Erinnerung an die Vergesslichkeit

von Kusanowsky

In der aktuellen Ausgabe der Zeit wird in dem Artikel „Kein Vergeben, kein Vergessen“ eine interessante Behauptung aufgestellt:

Jahrtausendelang hat der Mensch daran gearbeitet, dem Vergessen ein Ende zu bereiten. Lehmtafeln, Papyrus, Pergament, Papier, Buchdruck, Bibliotheken, Archive, Datenbanken – alles diente nur diesem einen Ziel. Denn ohne Erinnerung ist zivilisatorische Entwicklung nicht denkbar. Und jetzt endlich ist es so weit: Das Internet vergisst nichts mehr.

Folglich könnte man auf den Gedanken kommen, dass die zivilisatorische Entwicklung mit dem Internet erst beginnen kann. Das Zeitalter vorher wäre dann das eines Affenexperimentes, das heraus finden sollte, was eine Versammlung von Affen alles leisten kann, wenn sie sich ein Zweitgedächtnis schafft um damit neuronale Defizite zu kompensieren. Wenn nun aber trotz dieser neuronalen Defizite nichts mehr vergessen werden könnte, dann wäre wohl erst der Punkt erreicht, an dem die platonische Vorstellung von der Rückkehr der Seele zu sich selbst anfangen könnte.
Diese metaphysische Vorstellung Platons besagte, dass die Seele bei ihrer Geburt in einem Körper erwacht und in dem Augenblick vergessen hat, woher sie kommt. Die Zeit ihres Lebens verbringt sie damit, sich an ihre Herkunft aus dem Reich der absoulten Ideen und Wahrheiten zu erinnern und schließlich den Rückweg zu ihrem Ursprung findet.
Diese antike Vorstellung mag inzwischen wie das Hirngespinst einer Esoterik wirken, die das harte Brot der theoretischen Reflexion verschmäht. Tatsächlich aber ist die Idee der platonischen Seelenwanderung gar nicht so abwegig wenn man das erkenntnistheoretische Fundament der antiken Ontologie berücksichtigt, welches für die christliche Tradition von entscheidender Bedeutung war. Wie kann man etwas mit Genauigkeit wissen, wenn die Sinneserfahrung keine eindeutigen Anhaltspunkte liefert? Jeder kennt sich mit der Welt aus, ist aber nur sehr schwer dazu in der Lage, sich darüber zu vergewissern. Der Kirchenvater Augustinus brachte diesen Zusammenhang mit dieser Sentenz auf den Punkt: Natürlich weiß ich was Zeit ist, fragt mich aber jemand danach, kann ich es nicht sagen. Man vergisst es im selben Augenblick wieder, es entfällt. Das ist eine ganz gewöhnliche Erfahrung, die auch schon für weniger abstrakte Gegenstände des Nachdenkens gilt. Man versuche einmal eine Definition für einen Ball zu finden. Nicht, dass es nicht geht, aber jeder Versuch ist äußert defizitär. Es gibt keine vollständige Definition und trotzdem kann man immer ganz genau wissen, wann man es mit einem Ball zu tun hat.
Systemtheoretisch umformuliert könnte man dies so beschreiben, dass die Seele einen iterativen Prozess der rekursiven Einschränkung von Kontingenz durchläuft. Zwar hatte sie bei ihrer Geburt vergessen, was ein Ball und was alles andere in der Welt ist, dies aber nicht vollständig. Und durch permanente Perturbation eines Wahrnehumgsapparates schränkt sie ihre Umweltbeobachtung durch Relationierungen von Elementen ein bis sie schließlich alle Differenzen aus der Umwelt ignorieren kann um sich als selbstreferenzielles System gegen ihre Umwelt abzuschließen. Das würde bedeuten, dass die Seele alles von sich weiß, weil sie innerhalb ihrer Systemgrenzen jedes Element mit jedem jederzeit verknüpfen kann, weil sie gleichsam unfähig wäre, irgendetwas zu vergessen, aber im selben Augenblick ihrer Umwelt keine Auskunft geben kann, weil sie nicht wissen kann, welchen Systemzustand ihre Umweltsysteme gerade aktualisieren, wenn sie sich ebenfalls gegen ihre Umwelt abzuschließen beginnen. Wittgenstein kommentierte das so:“Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“
Man könnte also die platonische Seelenwanderung interpretieren als einen frühen Versuch, die Ausdifferenzierung von Systemen aus ihrer Umwelt zu beschreiben. Und sollte eine solche Interpretation gelingen, so könnte man bemerken, wie stark diese antike Vorstellung die Tradition bis in die neueste Zeit geprägt hat, dass sogar noch systemtheoretische Versuche daran anknüpfen können. Aber vielleicht wäre das nur eine hübsche Spielerei für die Einwohner von Apragopolis.
Wie dem auch sei. Interessant bleibt in diesem Zusammenhang der eingangs erwähnte Artikel aus der Zeit. Könnte es sein, dass die technische Grundlage für die Erfüllung einer uralten Menschheitsutopie ausgerechnet mit dem Internet zur Welt gekommen ist? Haben wir es mal wieder mit Hybris zu tun? Zunächst nicht. Denn der Artikel plädiert tatsächlich für eine Kultur des Vergessens. Aber spricht sich in diesem Plädoyer nicht tatsächlich eine Hybris aus, die sich nur von der Gegenseite aus zur Kenntnis bringt? Also die überhebliche Vorstellung, dass das, was empirisch gar nicht möglich ist, nämlich ein Total Recall, eine Fiktion für Science-Fiction-Märchen, zum ernsthaften Gegenstand des Nachdenkens genommen wird um damit die Erzählung eines Menschheitstraums fortsetzen zu können. Kaum mag die platonische Seele vor der Eingangstür ins Reich der ewigen Wahrheit stehen, so begehrt sie ganz schnell, den Rückweg ihres Rückwegs anzutreten aus Furcht von der definitiven Unheimlichkeit der Welt. Oder könnte man, wenn man schon eine Fiktion zum Gegenstand einer Realerzählung der Menschheit nehmen möchte, Anlass haben zu der Vermutung, dass für den erfolgreichen Rückweg der Seele durch fortschreitende Erinnerung sie sich, neben der ganzen sonstigen Komplexität der Welt, auch an ihre Vergesslichkeit erinnern müsste, so dass sie schließlich, wenn sie gefragt wird, was Vergessen heißt, sie zur Auskunft geben müsste, dass sie das zwar wisse, aber nicht sagen könne. Sie habe das vergessen.