Bitte weitersagen: Dein Gesicht ist nicht das Originalbild

Letztes Jahr bei diesem Wetter wurde die saure Gurkenzeit damit verbracht, sich über Google-Street-View zu irritieren, diesmal soll die gleiche Witterung dazu genutzt werden, die Gesichtserkennung „gruselig“ zu finden. Es wird berichtet, dass die Schwarmintelligenz sich schon an die Arbeit gemacht habe, die gesamte Bevölkerung eines ramponierten Planeten zu taggen; und das Muster der Erregung ist das gleiche wie vor einem Jahr: die Gesichtserkennung wird bekannt und dann passiert erst mal gar nichts. Dann wird Sommer und plötzlich gibt es Grund sich gruseln.
Gruselig ist wahrscheinlich nur die Wiederholung einer Diskussion, die schon vor längerer Zeit wegen eines Mangels an Lernbereitschaft abgesagt wurde, weil niemand sagen kann, woher der Schlamassel kommt. Mithilfe eines technischen Verfahrens können Gesichter erkannt werden und prinzipiell kann niemand übersichtlich verfolgen, auf welchem Bild man selbst zu sehen sein könnte, wenn das eigene Gesicht von irgend jemanden markiert wird. Schlimm.
Wenn man vermuten könnte, dass mit diesem Verfahren ein besorgniserregendes Problem gelöst werden würde, das vorher immer wieder Anlass zu schwerwiegenden Irritationen gab, da man ständig mit anderen verwechselt wurde, so könnte man die Gesichtserkennung mit einem großen „Hurra“ begrüßen, wenn dadurch sicher gestellt würde, dass man endlich und für alle Zeit immer als derjenige erkennt wird, der man tatsächlich ist. Aber wer könnte das jetzt noch wissen, wenn alle Bilder als digitale Bilder ins Netz kommen, die kein Original haben? Man müsste ja jedes Bild eines Gesichts mit dem eines wirklichen Gesicht vergleichen können, was allerdings nicht geht, weil jedes wirkliche Gesicht nur als digitales Bild zur Welt kommt. Dieses Gesichtserkennungsverfahren sorgt nur dafür, dass von keinem Gesicht mehr behauptet werden kann, es sei ein wirkliches, ein wahres Gesicht. Denn woran könnte man es erkennen?
Und diese Einsicht ist eigentlich auch gar nicht neu, sondern wurde nur durch die Dokumentform verdeckt und verdunkelt, da diese Form sich dadurch auszeichnete, dass eine Irritation über die Wirlichkeit zuließ und dabei doch nur eine Irritation um die Wirklichkeit dieser Form war, die sich durch ihre Beurteilung invisibilisierte und erst in dem Augenblick, in dem sie ihre Wirklichkeit offenbart, die darin besteht, nichts anderes außer ihrer eigenen Wirklichkeit zu zeigen, Irritationen über die Frage erzeugt, was denn jetzt noch Wirklichkeit sein könnte. Und weil einem dazu nichts Brauchbares einfällt versucht man es mit Gruseligkeiten in der Hoffnung, es könnte etwas Weiterführendes dabei herauskommen. Wenn schon nichts Erfreuliches, dann wenigstens etwas Schlimmes?
Aber leider: dein Gesicht ist nicht erkennbar, weil alles was man erkennen kann durch die Verarbeitung von Information geschieht. Das technische Verfahren löst hier nur das Problem, das durch ein anderes technisches Verfahren hergestellt wird, dass man nämlich Bilder erzeugen kann, die Wahrnehmung kommunizieren, ohne, dass diese Kommunikation wahrgenommen werden könnte. Bilder haben nur eine kommunikative Realität. Wer dagegen einwenden möchte, dass das man Bild, das man gerade sieht, tatsächlich und wirklich wahrnimmt, macht nur eine weitere Kommunikation über Wahrnehmung möglich. Aber Wahrnehmung kann man mit keinem technischen Verfahren wahrnehmbar machen. Wahrnehmung ist, wenn auch als Voraussetzung notwendig, für alle Kommunikation unerreichbar. Dein wahres Gesicht hast nicht einmal du selbst schon gesehen. Vielleicht sollte man daher eine Kommunikationstheorie in eine Theorie der Verwechselung umschreiben, um noch einmal zu erklären, was nur schwer verständlich zu machen.
Und vermutlich dürfte eine solche Theorie der Verwechslung schon längst in Arbeit sein.