Spiel ohne Grenzen. Die affirmative Funktion der Kritik

von Kusanowsky

Sich kritisch zu zeigen, Kritik zu äußern, eine kritisches Bewusstein zu fordern, zu empfehlen und zu pflegen war eine höchst gefährliche Angelegenheit zu einer Zeit, als sich die Merkmale einer zivilisatorischen Zuverlässigkeit durch Erwartungen auf Gehorsam und Untertanentum ergaben. Die allgemeine Kritik der Gesellschaft fand ihren Ursprung in der Ausweitung eines Welthorizonts, der mit der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaftsstruktur während der Industrialisierung begann und in eine explosionsartige Zunahme an Verstehensweisen mündete; eine Zunahme, welche es schließlich unmöglich machte, dass irgendetwas in der Welt unbemerkt, unerforscht, unerklärt und unkritisiert bleiben konnte. Die Welt wurde in dem Maße größer wie die Menge der thematisierbaren und dadurch auch kritisierbaren Sachverhalte anstieg und sich in der Zirkulation der Gesellschaft, unterstützt durch Verbreitungstechnologien in ihrer Kommunikabilität beschleunigten.

Für Strukturen, die Gehorsam erforderten, hatte sich dadurch das Spektrum an Voraussetzungen enorm verringert. Als paradigmatisches Beispiel nehme man nur die Entwicklung der Pädagogik. Zug um Zug wurden, wenn auch nicht überall gleichzeitig, einerseits Positionen geräumt, die auf die kontrollierende Beherrschung der individuellen Freiheit abzielten, während anderseits und umgekehrt die Entfaltung der individuellen Freiheit in ihrer Selbstkontrollfunktion beherrschbar wurde. Beides war bedingt durch soziale Erfahrungsbildungsprozesse, die durch ein Austarieren des Verhältnisses von Notwendigkeit und Möglichkeit Voraussetzungen für Strukturen entwickelten, welche schließlich ihre Ausgangssituation in Vergessenheit geraten ließen.
Kein lebender Mensch in Deutschland weiß mehr was es bedeutet, ein kaiserlicher Untertan zu sein. Und dennoch: man könnte glauben, dass die demokratische Freiheit das geblieben ist, was sie ehedem war: eine Utopie – für die einen ein Schreckensbild, für die anderen eine Befreiungstat.
Tatsächlich ist die Ausgangssituation aber eine gänzlich andere geworden. Die Legitimität der demokratischen Freiheit wird, dies gilt namentlich für den europäischen Bereich, nur noch von der legitimen demokratischen Freiheit selbst bestritten. Sehr markant tritt dies in der immer noch nicht befriedeten Auseinandersetzung um Stuttgart 21 zutage. Hierbei handelt es sich um einen friedlichen Konflikt, der zweiseitig legitim beanspruchte demokratische Rechte anerkennt und beide Seiten aussichtslos aufeinander zutreibt. Denn wie auch immer der Konflikt ausgehen mag, die Akzeptanz demokratsicher Freiheit wird durch diesen Konflikt bestärkt, nicht eingeschränkt; und dadurch kommt dieser Konflikt an die Grenze eines Nirwanas der Demokratie, indem ein Zustand der Gleichgültigkeit aller Differenzen als vollständig indifferent erscheint. Die Aussichtslosigkeit besteht darin, dass es nur noch so und nicht mehr anders weiter gehen kann: die Demokratie ist alternativlos geworden.

Etwas Ahnliches ergibt sich aus einer aktuellen Diskussion um Datenschutz und Datenfreiheit, die man mit einigem Recht als Schorfrand- oder Sandkastendiskussion belächeln könnte. In der Diskussion, in welcher sich gegenseitige Geringschätzungen in einem dialektischem Wechselspiel in Selbstwertschätzungen umwandeln, kann einerseits mit vollem Ernst das Potenzial der Kritik mit relativ wenig Aufwand entfaltet werden, was ja dadurch möglich ist, dass erstens das Recht auf Kritik niemand mehr infragestellt und dieses Recht zweitens auch gar nicht mehr behindert werden könnte. Andererseits merkt man aber, dass dieser Ernst, möglicherweise ob seiner kostengünstigen Möglichkeit, sich schon in Spaß und Ironie umzuwandeln beginnt. Denn wo Kritik als unbezweifeltes Recht beiderseitig zugestanden wird und sich die Möglichkeiten der Äußerung von Kritik aus immer weiter absinkenden Zumutbarkeitsschwellen ergeben, so kann es gar nicht ausbleiben, dass die Diskuanten anfangen, ihre gegenseitige Kritik in Selbstbespaßung zu überführen. Die einen nennen sich stolz „Spackos“, weil sie mal mit dieser Bezeichnung kritisiert wurden und nun mit ihrem so gefunden Selbstbewusstsein ihre Meinungsgegner mit der Bezeichnung „Aluhüte“ kritisieren, welche ihrerseits anfangen, diese Kritik als Spaßangebot aufzufassen und sich mit vollem Ernst als die Partei der „Aluhüte“ betrachten. Wie gesagt: man könnte das als Sandkastendiskussionen junger Leute beiseite tun, aber auch damit wäre nur gesagt, dass man den Spaß- und Spielcharakter solcher Diskussionen betrachten will, ohne zu bemerken, von welcher Funktion solche Art von Kritik ist.

Diese Kritik ist nicht gefährlich, sie ist nicht anzüglich oder umstürzlerisch, sondern sie verhält gegen die Bedingungen ihrer Möglichkeit affirmativ. Denn was könnte Kritik bewirken, wenn die spätmodernen Gesellschaftsstrukturen für ihre Reproduktionsfähigkeit auf jede Art von Kritik angewiesen sind? Doch wohl nichts anderes als die Affirmation dieser Strukturen.
Und die weiterführende Frage wäre dann, auf welche Entwicklungen diese Spaß- und Spieldiskussionen schließen lassen, wenn man ihnen nicht mehr mit Kritik begegnen kann, weil man sonst gefahrlaufen würde, in diese Paradoxien verwickelt zu werden und ohne zu verstehen, woher diese Paradoxien kommen und warum sie unvermeidlich sind.

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