Marxisten in ähnlicher Weise wie für Luhmannianer, ist die Penetranz von Schulwahrheiten. Bei Marxisten ist die Gewohnheit angeblich ganz genau zu wissen, was die wirklichen Bedürfnisse der Menschen sind und wie die Wirlichkeit der Gesellschaft tatsächlich beschaffen ist. Bei Luhmanninanern findet etwas Ähnliches, wenn auch in Form der Negation solcher Gewissheiten, was vielleicht nur deshalb nicht zur ähnlichen Verhärtungen führt, weil die Vergitung der Kommunikation besser vermieden werden kann, was gewiss an der sozialen Differenzierung liegt, die es möglich macht, sich bei Unvereinbarkeiten aus dem Wege zu gehen. Diese Möglichkeiten konnten von Marxisten nicht selbst erarbeitet werden, aber sie mussten diese Möglichkeiten schießlich doch in Anspruch nehmen, weil es mit Waffengewalt nicht mehr ging. Aber das nur nebenbei.
Ich frage mich , ob es lohnen könnte, dem Problem der Entfremdung von Marx eine aktuelle Fassung zu geben. Jedenfalls akzeptiere ich keine oberste Schulweisheit, die behaupten will, Marx habe Unrecht gehabt, weil mich auch die gegenteile Schulweisheit abstößt. Ich fände die Frage interessant: Warum ist Marx auf das Problem der Entfremdung gestoßen? Die Antwort liegt dann nicht in einer Biografie der Ideen, sondern in der Evolution der Gesellschaft begründet.
„Wie würden Sie dasjenige oder diejenigen Beobachtungsschemata bezeichnen, durch die die Dokumentform zustande kommt und auch wieder zerfällt“ Diese Fragen sind sehr berechtigt und ich stelle sie mir auch und werde diesen Fragen, wenn Gott mir langes Leben schenkt noch sehr lange nachgehen, weil sie nicht einfach zu beantworten sind.
Es ist unmöglich, diese Frage in wenigen Sätzen und in kurzer Zeit so zu beantworten, dass man eine einwandfreie Argumentation vorlegen könnte. Ich schreibe anders. Ich rechne mit Defziten, Einwänden, Unstimmigkeiten, Unvollständigkeiten, Ungereimtheiten aller Art, die entstehen, wenn die Argumentation durch Beobachtung von Argumentation anläuft. Wenn ich obendrein annehme, dass die Beteiligten unterschiedlich informiert sind, schreib ich so, dass nur Unterschiedliches zustande kommen kann. Schon deshalb, weil es kaum möglich ist, alle Interessierten, und seien auch nur wenige, komplett mit einem großen Wurf zufrieden zu stellen. Das Blogschreiben eignet sich dafür ideal. Es funktioniert wie ein Endlostext, wie ein Puzzelspiel, bei dem man die Teile selbst herstellt ohne das ganze Bild zu kennen und nach und nach schaut, welche Teile wie zusammenpassen um da oder dort weiter zu machen. Diese Vorgehensweise ist auf die Einsicht abgestellt, dass wir keine Autoritäten haben, die Regeln vorschreiben und durchsetzen können. Entsprechend müssen müssen Regelfindungen der Kommunikation überlassen bleiben. Das heißt dann auch, dass mindestens die Hälfte all dessen, was ich schreibe, unbrauchbares Zeug ist, aber welche Hälfte? Wer könnte dies sagen, ohne mindestens zur Hälfte unbrauchbares Zeug zu sagen? Usw. Wenn du also feststellt, dass viel Unbrauchbares dabei ist, dann ist das nur eine wahrscheinliche Beobachtung, die kaum der Rede wert ist, weil jede Rede Unbrauchbares enthält.
„Wie würden Sie dasjenige oder diejenigen Beobachtungsschemata bezeichnen, durch die die Dokumentform zustande kommt und auch wieder zerfällt“ – Ich habe dazu schon einige Blogartikel geschrieben. Ich empfehle bei Interesse:
Identität und Dokument – optische Täuschung
Notizen zur Evolution der Dokumentform
Zeigen und verbergen
Eine Dose Künstlerscheiße
Worüber ich auch schon länger nachdenke ist, die Erprobung eines Schemas, das die Dokumentform ermöglicht, bei Albrecht Dürer nachvollziehen. Wenigstens andeutungsweise: Entdeckung (oder Erfindung) und Unterschieden der Proportion, der Distanz, der Größe, der Perspektive. Was ich nicht weiß ist, ob auch Farbunterschiede bei Dürer schon problematisch waren. Und weiter, bei Galilei: Unterschiede der Geschwindigkeit, der Relativität von bewegten und nicht bewegten Objekten, dann auch Unterschiede der Helligkeit durch Fernrohrgebrach. (Man denke hier vor allen Dingen an die niederländische Malerei) Und, und und.
Meine These lautet nicht, dass die Welt empirisch ist, sondern empirisch gemacht werden muss. Und die Form der Empirie, durch die sich die moderne Welt empirisch machte, geschah durch die Form des Dokuments.
Nachtrag @Der Blindenhund Vielleicht ist es möglich, dass dir meine Antwort etwas seltsam erscheint und dein Nachfragen von einem ernsthaftem Interesse an Argumentation und Ausstausch motivert ist. Das kann sein, es kann aber auch sein, dass du nur an Störkommunkation interessiert bist. Du machst dich anonym und pseudonym ansprechbar; anonym, weil nicht zurück verfolgbar und identifizierbar, pseudonym, weil deine Namensbezeichnung auf die Information über anderweitiger Ansprechbarkeit aufmerksam macht. Du willst, dass das bemerkt wird. Die Tatsache, dass ich deine Kommentare freischalte (was ich ja nicht muss) macht eine Regel gültig, nämlich die, dass mit Täuschung operiert werden darf: Täuschung über Identität, Adresse und auch Täsuchung über die Ernsthatigkeit deiner Beteiligung. Es kann also sein, dass du langsam die Kommunikation in Überforderung überführen willst (worin ich mich auch irren kann!). Indem ich mich darauf einlasse, bin ich damit einverstanden, was auch heißt mich auf gleiche Weise verdächtig zu machen. Täuschung, als Absicht und als Erfolg, ist jetzt zu einer Regel geworden, was nicht heißt, dass sie kein Problem mehr wäre, sondern nur, dass sich jetzt das Beobachtungsverhältnis immer auch auf legitime Absicht und Versuch von Täuschung einrichten kann. Die Dokumentform entwickelte sich durch das Beobachtungsschema „referenzierbar/nicht-referenierbar“, durch welches sich die moderne Gesellschaft empirisch machte und damit eine Lösung fand für ein überliefertes historisches Apriori, nämlich das Apriori der Wahrheit. Die funktional-differenzierte Gesellschaft brachte die Wahrheit als kontingent in Erfahrung und fand die Lösung durch ein Beobachtungsschema, das Wahrheit weder ein- noch ausschloss, nicht eingeschlossen, weil Wahrheit nicht apriori gegeben ist, nicht ausgeschlossen, weil Wahrheit durch rationale Prüfungsverfahren ermittelt werden kann. Dieses Beobachtungsschema schloß aber alle Manipulation aus, weil mit Manipulation dieses Beobachtungsschema unterlaufen werden könnte. So war es kein Wunder, dass der Ausschluss allen anhaltenden Manipulationen einen Skandalwert zuschrieb und damit Manipulation durch Ausschluss einschloss. Und solange sich alle Manipluation durch das selbe Beobachtungsschema verifizierte, durch das sie ausgeschlossen wurde, mussten Verfahren zur Verbesserung der Referenzierbarkeit gefunden werden, was nur dazu führte, dass die Verfahren zur Manipulation auch immer besser wurden, also: auch die Verfahren der Manipulation wurden mit der Zeit immer rationaler. Und mir scheint, dass wir jetzt an einem Punkt angekommen sind, an dem wir Manipulaton- und Täuschung operativ legitimieren können, weil der Unterschied zwischen Beweis und Manipulation – sagen wir: immer weniger skandalös wird. Aber damit ist Frage gestellt: wie geht die Kommunkation dann weiter? Ich weiß es nicht, jedenfalls irgendwie …. anders.
„Die Dokumentform entwickelte sich durch das Beobachtungsschema „referenzierbar/nicht-referenierbar“, durch welches sich die moderne Gesellschaft empirisch machte und damit eine Lösung fand für ein überliefertes historisches Apriori, nämlich das Apriori der Wahrheit.“
Somit müsste man allerdings von drei Aprioris sprechen, sofern damit im kantischen Sinne eine tranzendentale Bedingung der Möglichkeit benannt sein soll, die vor jeder Erfahrung und Empirie („vor“ dabei natürlich nicht im chronologischen Sinn) Erfahrung und damit Beobachtbarkeit überhaupt erst ermöglicht.
1. Das Apriori der Dokumentform (vor jeder Erfahrung), 2. das Apriori des Beobachtungsschema der Referentialität und 3. das Apriori der Wahrheit. Daran anküpfend stellt sich mir dann aber die Frage, wie ein „Apriori der Wahrheit“ noch vor dem Aufkommen der Dokumentalität überliefert sein kann, wenn „Wahrheit“ zertifizierte, verbriefte, verbürgte und referenzierte Beweisbarkeit ihrerseits bereits erfordert?
@ Sebastian
„Weil ich der Meinung bin, dass Kusanowsky experimentell einer Entwicklung auf der Spur ist, die derzeit auch andere Theoretiker in der Griff zu bekommen versuchen …“
Unter welchen Stichworten wird diese Entwicklung in zeitgenössischen Theorien diskutiert (Systemtheoretiker eingeschlossen)?
Daß ich Systemtheorie nutze um meinen Standpunkt deutlich zu machen, kann man gut oder schlecht finden. Mir ist schon klar, daß das gelegentlich etwas fundamentalistisch rüber kommt. Nichts desto trotz ist die systemtheoretische Terminologie diejenige Theoriesprache, die ich am besten verstehe und in der ich mich am besten ausdrücken kann. Ein weitere Vorteil ist, daß ich damit eine wohlbekannten Begriffsapperat anbiete, von der aus man die Unterschiede zu seiner eigenen deutlich machen kann.
Beim Lesen von Kusanowsky’s Texten scheinen bei mir immer wieder systemtheoretische Begriffe auf, wo’s denn reinpassen könnte; sgKM, Verbreitungsmedien, Selbstbeschreibung, Symbol. Jetzt bringst Du auch noch Person ins Spiel. Während ich am Anfang dachte ich hätte eine Vorstellung davon, was mit der Dokumentform gemeint sein könne, hab ich inzwischen keine Ahnung mehr. Deswegen bin ich schon sehr gespannt auf Deine Ausfühungen zu Person und Dokument.
@Kusanowsky
„Es funktioniert wie ein Endlostext, wie ein Puzzelspiel, bei dem man die Teile selbst herstellt ohne das ganze Bild zu kennen und nach und nach schaut, welche Teile wie zusammenpassen um da oder dort weiter zu machen.“
Mich erinnert Dein Stil ein bißchen an die französische Schule á la Foucault. Das Problem
dieses Stils ist, daß er hohe Anforderung an den Leser in Sachen Zeit und Aufmerksamkeit stellt. Da Du häufig auch zirkuläre Gedankenfiguren bringst, bekommt man irgendwann das Gefühl man dreht sich im Kreis. Das wirkt langfristig sehr demotivierend weiter zu lesen.
Das vielleicht als kleiner Hinweis. Ich weiß, dass es am Ende eine Geschmackfrage ist. Da kann ja bekanntlich endlos drüber diskutieren.
@Kusanowsky
Zu Deinem Nachtrag. Das war mir mehr oder weniger bewusst, aber danke nochmal für die Klarstellung. Wenn hier schon Kommunikationsbedingungen gegeben sind, die es erlauben anonym zu bleiben, dann lassen wir es dabei.
Wegen einer Überforderung brauchst Du keine Angst haben. Ich werde jetzt erstmal wieder still sein. Und es hat nichts mit der Diskussion zu tun.
„Das wirkt langfristig sehr demotivierend weiter zu lesen.“ Vielleicht ist das eine Methode, den Troll und Störer zu entmutigen noch bevor er mich entmutigt.
„Das wirkt langfristig sehr demotivierend weiter zu lesen.“
„Vielleicht ist das eine Methode, den Troll und Störer zu entmutigen noch bevor er mich entmutigt.“
Das funktioniert nur solange die von der Fom des Blogs nach wie vor geforderte,gleichsam fichtesche Unterscheidung – zwischen mir selbst und dem Anderen (in der Gestalt des Störer-Trolls) – noch zweifelsfrei möglich ist, ihrerseits nicht deplausibilisiert wurde….
Was würde passieren, wenn dem Autor-Souverän durch den Entzug der Möglichkeit, als Störung interpretierte Sinn-Offerten zu blockieren und abzuweisen, die permanente Replausibilisierung dieser Unterscheidbarkeit versagt würde?
Ja was würde denn dann passieren? Ich weiß es nicht. Wenn Störkommunikation durch Störkommunikation als Störkommunikation beobachtet wird, wird Störkommunkation entweder unmöglich oder so interessant, dass sie einen Attraktor ausbilden könnte, der Operationen so bündelt, dass die Störung störungsfrei weiter kommuniziert wird. Ich beonte: ich weiß es nicht. Aber eines scheint mir deutlich zu werden: Internetkommunikation ist Störkommunikation, wobei die Störung maßgeblich deshalb entsteht, da sie dies nicht eigentlich sein sollte. Und wo sie sich eben doch als solche aufdringlich zeigt, verstärkt sie sich und verteilt Beleidigungen, wie hier zum x-ten Mal geschehen. Am Ende sind alle beleidigt und verkriechen sich verdrossen. Man weiß dann nicht weiter und nach einer kurzen Erholungspause geht es dann doch wieder los. Daraus könnte man lernen und versuchen, den „Troll in dir selbst zu umarmen“ (Sebastian P.).
„Ja was würde denn dann passieren? Ich weiß es nicht.“
Warum es nicht erproben? Oben schriebst du richtig von der bedauerlichen „Tatsache, dass ich deine Kommentare freischalte (was ich ja nicht muss)“. Wenn Du dich nun zum Freischaltenmüssen selbstverpflichtetest, würdest Du dich der internetspezifischen Störkommunikation im emphatischen Sinn doch überhaupt erst aussetzen können.
Bis zu diesem Punkt, solange Du nicht bereit bist, diese Domäne schutzlos dem weltweitwebenden Spukgeschehen zu überantworten, sondern ihm trotzend auf Souveränität, Alleinherrschaft und Kontrolle beharrst, unterscheidet dieses Format in meinen Augen nichts von einer Zeitung mit Leserbriefrubrik.
„Am Ende sind alle beleidigt und verkriechen sich verdrossen.“
Das bliebe abzuwarten. Zunächst müsste man mutig (oder risiko-affin) genug sein und das Wagnis eingehen.
„unterscheidet dieses Format in meinen Augen nichts von einer Zeitung mit Leserbriefrubrik.“ so kann man das sehen, aber nur, wenn nicht auf die Komplextität der Zusammehänge achtet. Eine Zeitung ist das Ergebnis eines arbeitsteiligen, kapitalintensiven und hierarchisch gegliederte Produktionsprozesses, der langfrsitge Planungssicherheit braucht. Dieses Blogschreiben wäre eher mit mit einem Briefwechsel zu vegleichen, der Öffentlichkeit gestattet. Denn wenn man auch Kommentare löschen kann, so kann eben jeder ein eigenes Weblog führen und darüber Kommentare zu anderen Kommentaren veröffentlichen, was ja auch geschieht. Daraus resultiert eine Beobachtungsregel: wer schreibt bei wem Kommentare? Wer überlässt nach Absenden des eigenen Beitrags einem anderen eine Filtersouveränität? Und das wird für die Internetkommunikation zur Störkommunikaiton, wenn die Beobachtung dieser Regel nicht gelingt. Denn wenn die eigene Filtersouveränität zulässt, dass anonyme und pseudonyme Schreiber sich beteiligten, verliert man dieses Souveränität, nicht sofort und schlagartig, aber Stück für Stück, weil ja ein anonymer Kommentator, der ein Pseudonym verwendet, dieses zur Verwendung für andere freigibt, weil keiner eine Souveränität über die Adressebezeichnungen anderer hat. In dem Fall kann nicht auf Identität zuück gerechnet werden, weil niemand über alles vollständig informiert ist. Man weiß nicht, wer wer ist. So könnte auch ich der „Blindenhund“ sein oder du selbst oder Sebastian usw. Daraus den Schluss zu ziehen, man könnte anonyme und pseudoyme Beteiligung durch eigene Souveränität ausschließen ist Quatsch, weil ich keine habe. Ich kann nicht verhindern, dass unter meinem Namen woanders Kommentare hinterlassen werden. Der Weg hinaus aus diesem Quatsch ist der Weg hinein, indem man sich beobachtbar, verfolgbar und damit auch verdächtig macht, an Störkommunikation interessiert zu sein.
[…] (1. August 2011), „Notizen zur Evolution der Dokumentform“ (3. August 2011) und „Ontologische Theorien der Kunst“ (13. September 2011). ↩Eine erste Sammlung: Längen, Höhen, Entfernungen, […]
Nur zur Vollständigkeit (der Referenz):
„Person und Dokument“: http://sebastian-ploenges.com/blog/2011/person-und-dokument/