Vergesslichkeit und Irrtum 1

von Kusanowsky

Nicht zum ersten und ganz gewiss nicht zum letzten Mal kommt durch das Internet ein Thema auf, dessen Relevanz einem systemtheoretisch geschulten Beobachter schon lange bekannt ist, das aber seine Brisanz offensichtlich erst in dem Augenblick erfährt, indem eine spezifische Strukturänderung auf genau jene Strukturen aufmerksam macht, die sich in Veränderung zu befinden scheinen und mit dieser Veränderung verschwinden könnten. Aber streng genommen geht es um ein uraltes Thema, das in kulturhistorischer Perspektive noch niemals unbedeutend gewesen ist. Es geht ums Gedächtnis, es geht darum wie Erinnerung möglich ist und wie man sich zur Vergesslichkeit verhält.
Ganz grob gesehen dürfte dieses Thema so alt sein wie die Erfindung und Verbreitung von Schrift. Denn die analphabeten, tribalen Gesellschaften hatten kein reflektierbares Problem mit Vergesslichkeit, da die Welt nur als ritualisiert erzählbare Welt der ständigen Vergegenwärtigung in Erscheinung trat. Rituale als Form der Sequenzierung von Erzählungen stellten sicher, dass alles, was erzählbar war, auch wiedererzählt werden konnte; und nur durch Wiedererzählung gelang das Weitererzählen, die Tradition, die Übereignung hinweg über Räume und Generationen. Natürlich gelang mit jeder Wiederholung niemals ein fehlerfreier Durchlauf der immer gleichen Routine, aber auch in einer Welt, die nur durch die Ritualform erfahrbar war, gab es mehr als nur eine Erzählung. Es gab verschiedene Erzählungen, die aufeinander verwiesen und durch Verweis und Gegenverweis, die genauso ritualisiert abliefen, Konsistenzprüfungen vollzogen, die ein hohes Maß an Fehlerbereinigung garantierten und durch Verweisungskompelxität ein kohärentes Gefüge ausbildeten, die eine enorm lange Zeit ein Weltverhältnis ausbildeten. Die tribale Gesellschaft hatte zwar ständig mit Ungereimtheiten, die durch Vergesslichkeit und Irrtum entstanden, zu tun, aber sie konnte dafür niemals eine Erklärung finden als die, die sich aus der Notwendigkeit des Wieder- und Weitererzählens ergab. Denn für das, was sich im Ablauf der Erzählung nicht ereignete, also die Lücken durch vergessen und irren, waren durch keine andere Form der Erfahrungsbildung reflektierbar. Man könnte sagen, dass die tribale Gesellschaftsstruktur mit Vergesslichkeit und mit Irrtum zwar konfrontiert war, aber sie hatte dafür nur auf der Basis ihrer jeweils eigentypischen Erfahrungsform eine Erklärung, nämlich eine weitere Erzählung, die ritualisiert werden musste wie jede andere, damit sie auf Stimmigkeit überprüft werden konnte.
Insofern könnte man sich in etwa vorstellen, welche Art von Krise diese Gesellschaft seit der Aneignung von Kenntnissen der Metallverarbeitung durchmachen musste, welche schließlich mit dem Schriftgebrauch ein gänzlich verschiedenes Weltverhältnis ermöglichte. Denn erst der Schriftgebrauch machte, unter der Voraussetzung, das seine künftigen Konsequenzen noch völlig unbekannt waren, die tribale Gesellschaft erklärbar, die sich durch die Ritualform reproduzierte. Erst durch Schrift, konnte man Vergesslichkeit und Irrtum erfahrbar machen, erst jetzt konnte man von etwas wissen, über das die Vorfahren ständig gestolpert waren ohne es erklären zu können. Der antike Zivilisationsstolz, besonders in seiner altgriechischen Spielart des Logos, dürfte darin begründet sein. Man konnte jetzt wissen, was den Barbaren fehlte: der Logos. Damit war eine großartige Lösung für ebenso unhaltbare wie komplexe Probleme der Überlieferung gefunden, aber genauso hatte man keine Ahnung, was Schrift in der Folge anrichten könnte.
Die Ritualform ist entsprechend die erste Form der Reproduktion von Erfahrung. Diese Erfahrungsform könnte man als ein zirkuläres Verhältnis zwischen Ritual und Wiederholung definieren, das zustande kommt, sobald beides eine Differenz ausbildet, die Ritual und Wiederholung erst ermöglicht. Das Ritual ist Ritual, sofern es wiederholbar ist, aber alle Wiederholbarkeit braucht das Ritual. Und erst sobald sich eine paradoxe Differenz zwischen dem Ritual der Wiederholung und der Wiederholung des Rituals zeigt, kann die Selbstreferenz des sinnhaften Prozessierens auseinandergezogen und in Strukturen entfaltet werden. Diese Strukturen schlugen in Sprache nieder, die gebraucht wurde, um Rituale zu vollziehen. Die operative Schließung der Systeme ist zwar vollständig und determinert, aber ihrer Strukturierung ist nicht kausal festgelegt, wie anders könnte sonst Neues entstehen, das Freiheitspielräume ausnützt?
Fortsetzung

Siehe dazu auch zurückliegende Artikel
Erinnerung an die Vergesslichkeit
Gedächtnis und Manipulation
Gedächtnis und Datenschutz
Massenmedien, Gedächtnis, Dokumentform
Löschen und vergessen – Wie die Gesellschaft ihre Probleme in Erfahrung bringt
Lernen und Vergesslichkeit