Die Utopie der Atomenergie und ihre sozialen Kosten

Im Blog „Arte-Fakten“ gibts gerade einen sehr lesenwerten Artikel zum Thema: „Die sozialen Kosten des Atomausstiegs„. In dem Artikel werden Betrachtungen über die Folgewirkungen einer ökologischen Energiewirtschaft vorgenommen, die sich auf die „sozialen Kosten“ eines Umstellungsprozesses beziehen. Diese sozialen Kosten entstünden angeblich durch einen Paradigmenwechsel, der besagt, dass der Ort und die Zeit der Stromproduktion nicht mehr vom Bedarf bestimmt wird, sondern von der Verfügbarkeit der alternativen Primärenergiequellen. Damit nähert sich diese Betrachtungsweise einem ökologischen Modell der Energiewirtschaft an, die die Bedingungen der Möglichkeit einer Gesellschaft nicht gegen die Natur entwickelt, sondern mit ihr. Und der Autor stellt mahnend fast, was in Diskursen einer Ökologie der Ökonomie noch nie geleugnet wurde: dass nämlich alles mit Kosten verbunden ist, auch mit solchen, die nicht vollständig berechnet werden können.
Diesem Artikel merkt man sehr genau an, auf welchem Entwicklungsstand der Theoriebildung er angepasst ist. Dieser Stand der Theoriebildung liegt vor der Erfahrung unvorhersehbarer Systemprozesse, wie sie von der Chaostheorie seit den 60er und 70er Jahren beschrieben wurden. Die Erforschung und Nutzung der Atomkraft und ihre technologische Überzeugungsfähigkeit stammt aus einer aus einer früheren Zeit, als für die theoretische Urteilsbildung eine konditional berechenbare Linearität von Entwicklungen in Aussicht gestellt wurde, die auf dem fundamentalen Unterschied von richtig und falsch basierte. Dieser basale Unterschied stellt in Aussicht, dass wenn an einer Stelle alles richtig gemacht würde, an anderen Stellen nichts Falsches folgen könnte und andersherum. Die Technik der Atomenergie beruht entsprechend auf der Hybris, man könne alle Urteilsfähigkeit und ihre Komplexität auf nur einen Unterschied zu reduzieren. Die Technik ist beherrschbar, wenn alles richtig funktioniert, was übrigens auch stimmt. Ein Verständnis für die unvorhersehbaren Auswirkungen minimaler, auch mathematisch berechenbarer Abweichungen konnte erst später, nämlich mit der Chaostheorie entwickelt werden und damit eine Theoriebildung, die prinzipiell von Unvorhersehbarkeit ausging, und Nichtbeherrschbarkeit in Aussicht stellte. Eine solche Theorieposition kann in der Atomwirtschaft nicht akzeptierbar sein, da allein die schlichte Existenz von Atomkraftenwerken eine irreversible Ausgangsposition schafft, die der Rechtfertigung bedarf, welche immer an der Unvorhersehbarkeit von Systemprozessen scheitern würde. Denn bis heute weiß niemand, wie man Atomkraftwerke zurückbaut; und schon gar nicht kann irgendwer wissen, wohin mit dem Müll. Alle Risikokalkulationen, auch diejenigen, die von Reaktorruinen ausgehen, müssen immer von Beherrschbarkeit ausgehen, was immer eine Chaostheorie sonst über Systemprozesse auch in Erfahrung bringt. Eine solche Theorie ist an ihre Technologie gebunden und muss daher genauso rückständig bleiben. Sie muss speziell diesem Punkt jeden Wissensfortschritt leugnen, da sie andernfalls ihre Legitimität verlöre.
Dieser theoretische Standpunkt wirkt sich schließlich auch aus auf die Beurteilung einer Energiewirtschaft, die ein kausal-konditionierbares „wenn, dann“ und „entweder, oder“ unterstellt und meint, damit könnte alle mögliche Komplexität hinreichend reduziert werden. Interessant ist aber, dass in dem Artikel von Jörg Friedrich von „sozialen Kosten“ die Rede ist, worin sich übrigens tatsächlich eine weitergehende Theorieposition findet, die prinzipiell akzeptiert, dass die Welt nicht kostenlos, ja nicht nicht einmal für ein Geringes zu haben ist. Denn der Hinweis auf „soziale Kosten“ könnte ja heißen, dass Variablen der Unbestimmtheit in die Rechnung mit einfließen müssten. Andersherum merkt man dann wie sich der ideologische Gehalt der Atomtechnologie enthüllt, die gerade von dem utopischen Standpunkt ausging, die Welt wäre günstig zu haben, was sich übrigens in der Armut einer Theoriebildung niederschlägt, die nur von richtig und falsch ausging, und nun lernen muss, dass die Welt, mithin auch die Möglichkeit aller Urteilsfähigkeit, Kontingenz bedingt und deshalb Unklarheiten zulässt. Dass aber Unklarheiten in der Theoriebildung immer eine Rolle spielen, musste von allen Rechtfertigungstheorien einer Atomwissenschaft geleugnet werden. Und diese Unklarheiten werden nun als Gegeneinwand gegen eine Ökologie formuliert, die ja gerade den Wissensfortschritt durch die Kalkulation von Variablen der Unbestimmtheit mit berücksichtigt.
Daraus kann man lernen, dass „Für und Wider“-Diskussion einfach nichts bringen, weil stets unterschiedliche Theoriedispositionen, die aus unterschiedlichen Zeiten der Theorieevolution stammen, sich einandner verknäulen.