Differentia

Monat: Mai, 2011

Paradigmenwechsel, Strukturwandel und Warenfetischismus #leistungsschutzrecht

Langweilig wird es mit der Zeit, wenn ich immer wieder schreibe, dass ich im Ganzen den Überlegungen von Stefan Schulz zustimmen kann, aber dennoch möchte ich meinen, dass er in dem Artikel „Paradigmenwandel“ als ausführlichen Kommentar zu einem Posting von Postdramatiker zuviel des Guten getan hat, wie man auch sagt: Perlen vor die Säue geworfen hat, einen Eindruck, den ich vor einiger Zeit schon einmal beim Nick-Haflinger-Blog anbringen musste als dort ausführlich dieser „Filter-Souveränitäts-Humbug“ widerlegt wurde.

Wenn Stefan Schulz aufgrund meiner Empfehlung das Vortragsvideo schauen wollte, dann liegt wohl nur ein verdrehter Beobachtungsstandpunkt vor. Bei Postdramatiker hatte ich das Video über den Vortrag von Martin Oetting folgendermaßen kommentiert: „Schönes Beispiel dafür, wie Strukturen (hier die Strukturen der Massenmedien) sichtbar und ganz leicht verstehbar werden, sobald sie sich ändern und Vergangenheit geworden sind.“ Stefans Kritik am Vortragsstil mag zwar zutreffen, aber man stelle sich vor, in den 80er Jahren hätte jemand versucht, auf gleiche oder ähnliche Weise über das Selektionsverfahren in Redaktionsstuben zu sprechen. Man hätte das damals für affenartigen Blödsinn gehalten. Nicht etwa, weil es falsch wäre gewesen wäre, sondern weil niemand gewusst hätte, was man denn damit sagen wolle, wenn nicht ideologische Vorbehalte die Diskussion von vorneherein blockiert hätten.
Mir scheint, dass dies ein wichtiger Grund für den Strukturkonservativismus von Zeitungsverlagen ist. Dieser Konservativismus entsteht wohl durch die Selbstdeterminierung eines Geschäftsmodells, das für seine Verbreitungswege notwendig darauf angewiesen ist, Waren zu verkaufen. Und es ist gerade die Ware (hier: Zeitungen, Bücher, Schallplatten, CDs), die für Kommunikation ein Beobachtungsschema erzwingt, das den Verbreitungsprozess als kausalen Prozess versteht und nur unter dieser Bedingung die Welt kommunikabel machen kann. Die Form der Ware macht annehmbar, dass man Nachrichten, Information, Unterhaltung, Bildung „verkaufen“ könne, also all dies von „hier nach da“ zu geben, weil der Prozess der Übergabe, Übersendung oder Übermittlung stets durch Waren möglich wurde, weil ja mit der Übergabe einer Ware immer auch ein Datensatz die Stelle wechselt. Natürlich konnte klar gemacht werden, dass man „das Wissen“ behält, wenn man es weiter reicht, aber dies wieder nur durch die Übergabe von Büchern, womit noch einmal plausibel wurde, was man schon vermuten konnte: man könne Wissen haben (oder behalten).

Heinz Wittenbrink hatte vor einigen Monaten einen Beitrag über Gabriel Tarde geschrieben, in dem ein ausführliches und bemerkenswertes Zitat aus dem Jahre 1902 vorkommt:

„Die Konversation ist ein Thema, das den Ökonomen ganz besonders interessiert. Es gibt keine ökonomische Beziehung zwischen Menschen, die nicht zunächst begleitet wäre von Worten, gesprochenen Worten oder geschriebenen, gedruckten, telegrafierten, telefonierten. Selbst wenn ein Reisender irgendwelche Produkte mit Inselbewohnern austauscht, deren Sprache er nicht kennt, so findet dieser Warenaustausch nur mit Hilfe von Zeichen und Gesten statt, welche eine stumme Sprache sind. Und wie sind im übrigen diese Bedürfnisse der Produktion und der Konsumtion, des Verkaufs und des Kaufs entstanden, die durch den dank Konversationen vollbrachten Austausch gegenseitig befriedigt werden? Meist wiederum nur dank Konversationen, die die Idee eines neuen zu kaufenden oder zu produzierenden Produkts von einem Gesprächsteilnehmer zu einem anderen verbreitet haben und mit dieser Idee das Vertrauen in die Qualitäten dieses Produkts oder seinen baldigen Absatz, schließlich den Wunsch, es zu komsumieren oder zu fabrizieren. Würde das Publikum niemals plaudern, so wäre die Auslage der Waren fast stets verlorene Mühe und die hundert Millionen Trompeten der Reklame würden vergeblich erschallen. Wenn in Paris nur für acht Tage die Konversationen verstummten, so würde man bald die eigenartige Verringerung der Anzahl der Käufe in den Läden bemerken. Es gibt demnach keinen mächtigeren Chef der Konsumtion und in der Folge keinen mächtigeren. wenn auch indirekten Produktionsfaktor als das Geplauder der Individuen in ihren Mußestunden“

Also: nicht erst 1902 konnte man wissen, was jetzt durch das Internet zur Alltagserfahrung wird, aber was ist der Unterschied? Gabriel Tarde, der ja nur den Warenfetischismus wie Marx ihn beschrieb illustrierte, musste, genau wie Marx vor ihm und Adorno – und übrigens auch Luhmann – nach ihm Bücher schreiben und verkaufen um eben dies erständlich zu machen. Es gab keine anderen Wege als diejenigen, die durch Warentransport erschlossen wurden. Nicht die bessere Erkenntnis ist nunmehr der Unterschied, sondern die veränderten Bedingungen, unter denen jetzt diese Erkenntnis verständlich gemacht werden kann, was vorher und allzuoft ideologisch umkämpft war. Dass es nämlich die Beobachtung von Waren war, die ein Schema erzeugte, woraus sich eine Vielzahl an Unterscheidungen ableiteten und in Routinen gezwungen wurden. Zum Beispiel haben Ökonomen nur sehr selten danach gefragt, woher denn die Nachfrage kommt. Bei Keynes findet sich zwar schon die  Überlegung, dass sie gegebenfalls künstlich erzeugt werden müsse, um die Konjunktur anzukurbeln, aber diese Überlegung hat zur Voraussetzung, dass es eine gleichsam natürliche Nachfrage geben könne. Und das ist der Irrtum! Nicht nur das ganze Angebot, auch die ganze Nachfrage unterliegt einem gesellschaftlichen Produktionsprozess, der an keiner Stelle ohne Kommunikation in Gang kommen kann. Aber in dem Maße, in dem die Wohlfahrt der Gesellschaft in ihrer Abhängigkeit von Warenproduktion un der Verteilung von Waren verstanden wird, muss auch alles andere, also auch das Geschwätz der Leute, die sich über Waren unterhalten, unter der Voraussetzung ihrer wenigstens warenähnlichen Form berücksichtigt werden. Da nun aber das Geschwätz der Leute in der Buchhaltung nicht dokumentierbar ist, weil ja die Buchhaltung und ihr Know-how selbst durch die Beobachtung von Waren entwickelte wurde, konnte man für Kommunikation kein Geschäftsmodell entwickeln. Wie auch? Wenn nichts übergeben, übermittelt, übertragen wird? Wenn also ein Datensatz nicht die Stelle wechselt, sondern nur durch Kopieren und Zeitverzug eine weitere Differenz erzeugt.
Und jetzt stehen die Steuermänner da und können nicht anders als der Digitalisierung die Warenform, oder allgemeiner: die Dokumentform mit Gewalt aufzuzwingen. Denn die Warenform bei Marx ist ja nur die Beschreibung eines Spezialfalls, der in der Dokumentform die allgemeine Form der Empire der funktional differenzierten Gesellschaft findet.
Die Digitalisierung macht, dass sich jetzt das Kommunikationsproblem in seiner Beobachtungsfähigkeit ändert. War bislang fast alle Kommunikationstheorie eine Meinungsfrage, die nicht selten hoch ideologisch behandelt wurde, so fängt jetzt das Kommunikaitonsproblem an, das zu werden, was es schon immer war, nämlich eine Frage der Methode, die lautet: Wie funktioniert Kommunikation? Und wie könnte man damit Geld verdienen? Wenn die Art, wie Geld in die Welt kommt, dem Dokumentschema zu gehorchen hat, es also die Dokumentation eines Zahlsversprechens ist, das aber nachweislich niemand erfüllt.
Siehe dazu auch: Löschen und vergessen – Wie die Gesellschaft ihre Probleme in Erfahrung bringt
Und:

Zeitungen und Zeitschriften leben zu einem erheblichen Teil davon, die Leistungen anderer kommerziell zu nutzen. Allein das Feuilleton! Es lebt davon, über Filme zu schreiben, die jemand anders gedreht hat, über Bücher, die jemand anders verfasst hat, über Gerichte, die jemand anders gekocht hat. (Stefan Niggemeier)

Reflexivität statt Rationalität

Autopoiet hat einen sehr schönen Artikel geschrieben über eine neue Kunst für eine neue Gesellschaft, den zu lesen ich sehr empfehlen möchte.
Wenn man dem, was in dem Artikel unter „Emanzipation der Kontingenz“ geschrieben steht zustimmen will, weil man allen Grund zu der Annahme hat, dass die virulenten Dämonien, die das Internet herbeizaubert, wohl doch nicht anders reguliert werden als durch einen „Prozess der Zivilisation“, der maßgeblich durch Vernetzung selbst vonstatten geht, so kann man jederzeit sagen, dass an einer „Emanzipation der Kontingenz“ kein Weg vorbei führt. Denn wie man weiß stellen Systeme nicht nur Probleme her, sondern auch Lösungen und dies auf der Basis derselben Operativität. Daher mag sich, wenn man eine prinzipielle Unerfahrenheit die Zukunft betreffend berücksichtigt, etwas Skepsis bemerkbar machen. Man könnte diese Skepsis so formulieren: sollte sich eine „Eman­zi­pa­tion der Kon­tin­genz“ einspielen, dann wird es niemanden geben, der davon etwas merkt, weil das Wissen um die Problemsituation am Ende der funktionalen Differenzierung selbst in Kontingenz zerfällt.
Diese Problemsituation wäre historisch geworden, wräe dann ein Fall für eine „nächste Archäologie“, die bald damit auffällt, dass sie Datenspuren auf irgendwelchen liegen geblieben Servern birgt und sich zweifelnd fragen wird, worum es sich bei alldem handeln könnte.

Und wenn man annimmt, dass Informatiker bald damit anfangen, Archäologie zu betreiben, dann dürfte man auch in dieser Hinsicht annehmen, dass nicht mehr viel von dem, was wir noch Archäologie (oder auch Philologie) nennen möchten, übrig bleiben kann.
Deshalb frage ich mich, wie unter den veränderten Bedingungen einer Netzwerkdifferenzierung Kontingenz erfahr werden könnte; und wichtig: wie die Abschneidung von Kontingenz funktionieren wird. Diese Fragen sind keineswegs eine esoterisch-futuristische Spielerei, sondern scheinen mir ganz im Gegenteil der alltägliche und sehr nützliche Ausgangspunkt für einen „Prozess der Vernetzung“ zu sein, wenn wir annehmen wollen, dass er längst im Gang ist. Ich vermute daher, dass sich vielleicht und ganz anders als Systemtheoretiker meinen, sehr wohl eine integrationsfähige Theorie ausbilden kann, durch welche die ehemaligen Funktionssysteme evolutionär aufgehoben werden könnten. Das geht vermutlich durch Herausbildung einer Form von Erfahrung, die nicht mehr Rationalität in Aussicht stellt, sondern Reflexivität permanent überprüft. Es wäre dann Reflexivität, die Anschlussfähigkeit integriert. Das bedeutet, dass nicht mehr danach gefragt wird, von welchem Fach man ist, welchen Beruf man hat, welche Methoden man bevorzugt; und schon gar nicht, dass Bekenntnisfragen abgeprüft werden müssten.
Stattdessen dürfte die Paradoxiehaltigkeit von Sinnangeboten von Erwartbarkeit in performative Indifferenz überführt werden. Und wer da nicht mithalten kann, wer sich als reflexiv untauglich erweist, den daraus resultierenden „Schwachsinn“ auszuhalten, scheidet aus durch Verlust von Anschlussfähigkeit. (Vorüberlegungen für eine Paranoik).

Funktionieren könnte dies gerade dann, wenn die technikintensiven Voraussetzungen für die Kommunikation durch Technik selbst erweitert und eingeschränkt werden, dass für Rationalität allein Roboter und Software zuständig wären, weil diese Verfahrensweisen die einzigen sind, auf die man sich tatsächlich verlassen kann. Ob das dann immer zum Vorteil einzelner Menschen ist, sei dahin gestellt.
Hinzu kommt die Überlegung, dass alle Selbstbeschreibungen – das dürfte für die Kunst genauso gelten wie für alle anderen Systeme – sich als vernetzungstauglich erweisen müssten und nur dadurch erhielten sie ihre Reflexivität. Alle Theoriekohärenz, gleichviel welcher Art von Theoriebildung bevorzugt würde, müsste sich dadurch ergeben, dass sie die fraktale Ordnung des Netzes, durch das sie ermittelt werden kann, vermitteln müsste. Und vielleicht wäre für eine Grenze der Reichweite von Netzwerken der Unterschied von Transparenz und Intransparenz die einzig zu überwindende Hürde, an welcher zu scheitern der gleiche Normalfall wäre wie der, den Raum und den Grad der Vernetzung zu erweitern oder zu verringern.
In dieser Hinsicht dürfte für einen „Emanzipationsprozess der Kontingenz“ an jedem Tag ein neuer Anfang gefunden werden.