Differentia

Monat: April, 2011

Ramponierte Welt

Die Gesamtsituation für Weltrettungsversuche scheint gerade sehr günstig zu sein, insbesondere wenn man an die Wettervorhersage für die nächsten 100 Jahre denkt. Aber das ist nur eine sehr verkürzte Betrachtungsweise. Die konjunkturelle Ausgangsituation für die Abwehr von Weltuntergangsszenarien war bislang, jedenfalls was die moderne Gesellschaft angeht, noch nicht nie wirklich schlecht.
Die moderne Gesellschaft ist in den Städten des späten europäischen Mittelalters entstanden. In dieser Zeit entwickelten sich die spezifischen Bedingungen für ein permanentes Krisenmangement durch die Zusammenpferchung einer Bevölkerung auf dem engen Raum, einer von Mauern umgebenen Stadt, in der alle Einwohner landlos waren und in der jeder notwendig unfähig war, alles Lebensnotwendige allein zu beschaffen. Jeder war arbeitsteilig auf jeden anderen angewiesen; und keiner konnte allein sein Ein- und Auskommen sicher stellen. Die Pestepidemien und urbanen Hungerkrisen waren die ersten und deutlichsten Zeichen dieser strukturellen Hilflosigkeit, die sich nur mühselig, aber erfolgreich emanzipieren konnte, indem sie sich nach Durchlauf eines sozialen Sublimierungsprozesses imperial ausbreitete.

Dieser soziale Sublimierungsprozess zeigt sich deutlich in der langsamen Entwicklung einer Marktwirtschaft und dem Bestreben, alles, was produziert wird, zum Zweck des Tauschens zu produzieren, was bedeutet, dass über eine Zeitspanne hinweg ein Verzicht auf Erträge zum Nutzen für die Zukunft hingenommen wird. Sublimierung heißt hier, dass unter der Bedingung einer Notsituation auf eine sofortige Beseitigung verzichtet wird. Man investiert, man sorgt für die Zukunft vor, statt zu konsumieren. Gerade dadurch verschärft sich die aktuelle Notsituation zunächst, aber unter der Voraussetzung, dass zukünftige Erträge empirisch erwartbar sind, kann dieser Verzicht riskiert werden.

Daraus ergibt sich, dass die Zukunft immer als Hoffnungs- und als Enttäuschungshorizont markiert werden muss, worauf sich entsprechend alle Bestrebungen zur Beförderung oder Verhinderung richten müssen. Kurz gesagt: die moderne Gesellschaft zeigte sich schon immer hinsichtlich ihrer Zukunft manisch-depressiv. Dieses Muster kann man in Abwandlungen und Verzerrungen über die Jahrhunderte hinweg verfolgen und erzeugte immer wieder die für die moderne Gesellschaft typische Form der Erfahrungsstrukturierung, die zur Beobachtung ihrer Defizte niemals die gleichen Beurteilungsmaßstäbe anlegt wie zur Beobachtung ihrer Gewinne. Am deutlichsten wird dies an der Nutzung der Atomenergie.
Die Nutzung der Atomenergie fällt in eine Zeit, in der die Industrialisierung das ganze Land bereits mit industrialisierter Infrastruktur überzogen hatte, wodurch schließlich die Frage aufkam, wie unter dieser Voraussetzung der vollständigen Vernetzung aller Produktionsanlagen eine sichere und ertragreiche Dauerhaftigkeit hergestellt werden könnte. Mit der Entdeckung der Kernspaltung reaktualisierte sich das bereits entwickelte Muster und trieb es auf die Spitze: Angst und Hoffnung konnten mit ihr gleichermaßen in Aussicht gestellt werden. Die Kraft der Vernichtung ist keine andere als die Kraft der Schöpfung; und die entwickelten und vielfältig erprobten Verfahren der wissenschaftlichem Urteilsbildung ließen die Beherrschbarkeit beider Möglichkeiten zu. Die Hoffnung war genauso begründbar wie die Angst, aber beides konnte nicht symmetrisch behandelt werden, nicht als ein „Sowohl-als-auch“, sondern musste durch die Problemanalyse der doppelten Kontingenz in eine Risikoanalyse überführt werden. Denn die Aussicht auf Angst heißt ja, dass andere Staaten den Bedrohungsnutzen durch militärische Nutzung möglicherweise höher einschätzen als den wirtschaftlichen Nutzen, weshalb andersherum, um den eigenen wirtschaftlichen Nutzen zu garantieren, die eigene militärische Nutzung zur Voraussetzung wird. Und damit war das Engagement für und wider die Nutzung der Kernkraft nur durch die Nutzung der Kernkraft möglich.

Für die wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie zeigte sich nun, dass sie propagandistisch auf Zukunftshoffnung bauen musste, weil die militärische Nutzung nur den Weltuntergang in Aussicht stellte. Und mit der wirtschaftlichen Nutzung schien eine nicht enden könnende Prosperität möglich, die jeden weiteren Fortschritt nach sich ziehen würde. Das wirtschaftliche Wachstum hätte dann auch ein Wachstum des Wissens und des allgemeinen Wohlstands zur Folge. Die zukünftigen Gewinne erschienen enorm aussichtsreich, alle zukünftigen Defizite, wenn nicht gering, so doch beherrschbar, behebbar oder wenigstens noch hinnehmbar.
Die Verdichtung der Industrualisierungseffekte und ihre Umweltschäden wiederholen nun das bekannter Muster und kehren es in gewohnter Weise um: die Zukunft erscheint, da man auf sie angewiesen ist, nunmher von eben jenen Maßnahmen bedroht, durch welche sie ehedem als Retter aus aller Not betrachtet wurde. Sie erscheint deshalb (und nicht zum ersten Mal) als rettungsbedürtig, weil alle Fortschrittsgewinne  – und das heißt ja auch der Wohlstand – als Defizite bemerkbar werden, die einer zukünftigen Lösung bedürfen, welche aber fraglich wird, wenn diese Zukunft als bedroht erscheint.
So wundert es nicht, dass die Nutzung der Atomenergie nun auf diese Weise gerechfertigt wird: sie erscheint als Beitrag zu einer ökologischen Ökonomie, weil die Zukunft durch eine unökologische Wirtschaftsweise bedroht ist. Die Atomenergie begründet sich jetzt als unverzichtbar zur Vermeidung zukünftiger Defizite, und nicht mehr zur Sicherstellung zukünftiger Gewinne, weil sich die früheren Gewinnaussichten, die sich ja empirisch auch in Wohlstandeffekten zeigen, als gegenwärtige Defizite herausstellen; und entsprechend wird wieder eine Risikoanalyse vorgenommen: was ist gefährlicher? Der Ausstoß Treibhausgasen oder die Schäden durch radioaktive Verstrahlung? Und wieder verweist eine solchermaßen definierte Alternative auf die Alternativlosigkeit einer Problemanalyse der doppelten Kontingenz. Wenn empirisch nachweisbar wäre, welche Schäden der Klimawandel zukünftig zeitigt, kann im Prinzip auf die, lediglich als wahrscheinlich apostrophierten Schäden der Atomkraft keine Rücksicht genommen werden.

Interessant nicht? Je nach Wechselfall der Entwicklung wird das, was erhofft oder befürchtet wird als empirisch, und alles jeweils Gegenteilige nur als wahrscheinlich, bzw. unwarscheinlich betrachtet. Jede umgekehrte Betrachtungsweise ist dann, je nach jeweils aktueller ideologischer Konjunktur, die von Spinnern, Pessimisten oder das unglaubwürdige Geschäft von Heilsversprechungen.
So findet die moderne Gesellschaft keinen Ausweg aus ihrem Hamsterrad, solange sie keinen weiteren Sublimierungsprozess durchläuft, der auf der Basis dieser Aussichtslosigkeit eine Ablösung von Zukunftshoffnungen und Zukünftsängsten herstellt. Eine so funktionierende Gesellschaft dürfte für uns nicht begreifbar sein, weil man nicht wüsste, mit welchen Formen der Erfahrungsbildung eine solche Gesellschaft sich beschreibt.

Menschliches Versagen

Der moderne Volksmund hat eine sehr pragmatische Weisheit für den Umgang mit einem Fachexpertentum entwickelt. Diese Weisheit lautet:

1. Regel: der Experte hat immer Recht.
2. Regel: ist dies nicht der Fall, so gilt Regel Nr. 1.

Was sich so ganz naiv ausnimmt, hat tatsächlich einen philosophischen, aber differenzierungsbedürftigen Kern, den man beim Verfolgen der Berichterstattung über die Ereignisse in Fukushima sehr deutlich analysieren kann. Besonders eindrucksvoll kann diese Weisheit werden, wenn man sie doppelt anwendet, wenn also jede der beiden Regeln durch ihre Negation ergänzt wird. Man käme dann zu folgender Übersicht:

‚1. Regel: der Experte hat immer Unrecht.
‚2. Regel: ist dies der Fall, so gilt Regel Nr. ‚1.

Wenn man das genauer betrachtet, so stellt man fest, dass es sich dabei um einen Anwendungsfall des sogenannten Lügner-Paradoxons handelt, das aus der Antike überliefert ist und die Frage nach dem Wahrheitsgehalt einer Aussage stellt, die von einem Kreter geäußet wird und besagt, dass alle Kreter Lügner sind.
Die moderne Wissenschaft und das aus ihr hervorgehende Fachexpertum ist ja nichts anderes als eine spezifische Habitualisierung, die ein sich durch Aufklärung erhebendes Subjekt gegen eine Masse von Unaufgeklärten und Nichtinformierten stellt, und für sich in Anspruch nimmt, besser, vollständiger, ja auch verständiger, moralischer informiert zu sein als alle anderen. Damit aber nicht genug. Denn die moderne Wissenschaft muss ihr Wahrheitsideal in Kontigenz auflösen, um Wahrheit behaupten zu können. Das heißt, dass die Unwahrheit niemals prinzipiell ausgeschlossen werden kann, jedenfalls ist der Unterschied nicht apriori vorgegeben. Emprisch heißt das, dass jeder Fachexperte, der mit Gewissheit urteilen will, notwendig einen zweiten Fachexperten zulässig machen muss, der, freilich unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Methoden, das Gegenteil behauptet darf. So wird es möglich, dass Fachexperten sich gegenseitig durch beidseitige Verwendung eines übergeordneten Urteilsanspruchs mit vollständig konträren Aussagen konfrontieren können.

1. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Reaktorunfalls ist gering.
2. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Reaktorunfalls ist hoch.

In beiden Fällen gilt, dass ein Experte immer Recht hat, weil immer ein anderer Unrecht hat. Da nun aber die Wissenschaft einen Letztbegründungsanspruch prinzipiell ausschließt, müsste man annehmen können, dass empirsche Daten zur Verifikation oder Falszifikation der einen oder anderen Aussage solche Streitfälle lösen könnten. Genau darin besteht der Aussichtsreichtum einer Wissenschaft, dass sie aus Erfahrung klüger werden könnte. Tatsächlich aber stellt man fest, dass dieses Versprechen durch die Wissenschaft zwar gegeben, aber nicht erfüllt werden kann. Kein Erfahrungswert kann apriori als Voraussetzung zur Beurteilung einer Wahrheit genommen werden, weil in diesem Fall ein Widerspruch in Fragen der Letztbegründbarkeit auftreten würde, dem nur durch Behandlung eines anderen Widerspruchs entgangen wird. So reagiert die Wissenschaft auf ihre Widersprüchlichkeit widersprüchlich und ermöglicht damit allererst ihre enorme Leistungsfähigkeit, da sie ihr Beobachtungsdefzit nicht einfach nur fahrlässig in Kauf nimmt, sondern ganz im Gegenteil, dieses methodisch zu kontrollieren versucht. Und im Fall der Atomenergie zeigt sich, dass sie dieses Verfahren bis an die Grenze der vollständigen Vernichtung ihrer Bedingungen ausprobieren muss, weil nur auf diese Weise die Prüfung der Haltbareit zivilisatorischer Errungenschaften auf die Probe gestellt werden kann. Kein Mensch hat in Fragen der Wissenschaft das letzte Wort.
Daraus ergibt sich schließlich auch die allzu häufig vorgetragene Behauptung, dass im Falle katastrophaler Schäden diese niemals aus der Integrität einer Wissenschaft abgeleitet werden können, sondern immer nur aus menschlichem Versagen, wodurch sich der Wissenschaftsanspruch jedesmal verstärkt: alles Versagen ist immer nichtwissenschaftlicher Herkunft; und aus den eingangs zitieren Regeln ergibt sich auch warum dies so ist. Alle Wissenschaftlichkeit lässt immer Wahrheit und Unwahrheit zu, ein Unterschied, der nirgendwo eindeutig bestimmbar ist. Da aber Katastrophen wie Fukushima irreversible Eindeutigkeiten schaffen, können diese niemals als ein Versagen der Wissenschaft deklariert werden. Daraus ergibt sich dann auch die Einsicht, dass alle Wissenschaft gar nicht von Menschen gemacht sein kann, weil in der Wissenschaft nirgendwo Menschen beobachtbar sind, die nicht versagen, was man an der Beliebtheit eines Fachexpertums bemerken kann, das ein Rechthaben für jeden in Aussicht stellt, sofern man nur wissenschaftliche Methoden benutzt, die zwar immer begründbare, aber niemals letztendliche Urteile zulassen. Der Anspruch eines Fachexpertentums auf übergeordnete Urteilsfähigkeit erzwingt eine Unterwerfung aller Beiligten unter die Bedingungen der Kontingenz aller wissenschaftlichen Einsichten. Das ständige Versagen eines Fachexpertentums sorgt damit für die Ausbildung eines Attraktors, der stets das unerreichbare Gegenteil erfolgreich in Aussicht stellt.