Differentia

Monat: Juli, 2011

Meinungsfreiheit. Beobachtungen zum Zerfall einer Form (Forts.)

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Vorläufig scheint mir die Überlegung naheliegend, dass das Internet eine Technologie der sozialen Problemverstärkung ist. Das kann man einerseits daran ablesen, dass keine dieser Dämonien, die das Internet hervorruft, seit der Industrialisierung und der Reflexion ihrer Auswirkungen wirklich neu sind. Datenschutz, Whistleblowing, Urheberrechtsverletzungen, schöpferische Zerstörung, Plagiieren, Mobbing, Spionage, Sabotage, Überwachung, Kriminalität – wer wollte ernsthaft behaupten, dass all das erst seit 10 oder 15 relevant wäre? Im Gegenteil. Denn schaut man sich die Diskussionen, die Argumente und die Art und Weise wie sie geführt werden an, so stellt man fest, dass das, was schon in den 80er Jahren gescheitert war, nur wieder neu aufgekocht wird. Die andere Seite dieser Überlegung bezieht sich darauf, dass dieses Scheitern jetzt, möglicherweise gegen den Willen der Beteiligten, nicht mehr oder nur noch sehr schwer ignoriert werden kann. Versuche dieses Ignorierens kann man sowohl bei Frank Schirrmacher festellen als auch in diesem Posting von Gunnar Sohn. Letzterem fällt nichts Besseres ein als einfach nur das alte Spiel von Position und Gegenposition zu erhärten. Schirrmacher selbst betreibt das konventionlle Spiel der Trivialisierung des modernen Aufklärungsmythos, der Menschenrechte, Menschenmoral und übergeordnete Ansprüche an Steuerungsnotwendigkeiten formuliert, ohne feststellen zu können, dass all das gescheitert ist, weil die Gesellschaft auf der Basis ihres Mythos von Aufklärung und Befreiung immer mehr Probleme produziert als sie lösen kann. Schon Hegel konnte solche Phänome kommentieren mit den Worten: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ (G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M. u. a. 1970, S. 28.)
Schon zu Hegels Zeiten konnte verstanden werden, dass die Behauptung „tertium non datur“ unhaltbar war. Etwas Drittes, das von Erkenntnis spricht, ohne ein Bekenntnis abzulegen, muss immer mit im Spiel sein, damit nicht nur die eine oder andere Seite einer Unterscheidung gewählt werden kann, sondern auch, damit überhaupt beobachtbar wird, dass man es mit Unterscheidungen und Unterscheidungsgebrauch in entfalteten Routinen zu tun hat, die solchermaßen als „ontologische Differenz“ (Heidegger) erscheinen. Der routinierte Ablauf von Unterscheidungsgebrauch erzeugt Gewissheiten, die sich nur schwer, nicht selten unter großen Schmerzen, ausschleichen können. Und ich vermute, dass die Dämonien des Internets diese Einsicht mit auswegloser Aufdringlichkeit versehen.
Der verstärkte Druck der unlösbaren Probleme verlangt ein Umstellung, welche allerdings von keiner Stelle aus durchsetzbar ist. Es muss von allein gehen. Keine Einsicht, mit der sich ein anspruchsvolles Wohlstandsbürgertum, das an Traumatisierung leidet, die keiner mehr versteht, so leicht abfinden will.
Das Internet befördert die Erkenntnis der Probleme. Ihre Bekanntheit entsteht durch Massenmedien, die eine routinierte Wiederholung von Position und Gegenposition, von Argument und Gegenargument automatisieren. All das ist in den meisten Fällen von Ängsten und Hoffnungen angetrieben. Die Ängste entstehen, weil keine Zentralinstanz, keine Königsphilosophie auffindbar ist, die, mit Durchsetzungsfähigkeit ausgestattet, eingreifen könnte; die Hoffnungen, weil eine säkulare Gesellschaft einen Glauben eben nicht verloren hat, sie hat ihn nur, wie alles andere auch, durch Prozesse der Modernisierung neu eingekleidet. Menschen sollen seitdem sicher stellen, was kein Gott mehr leisten kann.
Inzwischen kann man am Internet beobachten, dass das sportliche Ideal des aufgeklärten Disputierens in Dämlichkeit zerfällt. Die Meinungsfreiheit war ehedem als reflexionsverstärkendes Erwartungsverhalten dazu geeignet, aus einer überlieferten Problemsituation klug zu werden. Wenn Vernunft nicht mehr apriori gegeben ist, sondern sich als kontingent erweist, wie dies im Anschluss an Kant im deutschen Idealismus formuliert wurde, so galt seit dem die Information als das Apriori. Nur die Information stellte noch sicher, dass man vernünftige von unvernünftigen Meinungen unterschieden kann, weshalb der Freiheit zu informieren keinerlei Schranken mehr gesetzt sein durften. Der Optimismus, der aus der Annahme resultierte, dass sich die Dummheit von selbst erledigt, wenn man sie nur zu Wort kommen und ausprechen lässt, konnte deshalb sehr aussichtsreich sein, weil sich erst in der Folge dieser Praxis die Erfahrung verbreitete, dass es Information ist, die Kontingenz ermöglicht. Seitdem ist auch Information kontingent. Das jedenfalls kann man taglich und ganz leicht an Internetdiskussionen ablesen. Anders als erhofft lässt sich das Gegenargument nicht mehr deprimieren. Stattdessen wird es einfach wiederholt. Und die wechselseitigen Versuche der Deprimierung von Argumenten führt nur, dass bei jeder Wiederholung von Argumenten, die keine Seite mehr akzeptiert, die Eskalation in den Zerfall von Reflexivität mündet. Allgemein ist das Phänomen als Trollerei bekannt und auch hierfür gilt, dass, obschon bekannt, nicht erkannt wird, wodurch sie entsteht.
Und die Frage ist, wie lang die Einsicht in die Kontingenz noch auf Blockadeverhalten stößt. Gegenwärtig sind jedenfalls keine Strukturen entwickelt, die auf die Kontingenz von Information reflexionsverstärkend reagieren können.
So fällt denn auch die Frage, welche Gefahren für die Gedächtnisleistung entstehen, wenn Menschen nicht mehr als Träger des Wissens in Erscheinung treten, auf das Reflexionsniveau vor Schelling und Hegel zurück. Und zum wiederholten Male wird bei Schirrmacher das Gefahrenpotenzial eines Massenkommunikationsmediums durch dieses Massenkommunikaitonsmedium selbst verbreitet, woran man die Vergesslichkeit ablesen kann, die für alle Gedächtnisfähigkeit konstituierend ist.
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Vergesslichkeit und Irrtum 2

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Woraus ergab sich die Langlebigkeit der tribalen Gesellschaft? Warum gab es über tausende von Jahren hinweg kaum Veränderungen? Abgesehen von der Differenzierung der Gesellschaftsform durch ihre räumliche Verbreitung. Wodurch erklärt sich die Hartnäckigkeit der Ritualform, wenn man annimmt, dass alle Überlieferung nur durch lebende und tüchtige Körper möglich war, die, wie man weiß, durch Stoffwechsel und Wachstum enorm anfällig sind? Warum konnte sich gerade unter diesen Bedingungen eine so hohe Stabilität für eine stimmige Fortsetzung von Kommunikation ergeben, wenn die Menschenumwelt der Kommunikation extremen Risiken ausgesetzt war? Man denke dabei an die täglich mühevolle Deckung des Nahrungsbedarfs, an Krankheiten, Verletzungen, Naturgewalten. Der Grund dürfte  – entgegen der Annahmen materialistischer Konzepte des 19. Jahrhunderts, die bis heute soziologische Problemstellung determinieren – darin liegen, dass eben nicht die sogenannten körperlichen Bedürfnisse das größte Problem waren, sondern das, was man früher als „Geistigkeit“ apostrophiert hatte ohne genauer erklären zu können, was es damit auf sich hat. Denn ist Sprache erst einmal verfügbar, so gelingt Wissensproduktion, aber Wissen ist nicht einfach gegeben, sondern muss sich durch Kombination und Versuch als belastungsfähig erweisen. Und sobald etwas gewusst wird, man denke beispielsweise nur an das Wissen um Vaterschaft – eine höchst bemerkenswerte, weil unwahrscheinliche Leistung – müssen schon Formen der Tradierung entwickelt sein, damit Wissen nicht nur entstehen, sondern bestehen kann. Und die Überlieferung hat dann oberste Priorität, denn andernfalls würde das Wissen sofort wieder zerfallen, weil man es vergessen würde, was deshalb dramatisch ist, wenn der praktische Nutzen des Wissens das Überleben garantiert: nicht die Beschaffung des täglichen Nahrungbedarfs wäre das Hauptproblem, sondern das Wissen um den Unterschied zwischen genießbarer und ungenießbarer Nahrung. Und es kommt dann dringlich darauf an, diesen Unterschied nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Insofern nehme ich an – auch hier gegen trivial-materialistische Konzepte – dass die hauptsächliche Arbeit in der Wissensvermittlung durch ritualisiertes Erzählen bestand. Wenn aber Wissen möglich ist, dann ist immer auch mehr Wissen möglich, wodurch der Aufwand der Wissenserhaltung bald alle Kapazitäten ausgelastete, da nichts vergessen werden durfte. So ergibt sich ein Verhälntis zwischen Wissen und Lernfähigkeit: Mit dem Anwachsen eines Wissenskomplexität fällt die Wahrscheinlichkeit etwas weiteres zu lernen.
So würde sich dann auch die Prosperität der Kultur erklären, sobald Schrift als Aufzeichnungsverfahren entwickelt und eingeübt war, weil man jetzt sehr viel vergessen konnte, ohne die Überlieferung zu gefährden. Unter dieser Voraussetzung gab Vergesslichkeit Kapazitäten frei: Vergesslichkeit steigert Lernfähigkeit.

Das Internet ist in dieser Hinsicht eine großartige Irritationsmaschine, die neben vielen anderen auch dieses Problem aufgreift. Das Internet vergisst angeblich nichts, heißt es, als ob es etwas wissen könnte. Ein anderes mal wird das Löschen aus verschiedenen Gründen problematisiert. Und jetzt taucht die Frage auf, in welche Abhängigkeit Menschen geraten, wenn sie durch das Internet oder durch ein anderes Aufzeichnungsverfahren in ihrer Erinnerungsfähigkeit entlastet würden, als könnte man Klarheit über eine solche Frage gewinnen, wenn man Experimente unter der Voraussetzung durchführt, die empirsch gar nicht überprüfbar sind. Denn wenn man zur Überprüfung von Unterschieden der Erinnerungsfähigkeit Vergleichsmöglichkeiten anbietet, die sich aus der Benutzung von Aufzeichnungsverfahren ergeben, dann kann man nicht herausfinden was man denn vergessen hätte, wenn man diese Vergleichsmöglichkeit nicht hätte. Erst ein Aufzeichnungsverfahren ermöglicht ein Wissen um den Unterschied von erinnern und vergessen, erst ein Aufzeichnungsverfahren bringt in Erinnerung, dass etwas vergessen wurde, weil Vergleiche möglich sind. Und erst durch eingeübte Verwendung eines Aufzeichnungsverfahren kann die Hypothese aufgeworfen werden, was man erinnern könnte, wenn man dieses Verfahren nicht benutzt. Aber was soll damit bewiesen werden? Empirisch ist das Quatsch, aber trotzdem sind Irritationen darüber möglich. Und man müsste darüber nachdenken, unter welchen spezifischen Bedingungen diese Irritationen als Skandalon in Erscheinung treten.

Fortsetzung

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