Identität und Dokument – optische Täuschung

von Kusanowsky

Optische Täuschung? Herkunft Wikipedia

Als das angeblich beste Beweismittel zur Plausibilisierung eines Schemas, durch das sich die Dokumentform erhärten konnte, gilt immer noch die optische Täuschung, die wie kein anderes Beweismittel, das auf Sinnestäuschung abzielt, die paradoxe Struktur des Beobachtungsverhaltens invisibilisiert und damit Irritationen über eine objektive Realität zulässig macht. Die gewöhnliche Definition für eine Wahrnehumungstäuschung lautet, dass die objektiven Merkmale einer Reizvorlage nicht in Übereinstimmung zu bringen sind mit den für das Gehirn wahrnehmbaren Merkmalen der selben Reizvorlage, wobei der Beweis darin besteht, dass das, was man sehen kann, wenn man die Linien des Bildes oben betrachtet, nicht identisch ist mit dem, was man bemerken kann, wenn man die Linien mathematisch berechnet. Mathematisch gesehen sind alle Linien gerade gezogen, aber wahrnehmbar ist das nicht. Wenn man auch nicht sagen könne, dass die Wahrnehmung falsche Schlüsse hinsichtlich des Wahrnehmbaren ermittelt, so könne man wenigstens feststellen, das die Schlüsse, die aus der Wahrnehmung resultieren, nicht wirklich zuverlässig sind. Die subjektive Wahrnehmung könne sich täuschen, das objektive Dokument aber nicht. Die mangelnde Identität zwischen subjektiver und objektiver Beurteilung sei ein Beweis für die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung. Tatsächlich ist diese mangelnde Identität nur ein Beweis für ein funktionierendes Täuschungsverfahren, das durch Dokumente vorgenommen wird, weil das Dokument – nicht die Wahrnehmung – die Täuschung zulässig macht, indem Identität unterstellt wird wo empirisch nur Differenz zu finden ist.

Wer sich mit Beweisen für Wahrnehmungstäuschung beschäftigt kann feststellen, wie hartnäckig durch die Dokumentform ein blinder Fleck konstruiert wird, den man gewiss durch Wahrnehmung nicht einfach aus der Welt schaffen kann. Tatsächlich: die Wahrnehmung allein gibt keine Auskunft darüber, was gesehen, ja nicht einmal ob überhaupt etwas gesehen wurde. Denn Wahrnehmung kann keine Auskunft darüber geben, was nicht wahrgenommen wurde, oder dass man auch anders hätte wahrnehmen können. Alle Wahrnehmung verhält sich gegen die Differenz von wahrnehmbar/nicht- oder anders wahrnehmbar indifferent. Sie kann sich nicht durch sich selbst über sich selbst in der Weise irritieren, dass sie Wahrnehmung und Nichtwahrnehmung vergleichen könnte. Das ist der Grund, weshalb man nur durch einen Sehtest als Beobachtungsverfahren Unterschiede der Wahrnehmungsfähigkeit ermitteln kann, also nur dadurch, dass für ein Bewusstsein Vergleichsmöglichkeiten angeliefert werden, auf die hin es seine Wahrnehmung richten und sie beurteilen kann. Ohne solche angelieferten Vergleichsmöglicheiten könnte man nicht in Erfahrung bringen, dass man heute schlechter sehen kann als früher. Wahrnehmung ist für die Wahrnehmung nicht wahrnehmbar.

Entsprechend kann durch Wahrnehmung auch nicht Wahrnehmungstäuschung ermittelt werden, weil andernfalls die Wahrnehmung immer schon wüsste, was sie ermittelt hätte. Aber genau das kann sie nicht und nur das ermöglicht dann auch den Beweis, dass man sie täuschen kann. Aber die Täuschung geschieht nicht durch Wahrnehmung, sondern durch die Beobachtung von Wahrnehmung, welche im Gegensatz zur Wahrnehmung die Möglichkeit hat, sich selbst zu beobachten, also: Beobachtung zu beobachten. Erst durch Beobachtung können die Unterschiede, durch die sie möglich wird, beobachtet werden und das heisst: die Referenzierung der die Beobachtung ermöglichenden Unterschiede zu vertauschen.
Das geschieht, indem das Wahrnehmbare zuerst auf die Wahrnehmung bezogen wird und man auf das zeigt, was man dann wahrnehmen kann, hier: Linien, Quadrate, Kontraste. Und dann wird auf das Nichtwahrnehmbare gezeigt, nämlich auf gerade Linien, und es entsteht Eindruck, man könnte jetzt sehen, was man nicht sehen kann, nämlich: gerade Linien. Und dass man nun keine sieht, sei der Beweise dafür, dass sich die Wahrnehmung täuscht. Es wird aber nur die Referenz der Beobachtung einer Wahrnehmungsreferenz verschoben. Und freilich: dieser Verschiebungsvorgang ist nur beobachtbar und nicht wahrnehmbar.

Und sofern dieser Vertauschungsvorgang der Beobachtung durch Beobachtung entzogen wird, bleibt nur die Irritation über die Wahrnehmung zurück und das Resultat, dass es offensichtlich die Wahrnehmung sei, die sich täuscht. Tatsächlich geschieht nur eine Vertauschung des Verhältnisses von Beobachtung und Wahrnehmung; und Dokumente stellen diesen Vertauschungsvorgang, sobald er sich ereignet, als abrufbar bereit und ermöglichen dadurch die Beobachtung der Wahrnehmung, die sich in der Behandlung der Dokumentform schon ereignet hat, nämlich durch gegenseitiges Wissen um Unterstellbarkeit von Identität. Schließlich wird genau dasjenige als Beweismittel genommen, was durch das Beweisverfahren schon  ausgeschlossen wurde: man könne doch sehen, dass sich die Wahrnehmung täuscht. Aber: könnte man das sehen, wenn sich die Wahrnehmung täuscht?

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