„Der Zettelkasten ist viereckig“ – Nachtrag zu Die Wirklichkeit des Zettelkastens #systemtheorie

Als Kommentar zu dem Beitrag: Die Wirklichkeit des Zettelkastens habe ich von einem Facebook-Anonymus folgenden Beitrag erhalten, den ich hier mitteilen möchte.

Dass es sich bei der soziologischen Systemtheorie tatsächlich um eine Quasi-Religion handelt, ist mittlerweile ja wirklich überdeutlich. Luhmann kann als Äquivalent zu „Jesus“ gesehen werden, doch auch sehr treffend als „Moses“: Die Systeme (Gott/Götter, das Transzendente) haben Luhmann „auserwählt“, rekrutiert, vom Baum der Erkenntnis zu essen und im Diesseits immanenter Bewusstseinssysteme zu erkennen: Es gibt Systeme! (bzw.: Wir können annehmen, dass es Systeme gibt). Diese Botschaft verkündete er in der Welt, wurde angefeindet fand alsbald doch auch fromme Jünger, die auch nach seinem Tode (und gerade durch diesen befeuert), die frohe Botschaft weiter verbreiten (und dabei nach und nach notgedrungen auch „verwässern“ bzw. gewollt oder ungewollt re-evolutionieren). Nun gibt es eine wahre Exegese der Luhmann-Schriften: Zu jeder Frage, zu jeder Lebenssituation findet sich irgendwo eine Textstelle, die Erkenntnis verspricht (nach all den weltpolitischen Turbulenzen der vergangenen Monate lese ich selbst z.B. gerade „Die Moral der Gesellschaft“ und schon kann ich das Elend in der Welt und die tägliche Skandalflut ein klein wenig besser ertragen ;-)). Es gibt eine große orthodoxe Luhmann-Schar und eine (bislang kleinere) Gruppe von Häretikern wie Helmut Willke und vielleicht auch ein wenig Dirk Baecker, die sich momentan an der Zeppelin Universität sammeln, um vielleicht irgendwann irgendwo dann doch nochmal „95 Thesen“ an eine Tür zu nageln? Je nachdem wie „bibelfest“ bzw. systemtheorie-firm man sich selbst auffasst, ist es ja so, dass man, sobald man eine jeweils bestimmte, eindeutige Formulierung Luhmanns findet, damit schon sehr viel legitimieren kann: „Seite xy in dem und dem Buch sagt Luhmann das und das“ – und damit IST DAS SO … wie oft hat man erlebt dass jeder Versuch an Luhmann-Äußerungen „Fehler“ zu finden oder Versuche, es irgendwie anders zu sehen, letztlich nach intensiverem Nachdenken doch nicht überzeugen konnten, da die von Luhmann niedergeschriebenen Ansichten letztlich doch sinnvoller erschienen als die alternativen Sichtmöglichkeiten. Das Recht Luhmann frontal zu widersprechen hat zwar im Prinzip jeder, doch erhört werden solche Häretiker erst, wenn sie sich wissenschaftlichen Ruhm erarbeitet haben. Wer würde schon ernsthaft auf einen Zweitsemester-Soziologiest​udenten hören, der es wagt an Luhmann zu zweifeln? Die beständigen Zweifler, die sich auch nach Wochen nicht überzeugt vom Luhmann-Kosmos zeigen, das weiß man, gehen über kurz oder lang an heidnische Gruppierungen verloren, folgen alten Naturreligionen wie dem Marxismus oder anderen Propheten wie Habermas. Einige haben gar auch mehrere Götter gleichzeitig: Für sie muss der Himmel der Soziologen erscheinen wie der Olymp, in dem verschiedene gleichstarke Götter sich bekriegen. Doch hat der Monotheismus einige Vor-(aber auch Nach)Teile, gerade wenn es auf Schriftreligionen hinausläuft: Denn wie es sich für eine Schriftreligion gehört, haben wir natürlich auch ein altes Testament (vor der autopoietischen Wende 1984) und ein neues Testament (Texte 1984-1998) – so dass man durch verschiedene Lesarten durchaus auch als einfaches Schäfchen in der Jüngerschar Luhmannkritik äußern kann, indem man verschiedene (ältere und jüngere) Textstellen aufspürt, die sich erstblicklich zu widersprechen scheinen. Ein erhabenes Gefühl stellt sich ein, dem Meister einen Fehler nachweisen zu können in seinem ansonsten nahezu wasserdichten Theoriekomplex. Zu dumm nur, dass gerade Widersprüche Anschlusskommunikationen wahrscheinlich machen und somit gerade die Wirkkraft seiner Theorie immer weiter erhöhen. Der zentralste Vorwurf, den man der Systemtheorie vielleicht machen konnte, war der, dass sie die „Empirie“ vernachlässigte und stattdessen als scholastische Methode universale Geltungsansprüche stellte. Es ist eben auch weniger praktische, nutzenorientierte „Wissenschaft“, als vielmehr die Religion, die in Krisenzeiten so stark gefordert ist. Der Zettelkasten ist viereckig wie die Kaaba!