Gegen die Reue von Friedrich Nietzsche

von Kusanowsky

Gegen die Reue. – Ich liebe diese Art Feigheit gegen die eigene Tat nicht; man soll sich selbst nicht im Stich lassen unter dem Ansturz unerwarteter Schande und Bedrängnis. Ein extremer Stolz ist da eher am Platz. Zuletzt, was hilft es! Keine Tat wird dadurch, daß sie bereut wird, ungetan; ebensowenig dadurch, daß sie „vergeben“ oder daß sie „gesühnt“ wird. Man müßte Theologe sein, um an eine schuldentilgende Macht zu glauben: wir Immoralisten ziehen es vor, nicht an „Schuld“ zu glauben. Wir halten dafür, daß jedwederlei Handlung in der Wurzel wert-identisch ist, – insgleichen daß Handlungen, welche sich gegen uns wenden, ebendarum immer noch, ökonomisch gerechnet, nützliche, allgemein-wünschbare Handlungen sein können. – Im einzelnen Fall werden wir zugestehen, daß eine Tat uns leicht hätte erspart bleiben können, – nur die Umstände haben uns zu ihr begünstigt. Wer von uns hätte nicht, von den Umständen begünstigt, schon die ganze Skala der Verbrechen durchgemacht?… Man soll deshalb nie sagen: „Das und das hättest du nicht tun sollen“, sondern immer nur: „Wie seltsam, daß ich das nicht schon hundertmal getan habe!“ – Zuletzt sind die wenigsten Handlungen typische Handlungen und wirklich Abbreviaturen einer Person; und in Anbetracht, wie wenig Person die meisten sind, wird selten ein Mensch durch eine einzelne Tat charakterisiert. Tat der Umstände, bloß epidermal, bloß reflexmäßig als Auslösung auf einen Reiz erfolgend: lange bevor die Tiefe unseres Seins davon berührt, darüber befragt worden ist. Ein Zorn, ein Griff, ein Messerstich: was ist daran von Person! – Die Tat bringt häufig eine Art Starrblick und Unfreiheit mit sich: so daß der Täter durch ihre Erinnerung wie gebannt ist und sich selbst bloß als Zubehör zu ihr noch fühlt. Diese geistige Störung, eine Form von Hypnotisierung, hat man vor allem zu bekämpfen: eine einzelne Tat, sie sei welche sie sei, ist doch im Vergleich mit allem, was man tut, gleich null und darf weggerechnet werden, ohne daß die Rechnung falsch würde. Das unbillige Interesse, welches die Gesellschaft haben kann, unsre ganze Existenz nur in einer Richtung nachzurechnen, wie als ob ihr Sinn sei, eine einzelne Tat herauszutreiben, sollte den Täter selbst nicht anstecken: leider geschieht es fast beständig. Das hängt daran, daß jeder Tat mit ungewöhnlichen Folgen eine geistige Störung folgt: gleichgültig selbst, ob diese Folgen gute oder schlimme sind. Man sehe einen Verliebten an, dem ein Versprechen zuteil geworden; einen Dichter, dem ein Theater Beifall klatscht: sie unterscheiden sich, was den torpor intellectualis betrifft, in nichts von dem Anarchisten, den man mit einer Haussuchung überfällt.
Es gibt Handlungen, die unser unwürdig sind: Handlungen, die, als typisch genommen, uns in eine niedrigere Gattung herabdrücken würden. Hier hat man allein diesen Fehler zu vermeiden, daß man sie typisch nimmt. Es gibt die umgekehrte Art Handlungen, deren wir nicht würdig sind: Ausnahmen, aus einer besondern Fülle von Glück und Gesundheit geboren, unsere höchsten Flutwellen, die ein Sturm, ein Zufall einmal so hoch trieb: solche Handlungen und „Werke“ sind ebenfalls nicht typisch. Man soll einen Künstler nie nach dem Maße seiner Werke messen.

Aus dem Nachlass der Achtziger Jahre. In: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden, hg. von Karl Schlechta, München 1954, 3. Band, S.597 – 598.

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