Differentia

Monat: Juni, 2011

Das Plagiat – ein akademisches Kulturgut. Ein Plädoyer für mehr akademische Lernbereitschaft

Wer sich ein eigenes Bild vom Ausmaß der Praxis des Plagiierens im Wissenschaftsbetrieb machen möchte hat nicht sehr viel zu tun. Man entnehme dem Präsenzbestand einer Fachbibliothek stichprobenartig drei oder vier Bücher, seien dies Dissertationen, Habilitationsschriften oder Aufsätze in Sammelbänden oder Zeitschriften und überprüfe genauso stichprobenartig die jeweils angegeben Fußnotenhinweise, indem man die Stellen mit den zitierten Schriften vergleicht, sofern diese in der Fachbibliothek ebenfalls zum Präsenzbestand gehören und verfolge von diesen Schriften wiederum die nächsten Fußnotenhinweise zurück. Wichtig ist dabei immer auf den Kontext von Zitaten zu achten. Auf diese Weise findet man nicht nur heraus, was zitiert, sondern auch, was nicht zitiert wurde. Nach vielleicht zwei Vormittagen kann man die Arbeit als erledigt betrachten, denn das Ergebnis der Stichprobe gibt ja Auskunft über die Wahrscheinlichkeit, mit der man auch in anderen Schriften Plagiate finden wird. Einen Sensationsfund macht, wer keine Plagiate findet.

Man könnte diesen Befund zum Anlass für die Frage nehmen, was den eigentlich ein Plagiat sei, was bedeutet, dass man sich auf differenzierte Spekulationen darüber einlassen muss, wer in dieser Frage Recht hat. Und wer nicht glauben will, wie vergeblich diese Diskussion ist, muss die Beobachtung ignorieren, dass der Versuch, Plagiate aufzudecken immer auch weitere Plagiate nach sich zieht.
All diesen Diskussionen geht die Vermutung voraus, dass man immer schon wisse, was ein Plagiat sei, weshalb es nicht wundert, wenn man erstens eine ganze Menge findet und zweitens die eigene Einschätzung um für und wider immer ganz leicht und trefflich begründen kann; zuzüglich aller widersteitenden Einschätzungen kommt man schließlich doch auf das Ergebnis zurück, dass Plagiate normal und wahrscheinlich sind.

Eine Wissenschaft, die gewohnt ist, sich ob ihrer Würde zu irritieren – eine Würde von welcher niemand weiß woher sie kommen sollte, wenn man denn nicht annehmen wollte, dass sie nur eine Eigenillusion der Wissenschaft selber ist – muss diesen empirischen Normalfall mit normativer Arroganz zurückweisen. Das Plagiieren dürfe nicht sein, die Wissenschaft sei zur Ehrlichkeit verpflichtet. Wenn aber Aufrichtigkeit und Authentizität das Kapital der Wissenschaft wäre, dann könnte sie gar nicht funktionieren. Denn wer ist aufrichtig? Je dringlicher sich der Imperativ der Aufrichtigkeit durchsetzen will, umso größer wird der Zweifel daran. Denn die Dringlichkeit verweist ja auf die andere Seite der verwendeten Unterscheidung, wodurch bemerkbar wird, wie normal das Schummeln ist. Und wer will angesichts der abzutragenden Intransparenz glaubhaft machen wollen, dass durch PlagWikis damit endlich Schluss gemacht werden könnte, ist über die Kompetenz der Plagiatsjäger auch noch nicht vollständig informiert.

Alles in allem ist man zur Nüchternheit verpflichtet: Der Normalfall des Plagiierens wird weiterhin genauso beobachtet und skandalisiert werden wie das Verbot. Der Wissenschaft ist in dieser Hinsicht zur Lernunfähigkeit verurteilt. Aller sonstigen notwendigen Lernbereitschaft bleibt vorerst ein nicht zu berücksichtigendes Verbotsschild vor die Nase gehalten, das lauten könnte: Du darfst nicht lernen, dass Plagiieren ein geeignetes Mittel ist, um den Forschungsprozess zu verbessern.
Möglicherweise haben darüber in der Wissenschaft bislang nur sehr wenige nachgedacht.
Eingangs wurde erwähnt, dass die Frage, was ein Plagiat ist, keineswegs so eindeutig ist, wie die Diskutierenden unterstellen möchten. Die Beobachtung der Uneindeutigkeit ergibt sich aus der Diskussion um das Für und Wider. Empirisch hat man es mit Kontingenz zu tun. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man einmal genauer darauf achtet wie etwa im VroniPlag Original und Plagiat gegenüber gestellt werden. Im Gesamtzusammenhang eines Plagiats-Textes dürfte, wenn dieser wiederum selbst zum Plagiat freigegeben wäre, kaum etwas von dem übrig bleiben, was ursprünglich intendiert war, wenn man zusätzlich die Möglichkeit in Erwägung zieht, dass eine Stelle nicht nur von einem Schreiber übernommen würde, sondern vielleicht von mehreren, die ebenfalls Variierungen durch Abschreiben vornehmen, welche anschließend durch weitere Übernahmen variiert würden. So verwandelt sich alles im Laufe eines Produktionsprozesses von Texten, was schon allein schon durch Kontextverschiebung geschieht, damit Unterschiede überhaupt bemerkt werden können.

Erst in dem Augenblick, indem man das Plagiieren frei gibt, werden die Unterschiede auffällig und damit auch die Frage ihrer Relevanz; eine Frage, die gegenwärtig stiefmütterlich behandelt werden muss, weil die Kontingenz des Plagiats stärker skandaliert wird als seine Bedeutsamkeit. Denn beachte: auch die Bedeutsamkeit könnte sich als kontingent heraus stellen, und was könnte ein Wissenschaft besseres erbringen als Forschungsergebnisse, deren Bedeutsamkeit durch Einschränkung von Kontingenz entsteht? Da aber gegenwärtig über die Bedeutsamkeit des Wissens gar nichts mehr ermittelbar ist, konzentriert sich die Diskussion auf die Bedeutsamkeit der Karrieren.
So käme man auf die Überlegung, dass durch Ausnützung einer Schwarmintelligenz des Plagiierens sehr viel bessere Möglichkeiten für die Forschung zustande kämen als durch das Beharren auf eine „faustische Gelehrsamkeit“, die an einem Geniebegriff festhalten will, der durch seine Trivialisierung in der Massenuniversität schon lange keine Überzeugungskraft mehr hat.

Aber die Wissenschaft ist auf solche Überlegungen nicht vorbereitet und kann sich an den zu erforschenden Möglichkeiten einer Schwarmintelligenz nicht ausrichten, da sie kein transparentes Qualifiaktions- und Bewertungssystem entwickeln kann, durch das Karrieren legitimiert werden könnten. Denn die Tatsache, dass nicht Bedeutsamkeit der Schriften skandalisiert wird, sondern die Karrieren, die mit angeblich unlauteren Mitteln durchgesetzt wurden, verweist darauf, dass für die Beurteilung einer Bedeutsamkeit keine Kriterien mehr vorhanden sind, weil alle Kriterien in der Intransparenz eines Wissenschaftsbetriebes zerfallen, der maßgeblich durch ein Wissenschaftsbeamtentum getragen wird. Es sind in allen Fällen Beamte, die darüber entscheiden, wer Beamter werden kann und die dafür auskunftsfähigen Beurteilungsmaßstäbe verhalten sich zu ihrer Transparenz wie die Aufrichtigkeit des Wissenschaftlers zu ihrer Kommunikabilität.
Landläufig wird in der Universität angenommen, es sei die nachweisebare Qualifikation, die eine Beförderung ermögliche, tatsächlich verhält es sich andersherum: wer zur Beförderung zugelassen wird, kann seine Qualifikation beweisen; und alle anderen werden aussortiert. Denn wer will glauben, dass von 1.000 Genies, die ein Studium beginnen, nur eine Handvoll zur Beförderung geeignet ist? Aber darüber kann sich der Wissenschaftsbetrieb keine Rechenschaft ablegen.
So muss es dabei bleiben, dass die Wissenschaft nicht lernen kann, wie sie auf die Veränderung der Bedingungen ihrer Selbsterfahrungsmöglichkeiten reagieren könnte. Denn was das „Geschwätz der Leute“ für die Marktakzeptanz von Waren aller Art ist, ohne welches alle Werbung fruchtlos wäre, das ist die Kommunikation unter Wissenschaftler für den Erfolg von Forschungsergebnissen. Wissenschaft ist das Ergebnis von Kommunikation über Wissenschaft und nicht die Einzelleistung von Forschern. Dass aber die Wissenschaft auf der gegenteiligen Behauptung beharren muss, liegt in erster Linie an der strukturellen Selbstdetermination eines Funktionssystems, das in seinen Ergebnissen mehr über eine herrschende Zivilisationsideologie Auskunft gibt als über die Bedingungen ihrer Möglichkeit. Die Wissenschaft kann sich nicht als durch Forschung und Erfahrung entstandene soziale Form beschreiben, sondern durch die Einzelkompetenz von wahrheitsbedürftigen und vernunftsfähigen Subjekten, welche empirischen Befunde auch immer dagegen sprechen mögen.
Für die Beobachtung eines Lernprozesses, der etwas davon Verschiedenes in Erfahrung bringt, dürfte sich ein weiter Horizont des Nachdenkens entfalten, der vorest auf Standby geschaltet bleiben muss.

Amina – Identität und Authentizität als Problem der Simulation

Es funktioniert immer wieder. Im Jahre 1906 hatte es der entlassene Strafgefangene Friedrich Wilhelm Voigt geschafft, in der Kostümierung eines Hauptmanns der preußischen Armee die Stadtkasse von Köpenick zu plündern. Die Geschichte ist bekannt und war als Ereignis gleichsam eine variierte Nacherzählung des bekannten Novellenstoffes „Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller aus dem Jahre 1874. Dieser Erzählung fand ihre Motive in verschiedenen Erzählformen wie die des Märchens, in der Berichterstattung über solche Fälle und in Komödien, die wiederum nur populäre Erzählstoffe aus dem 18. Jahrundert aufgriffen und umformten. Der bekannteste Fall von Hochstapelei in jüngerer Zeit war der des Gert Postel, der eine beachtliche Karriere als Arzt durchlief. Und damit wäre nur eine kleine Sammlung aus dem deutschsprachigen Raum zusammengetragen. Aber nicht nur im europäischen, sondern auch im arabischen Raum dürfte man eine variantenreiche Komplexität von Erzählungen finden, welche sowohl Identitätsbetrug als auch Identitätsvertauschung thematisieren.
Es ist also keineswegs eine übertriebene Einschätzung, wenn man bemerkt, dass solche Erzählungen, die immer wieder eine Trinität von Realität, Identität und Authentizität unterscheiden, zum normalen Erfahrungsprogramm sozialer Systeme gehören. Diese Normalität repoduziert sich durch Analyse und Synthese ihrer Elemente, zu denen Humor genauso gehört wie die Skandalisierung von Empörung.
So ist es auch kein Wunder, dass Hochstapler, Betrüger und Spaßvögel in der Internetkommunikation auffallen und durch dieses Medium eine solche Erzähltradition fortsetzen.
Aktuell geht es um den Fall „Amina Abdallah Arraf“, eine syrische Bloggerin, von welcher erzählt wird, dass sie ihre Identität nur vorgetäuscht habe. In Wirklichkeit sei sie aber die Erfindung eines amerikanischen Studenten, der die Geschichte eines „Hauptmann von Damaskus“ wiedererinnert habe und mit diesem Hoax weltweite Aufmerksamkeit erregen konnte, da es gelang, durch diese Fiktion die politische Realität in Syrien authentisch zu thematisieren.
„Amina“ – nomen est omen, wie man sagt – „die Vertrauenswürdige“, so die übersetzte Bedeutung dieses Namens, wurde vom Publikum als prominente Figur eines Widerstandes inszeniert, welcher in der Erzählung der westlichen Welt ebenfalls eine aufmerksamkeitsgenerierende Funktion besitzt. Widerstand ist dieser Erzähltradition nach mit Unschuld, Rechtschaffenheit und Courage konnotiert. In diesem Zusammenhang fällt schließlich die Unterscheidung auf: Macht auf der einen Seite, die als erstrebenswert erscheint unter der Voraussetzung, dass die sich daran knüpfenden Erwartungen von Gerechtigkeit und Wahrheit erfüllbar wären, wodurch Macht auf der anderen Seite durch ständige Enttäuschung solcher Erwartungen immer verdächtig ist und damit Widerstand legitimiert, der aproiri von solchen Enttäuschungen durch Unterstellung von Unschuld befreit sein sollte. Die Legitimität von Widerstand wird also immer dann ungeprüft akzeptiert, wenn Macht nachprüfbar die Erwartungen enttäuscht, durch die sie legitim sein sollte. Und diese Legitimierung von Widerstand kannn eine Projektionsfläche entrollen, auf welcher sich alle möglichen Ansprüchen, Hoffnungen und Erwartungen abbilden, die sich selbst schließlich nicht als Problem bemerken können. Wenn man Grund zur Hoffnung findet, dann auch Grund zum Vertrauen, solange die Welt ein riesiges Reservoir unerfüllter Versprechungen bereit hält.
So ist es dann auch kein Wunder, wenn ein Vertrauensbedürfnis sich dadurch befriedigt, dass es sich Phantome schafft, die passgenau die Selbstillusionierung verstärken und sich ob dieser Trefflichkeit zu einer Blase ausbilden, die ihre Instabilität in dem Maße steigert wie sie Hoffnung verbreiten kann. Das Phantom kann aber erst in dem Augenblick als solches erkannt werden, wenn die Überspanntheit des Publikums auf den Zusammenbruch der Illusion zuläuft mit dem Ziel, diese Illusion zu retten. Es zeigt sich nämlich plötzlich die angebliche Realität des Phantoms: es war ja nur ein privilegierter amerikanischer Student, also nur ein Symbol, das für eine grundsätzlich verdächtige oder jedenfalls nicht generell statthafte Lebensweise einer gesellschaftlichen Schicht steht, der als Ausganspunkt für eine Gespenstergeschichte genommen wird, die sich nur deshalb global verbreiten konnte, weil ein sich selbst bestätigender Zirkel von Unschuld und Vertrauen solche Phantome wie ein Magnet anzieht um seine selbstreferenzielle Stabilität zu garantieren. So zeigt sich schließlich was durch die Entlarvung des Phantoms gewonnen wird: die Berechtigung einer Illusion, die um so härter wird, da nunmehr die moralische Integrität amerikanischer Mittelschichtsstudenten trefflich bezweifeln werden kann.
Der Troll, der hier schließlich mit Geringschätzung überhäuft wurde, kann auf diese Weise nichts zur Aufklärung beitragen, weil er nur als Phantom behandelt wird und nicht als die Realität einer Simulation, die man, wollte man sich für Aufklärung interessieren, auf die Integrität ihres Formenspiels untersuchen könnte. Würde man dies tun, könnte man eines hohes Maß Perfektion bemerken, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass der Troll im Verlauf der Geschichte immer mehr Figuren ins Spiel bringen musste, um die Konsistenz der Erzählung zu verfizieren. Schließlich ist auch das Ende der Geschichte, also ihre „Wahrheit“ noch ein Bestandteil der Erzählung, kann doch allen Erntes nach Beurteilung eines solchen Illusionszusammenbruchs geglaubt werden, dass der Autor der Geschichte eine eigene Authentzität besäße, die außerhalb dieses Formenspiels der Simulation eine Wirklichkeit habe. Dass aber beide, die syrische Bloggerin genauso wie der amerikanische Student, nur Figuren innerhalb einer ablaufenden Simulation sind, die sich durch ihren Ablauf zu einer eigenwilligen Realität verdichtet, kann nur auf der nächsten Beobachtungsebene der Erzählung verstanden werden.