Das Rechtfertigungsproblem der Spackeria

von Kusanowsky

Im Vordenker-Blog von Nick Haflinger findet man eine schöne Abhandlung über die auffällig merkwürdigen Vorstellungen der sogenannten Spackeria, die schon an verschiedenen Stellen von ansonsten sehr besonnen Leuten als Humbug abgetan wurden.
Die ausführliche Abhandlung von Haflinger bemüht sich redlich, aber vergeblich, die informationstheoretischen Hintergründe zu klären, die durch die Verwendung eines Informationsbegrifss entstehen. Liest man diese kenntnisreiche Darlegung so wird man den Verdacht nicht los, es könnten da Perlen vor die Säue geworfen werden, weil etwas erklärt wird, das eigentlich nicht, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang, erklärungsbedürftig ist.
Filtersouveränität? Gemeint ist damit ja nur ein Willkür-Element beim Prozess der Selektion von Information, das heisst: lass die anderen denken und machen was sie wollen. Schon zurück liegend hatte ich versucht mspro den Gedanken zu erklären, dass ein Ich immer der Andere des Anderen ist und sich durch eine Alter-Ego-Analyse ergibt, dass der Glauben an eine Filtersouveränität nur die eigene Willkür durch Umkehrung einer Beobachtungssituation rechtfertigt. Empirsch ist Willkür aber gar nicht möglich, aufgrund des Voraussetzungsreichtums aller sozialen Realität. Die gegenteilige Annahme resultiert aus Effekten der Erfahrungsbildung, die Menschen als Träger von Handlungskompetenz bezeichnet und Handlung als kausalitätsverursachende Kommunikaiton. In diesem Sinne entfaltet sich Kommunikation willkürlich durch Handlung, aber für die sich anschließenden theoretischen Komplikationen übernehmen solche Theorien keine Verantwortung mehr, weil sie sich selbst zu Rechtfertigungszwecken einsetzen. Die Herkunft und die Möglichkeit von Ergebnissen der Kommunikation werden auf diese Weise nicht erklärt, sondern nur gerechtfertigt.
Vielleicht käme man deshalb bei der Beurteilung der Spackeria mit einer anderen Unterscheidung weiter. Nämlich mit der schon angedeuteten Unterscheidung von Rechtfertigungs- und Erklärungstheorien. In diesem Sinne beruhen die halbgaren Diskussionen der Spackeria nur auf einer Rechtfertigungstheorie.
Eine Rechtfertigungstheorie kann den Prozess der Urteils- und Erfahrungsbildung nicht erklären, kann die Bedingungen nicht auflösen, die die Erfahrung begleiten, sondern kann nur ihre Ergebnisse in Hinsicht auf ein Für-und-Wider beurteilen. Eine Erklärungstheorie würde dagegegen auf die Analyse der Bedingungen und Voraussetzung abstellen und sich in bezug auf die Plausibiltät der eigenen Argumente kontingent verhalten. Eine Erklärungstheorie würde andere Erklärungsansätze nicht widerlegen, sondern mit diesen rechnen um zu schauen, was man mit ihnen sonst noch erklären kann.
Das Rechtfertigungsproblem der Spackeria findet man spiegelverkehrt im Gegenstand ihrer Kritik wieder: der Datenschutz. Der Datenschutz versucht auf die nicht aufzuhaltende Lawine regressiv zu reagieren, abwehrend, blockierend; und man dürfte sicher annehmen, dass diese Dämonien aufgrund einer Beunruhigung etwas bedrohlich wirken. Die Spackeria reagiert auf diese Dämonie in umgekehrter Weise, weil rechfertigungstheoretisch einsichtig ist, dass nicht nur der Datensammler veranwortlich ist für den Zerfall des Datenschutzes ist, sondern auch diejenigen, die ihre Daten hergeben. Und wo von Verantwortlichkeiten die Rede ist, darf auf Rechtfertigungen nicht verzichtet werden. Die Spackerei sucht gleichsam aufgrund der selben Beunruhigung einen Anlass dafür, die eigene Beteiligung an Internetkommunikaiton zu rechtfertigen, ohne zu bemerken, dass dies genauso wenig rechtfertigungsbedürftig ist wie die Beteiligung am Straßenverkehr. Der Optimusmus der Spackerei ist damit nur die andere Seite des Pessimismus des Datenschutzes. Beide Seiten rechtfertigen nur, ohne erklären zu können, was gegenwärtig passiert.
Dass diese Rechtfertigungsversuche der Spackeria so viel Aufmerksamkeit erzeugen, scheint mit daher zu kommen, dass das Internet sehr geeignet ist, um Für-und-Wider-Diskussion noch schneller und anspruchsvoller zu führen als vorher. Seine Benutzung setzt voraus, das viele Nutzer überall und schnell Informationen beisteuern, was sich auch auf ein doppelt kontingentes Rezeptionsverhalten auswirkt, welches, sofern man mit schneller Bewegung von Diskussionsverläufen rechnen muss, immer nur auf Schnelligkeit der Argumente reagiert. Dadurch entsteht eine Selektivität, die Plausibilität und Evidenz an der Schnelligkeit misst, mit der dieses oder jenes zu Bewusstsein kommen kann. Es hanelt sich gleichsam um eine Wertschätzung der Schlagfertigkeit. Alles was länger dauert, wenn etwa kompliziertere Sätze in einem etwas antiquiertem Deutsch zu lesen sind, wird schnell aussortiert. So würde sich dann auch eine spezielle Prosa erklären, wie man sie insbesondere bei mspro findet, die viele Anglizismen verwendet, weil damit immer mehr gemeint sein könnte, ohne es schreiben zu müssen, weil das Schreiben Zeit in Anspruch nimmt. Beobachtbar sind aber auch verkürzte Sätze, Auslassungen, semantische Komprimierungen, schlagwortartige Reduktionen, die immer wieder Vorausgesetztes beobachtbar machen, das selbst nicht erläutert werden muss, weil die Zeit zu schnell vergeht. Die Diskussion um Rechtfertigungstheorien ist deshalb anspruchsvoller, weil die Bedingungen der Internetkommunikation gleichsam eine Schriftlichkeit erfordern, die etwa an die Geschwindigkeit der mündlichen Kommunikation heran kommt, ohne diese gleichwohl erreichen zu können. Anspruchsvoll erscheint das insofern, weil damit die Schriftlichkeit praktisch über ihre Möglichkeit hinaus geschoben wird. Denn früher war Schriftlichkeit verbunden mit Besinnung, Muße, Konzentration, Dauer, Geduld, Korrigierbarkeit, Disziplin, sprachlicher Sorgfalt, Verhäuslichung, Sitzfleisch usw. Seitdem nun im Internet keine Schriftdokumente mehr produziert werden, sondern Textsimulationen, wird die Kommunikation in der schriftlichen Kommunikation interaktiv zwischen Abwesenden geregelt. Und eben dies erfordert eine spezifische Rechtfertigungstheorie, deren Merkmal es übrigens auch ist, sich gegen sich selbst irreflexiv und sich hinsichtlich des Gegenstands affirmativ zu verhalten, was deshalb geht, weil man ja irgendeine Meinung immer schon hat und diese schnell mit wenigen Worten niederschreiben kann. Rechtfertigungstheorien sorgen auf diese Weise für die Inkommunikbalität derjenigen Bedingungen, die maßgeblich strukturbildend wirken: in dem Fall das Internet. Die Spackeria redet, sie schreibt darüber, aber sie versteht es nicht. Sie braucht es nicht zu verstehen, weil sie mit dem Schlag „Filtersouveränität“ eine Formel gefunden hat, um ihre eigene Indifferenz zu rechtfertigen.
Wenn nun hinzukommt, dass Erklärungstheorien, wie Haflinger sie formuliert, mit Rechtfertigungstheorien durcheinander geworfen werden, entsteht nur die Beobachtung einer gegenseitigen Unzugänglichkeit der Argumente. Es käme aber darauf an, diese Unzugänglichkeit zu erklären, statt sie zu vermeiden.

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