Hände frei? Hände hoch!

von Kusanowsky

Auf dem schon ein paar Monate zurückliegenden #sozicamp 2011 der Piratenpartei hat Joachim Paul einen längeren Vortag über die Frage gehalten, wie eine weiterführende Politik Anschluss finden kann an die Resultate, die sich aus dem Gebrauch neuer Medien ergeben und welche nicht mehr durch die Unterscheidung von Optimismus und Pessimismus determiniert werden, denn schon immer war die Einführung einer Medientechnologie begleitet von Skepsis und Begeisterung, woraus man schließen kann, dass solchermaßen reflektiere Ablehnung oder Akzeptanz immer schon Resultate eben dieser Innovationen waren.

In einem Schnelldurchlauf rekapituliert Joachim Paul, wie sich die Evolution der Zivilisation durch Technikgebrauch in veränderten Epistemologien niederschlägt. Dabei beginnt er in Anlehnung an Vilém Flusser mit der Betrachtung, wie das Menschheitsrätsel seinen Anfang mit einem Affen hätte nehmen können, der vor einigen Millionen Jahren beim Hangeln plötzlich vom Baum fiel, auf seinen zwei Beinen landete und bald bemerkte, dass er die Hände frei hatte. Und – vielleicht motiviert von einem gesunden Maß an Optimismus  – meint Joachim Paul, dass trotz der dadurch geänderten Bedingungen, die durch Anforderungen der Zivilisation entstehen, man sagen könne, dass wir in gewissen Sinne die Hände immer noch frei haben. Er will damit jedoch nicht sagen, dass wir erst vor kurzem Baum gefallen sind.

Aber wie immer, wenn von Optimismus auf der einen Seite die Rede ist, kommt schnell die andere Seite der Unterscheidung ins Spiel: der Pessimismus. Und ein Ausweg dürfte nicht zufinden sein, solange diese Unterscheidung nicht durch eine andere ersetzt wird, was umso schwerer fällt, wenn man dürstend wie eh und je vom Menschheitsrätsel nicht ablassen kann.

So informiert die Evolution der Zivilisation darüber, dass das Menschheitsrätsel niemals gelöst, sondern immer nur anders formuliert wurde. Die Kontinuität des Rätsels wäre damit eine Kontinuität seiner Verkehrungen umd Umdeutungen. So könnte man den Zivilisationsprozess auch als einen Prozess der Menschen-Verrätselung deuten, dessen konjunkturelle Auf- und Abschwünge mit Lösungen verbunden sind, die durch innovative Medientechnologie hervor gerufen wurden.

Insofern kann man Pauls Überlegungen dann doch nicht so ganz von Hand weisen, wenn es vielleicht auch nicht darum geht, wer die Hände frei hat, sondern wenn man die Frage ernst nimmt, wie immer noch Freiheit trotz Verdichtung zivilisatorischer Effekte möglich ist.
Gewiss macht Zivilisation immer auch ein „Hände-frei“ möglich, obwohl sie durch Abkoppelung von der Umwelt und durch Ausdifferenzierung aus derselben ihre Eigenanforderungen stellt, die dafür sorgen, dass auch noch der Faulste und der Dümmste alle Hände voll zu tun hat, um aus den Schwierigkeiten klug zu werden. Aber sie macht auch immer ein „Hände-hoch“ notwendig. Bei allem Kulturpessimismus, der sich aus einem psycho-anthroplogischen Skeptizismus hinsichtlich der menschlichen Aggresivität speist, sollte doch nicht übersehen werden, dass das technologische Raffinement, auch dasjenige, das sich auf die Verbesserung der Waffentechnik konzentriert, nicht durch Agressivität motiviert werden kann, sondern durch deren Disziplinierung. Ein guter Waffeningenieur ist nur selten ein guter Feldherr, weshalb für den Waffeningenieur gelten dürfte, dass auch er die Hände eher hoch hält, als dass er sie frei hätte.

Dieses „Hände-hoch“ heißt ja hier: Ich ergebe mich. Und nicht zufällig dürfte die Orantenhaltung, wie sie in der Antike gebräuchlich war, eine solche Demuts- und Ergebenheitsgebärde sein. Entsprechend ist das oben gezeigte Bild nur eine Seite eines Vexierbildes, dessen Erweiterung und komplementäres Gegenstück auf eine Ergebenheitsgebärde verweist. Und wie immer bei Vexierbildern gilt, dass das eine nicht ohne das andere zustande kommt, aber jede Beobachtung einer Seite die andere als blinden Fleck behandelt.

Wie auch immer man daran anschließend weiter nachdenken wollte, wenigstens zeigt sich, dass die Frage nach der „Natur des Menschen“ wie sie eine säkulare Gesellschaft stellt, eine solche Verrätselungsstratgie ist, weil nämlich jeder Versuch auf Einseitgkeit zu bestehen, den Einwand der Zweiseitigkeit hervorruft. Die Natur des Menschen wäre, wenn schon das Rätselraten nicht so schnell an Beliebtheit verlieren wird, eindeutig uneindeutig, wobei diese Paradoxie sehr unterschiedliche Ablenkungsmanöver zulässt, um ihr aus dem Wege zu gehen.

Eine mögliche Ablenkung wäre, die eindeutige Uneindeutigkeit nicht als Lösung, sondern als Problem zu nehmen, dessen Herkunft nicht länger auf eine „Wesenheit des Menschen“ bezugzunehmen braucht, was auch hieße, dass das Probelm nirgendwo im oder am Menschen wieder zu finden ist. Das Menscheitsrätsel wäre dann kein Menschenwerk, sondern ein Sinnkondensat zivilisatorischer Effekte, die für ihr Zustandekommen ihre jeweiligen Ausgangsbedingungen durch soziale Alchimie in eine emergente Ordnung überführen, eine Ordnung, die zu ihrer Stabilität immer auch die Irritation über ihre Stabilität benötigt. Irritationen über das „Wesen des Menschen“ verschwinden dann zwar nicht, aber man könnte so lernen, dass der Mensch als Begriff und Gegenstand nicht mehr zu gebrauchen ist. Vielleicht bekäme man auf diese Weise wieder die Hände frei.

So wie also eine säkulare Gesellschaft lernen konnte, auf einen Gott zu verzichten, ohne den Glauben zu verlieren, dürfte eine nächste Gesellschaft in Erfahrung bringen, dass „der Mensch“ als Begriff und Gegenstand keineswegs unverzichtbar ist, was ja nicht heißt, dass Menschen überflüssig wären, sondern nur, dass man nicht mehr wüsste, was über den Menschen noch gewusst werden könnte, um die Herkunft des Menschheitsrätsels zu verstehen.

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