Die Kommerzialisierung des Genies 2

von Kusanowsky

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Das Eingangszitat von Fichte steht in einem Kontext der Herausbildung eines bürgerlichen Geniebegriffs, der in einem spezifischen sozialen Kontext Verwendung fand, welcher vorsah, dass sich Individuen aufgrund ihrer ganz eigenen Begabung gegenüber einer Masse exponieren und dem Publikum Werke des Geistes übergeben, die das Genie „aus sich selbst heraus“ erschaffen hat. Entsprechend hatte dieser bürgerliche Geniekult schon immer ein Problem mit Trivialsierungstendenzen, die mit der Vermarktung dieser Werke einher ging. Nun passierte aber, dass über 200 Jahre hinweg die Trivialisierung durch Kommerzialisierung vonstatten ging und sich dabei auch dieser Geniebegriff trivialsierte, was spätestens bei Joseph Beuys Niederschlag fand mit der Formulierung „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Müsste in diesem Fall das Genie nicht in einer Masse von Genies verschwinden? Gewiss würde man annehmen wollen, dass diese Vielen sich ihre Genialität nur einbilden, in Wirklichkeit aber nur Durschnittsmenschen mit durchschnittlichen Fähigkeiten sind. Gerade diese Behauptung ist das soziale Merkmal jenes Geniebegriffs, das deutlich macht, dass jeder Einzelne sich mit seinen Fähigkeiten und Begabungen gegen eine Masse abzugrenzen meint, ohne zu bemerken, dass diese Abgrenzung das zur Rede stehende Geniekonzept der Masse ist. Sich für etwas Besonderes zu halten ist die gewöhnlichste Sache der Welt. Und nicht zufällig basiert auf diesem Phänomen das Geschäftsmodell von Facebook, indem es jedem ermöglicht, sich einer Masse als unverwechselbares Inviduum vorzustellen, ohne bemerkbar zu machen, dass diese Individualtität nur das Merkmal einer soziale Nutzierhaltung von Menschen ist, die ihr Humankapital als anthropogene Biomasse kultiviert.
In der Vergangenheit hat nicht nur die Verlags- und Musikindustrie von diesem Trivialisierungsprozess des Geniebegriffs enorm profitiert, indem sie ihn voran trieb und sich nun mit den Effekten dieses Prozesses konfrontiert sieht. Die Gesellschaft im Ganzen profitiert von ihrer wachsenden Genalität, ohne dieselbe allerdings honorierbar machen zu können. Denn woher sollte das Geld dafür kommen, wenn doch für jede Geldzahlung eine Gegenleistung erbracht werden muss? Und nicht etwa andersherum, dass jede Leistung einen Anspruch auf Geldzahlung durchsetzen könnte. Das jedenfalls scheint die irrtümliche Annahme derjenigen Lobbyisten zu sein, die ein Leistungsschutzrecht für das Verlagswesen durchsetzen wollen. Nicht das Internet macht daher das Problem der Industrie, sondern die Masse von Genies, die sich vielleicht längst schon als eine „geniale Masse“ formieren und nunmehr die Industrie dazu zwingen, sich der Selbstunterwerfung des Genies anzupassen. Jedenfalls ist die Popularität des Internets nur ein Effekt dieser genialen Masse, nicht eigentlich die Ursache. Dass aber gerade die Industrie mit ihren kommerziellen Interessen an einem solchen, wenn auch trivialen Geniebegriff festhalten muss, hängt nur damit zusammen, dass sie aufgrund ihrer betriebswirtschaftlichen Festlegung zusammen mit dem bürgerlichen Genie verschwinden muss und keine Alternative anbieten kann, da alle Betriebswirtschaft als Privatwirtschaft konzipiert ist, die keinen Buchhaltungsposten für soziale Effekte kennt. Denn schon das bürgerliche Genie hatte für die sozialen Bedingungen seiner Formierung gar keine brauchbare Theorie gefunden. Zwar hatte das bürgerliche Genie seine Individualität in der Gesellschaft entdeckt, das Zutun vieler anderer Menschen, seine Entwicklung, die Kindheit, die Formierung und Bildung des Geistes, die Lehre, die Lektüre, das Gespräch, die kritische Auseinandersetzung mit den Werken anderer, aber nie konnte das Genie sich selbst nur als soziales Phänomen beschreiben, sondern musste stets seine Werke „aus sich selbst heraus“ begreifen, da die bürgerliche Existenz in ihrer Privatheit niemals ihre Unterscheidungsfindung als sozial vermittelt beschreiben konnte. Von der Brechung dieses Stolzes zeugt der Hurra-Ruf bei Marx im Manifest der Kommunistischen Partei, der dem Kapitalismus eine Aufklärungsleistung zuerkannte, die er allerdings niemals erbrachte. Tatsächlich glaubte Marx, dass, wenn sich alle Verhältnisse auf die „kalte Welt der Zahl“ reduzieren ließen, sich schließlich auch das historische Schicksal eine Gesellschaft wissenschaftlich durchrechnen müsste, wenn sie ihre Selbstbeschreibungsmöglichkeiten auf Geldzahlungen reduziere.
Was auch immer man von einer „kommunistischen Gesellschaft“ halten möchte, dass die kapitalistische Gesellschaft immerhin anfangen muss, ihre Kommunikablität zu kommunizieren, läßt sich bald nicht mehr umgehen, was auf die, freilich ganz gegenstandslose Frage hinausläuft: wer soll die Gesellschaft bezahlen? Gegenstandslos deshalb, weil ja die Gesellschaft als die Summe aller kommunizierten Differenzen genauso kostenlos operiert wie etwa Organismen oder das Wetter. Dass also, wenn alles mit allem zusammenhängt, weil jeder auf die Arbeitsergebnisse aller anderen angewiesen ist, es immer schwieriger wird zu rechtfertigen, dass die Vorteile der einen nur auf Kosten anderer möglich sind. Die Gesellschaft erarbeitet die Vorteile, nicht das private, individuelle, auch nicht das betriebswirtschaftliche Genie. Was selbstverständlich auch für die Verluste gilt. Aber diese Zusammenhänge theoretisch zu begreifen hat eine funktional differenzierte Gesellschaft zur Privatsache einer weltfremden faustischen Gelehrsamkeit erklärt: Die Kommunikabilität der Gesellschaft als die Bedingung ihrer Möglichkeit kann gegenwärtig nur innerhalb eines Subsystems der Gesellschaft verständlich gemacht werden, also nur, solange die Eingeweihten mit ihrer systemtheoretischen Sozialmystik unter sich bleiben können.
Das Internet erzwingt aber nun, dass die Gesellschaft auch an anderen Stellen lernen muss, sich mit ihrer Kommunikablität zu befassen. Das heißt auch, Einrichtungen zu finden, die auf Kommunikation in der Weise reagieren, dass sie weder die geniale Leistung von Individuen erwarten kann, weil sie sonst auf jeden reagieren müssten, was schlechterdings nicht geht, und gleichzeitig von der genialen Leistung eines jeden einzelnen profitiert ohne die Menschen nur als unverzichtbare, aber lästige Biomasse zu behandeln.
Wer sich diesen Überlegungen nicht anschließen will, darf sich überall bedenkenlos äußern, aber hat das selbe Schicksal wie alle anderen zu ertragen: dass man nämlich in einer Masse von Genies nicht länger behaupten kann, klüger, kreativer oder vielleicht besser informiert als alle anderen zu sein, weil genau dies der Stand der Dinge in der Masse ist.
Siehe dazu auch:
Eine Masse von Experten – Warum Massenmedien Experten und warum Simulationsmedien keine „mehr“ brauchen