Protest gegen Google #pseudonymitaet
von Kusanowsky
Eine Protestwelle nach der anderen rollt gegen Facebook und Google an. Aber es ist nicht nur die anonyme Masse, die gegen die Unternehmen protestiert, um sie an diesem oder jenem zu hindern; auch die Unternehmen selbst versuchen, die anonyme Masse an diesem oder jenem zu hindern: Google etwa verbietet Pseudonyme, obwohl trotz der Troll-Attacke von Eric Schmidt („Identitätsdienst“) auf der Chefetage genügend Knowhow vorhanden sein dürfte, das darüber informiert, dass man die Masse nicht nach eigenen Vorgaben und Wünschen erziehen kann. Besonders Facebook ist für seine Versuche bekannt, die Nutzer zu erziehen.
Es geht zwar nicht, aber versuchen kann man es trotzdem, soviel Weltfremdheit muss mindestens sein in einer Welt, die das Menschenunmögliche zur obersten Priorität erhebt. Man protestiert gegeneinander; und es bleibt dabei unberücksichtigt, dass die Gründe und Anlässe für den Protest, für die Gegen- und Abwehrmaßnahmen gerade dadurch entstehen, dass weder das Internet noch seine ökonomischen Möglichkeiten, wie sie insbesondere von Facebook und Google kommerziell ausgenutzt werden, abgewehrt werden sollen. Andersherum: all das wird akzeptiert, nur darum entstehen die Entzündungsherde. Wir haben es mit Akzeptanzproblemen zu tun, die durch Akzeptanz entstehen. Die Systeme benutzten das Internet und verhalten sich zu ihren systemeigenen Resultaten parasitär, indem sie jene Resultate als fremdreferenzierbare Defizite auf anderen zurechnen; und der Versuch, der Gegenseite die Lösung derjenigen Probleme aufzudrücken, die sie selbst erzeugen, wird von allen Seiten durch das eigene Beobachtungsverhalten determiniert, welches unter dem Postulat steht, es gäbe eine allgemeinverbindliche Vernunft, die durch Benutzung menschlicher Verstandesfähigkeit geregelt werden könnte. Und jede Beobachtung des Scheiterns dieses Postulats wird als das Versagen der Gegenseite interpretiert, wodurch sich die Kommunikation parasitär gegen ihre eigenen Problemerzeugungsroutinen verhält. Es ist die Internetkommunkation, die diese Probleme erzeugt, aber die Menschen sitzen vor ihren Rechnern und machen sich Gedanken darüber wer mal wieder falsch nachgedacht hat.
Diese Regeln sind längst bekannt, haben sich durch Massenmedien selbstreferenziell eingespielt und sind insofern wenig bemerkenswert, weil sie durch ihre routinierte Verwendung zum normalen Ablauf gehören. Zum üblichen Brauchtum gehört das Verfassen von Protestbriefen, „offene Briefe“ genannt. Dass es sich dabei nur um ein Brauchtum handelt, wird durch die selbstreflexive Verwendung dieser Form bemerkbar, denn jeder kennt die bekannten vier ffff: formlos, fruchtlos, fristlos und folgenlos. Es bringt nichts – alle wissen das – und es geschieht trotzdem.
Da diese Zusammenhänge schon mehrfach beschrieben und erklärt wurden, könnte man einmal darüber nachdenken, ob man schon Ausgangspunkte für eine Regeländerung beobachten kann. Wenigstens dürfte diese Vermutung naheliegen, wenn man bedenkt, dass das Internet nicht als Massenmedium verstanden werden kann, sondern divergierende Strukturen ausbildet, die auch von Massenmedien reproduziert werden können. Entsprechend müssten sich mit der Zeit auch andere Regeln einspielen.
Das wichtigste Strukturmerkmal von Massenmedien scheint mir in einem hierarchischen Selektionsmuster zu bestehen, das ein Aufmerksamkeitsgefälle erzeugt, indem die Akkumulation von Aufmerksamkeit (und daraus resultierende Bedeutsamkeit) auf der einen Seite einer Massenanonymität auf der anderen Seite entspricht, die diese Aufmerksamkeit spendet. Das hat zur Folge, dass nur sehr wenige sehr prominent werden und die meisten, die diese Prominenz durch Verschenken ihrer Aufmerksamkeit erzeugen, gänzlich bedeutungslos bleiben und bleiben müssen, so sehr sich jeder einzelne auch anstrengen wollte um zu Berühmtheit zu gelagen. Es ist nur ein Frage der Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingt und hat keine kausale Ursache in den Anstrengungen der Individuen, so sehr jeder Einzelne auch vom Gegenteil überzeugt sein will. Diese Überzeugungen sind das soziale Resultat von Beobachtungsverhältnissen, die Kausaltitätserwartungen nicht als Ergebnis von kommunikativer Selektivität reflektieren, sondern sie als Ausgangsbedingungen nehmen, was sich im Ergebnis als allgemeiner Fall plausibel erhärtet, sobald im Ausnahmefall eben jene Prominzenz entsteht, die ihre Tüchtigkeit als Erklärungsgrund für diese Prominez nimmt. Man sei eben tüchtiger als andere, Beweis: die Prominenz durch geschenkte Aufmerksameit aller anderen, die in Anspruch genommen wird, um dies behaupten zu können. Dass es sich bei dieser Prominenz nur um Zufall handelt ist nicht nachvollziehbar, weil alle anderen Bewerbungen um Prominenz im Selektionsgeschehen ausgeschaltet wurden.
So kann man erklären warum das Brauchtum des „offenen Briefes“ so hartnäckig beibehalten wird. Man hat schon mal davon gehört, dass es nach einem Regentanz tatsächlich anfing zu regnen. Also lohnt sich jeder Versuch auch dann, wenn man weiß, dass dies nichts bringt. Denn regnet es tatsächlich, kann von prominenter Stelle auf Kausalität zurück gerechnet werden. Wer aber diese Kausalität bestreitet wird nicht prominent beachtet.
Dieser offene Brief an Google macht daher die Akzeptanzprobleme deutlich. Da die Beteiligten ja von einander wissen, dass die Frage, wer sich pseudonym oder nicht an der Kommunikation beteiligt, nicht eindeutig beantwortbar ist, wird versucht, prominente Adressen gegen andere prominente Adressen zu stellen. Dabei geht es nicht um eine Machtprobe, denn woher könnte man wissen, dass es sich bei manchen Unterzeichnern nicht um Pseudonyme und um bedeutende Personen handelt? Wahrscheinlich sind es keine Pseudonyme, aber der Selbstauskunft des Schreibens nach sollten es welche sein dürfen. Und wenn es bedeutungslose Personen sind, ist es auch egal. Bei Google dürfte man nach der selben Überlegung verfahren, was auch für die Account der Nutzer gilt. So dürfte für Google nicht die Frage relevant sein, wer pseudonym, sondern wer prominent ist. Denn welche Möglichkeiten hätte Google, einen Nutzer den Gebrauch eines Pseudonyms zu verbieten, wenn es sich um eine prominente Adresse handelte, die für Google von Relevanz ist? So dürften die Gründe für Google (und sicher auch für Facebook) darin bestehen, dass durch Benutzung dieser Netzwerke keiner berühmter wird als Google selbst. Daher sie so genannte „Klarnamenspflicht“, die, wenn der Nachvollzug der Adresse durch Recherche möglich ist, nur verhindern soll, dass andere Personen oder Unternehmen das Angebot von Google dazu benutzen um über Google hinaus zu wachsen.
Diese Überlegung ist gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass Google in der Anfangszeit von der Pionierarbeit der Internetnutzer profitiert hatte, ohne in diese Arbeit selbst zu investieren. Das Unternehmen nutzte parasitär die Ergebnisse aus, zu deren Herstellung (also Verbreitung und Akeptanz des Internets) es selbst nichts beigetragen hat. Googles Prominenz ist nicht selbst verdient, weshalb das Unternehmen versuchen muss, die Prominez anderer zu verhindern, die sich durch parasitäre Ausnutzung von Googles Leistung ergeben könnte. Eine andere Sache ist die Frage nach der Wahrscheinlichkeit, die man sicherlich als gering ansetzen kann. Aber ist sie auch unmöglich? Und könnten Google und Facebook durch ihre einseitigen Regelbestimmungen diese nicht erst befördern?
„Es bringt nichts – alle wissen das – und es geschieht trotzdem.“ Das gilt fürs Leben insgesamt. Was wären die Alternativen?
Beobachte, wie sich die Regeln einspielen und ändern, und nicht, an welche Regeln sich andere halten müssten.
„Beobachte, wie sich die Regeln einspielen und ändern, und nicht, an welche Regeln sich andere halten müssten.“
Gute Regel. Es müsste sich nur mal jemand dran halten…
Du musst es nicht.
Beobachte (du mußt aber nicht), wie sich die Regel -> „Beobachte, wie sich die Regeln einspielen und ändern, und nicht, an welche Regeln sich andere halten müssten.“ einspielt oder ändert, und nicht, dass sich andere daran halten müssten (oder nicht).
@Kusanowsky : ich habe es gerne gelesen, sei es nur – was es keinesfalls bei mir als Motiv getan hat – dass mir einfach Ihre Sprache, Argumentations- und Denkweise zusagt. Auch MUSS es ja nicht immer ums Zustimmen gehen, wenn es doch zunächst einmal genügt, sich haben fruchtbar anregen zu lassen. Was auch geschehen ist.
Der Kommunikation ist es doch ohnehin vollkommen egal, wer redet und wer aufmerksam ist oder gerade eingeschlafen, (oder auch nur bockig), die Kommunikation will weiterlaufen, und sie läuft ja auch weiter mit den Stimmen der Klugen und der Einfältigen, der Hochkomplexen und der Unterkomplexen, der Echten und der Falschen, sie läuft mit den Anonymen, den Pseudonymen und sogar mit den Multynymen, (wenn diese Wort erlaubt wird).
Natürlich sagen Google und facebook nicht, worum es ihnen im einzelnen und konkreten Falle dann gehen mag. Sie Stossen an und – wenn ihnen das Aufmerksamkeits-catching gelungen ist, dann setzt sich die Dominokette in Bewegung. Es klickert, und bei den beiden dann auch in der Werbekasse. Und wir spielen mit, was sonst.
Zufälligerweise fiel mir gerade beim unvermeidlichen Bücherumschichten ein 5 Jahre altes Buch in die Hände, das genau zum Thema passt und – angesichts von Bankenkrise und Eurodebatte – geradezu hochaktuell ist. Ich meine „Zuviel Wissen“, Zur Wertschätzung von Arbeit und Wissen in der Moderne, von Manfred Füllsack, bei Suhrkamp. Darin beschreibt der Autor auf minutiöse Weise was geschieht und was es bewirkt und bewirken kann (oder eben nicht), wenn in einer (politischen) Debatte ein Teilnehmer oder Beiträger etwas bislang einvernehmlich Ausgeblendetes bewusst einblendet oder eben auch bewusst umgekehrt sich verhält, (und alle weiteren denkbaren Varianten). Jeder kann Nichtgewusstes oder nicht Wissbares bewusst ins Spiel bringen, er kann Aufmerksamkeit wollen oder sie täuschen oder ablenken. Das alles exekutiert er, der Autor des genannten Buches, zum politisch heissen Thema eines bedingungslosen Grundeinkommens. Er macht ausdrücklich klar, dass ein kluger und wissender Politiker, (er unterstellt, es müsse so etwas geben), sich hüten wird, zu schnell oder gar voreilig sich zu solch einem heissen und umstrittenen Thema zu äussern. Deshalb dürfe man ihm nicht einmal Wählertäuschung unterstellen. Wenn man weiss, die Öffentlich will keine harten Nüsse knacken, darf man ihr auch keine im Klartext anbieten. Soviel Strategie oder Taktik muss sein dürfen.
Sie kennen die Luhmannliste. Ich habe versucht, eben grade, dort dieses Thema anzuregen bzw. hierauf hinzuweisen. Man muss es einfach tun, weil eine Wirkung ohne ein solches Tun sich schlankweg nicht abschätzen lässt im voraus. Ich habe auch versucht, an anderer Stelle aus eigener Sicht und gewaltig verkürzt etwas dazu zu sagen; aber ein solcher Hinweis ist hier vielleicht nicht am Platze:
http://supersozius.wordpress.com
@Rolf – na bitte, klappt doch…aber wie konnt es gehen?
@Rolf – na bitte, klappt doch…aber wie konnt es gehen?
Es geht ja nicht, aber ich mach´s trotzdem.
„Es bringt nichts – alle wissen das – und es geschieht trotzdem.“
[…] im Klarnamensgebot von Google zum Ausdruck kommen. Das Kennzeichen dieser Übertreibung ist ja die Ignorierung einer empirischen Wahrscheinlichkeit der Durchsetzung eines solchen Gebots. Und möglicherwiese müssen solche Übertreibungen […]