Zum ewigen Frieden und zur Störkommunikation zwischen Abwesenden #trollforschung

Das Patentrezepet zur Herstellung des Weltfriedens ist uralt, aber höchst unattraktiv. Es besagt, dass man den Streit nicht fortsetzen darf, wenn man den Frieden will. Damit ist nicht gemeint, dass damit in Fragen des wahren und ewigen Friedens alles Erdenkliche unternommen wäre, sondern nur, dass die Beendigung des Streits die Mindestvoraussetzung ist; alles andere mag dann erst möglich sein. Aber wie das so ist: mit schlauen Sprüchen kommt man nicht weit.
Die Realität des Problems stellt sich anders dar, nämlich dergestalt, dass man schon über einen Frieden verhandeln muss, während der Konflikt noch weiter geht. Das ist eine für das diplomatische Geschäft ganz gewöhnliche Einsicht. Die Friedensverhandlungen zur Beendigung des 30jähigen Krieges dauerten sieben Jahre. Das heißt, dass die fortgesetzte Kriegsführung ständig neue Verhandlungsgrundlagen schaffte, was die Friedensverhandlungen einerseits enorm behinderte; andererseits aber wuchs damit über die Jahre hinweg ein Erwartungsdruck, der umso größer wurde, je emsiger die Friedensverhandlungen geführt wurden, was wiederum dadurch zustande kam, dass der Krieg weiter ging. So gesehen ereignete sich der Westfälische Frieden beinahe von selbst, weil die Chancen zur Herstellung des Friedens plötzlich größer wurden als die Aussichten einer weiteren Fortsetzung des Krieges.
Man könnte in Anlehung an die Zivilisationstheorie von Norbert Elias die Annahme treffen, dass der Zivilisationsprozess ein Fortschrittsprozess ist, der weniger in der Verbesserung des menschlichen Loses liegt, sondern mehr darin, für die Menschen eine zunehmende Komplexität an Behinderungen herzustellen, die eine Triebökonomie zur Erweiterung von Freiheitsspielräumen konfigurieren. Zivilisation wäre ein, maßgeblich durch technische Vorrichtungen entstehender Verkomplizierungsprozess der Welt und würde damit einen Prüfstein liefern für die Haltbarkeit von Strukturen des Zusammenlebens; ein Prüfstein insofern, soweit sollte man die Erfahrung des Faschismus ernst nehmen, er genauso ein Stolperstein sein könnte, was eben hieße, dass auch der Faschismus eine zivilisatorische Erfahrung war; so unangenehm das wirken möchte. Man will sich ja nicht immer nur mit einfachen Weisheiten begnügen.
Was auch immer man im einzelnen davon halten möchte, wenn man die Sache differenzierter beurteilt, so könnte man wenigstens zum Zweck des Ausprobierens von Hypothesen den Gedanken ernst nehmen, dass im Prozess der Weltverkomplizierung mit dem Internet ein wichtiger Schritt getätigt wurde. Die Kinder der 80er Jahre in einer Kleinstadt brauchten sich nur auf dem Schulhof für den Nachmittag am Baggersee verabreden, was übrigens schon zu dieser Zeit mit einem enormen technischen Equipment vonstatten ging: Digitaluhr, Walkman, Fahrrad. Ohne dies wäre es schon damals nicht gegangen. Aber ohne Handy und Internetzugang kann heute kein Kind mehr seine Klassenkameraden kennen lernen. Die Technik vermittelt sich als ein generalisierendes Dispositiv, das sich gleichsam imperial in die Strukturen einwebt und die Fortsetzung der Kommunikation unter Bedingungen stellt, die fortwährend einer Neubeurteilung unterzogen werden müssen, wobei die Ergebnisse rückkoppelnd diese Bedingungen erzeugen. Der Verkomplizierungsprozess wäre dann eine sich ständig ausdifferenzierende systeminterne Umweltkomplexität, die einen Selektor herstellt um Strategien zur Überwindung dieser Komplexität zu erproben. Für eine funktional-differenzierte hieße das, dass die Zumutungen an die Menschen ständig steigen, und dass diese Zumutungen durch Vereinzelung und Trennung der Einzelkörper durch Versperrung im Raum sublimierend in Resonanzfähigkeit umgesetzt werden, wodurch vorderhand kuriose, aber nicht selten auch weiterführende Lösungen ermittelbar sind.
Das Internet jedenfalls erzwingt die Beschäftigung mit Computern um das zu leisten, was vorher auch ohne möglich war. So konnte man vorher den anderen seinen Hass ins Gesicht schreien, jetzt tippt man ihn in die Tastatur. Vorher hatte dies relativ einfache Konsequenzen: entweder man schrie zurück und ließ sich auf eine Eskalation ein oder man ging sich aus dem Weg. Das Internet ermöglicht nun, dass man der Begegnung des anderen zwar ganz leicht aus dem Weg gehen kann, indem man sich hinter einer technischen Apparatur verschanzt. Das macht, dass man den Hass leichter, weil ungefährlicher äußern kann, aber zugleich ist man dem Hass der anderen viel stärker ausgeliefert, weil der Apparat es nicht mehr zulässt, sich selbst aus dem Weg zu gehen, wenn man zur Kontaktaufnahme mit anderen gerade diesen Apparat braucht. Das Internet erzeugt damit eine Interaktion zwischen Abwesenden. Besser formuliert: der Unterschied zwischen Anwesenheit und Abwesenheit verläuft nicht mehr entlang einer lokalen Identität.
Und so entsteht dann die dringende Frage: wohin mit dem Hass? Weil sich der ja nun nicht mehr in einem Interaktionsraum zwischen Anwesenden ereignet.
Aktuell werden zwei Lösungswege ausprobiert, die die Ausweglosigkeit mit den gleichen Bedingungen konfrontieren, durch die diese Ausweglosigkeit entsteht. Der eine besteht in dem Versuch einer Trollforschung, wie ihn Sascha Lobo ansatzweise testet. Dieser Ansatz sieht den Störer nicht als Verursacher der Störung, sondern als ein Beobachtungsphänomen der Störung, die durch Internetkommunikation entsteht. Der andere Versuch ist, wenn nicht von der gleichen epistemologischen Betrachtungsweise, so doch wenigstens von der technischen Seite her bemerkenswert: der Hass, wie er sich in Kommentaren bei Blogs und Foren äußert, wird weder erlitten, bekämpft oder gelöscht, sondern separat, auf einer eigens dafür eingerichteten Webseite dokumentiert. Der Hass wird in einem Reservat entsorgt und bekommt dort ein Bleiberecht.
Man braucht nun nicht viel Fantasie um sich die Konsequenzen auszumalen, wenn sich solche und ähnliche Strategien als erfolgreich erweisen sollten. Gegenwärtig diskutieren Pädagogen das Problem des sogenannten Cybermobbings und man ahnt bereits, dass man mit gesetzlichen Maßnahmen nichts dagegen unternehmen kann. Und überdies ist das „Verpetzen“ inzwischen sogar ein internationales Bedrohungsszenario für die Sicherheitsorganisation. Und solange niemand darüber nachdenken kann, woher diese Probleme kommen, können nur solche Lösungen erprobt werden, die die Problementfaltungsstrukturen unterlaufen und damit zunächst unbemerkt bleiben. Denn, wie gesagt, mit der einfachen Weisheit, dass den Frieden nur herstellen kann, wer den Streit nicht fortsetzt, ist niemandem geholfen.