Differentia

Tat und Täter

Verfolgt man die Irritationen über die Tat von Oslo (22. Juli 2011) und die Spekulationen über den Täter, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass nichts so stumm verbleibt wie das, was von sich Reden machen will, und das, worüber geredet wird. Der Tat gehört angeblich zu einem Täter und beides, Tat wie Täter, erscheinen in den ablaufenden Kommunikationen als der Fix- und Anziehungspunkt von Unterscheidungsroutinen, die wie von selbst ihre Ursachen genauso vergeblich suchen wie sie ihre Wirkungen jederzeit erfolgreich finden. Neben die Unterscheidung von Tat und Täter treten Unterscheidungen wie Motiv und Gesinnung, Ideologie und Glaube, Handlung und Gewalt, Hass und Angst, Täter und Opfer, Schuld und Unschuld – und in all dem erkennen sich die Kommunikationen wieder, die diese Unterscheidungen hervorbringen und sich durch ein Referieren auf die Unterscheidung von Tat und Täter in ihrer Evidenz verstärken. So entsteht durch Wiedererkennung die Verlässlichkeit einer Ordnungsvermutung, die in den ablaufenden Kommunikationen genauso gut als Zerrbild auftritt. Die Ordnung ist dabei nur ein Schema der Reduktion, das gebraucht wird, um die Irritation in Schranken zu verweisen angesichts eines Schreckens, dessen Normalität in der modernen Gesellschaft nur auf Pathologien bezugnehmen darf. So wird die Normalität des Schreckens nur als eine fremdreferenzierbare Realität behandelt, nur als eine defizitäre Beschneidung von Ansprüchen an ein Verstehen der Welt, das von der Welt als heile Welt ausgeht. Aber nur im Ausnahmefall wird dieser Normalfall in Erinnerung gerufen und nur in diesem Fall kann man den Ausnahmefall als Normalfall erkennen. Und all dies nur, weil sich eine heile Welt von dieser Seite aus ihrer Zugänglichkeit entzieht.
Die Gewalt dient der Evidenzverstärkung einer solchen Ordnung. Der Schrecken blockiert Kontingenz und rechtfertigt das Festhalten an einem Ordnungsgefüge, das auf alle Träume und Alpträume gleichzeitig anspielen kann. Und nicht weniges davon richtet sich an die Unterstellung von „Menschlichkeit“. Menschlich soll es zugehen, obgleich nirgendwo eine Ordnung auffindbar wäre, die klar machen könnte, worum es dabei geht, abgesehen von jener Ordnung, welche entsteht, wenn die beständige Wiederholung von Differenzen der Menschlichkeit als Anspruch und Unterstellung auf Personen zugerechnet und von diesen als abrufbar bereit gestellt werden soll. Im schon bezeichneten Normalfall wird ein Scheitern an solchen Ansprüchen aber gar nicht bemerkt und kann auch gar nicht bemerkt werden, weil andernfalls alle Erwartungssicherheit vollständig blockiert würde. Wer hat sich denn zuletzt menschlich verhalten? Man stelle sich vor, dass das ganz genau gewusst werden müsse. Sich „menschlich“ zu verhalten geht nur dann, und auch dann sehr leicht, wenn die Erwartungssicherheit nicht allzu groß ist, wenn also das Scheitern im Erwartungsverhalten schon reflektiert ist. Und es scheint, dass die dafür notwendige Reflexivität nicht unbedeutend an der Intensität von Irritationen gebunden ist, welche im Falle eines Riesenschreckens praktisch sofort zusammenbricht. Jetzt wird evident, was vordem als Evidenzproblem gar nicht auftrat, dass nämlich der Schrecken durch eine „unmenschliche“ Tat verursacht wurde. Tatsächlich aber gibt es keine Möglichkeit durch Menschlichkeit den Schrecken zu verhindern, da ein menschliches Verhalten nur selten bemerkt wird.
So macht das Schreckensereignis eigentlich nur auf einen Irrtum aufmerksam, der allerdings durch das Ordnungsgefüge, das durch Minimierung von Kontingenz recht stabil bleiben kann, nicht ansprechbar ist. Man kann sich in einer heilen Welt wähnen oder noch glauben, sich auf eine solche hinzuzubewegen, solange dieser Wahn nicht verraten wird.

Die Kommunikation reflektiert aber genau dies: es bekommt nicht die heile Welt einen Riss, sondern der Wahn, der glauben machen möchte, eine heile Welt sei zu erwarten. Und wie jeder Wahn ist dieser Wahn radikalisierbar und in Fanatismus umsetzbar. So zeigt sich zuletzt, dass der Fanatiker, der Terrorist, der Unmensch nur an einer heilen Welt erkrankt ist, die er – wie alle anderen auch – nicht versteht. So ist der Täter nur ein Verräter, der wie alle anderen Verräter behandelt wird: als Unmensch, der eine Ordnung stört, die es gar nicht gibt. Die Schreckenstat ist eine Tat des Verrats, und nur deshalb kann er bestraft werden, weil nur so der Schrecken wieder gut gemacht werden kann. Die Strafe versöhnt und reguliert den Wahn.
Und so bleiben Tat wie Täter gerade angesichts der aufregten Diskussionen eben durch diesselben reichlich unerkannt.

Gegen die Reue von Friedrich Nietzsche

Gegen die Reue. – Ich liebe diese Art Feigheit gegen die eigene Tat nicht; man soll sich selbst nicht im Stich lassen unter dem Ansturz unerwarteter Schande und Bedrängnis. Ein extremer Stolz ist da eher am Platz. Zuletzt, was hilft es! Keine Tat wird dadurch, daß sie bereut wird, ungetan; ebensowenig dadurch, daß sie „vergeben“ oder daß sie „gesühnt“ wird. Man müßte Theologe sein, um an eine schuldentilgende Macht zu glauben: wir Immoralisten ziehen es vor, nicht an „Schuld“ zu glauben. Wir halten dafür, daß jedwederlei Handlung in der Wurzel wert-identisch ist, – insgleichen daß Handlungen, welche sich gegen uns wenden, ebendarum immer noch, ökonomisch gerechnet, nützliche, allgemein-wünschbare Handlungen sein können. – Im einzelnen Fall werden wir zugestehen, daß eine Tat uns leicht hätte erspart bleiben können, – nur die Umstände haben uns zu ihr begünstigt. Wer von uns hätte nicht, von den Umständen begünstigt, schon die ganze Skala der Verbrechen durchgemacht?… Man soll deshalb nie sagen: „Das und das hättest du nicht tun sollen“, sondern immer nur: „Wie seltsam, daß ich das nicht schon hundertmal getan habe!“ – Zuletzt sind die wenigsten Handlungen typische Handlungen und wirklich Abbreviaturen einer Person; und in Anbetracht, wie wenig Person die meisten sind, wird selten ein Mensch durch eine einzelne Tat charakterisiert. Tat der Umstände, bloß epidermal, bloß reflexmäßig als Auslösung auf einen Reiz erfolgend: lange bevor die Tiefe unseres Seins davon berührt, darüber befragt worden ist. Ein Zorn, ein Griff, ein Messerstich: was ist daran von Person! – Die Tat bringt häufig eine Art Starrblick und Unfreiheit mit sich: so daß der Täter durch ihre Erinnerung wie gebannt ist und sich selbst bloß als Zubehör zu ihr noch fühlt. Diese geistige Störung, eine Form von Hypnotisierung, hat man vor allem zu bekämpfen: eine einzelne Tat, sie sei welche sie sei, ist doch im Vergleich mit allem, was man tut, gleich null und darf weggerechnet werden, ohne daß die Rechnung falsch würde. Das unbillige Interesse, welches die Gesellschaft haben kann, unsre ganze Existenz nur in einer Richtung nachzurechnen, wie als ob ihr Sinn sei, eine einzelne Tat herauszutreiben, sollte den Täter selbst nicht anstecken: leider geschieht es fast beständig. Das hängt daran, daß jeder Tat mit ungewöhnlichen Folgen eine geistige Störung folgt: gleichgültig selbst, ob diese Folgen gute oder schlimme sind. Man sehe einen Verliebten an, dem ein Versprechen zuteil geworden; einen Dichter, dem ein Theater Beifall klatscht: sie unterscheiden sich, was den torpor intellectualis betrifft, in nichts von dem Anarchisten, den man mit einer Haussuchung überfällt.
Es gibt Handlungen, die unser unwürdig sind: Handlungen, die, als typisch genommen, uns in eine niedrigere Gattung herabdrücken würden. Hier hat man allein diesen Fehler zu vermeiden, daß man sie typisch nimmt. Es gibt die umgekehrte Art Handlungen, deren wir nicht würdig sind: Ausnahmen, aus einer besondern Fülle von Glück und Gesundheit geboren, unsere höchsten Flutwellen, die ein Sturm, ein Zufall einmal so hoch trieb: solche Handlungen und „Werke“ sind ebenfalls nicht typisch. Man soll einen Künstler nie nach dem Maße seiner Werke messen.

Aus dem Nachlass der Achtziger Jahre. In: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden, hg. von Karl Schlechta, München 1954, 3. Band, S.597 – 598.

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