#Datenschutz und der Unterschied zwischen Rechtfertigungstheorien und Erklärungstheorien
von Kusanowsky
Wenn kritische Diskussionen um ein „Für und Wider“ irgendwelcher Angelegenheiten geführt werden so beziehen sich die Beiträge, sofern sie überhaupt irgendeinen theoretisch höher auflösbaren Bereich des Problems erfassen, meist auf Rechtfertigungstheorien. Rechtfertigungstheorien versuchen dabei, die eigene Vernunft, Moral oder Wertschätzungen gegen andere zu behaupten, indem Begründungen nach irreflexiv behandelten Maßstaben formuliert werden. Die Irreflexivität ergibt sich daraus, dass alle anderen Meinungen von der selben Annahme ausgehen und entsprechend auf Strukturen treffen, die nur erwartbar machen, was schon immer erwartet wurde.
Rechtfertigungstheorien dieser Art müssen dabei die Bedingungen ignorieren, durch die sie verständlich gemacht werden können, weil die Bedingungen stets auf ein sehr voraussetzungsreiches Spektrum an Möglichkeiten verweisen, die an keiner Stelle identisch und vollständig reduziert werden können. Außerdem können Rechtfertigungstheorien den Prozess der Urteils- und Erfahrungsbildung nicht erklären, der aller Vernunft, Moral und Wertschätzung voraus geht. Und es mangelt Rechtfertigungstheorien an ein Beobachtungsvermögen „der Seltsamkeit“ ihrer Gegenstände. Stattdessen gehen sie stets von Annahmen aus, die auf Vertrautheit, Gewissheit, Identität und Normalität basieren und sich damit gegenseitig in der Interkation der Kommunikation auf eine blinden Fleck trainieren, der genau dies selbstreferenziell bestätigt.
Im Verlauf der Kommunikation kommt es so zu dem Effekt, dass man das Normale für normal hält und halten muss, solange die Unterscheidungsroutinen sich auf Rechthaben und Rechtdurchsetzen spezialisieren. Unter solchen Bedingungen wird es dann sehr unwahrscheinlich, dass etwas anderes als ein Rechtfertigungsgebaren überhaupt anschlussfähig ist.
Im Unterschied zu Rechtfertigungstheorien sind Erklärungstheorien von anderer Art; und sofern eben diese Unterscheidung nicht bemerkt wird, entstehen eine Vielzahl von Inkonsistenzen, wenn Rechtfertigungen als Erklärungen und Erklärungen als Rechtfertigungen behandelt werden. Solche Inkonsistenzen treten vor allem in Diskussionen zutage, wenn etwa von objektiven Tatsachen die Rede ist, von wertneutralen Meinungen, von reinen Fakten, von puren Daten.
In allen Fällen macht dies auf implizite Unterscheidungen aufmerksam, mit denen versucht wird, dem Rechtfertigungsgeschehen dadurch zu entweichen, indem man dieses Entweichen wiederum rechtfertigt. So kann nie ein Ausweg gefunden werden. Stattdessen käme es darauf an, die Unterscheidung zu explizieren, mit der man entweichen will und sich dann auch darauf vorzubereiten, unter welchen Gesichtspunkten einer Rechtfertigung man wiederum beobachtet wird.
Erklärungstheorien zeichnen sich daher wesentlich dadurch aus, dass sie die Bedingungen ihrer Möglichkeit mitberücksichtigen, was auch heißt, mindestens den Unterschied von Verstehen und Missverstehen als doppelt kontingent zu betrachten: nicht nur ich kann mich aufgrund des Voraussetzungsreichtums aller Möglichkeiten nicht so einfach verständlich machen, sondern jeder andere auch nicht. Das heißt, dass das Missverständnis genauso wahrscheinlich ist wie das Verständnis. Und im Sinne einer Erklärungstheorie käme es darauf an, diese Unwahrscheinlichkeit als seltsam zu bemerken und sich entsprechend von Folgewirkungen in der Diskussion überraschen zu lassen.
Will man sich unter erklärungstheoretischen Gesichtspunkten beispielsweise mit Datenschutzfragen beschäftigen, so käme hier zuerst die Beobachtung infrage, dass so etwas wie „informationelle Selbstbestimmung“ weder ganz einfach definiert, begründet, gerechtfertigt und durchgesetzt, noch widerlegt oder abgeschafft werden könnte, schon gar nicht durch Rechtfertigungen. Wie kommt es aber, dass – wie die Spackeria es versucht, der Verzicht auf „informationelle Selbstbestimmung“ aufwändig gerechtfertigt wird, wenn doch nichts so einfach ist, wie sich den vermeintlichen Zudringlichkeiten von Datenschützern zu entziehen? Und warum rechtfertigen Datenschützer ihren Willen, die Daten der anderen zu schützen, wenn diese davon nichts wissen wollen? Man könnte auf die Überlegung stoßen, dass in beiden Fällen das, was unter dem Schlagwort „informationelle Selbstbestimmung“ diskutiert wird, mindestens in dieser „Pro-und-contra-Diskussion“ gar nicht wirklich funktioniert.
Die Idee der „informationellen Selbstbestimmung“ besagt ja, dass es der Souveränität der Subjekte überlassen sein sollte, welche Daten sie von sich preisgeben (und man könnte ja auch Argumente als Daten verstehen) und dass dort, wo diese Souveränität eingeschränkt werden muss, sie sich mindestens auf Sicherstellungmaßnahmen von Datenzurückhaltung verlassen müssen. Wird das Problem auf diese Weise festgelegt, so ist es kein Wunder, dass Rechtfertigungen für und wider die Diskussion beherrschen, weil der blinde Fleck dieser Diskussion nicht bemerkt werden kann, solange die Problemlage von prinzipiell unbestimmbaren normativen Erwartungen geprägt wird. Funktionieren kann eine solche Diskussion aber wohl deshalb, da viele Selbstverständlichkeiten gegenseitig unterstellt werden können, wo empirisch gar keine Selbstverständlichkeiten, sondern nur Merkwürdigkeiten zu finden sind. Diese Merkwürdigkeiten betreffen folgende Punkte:
- Annahmen über die objektive Realität von Subjekten
- Vorstellungen von Souveränität unter Bedingungen einer hoch komplexen Gesellschaft
- Unterscheidungsroutinen, die ein Verhältnis von Individuum und Gesellschaft betreffen, die ihre Plausibilität nur durch ständige Wiederholung rechtfertigen
- Annahmen über Rechte und Pflichten, die nicht als Ergebnis von sozialen Erfahrungsbildungsprozessen verstanden werden, sondern als subjektiv ermittelte und vermittelte Unterscheidungen
- Der Glaube an die Steuerbarkeit von sozialen Systemen
- Außerdem wäre ein ganzer Rattenschwanz an trivial-positivistischen Postulaten zu nennen was Plausibilisierungsstrategien von Argumentationsroutinen betrifft. Das bezieht sich auf Postulate einer Logik, Rationalität und Moral von Argumenten, auf Unterscheidungen wie richtig/falsch, klar/unklar, gewiss/ungewiss, verständlich/unverständlich, zuzüglich begleitender Vorstellungen über die menschliche Urteilsfähigkeit, der eine grundsätzliche Beherrschbarkeit all dieser Umstände und Zusammenhänge ganz gegen jede empirische Möglichkeit zugemutet wird.
Aber damit wäre noch nicht das Meiste und vielleicht nicht einmal das Wichtigste erläutert.
Eine gänzlich andere erklärungstheoretische Frage wäre die nach der Herkunft des Problems. Eine entsprechende Frage lautet: wie und warum ist die Möglichkeit einer „informationellen Selbstbestimmung“ überhaupt entstanden? Auf welche Umstände bezieht sich die Anforderung einer Selbstbestimmbarkeit? Welche erkenntnisleitenden Unterscheidungen liegen der Beobachtung einer Selbstbestimmung zugrunde? Wie sieht es beispielsweise aus, wenn man die Unterscheidung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit verwendet um zu verstehen, was im Vermögen von Individuen liegen mag, die sich erst im Laufe eines gesellschaftlichen Erfahrungsprozesses als Subjekte verstehen gelernt haben. Denn dieser Gedanke führt ja dahin, dass sich Indviduen auch ganz anders verstehen lernen könnten. Aber die Frage wäre dann, wie das möglich ist.
All diese hier angestellten Überlegungen sind wohl nicht mehr als eine Skizze oder ein Anstoß, die wenigstens einen Selektionsfaktor beinhalten: sie müssen von Rechthabern und Rechtdurchsetzern entweder ignoriert oder von ihnen selbst als Rechtfertigungen verstanden werden. Wenn aber eine solche Diskussion ob ihrer Trollhaftigkeit anfängt, in Lächerlichkeit überführt zu werden, könnte vielleicht auch eine Abzweigung der Diskussion entstehen, die auf Rechtfertigungen verzichtet und Beiträge zur Erklärung des Problems beisteuert.
Mein Beitrag zur Erklärung würde psychologisch ansetzen, wieso ist es überhaupt ein Problem, wenn andere etwas von mir wissen? Und das sollte man schon jenseits aller digitalen Datensammlungsmöglichkeiten betrachten.
Entweder verstoße ich gegen eine gesellschaftliche Norm, oder jemand missbraucht sein Wissen über mich. Im ersten Fall bin ich ein Krimineller (für den Fall, dass dieser Verstoß anderen schadet) oder ein Außenseiter (den eine gesunde Gesellschaft tolerieren sollte). Im zweiten Fall sind jene kriminell, die dieses Wissen (diese Daten) missbrauchen.
Es klingt zwar wie Utopie, scheint mir aber möglich, dass in einer Kultur jeder alles über alle anderen weiß (zumindest potenziell), und dieses als nichts anderes versteht als verschiedene Ausschnitte aus dem Möglichkeitsspektrum des Menschentums.
Allerdings dürfte es in einer solchen Kultur keine Kriminalität geben, und ein hohes Maß an Toleranz, was von unserem derzeitigen Zustand so weit entfernt ist wie steinzeitliche Stammesvölker (wo dieser Zustand übrigens verwirklicht war), oder ein ähnlich weit entfernter Punkt in der Zukunft.
So gesehen würde (mir persönlich zumindest) eine Diskussion über Datenschutz oder informationelle Selbstbestimmung überhaupt nichts bringen, da die Kontrahenten anscheinend ihre relativen und auf den heutigen Zustand bezogenen Standpunkte für etwas Absolutes halten. (Ist das nicht ein Fehler ach so vieler Diskussionen?) Viel eher wäre es interessant, die psychologischen Verstrickungen jener zu untersuchen, die Daten missbrauchen, sowie die Ängste und Ausweichmechanismen ihrer Opfer.
@Hirnrestrukturierer „Viel eher wäre es interessant, die psychologischen Verstrickungen jener zu untersuchen, die Daten missbrauchen, sowie die Ängste und Ausweichmechanismen ihrer Opfer.“ – Damit könnte man anfangen, gewiss. Aber enthält dieser Punkt nicht ebenfalls sehr viele Vorannahmen, die sich selbst noch nicht auf Plausbilität geprüft haben? Denn wenn man zugesteht, dass Standpunkte nicht absolut vertreten werden können, so stellt sich die Frage, wie es um Gebrauch und Missbrauch von Daten bestellt sein mag oder um ein Verhältnis von Täter und Opfer, Angst und Hoffnung. Auch der Versuch, all das mit psychologischen Erwägungen beginnen zu lassen, müsste wenigstens noch auf eine Sprache bezugnehmen, die ja nicht allein von psychischer Bedeutung ist. Sprache erscheint zuerst kommunikativ, inkl. all der durch Sprache ausgedrückten Unterscheidungen wie Gebrauch/Missbrauch, Täter/Opfer oder auch öffentlich/privat, öffentlich/geheim usw. Käme da nicht zuerst eine Kommunikationstheorie in Frage, die selbstverständlich auch psychische Implikationen berücksichtigen muss, aber von solchen psychischen Implikationen nicht eigentlich ihren Ausgangspunkt nehmen kann, da ja alles „irgendwie“ kommunikativ vermittelbar sein muss? Kann es vielleicht sein, dass die Diskussion um den Datenschutz einen Problemerfahrungshorizont aufreißt, der sich auf die Kommunikabilität der Welt bezieht, wie sie durch das Internet beobachtbar wird, aber diesen Horizont nicht ermessen kann, weil Rechtfertigungsversuche ständig an anderen Rechtfertigungsversuchen scheitern?
Ich denke schon, dass jede Kommunikationstheorie zuerst von psychischen Gegebenheiten ihren Ausgang nehmen müsste, immerhin sind es psychische Entitäten, die kommunizieren. Allerdings würde das dann wohl zu kompliziert werden, man müsste beginnen wie Husserl, zuerst subjektive Prozesse phänomenologisch beschreiben, und dann die kommunikativen, und das müsste eigentlich jeder einzelne Mensch extra machen, denn bei jedem könnte es anders sein, und dann müsste man die gewonnenen Ergebnisse zusammenfassen. Ob dabei eine besonders durchschaubare Kommunikationstheorie herauskommt, ist fraglich.
Oder man sieht sich verschiedene Fragmente aus unterschiedlichen Gebieten an und reimt sich was zusammen. Vielleicht könnte man damit anfangen, dass das menschliche Gehirn in der Evolution auf eine vergleichsweise einfache Umwelt angepasst wurde und dass ihm die heutige Komplexität ohnehin schon weit über den Kopf gewachsen ist.
Wie mein Biologieprofessor Rupert Riedl immer sagte, die Zivilisation ist uns nur passiert, wir haben gar nicht die Anlagen, damit zurechtzukommen. Und das gilt nicht nur für das ökologisch relevante Handeln der breiten Masse, sondern auch für die theoriebildenden Versuche von Soziologen und anderen Wissenschaftlern.
Aber immerhin schaffen wir es, ein paar interessante Dinge zu erblicken und uns darüber Gedanken zu machen. Die Kommunikabilität der Welt ist natürlich ein seltsames Thema, da werden im Gehirn visuelle Gestalten nach Ähnlichkeit gruppiert und mit auditiven Reizen assoziiert, dann werden diese auditiven Reizen (eventuell nach Vermittlung über sekundäre visuelle Reize) mit anderen Individuen ausgetauscht, von denen wir annehmen, dass in ihnen der Prozess des Gruppierens und Assoziierens so ähnlich abläuft. Das wird aber immer unwahrscheinlicher, je abgeleiteter die Strukturen werden, da in jedem Menschen andere Gedanken- und Wortnetze vorhanden sind, und abstrakte Begriffe irgendwie in diesen Netzen drinhängen.
Und so redet man dahin, und sagt irgendwas, und der andere hört es, und denkt irgendwas, und beide meinen, sie denken das gleiche. Ist doch schön, diese Illusion, man fragt sich, ob man sie überhaupt stören soll.
„Ist doch schön, diese Illusion, man fragt sich, ob man sie überhaupt stören soll.“ – Was ich mich immer wiede frage ist, ob man bestimmte Illusionen überhaupt stören kann, wie etwa die Illusion, dass es psychische Entitäten wären, die kommunizieren.
Puh, ich dachte nur die Spackeria konstruiert Probleme wo keine sind.
Informationelle Selbstbestimmung ist doch nun wirklich eine ganz einfache Sache: Niemand möchte, daß hinter seinem Rücken geredet wird und sich dabei ein zumeist negatives Bild verselbständigt, auf das er überall reduziert wird, ebenso möchte niemand, wenn er einem Freund intimes erzählt, dabei heimlich gefilmt werden. Oder positiv ausgedrückt: Jeder möchte die Hoheit über seine eigene Selbstdarstellung möglichst weitgehend behalten. Das war ein Element jeder menschlichen Sozialisation schon lange bevor es das Internet gab, welches neben allem Fortschritt lediglich einige neue Mißbrauchsmöglichkeiten mitgebracht hat, die auch dieser Staat nicht angeht, weil dessen Staatsbesoldete statt Informationeller Selbstbestimmung aller Bürger eigentlich ihre einheitliche Fremddefinition als nationalstolze Untertanen lieber wäre. Deshalb hat gegen deren Widerstand auch die Bürgerrechtsbewegung gegen die Volkszählungen in den 80ern diesem Staat bereits die Anerkennung des Grundrechts auf Informationelle Selbstbestimmung abgerungen.
Es ist wahrscheinlich einfach nur ein Nebeneffekt der neopreußisch-nationalen Wiedererwachens seit der Wiedervereinigung, daß es heute so viele bürgerrechtlich Desorientierte in diesem Land gibt, weil so viele hemmungslos bei Kohls 68er-Haß mitgetrampelt haben und die Informationelle Selbstbestimmung da ebenso mitgehaßt haben wie die Anti-Atom-Bewegung.
@Dirk Burchard „Informationelle Selbstbestimmung ist doch nun wirklich eine ganz einfache Sache“ – Diese Behauptung lässt sich in der Diskussion nicht wiederfinden. Stattdessen bemerkt man Verwirrung, Komplexität und Intransparenz. Die Behauptung, dass alles ganz einfach sei, ist dabei nur ein Beitrag zur Steigerung dieser Komplexität, die namentlich durch Rechthaberei geradezu angetrieben wird. Jeder versucht, sich mit seinen einfachen Wahrheiten durchzusetzen, aber keinem gelingt es. Das ist der aktuelle Stand der Diskussion, der einfach ignoriert wird. Man macht weiter mit Versuchen, die zurück liegend schon immer gescheitert sind, indem man versucht, sich „ganz einfach“ durchzusetzen und übersieht, dass sich keiner durchsetzen kann, wenn alle dies gleichzeitig versuchen. Der Vorschlag, dass alles eben nicht so einfach ist, ist leider wenig attraktiv. Er erfordert eine Reflexionsverstärkung, die aber – so meine Vermutung – solange sich diese Diskussionen über das Internet entfalten, nicht geleistet werden kann, weil das Internet den Prozess der Trivialsisierung noch nicht abgeschlossen hat. Das passiert spätestens dann, wenn Fernsehen und Zeitung, Zeitschriften sich gänzlich durch das Internet verbreiten, wenn der Verkauf von Büchern stagniert. Dann zerfallen die Massenmedien und müssen sich unter den Bedingungen, die das Internet erarbeitet neu organisieren. Zu glauben, dass man mit Theorien aus der Steinzeit dem ganzen gewachsen wäre, ist dabei nur ein einzelner Schritt in diesem Zerfallsprozess. Und ich selbst muss mir einiges an Geduld versprechen, um nicht traurig zu werden.
@Kusanowsky: Du bist das exakte Spiegelbild Deiner eigenen Kritik. Du möchtest gar nicht sachlich zum Thema Informationelle Selbstbestimmung diskutierten, sondern nur metaBeobachter sein, der rumkrittelt ohne sich selbst mit einer selbständig begründeten Argumentation angreifbar zu machen. Ich habe nämlich nicht einfach nur „behauptet“, daß Informationelle Selbstbestimmung einfach sei, sondern diese auch in einem kleinen Absatz auf den Punkt gebracht, weil ich mich nämlich mit dieser vermeintlichen Komplexität vor mehr als zehn Jahren mal intensiv und seitdem immer mal wieder sporadisch korrektiv auseinandergesetzt habe. Wenn Du allerdings Wahrheiten so simpel wie Wasser-ist-naß auf einmal als „Theorien aus der Steinzeit“ abtun willst, dann gehörst Du wohl offensichtlich zu den bürgerrechtlich Desorientierten wie die Spackeria auch, schade. Viel Spaß noch!
@Dirk Buchard – wie gesagt, man versucht’s mit „Hau-Drauf“, auch dann wenn man längst gemerkt hat, dass es so nicht funktioniert. Erklärbar wird dies durch die double-bind-Verstrickung eines Beobachters in seine Paradoxien. Die Überlegung, dass die „Argumente des Anderen“ nur durch die eigene Beobachtungsleistung erkennbar werden, dürfte auch für eine zukünftige Theorie der Simulationsmedien von Bedeutung sein. Denn gleichviel ob Argumente oder identitätsgenerierende Daten, in allen Fällen sind Beobachtungseffekte die Eigenleistung eines Beobachters, der sich stets über beobachtete Systeme irritert, niemals über sich selbst, weil die relevanten Unterscheidungen nur fremdreferenzierbar sind. Die Beobachtung der Selbstreferenz führt ins Nirgendwo. Für die gegenwärtige Diskussion um den Datenschutz dürften solche Überlegungen aber erst dann interessant werden, wenn die Kampfmoral durch die Entwicklung verschüttet wird. Das gilt allerdings auch für die Freunde der freien Datenliebe, die genauso wenig an einer theoretischen Explikation der Bedingungen eines Datenverkehrs interessiert sind. Auch hier zeigt sich ein „Hau-Drauf“-Gebaren, dass ja deshalb sehr gut funktioniert, weil es für skandalbedürftige Massenmedien sehr geeignet ist, solange eine netzwerkmäßige Differenzierung der Gesellschaft noch erarbeitet werden muss. Das ist das Schicksal dieser Diskussionen: dass sie erstens nur geführt werden können, weil eine Netzdifferenzierung durch das Internet schon eingesetzt hat, aber zweitens unter der Bedingung stehen, dass eine funktionale Differenzierung noch als Ausgangspunkt genommen wird. Die Diskussion wird geführt, weil sich etwas geändert hat, aber sie kann nur fortgesetzt werden, solang man erwarten kann, dass sich nichts ändern wird. Für die Selbstbeschreibungen der Systeme werden noch die Verbreitungsverfahren der Massenmedien vorgesehen und das, obwohl bald jeder wissen kann, dass es so nicht mehr weiter gehen wird. Und solange noch genügend Platz für ein „Hau-Drauf“ ist, wird dieser auch eingenommen.
@Kusanowsky: Lustig, Du hast selbst mit Hau-Drauf angefangen, Dich statt sachlicher Erwiderung auf die Streinzeitkeule zu reduzieren und lügst Dich jetzt in eine Opferrolle. Das Thema interessiert Dich doch einen Dreck, und je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr reduziert sich Deine mir gezeigte Persönlichkeit auf dieses (wahrscheinlich gar nicht von Dir erstellte?) animierte GIF oben, das alles nur verquirlt und sich vermutlich am besten um Dich drehen soll. Du führst gar keine Argumente zum Thema an, denn sonst hätte ich mich damit gern auseinandergesetzt, Du versuchst nur zu relativieren und Dein Ego an allem dazu zum Abqualifzieren vermeintlich ergiebigen hochzuziehen, Du bist ein Kommunikationsterrorist.
Nein, nein, die Spackeria – das wird mir zunehmend klar – ist einfach ein Phänomen der mißratenen Brut der Kohl-Ära, die für diesen gegen 68er und alles, was ihnen in dieses Kampf-klischee zu passen schien, den Mob gegeben haben, die heute vor ihrem selbstverursachten bürgerrechtlichen Scherbenhaufen stehen und das Rad neu erfunden haben wollen, weil sie sich ja sonst fragen müßten, warum sie die ganzen Jahre ihre eigenen Bürgerrechtsperspektiven kaputtgetrampelt haben.
Du wirst es wieder in ein Hau-Drauf umlügen, aber wenn Du tatsächlich eine weiterführende Idee zum Thema gehabt hättest, hätte mich das gefreut, denn die tatsächliche Mehrung von Freiheitsrechten hat mich seit jeher interessiert. Also Dir viel Spaß noch als metaBeobachter!
es sind rechtfertigungstheorien. eben deshalb können wollen und sollen sie auch keine erklärungstheorien sein. sie sind politische instrumente, keine wissenschaftlichen daher halte ich die erwartung einer metaerklärung der eingenen bedingungen für unwahrscheinlich, das würde einem den eigenen biß nehmen mal so ins unreine gedacht … wir wollen hier ja nichts erklären, sondern etwas entscheiden und nicht nur beobachten. es geht um macht/ohnmacht behauptungen und leugnungen zwischen aluhüten und spacken. eine solche auseinandersetzung muß für ihre eigene metaebene oder kybernetik 2. ordnung blind sein sonst würde sie nicht funktionieren.
@westernworld – womit eine Rechtfertigung für die eigene Uneinsichtigkeit gefunden ist, die genauso so gut von der anderen Seite vorgetragen werden kann. Was ich insbesondere an der Piratenpartei interessant finde ist, wie selbstverständlich geglaubt wird, man könnte die Strukturen des politischen Systems in einer Weise in Anspruch nehmen, die sich zunehmend für die zu diskutierende und entscheidende Problemsituation als ungeeignet erweisen. Mehrheitsentscheidungen – ob innerhalb einer Partei oder in Zusammenarbeit mit anderen – können nur unter ganz bestimmten Bedingungen gefunden werden. Dies bezieht sich insbesondere auf eine Erwartungsstruktur, die Macht als Binnenverhältnis von divergierenden Kräften versteht, die sich ursächlich auf einen – wenn auch verloren gegangen – Konsens bezieht, der wiederzufinden wäre. Dieses Binnenverhältnis von Kraft und Gegenkraft schafft allenfalls nur die Entmutigung der jeweils anderen Seite, die ihrerseits nach einer Erholungspause (wie gerade bei der FDP zu beobachten) den schon verlorenen Kampf wieder aufnimmt. Und solange dieses Wechselspiel durch einen Attraktor stabil gehalten wird, der immer noch aussichtsreich reproduziert werden kann, solange dreht sich das Karusell munter weiter. Aber was ist – und das wäre mit den aufkommenden Dämonien des Internets langsam der Fall – wenn dieser Attraktor peu a peu zerfällt? Man handelt nach der Devise: Es muss was geschehen, aber es darf nichts passieren. Die Zukunft, auch die der Politik, liegt nicht mehr in Rationalität, sondern in Reflexivität. Mit einem kostengünstigen Recht auf Urteilslosigkeit kommt man da nicht weit.
@westernworld Nachtrag: „Die Moderne … ist unsere Antike… Ähnlich, wie das scholastische Festhalten an der Antike noch weit in die Neuzeit hinein das Denken und Schaffen des Abendlandes beherrscht hatte, gelten uns die neuzeitlich-modernen Begriffe und Kategorien immernoch als Maß für “klassiche” Qualität. Bestandsaufnahmen und Zustandsbestimmungen zeitgenössischer Kunst münden entweder in blutleeren Formalismus, wie etwa das jüngste Kunstforum, oder enden in totaler Beliebigkeit, wie eben die letzte Dokumenta.“ Siehe dazu: http://www.slow-media.net/die-moderne-ist-unsere-antike
Und was für die Kunst gilt dürfte wohl auch für die Politik gelten. Der Glaube, man brauche einfach nur weiter machen, war schon vor zehn Jahren nicht von dieser Welt.