Definition der Dokumentform (Forts.)

von Kusanowsky

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christorpheus add fragt:
1. Was ist die Dokumentenform nicht?
2. Wovon unterscheidest Du die Dokumentenform?
3. Wie ist der Zusammenhang zwischen blindem Fleck, optischer Täuschung und „Dokumentenform“ in diesem Text zu verstehen?

1. Die Dokumentform ist das evolutionäre Ergebnis eines Problemerfahrungsprozesses, der die Kontingenz aller Wahrheit aufdeckt (oder entdeckt) und welcher die Evidenz der Lösungsfindung in der Dokumentform (wieder-)erfindet. Die Dokumentform schließt Wahrheit weder ein noch aus; und ihre Behandlung lässt sich auf einen evolutionären Prozess ein, der die Dokumentform als ein voraussetzungsreiches Prozessieren dieser Lösung als apriorisches Problem nimmt und auf dieser Basis ihren Voraussetzungsreichtum begrenzt, so z.B. bei Leibniz die „fensterlosen Monaden“ oder bei Kant. Seine „synthetischen Urteile a priori“ und seine Kategorien der Anschauung (Raum und Zeit) erscheinen als dem Menschen angeboren, mitgegeben. Tatsächlich sind diese Kategorien der Anschauung nur das Schema als Möglichkeitsbedingung dieser Form, die sich aus ihrer Behandlung ergeben. Das heißt: Die Dokumentform liefert keine Lösung für die Probleme, die sie erzeugt, nämlich für diejenigen Probleme, die entstehen, wenn sich das Apriori durch den historischen Prozess verschiebt, sobald sich, wie schon bei Hegel und Marx beschrieben, Vernunft als kontingent und nicht als apriori erweist. Allenfalls liefert die Dokumentform schon Latenzen an, die auf die Verschiebung eines Beobachtungsschemas hindeuten. Aber wird ein solches verändertes Beobachtungsschema gefunden, so ist die Dokumentform passé und erst in dem Augenblick kann sie erklärt, weil beobachtet werden. Vorher scheitert alles irgendwie an den Annahmen, die sich durch die Dokumentform plausibilisieren, z.B. dass es eine Natur des Menschen gäbe, die für all das verantwortlich wäre. Tatsächlich gibt es keine Natur des Menschen, sondern nur die soziale Behandlung einer Erfahrungsbildung durch Schemtisierung von Differenzen, die sich in der Dokumentform sozial etablieren und damit die Form in ein Medium verkehren. Und solange dies noch nicht verstanden wurde, kann die Annahme über eine Natur des Menschen als Lösung für zurückreichende Problemfindungsprozesse genommen werden, aber nicht mehr, wenn dieser Abarbeitungsprozess sein Problem verloren hat. Wer weiß heute noch was es bedeuten könnte ein Mensch zu sein, der von der Erbsünde belastet ist?
Mit dem Scheitern der Dokumentform, also der Verkehrung der Form in ein Medium durch Trivialisierung, wiederholt sich nur der Selbstbeobachtungsprozess des „Weltgeistes“, aber unter gänzlich veränderten Bedingungen, indem ein anderes Apriori ermittelt wird, nämlich Information, statt Vernunft. Entsprechend müsste die Beobachtbarkeit der Dokumentform schon in dem Augenblick auffallen, indem dieser Verschiebeprozess des Aprioris beschrieben wird, so bei Marx als „Warenform“. (Oder bei Oswald Spengler in seinen Überlegungen zur faustischen Seele des Abendlandes.) Aber damit wird nur der Sonderfall des allgemeinen Falls  beschrieben, weil der Selbsterfahrungsprozess des Weltgeistes damit nicht abgeschlossen, sondern nur erkennbar ist. Wird nun Information als das apriorische Problem genommen, verschwindet auch der Weltgeist als Ordnungsmuster und man findet „Kommunikation“. Aber Kommunikation kann man jetzt nicht mehr dokumentieren.

2. Die Dokumentform als Problemlösung für die Kontingenz von Wahrheit unterscheidet sich damit von der Monumentform als Lösungsproblem, durch welches Wahrheit als Apriori und nicht-kontingent erfahren wurde (z.B. als logos).

3. Wie kommt man darauf zu behaupten, Wahrnehmung könnte sich täuschen, wenn man mit dem gleichen Beweisverfahren auch beweisen könnte, dass sie sich nicht täuschen kann? Wenn also Identität, nicht Differenz nachgewiesen würde? Gemäß der alten Monumentform wurde der Beweis der Täuschbarkeit der Sinne als Beweis der Unzuverlässigkeit von Menschen und ihren Fähigkeiten gesehen, was später in der christlichen Kultur als Erbsünde verstanden wurde. Die Behandlung der Dokumentform, die alle Beobachtungen auf die Fähigkeiten von Menschen zurechenbar macht, irritiert sich auf ganz andere Weise: nicht weil, wie Platon vermutet hätte, sondern obwohl Menschenwahrnehmung und Menschenmeinung manipuliert werden können, können Menschen vernünftig sein. So erscheint der Mensch schließlich durch die Dokumentform als ein Zauberwesen, das die Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation aus sich selbst heraus entwickeln könnte, und dies obgleich nach Maßgabe der Möglichkeiten dieser Erfahrungsform keine verlässliche Auskunft darüber zu finden ist. Luhmann würde sagen: es gibt auch nichts, was diese Verlässlichkeit garantiert, und nur deshalb kann Kommunikation funktionieren. Deshalb ist der Mensch bei Luhmann keine theoretische Größe, weil er keine praktische Größe ist. „Der Mensch“ ist eine Bedingung für Kommunikation, aber auch nur eine unter vielen innerhalb einer gigantischen Komplexität von Bedingungen.
Bezogen auf das Problem der Warhnehmungstäuschung könnte man sagen: Wahrnehmung widersetzt nicht dem Täuschungsversuch, aber auch nicht dem Wahrheitsfindungsversuch. Und damit könnte man sagen: Irren wir uns? Und wenn es so wäre: Na und?