Hartnäckig weiter fließt die Zeit

von Kusanowsky

Hartnäckig weiter fließt die Zeit:
Die Zukunft wird Vergangenheit.
Von einem großen Reservoir
ins andre rieselt Jahr um Jahr;
und aus den Fluten taucht empor
der Menschen bunt gemischtes Corps.
Sie plätschern, traurig oder munter,
’n bissel rum, dann gehen’s unter
und werden, ziemlich abgekühlt,
für längre Zeit hinweggespült.

Beim Überflug über diese aussichtslosen Pro-und-Contra-Diskussionen um die Nutzung der Kernenergie ist mir ein selten bemerktes Argument begegnet, das lautete: bei Erdbeben und Tsunami sind in Japan zehntausend Menschen gestorben, bei dem Unfall im Atomkraftwerk noch nicht einer.
Bei solchen Katastrophenszenarien liegen die Nerven überall blank; gewiss, die häufigste von mir bemerkte Formulierung war, dass diese oder jene Meinung „zynisch“ sei. Nur ein Beobachter, der sich in Fragen der Moral etwas zurück halten will, kann feststellen, dass der inflationäre Zynismus-Vorwurf nicht nur selbst von einer zynischen Zivilisationsbetrachtung zeugt, sondern auch von einer Indifferenz hinsichtlich zivilisatorischer Leistungen. Empirisch besteht die Leistung der Zivilisation nicht nur in Fortschritten und Annehmlichkeiten. Wer aber behauptet, Zivilisation solle genau dies leisten, versteht die Welt in der wir leben, nicht einmal zu Hälfte.
Man denke dabei an die Durchsage der japanischen Regierung, dass man Babies kein Leistungswasser zu trinken geben sollte; und es wurde hinzugefügt: es bestehe kein Grund zur Beunruhigung. Kann man darüber lachen? Ja, man kann, wenn man bemerkt, wie aussichtslos die Situation ist. Die Schäden eines Erdbebens, eines Tsunamis können beiseite geräumt werden. Die Häuser und Fabriken können wieder aufgebaut, die Felder und Äcker können wieder hergerichtet werden; die Toten werden beerdigt und beweint; und hat man die Tränen besiegt, findet man einen Ausweg, der paradoxerweise darin besteht, dass man wieder von vorn anfängt, dass man weiter macht.
Die radioaktive Vestrahlung läßt diesen paradoxen Ausweg nicht zu. Man kann die Luft, die Erde, das Wasser und die Bevölkerung nicht evakuieren, man kann der Zivilisation nicht aus dem Weg gehen. Darin besteht das Risiko der Kernkraft: nicht einmal die Paradoxie des zivilisierten Lebens lässt noch einen Ausweg zu.
Aber: mit welcher Art von Gesellschaft bekäme man es zu tun, die anfängt, das Problem überhaupt erst in Erfahrung zu bringen? Stattdessen aber wird naiv als ob es einen Gott gäbe, der uns behütet, über ein Pro und Contra diskutiert.
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