Wut – nicht adressierbar
von Kusanowsky
Der Wutbürger ist die Beobachtung eines ganz normalen Phänomens, das für die moderne Gesellschaft typisch ist. Natürlich gab es auch im alten Rom wütende Bürger, aber die Verhältnisse waren da ganz anders, ist also nicht gut vergleichbar. Der Wutbürger ist ein Bürger, der notwendig in der Klemme sitzt. Weil keiner alles Lebensnotwendige allein produzieren kann, sind alle aufeinander und auf alles andere angewiesen. Mag merkwürdig wirken, ist aber so. Was nicht viele wissen ist, dass z.B. auch Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger unverzichtbar sind, da sie beispielsweise als Druckmittel der Kapitalbesitzer verwendet werden können, um Einkommenserwartungen zu dämpfen. Auch Kapitalbesitzer sind unverzichtbar, da die Welt und ihr Reichtum keine Adresse hat. Wer sich also etwas nimmt, kann nirgendwo um Erlaubnis bitten, aber dadurch entsteht dann eine Adresse für Reichtum, an die man sich wenden kann, wenn man diesen Reichtum erwerben will. Das ist zwar merkwürdig, aber kompliziert wie alles andere auch, also schlicht: normal.
Nicht nur die Wut ist nicht adressierbar, auch die Inszenierung der Wut kann sich allenfalls an ein Publikum richten, das nicht auf gleiche Weise erregt ist, welches also gelassen bleiben muss, sonst kann man diese Inszenierung nicht genießen. Genießt man sie aber in aller Ruhe, verfehlt die Inszenierung ihre Botschaft, denn sie will ja aufrütteln. Doch wollte das Publikum (und man müsste mit tausenden rechnen) anschließend wütend aufspringen und genauso umher schreien, so würde das wieder nichts bewirken, weil keiner dem anderen zuhören kann. Was wird erreicht, wenn diese inszenierte Wut ihre Adressaten erreicht? Irgendetwas wird sicher immer erreicht, aber wenn, dann nicht das, was erreicht werden soll. Und nur darum kann man diese Wut inszenieren. Und die alles entscheidende Frage: wen könnte das interessieren?

Nicht-Adressierbarkeit ist aber nunmal die Grundlage aller Adressierbarkeit. Am Beispiel der antiken Tragödientheorie seit Aristoteles könnte man darlegen, dass alle theatrale (und basaler: sprechaktbezogene) Inszenierung coram publico (und das beginnt schon ab einem einzigen Gegenüber), egal ob von Wut und Blutdurst, von Liebe und Anteilnahme qua analogischer Appräsentation (wie Husserl später formulierte) voraussetzen muss, der Andere/die Anderen existierte(n) und sei(en) auf ideale Weise empfänglich und erreichbar für die ausgesandte Botschaft. Durch die Verlautbarung zu läutern. Somit gilt doch für Adressen, dass es sie nicht etwa gibt oder nicht gibt, sondern, dass sie mit jedem Akt, jeder Performanz, erzeugt werden.
@Alwin – erzeugt werden Adressen, dann wenn sie erreicht wurden, aber im selben Augenblick verschwinden sie wieder, weil sie nicht mehr gebraucht werden können. Mich interessiert aber hauptsächlich die Erfahrungsform „Dokument“, die darüber Illusionen zulässt, indem sie die Performativität der Kommunikation übersehen hilft und stattdessen den Wahrheitsgehalt des durch das Dokument gegebenen überprüftbar macht. Das geschieht, indem Dokumente gegen andere Dokumente gestellt werden, also Nachweisbares gegen anderes, das nach dem selben Schema nachweisbar ist, beurteilt wird, womit das, was solchermaßen ausgeschlossen wird, innerhalb der Performativität der Selektionen als blinder Fleck wieder auftaucht. Die Dokumentform strukturiert durch ihre Benutzung die Erhärtung des blinden Flecks, dessen Latenz immer wieder zur Empörung Anlass gibt, weil das Skandalon außerhalb der Dokumentform vermutet wird, stattdessen ist es mit ihr gegeben, bzw. wird durch die Dokumentform genauso erhärtet, wie die Illusion ihrer Wahrheit. Daher die Wut. Sie hilft dabei, die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu überdecken, sie ist, wenn sie sich erfolgreich durchsetzt, ein gelunger Täuschungsversuch, der sich über Täuschung, Manipulation, Betrug, Lüge, allgemein: über das Scheitern der Erfahrungsform „Dokument“ irritiert und die Form durch performative Kritik affirmiert.
„Mich interessiert aber hauptsächlich die Erfahrungsform „Dokument“, die darüber Illusionen zulässt, indem sie die Performativität der Kommunikation übersehen hilft und stattdessen den Wahrheitsgehalt des durch das Dokument gegebenen überprüftbar macht.“
Die Dokumentform hilft Performativität zu übersehen; aber damit auch zu sehen. Ex negativo. Sie macht (in ihrer -performativen- Benutzung) dasjenige deutlich was sich nicht zeigt: als Weggelassenes. Auf diesem Wege kommt man ihr ja auf die Schliche. REINE nicht-dokumentierte Performativität dingfest machen zu wollen erweist sich mithin als unmöglich.
„Daher die Wut. Sie hilft dabei, die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu überdecken“
…aber auch zu zeigen (siehe oben).
„sie ist, wenn sie sich erfolgreich durchsetzt, ein gelunger Täuschungsversuch“
Ja, sie kommt jener oben skizzierten „reinen Performativität“ paradoxerweise vielleicht fast am nächsten. Aber nur dann, wenn es ihr gelingt, sich als authentisch und nicht-fingiert simulativ in Szene zu setzen. Dann eignet ihr allerdings enorme theatralische Wirksamkeit.
„Die Dokumentform hilft Performativität zu übersehen; aber damit auch zu sehen. Ex negativo.“ Aber unter welcher Voraussetzung?
„Die Dokumentform hilft Performativität zu übersehen; aber damit auch zu sehen. Ex negativo.“ Aber unter welcher Voraussetzung?
Das Problem besteht doch wohl darin, dass Performativität kein „Schema“ (mehr) darstellt wie Dokumentalität eines sein mag. Sondern die Voraussetzung jeder Schematizität ist. Und sobald es zu einem solchen gerinnt bereits re-dokumentalisiert wurde. „Beobachtung“ (=Unterscheidung+Bezeichnung!) ist m.E. (jedenfalls nach bisherigen Konzepten) nur vorstellbar als schemabasierte( d.h. dokumentbasiert) und somit kodifizierte Selektivität. Performativität würde dann gleichsam beobachtbar allein als aufblitzendes „Evidenzgefühl“ DASS beobachtet wird, nicht in dem, WAS beobachtbar ist. (vgl. als Beispiel einer solchen „Evidenz“ Descartes Schlüsselerlebnis des Ego sum. Es ist nicht der semantische Inhalt, ein Erkenntnisgegenstand, der dabei die Hauptsache ausmacht, nich das WAS, sondern das DASS. Ein Moment aufblitzender Performativität, im Dokumentwort „SUM“ bewahrt.)
@Alwin Darüber habe ich so noch nicht nachgedacht. Und wenn ich deinen Kommentar aufmerksam wiederlese stelle ich fest, dass es da etwas gibt, (das es nicht gibt), das mir einleuchet und kann mir doch nicht vorstellen, dass das am Schema des Dokuments liegt, welches wenigstens schon latent in allem Schriftgebrauch angelegt sein muss, damit Schrift für die Anfertigung von Dokumenten geeignet ist. Schrift lässt zu, dass sie auch für Dokumente verwendet werden kann und ist doch nicht allein dokumentarisch verwendbar. Wenn aber Bedingungen entwickelt sind, die den Dokumentgebrauch zur Voraussetzung aller Kommunikation machen (also auch für die mündliche Kommunikation, die ja wenigstens prinzipiell Zeugenschaft erfordert – man denke an das Gespräch unter vier Augen, das keine Zeugen hat — oder: vielleicht doch? Wer weiß das so genau, wenn mit Selbstverdacht zu rechnen ist, der sich durch Einübung aus permanenter Zeugenschaft durch Dokumentgebrauch ergibt), dann ist es doch merkwürdig, dass das Dokumentschema nunmehr selbst beobachtbar wird, was doch nur möglich wird, wenn ein davon verschiedenes Schema (welches selbst bereits in der Dokumentalität aller Kommunikation seine Latenz finden mag) und sei es nur durch seine Negation thematisiert werden kann. Insofern würde ich für die Performativität aller Kommunikation das Beobachtungsschema simulierbar/nicht-simulierbar erwägen, welches sich aus dem ergibt, was durch Ausschluss im Dokumentschema eingeschlossen ist. Alle Nachweisbarkeit (Referenzierbarkeit) reagiert höchst empfindlich auf Manipulation, die ja immer noch streng verboten ist, und kann doch alle Realität niemals unberührt (und damit auch niemals nicht-manipuliert) zurück lassen. Und so erzeugt sich permanent ein Skandalon, das sich aus dem Dokumentschema ergibt und solange dieses Schema nicht aufgehoben werden kann, erzwingt es nimmermüde Routinen der Einschränkung und Erweiterung seiner Kontingenz.
So scheint mir die Descartsche Irritation und Evidenz gerade durch das Dokumentschema plausibel, das jede Performativität ignoriert. Die kontrollierende Operation des Zweifels findet ihr Ende an der Kommunikation mit Dokumenten, weil der Anfang selbst nur durch Dokumentgebrauch beobachtbar wurde. Nietzsche hatte das bereits festgestellt: Ist durch Zweifel, den man nicht leugnen kann, tatsächlich ein Anfang gefunden, der nichts weiter voraussetzt setzt? Wenigstens aber, so könnte man sagen, geht dies nur durch Unterscheidung des Zweifels von Glauben, Fühlen, Meinen, Vermuten, Wissen und was immer, womit tatsächlich ein enormer Voraussetzungsreichtum gegeben ist, den zu übersehen und nicht zu bemerken nur durch Reflexionsunterbrechung möglich wird. Diese Reflexionsunterbrechung ergibt aus den Möglichkeiten des Dokuments, welches etwa zur Zwecken der Systematisieung, Einteilung, Gliederung und schließlich auch Verwaltung bestens geeignet ist. Daher: das Dokument kann machen, dass beispielsweise Zweifel und Fühlen getrennt behandelt werden. Das Descartsche „Evidenzgefühl“ wäre damit nur erklärbar durch das Fehlen eines Schemas, welches das Dokumentschema erklärt, weshalb auch die Dokumentform als allgemeiner Fall in der funktional-differenzierten Gesellschaft nicht erklärbar war, und bei Marx in der „Warenform“ lediglich als Erklärung für den Spezialfall behandelt wurde.
Sollten wir tatsächlich kein Schema für Performativität haben?
In dem Zusammenhang habe ich schon vor längerer Zeit dieses hier gefunden:
„Performativität beginnt nicht auf der medialen Oberfläche, sondern mit dem sinnhaften Verarbeiten der Wahrnehmung medialer Oberflächen. Eben deshalb kann man Rückkopplungsschleifen unter Verwendung der medialen Ausgabe-Interfaces erzeugen. Der operative und der performative Bereich sind nicht gleichbedeutend mit dem Reich der Maschinen und dem Bereich des Menschlichen, sondern der Mensch kann durchaus operativ, also WIE eine Maschine funktionieren. [Operativität] bedeutet, sich in einer formalen Sprache zu bewegen, in der allein der Code aber keine Kontexte eine Rolle spielen. Oder anders formuliert: Allein der operative Code ist der (geschlossene) Horizont, vor dem ein Signal von Mensch oder Maschine interpretiert wird, der performative Code dagegen erlaubt Umweltsensibilität und damit einen offenen Horizont.“
http://www.formatlabor.net/blog/?page_id=70
Die frühsten zum Zwecke des Thesen erhärtenden Beweises heranzuziehenden archivierten Dokumente über die Ursprünge der Dokumentalität finden sich wohl schon in den Unmegen von „Verwaltungsnotizen“ des babylonischen Reiches, 3000 v.Chr. Aber weit darüber hinaus scheint doch jede noch so rudimentär angelegte Gerichtsbarkeit wie proto-administrative Inventarisierbarkeit den Rekurs auf „Dokumente“ unverzichtbar werden zu lassen, darüber hinaus wiederum, wie du sagst, jede noch so rudimentäre Ausbildung von Schrift, die Einkerbung in einer Tonscherbe oder sogar, wie Freud es ausdrückt: die Bahnung der Erinnerungsspuren im psychischen Apparat. Gilt für jede zeichenhafte Markierung, auf die zum Zwecke des wahrheitsstiftenden Beweises und der rechthaberischen Erhärtung immer und immer wieder zurückgekommen (referenziert) werden kann bereits all das, was Du der Dokumentform zuschreibst? Ich würde sagen ja, Du wirst es wohl eher abstreiten (wie auch die moderne Akten- und Archivalienkunde ihre Forschung meist erst im Spätmittelalter beginnt.)
„dann ist es doch merkwürdig, dass das Dokumentschema nunmehr selbst beobachtbar wird,“
Wie datierst du Dein „nunmehr“ aber nunmehr? Und mit Rekurs auf welche dokumentierbaren Beweise? Mir scheint die Hypothese schwer zu widerlegen, dass bereits die platonische Ideenlehre (die Akadamie ist auch ein Hort von Dokumenten) als eine Selbstbeobachtung des Dokumentschemas als Dokumentschemas beobachtet werden kann. Performativität verkörpert dann eben die Art und Weise, wie sich diese Selbstbeobachtung geschichtlich ereignet und zuträgt.
„was doch nur möglich wird, wenn ein davon verschiedenes Schema (welches selbst bereits in der Dokumentalität aller Kommunikation seine Latenz finden mag) und sei es nur durch seine Negation thematisiert werden kann. “
Wenn das Dokumentschema sprechen könnte, würde es sagen: Ich BIN ein Anderes.
„Alle Nachweisbarkeit (Referenzierbarkeit) reagiert höchst empfindlich auf Manipulation, die ja immer noch streng verboten ist“
Das erforderte genaueres Nachdenken über den Charakter von Verboten: sie sind Lockrufe und fordern ihre Überschreitung. Permissivität wäre im Gegenzug höchst prohibitiv!
„Sollten wir tatsächlich kein Schema für Performativität haben?“
Doch, das haben wir: das Dokumentschema (ein Pleonasmus). Formen (im Sinne Spencer Browns: distinction drawings). Jagst Du etwa „reiner Medialität“ hinterher?