Eine Masse von Experten – Warum Massenmedien Experten und warum Simulationsmedien keine „mehr“ brauchen

von Kusanowsky

Bei den Sozialtheoristen ist von Stefan Schulz ein Beitrag zu der Frage erschienen, warum Massenmedien Experten brauchen. Was ich interessant finde an seinen Überlegungen  – und es ist nicht das erste Mal, dass mir die bei den Sozialtheoristen angebotenen Artikel ausgesprochen gut gefallen – ist, wie leicht es inzwischen fällt, brauchbare und weiterführende Analysen und Betrachtungen, die einen gewissen Anspruch an Komplexität erfüllen, zu verbreiten. Die Annahme, dass dies offensichtlich an kompetenten und klugen Menschen liegt, akzeptiere ich nicht, weil Menschen dieser Komplexität prinzipiell gar nicht gewachsen sind. Es muss anderweitige, kommunikativ strukturierte Lösungen geben, wie sie nur von sozialen Systemen erarbeitet werden können, von welchen Menschen dann profitieren, insofern sie als ansprechbare Adressen fungieren und damit das „soziale Werk“ der Kommunikation immer wieder einschränken, ja mitunter vollständig verschleiern oder gar als nicht beobachtbar aussortieren. Das gilt für die Beiträge bei den Sozialtheoristen genauso wie für alle anderen auch; und unter dieser Voraussetzung ist es einmal interessant, die Betrachtungen von Stefan Schulz über das Expertentum der Massenmedien noch einmal durchzugehen und unter Hinzuziehung einer Selbstreferenz zu fragen, durch welches Medium solche „Vereinfachungen“, also Problemlösungen zur Komplexitätsbewältigung, möglich werden können.
Meine Anfangsthese lautet, dass dies durch Massenmedien nicht gelingen kann, wenn man dieselben dazu verwenden wollte, ein Expertentum auf einer zweiten Ordnungsebene der Beobachtung zu analysieren, weil auch in diesem Fall ein urteilsfähiger Experte unverzichtbar wäre. Sofern sich Beobachtungen von Beobachtungen über Massenmedien durch Massenmedien vollziehen, würde die Komplexität dieses Mediums entweder vollständig ausgeblendet und bliebe damit unverstanden, oder, wenn gerade die Beobachtung dieser Komplexität und ihrer funktionalen Entfaltung zum Gegenstand gewählt würde, man damit an der Komplexität der Massenmedien scheitern müsste.
Dieses Schicksal kann man etwa an der universitären Medienwissenschaft beobachten, weil sich all diese Forschungen selbst über Wissenschaftsverlage verbreiten müsssen, um rezipierbar zu sein, aber auch Wissenschaftsverlage, seien sie noch so spezialisiert, subventioniert und nischenmäßig etabliert, werden durch den Code des massenmedialen Systems determiniert, der – entgegen der Luhmannschen Vermutung – entlang der Unterscheidung von Quantifizierbarkeiten operiert. Folglich schlägt dies dann auch auf den Wissenschaftler durch, der als Experte durch Quantitäten auffallen muss. Reputationssteigerung geht über das Prinzip „publish or perish“, zuzüglich aller damit verbundenen Manipulationsversuche der Verlängerung von Publikationslisten. Dass übrigens dies bei Berufungsverhandlungen regelmäßig geleugnet und auf Qualität bestanden wird, die keiner mehr zuverlässig beurteilen kann, zeigt nur, wie aufdringlich solche Manipulationsmaßnahmen sind und wie wenig sich jeder einzelne solchen Tricks entziehen kann.
Wenn also Expertentum durch Massenmedien beobachtbar gemacht werden soll, so funktioniert dies nur, insofern es nicht funktioniert, heißt: es können nur Experten andere Experten beobachten, aber die Funktion, die Unverzichtbarkeit eines Expertentums und damit auch die Verschleierungsstrategien sozialer Systeme, die ein „Menschenwerk“ postulieren, wo gar keines zu finden ist, bleibt unbeobachtbar, bleibt nicht beschreibbar, bleibt ein Wunderwerk des Weltgeschehens. Das heißt andersherum: erst unter Vernachlässigung eines Codes der Massenmedien können Massenmedien, ihr Expertentum und ihre Komplexität überhaupt erst angemessen erfasst werden, aber ein anderweitiger Code kann nicht selbst bestimmt werden, sondern muss einem evolutionären Selektionsgeschehen überlassen bleiben.
Die Betrachtungen von Stefan Schulz scheinen mir aus diesem Grunde höchst interessant zu sein, weil die Beobachtungen über ein Expertentum einen ganz spezifischen Effekt des Massenmediums reflektieren, nämlich, dass alles, was so kommuniziert werden kann, hier: die Kompetenzinszenierung von Experten, als Quantitätsphänomen in Erscheinung tritt. Die Betrachtungen von Stefan Schulz können wohl deshalb so gut die Komplexität des Massenmediums reduzieren, weil sie die „Masse der Experten“ zum Ausgangspunkt nimmt ohne selbst dabei auf massenmediale Verbreitung angewiesen zu sein. Man könnte einwenden und behaupten, dass auch ein Weblog nur massenmediale Verbreitung ermöglicht, aber gerade der Umstand, dass dies recht einfach geht, ja, man prinzipiell weltweit auffallen könnte, erzwingt einen Selektionsdruck, der die Berücksichtigung einer Massenverbreitung gerade ob ihrer schnellen und einfachen Bewältigung gar nicht mehr attraktiv macht. Denn was sollte man noch schreiben können, wenn man ernthaft damit rechnen müsste, dass abertausend verschiedene medienwissenschaftliche und soziologische Experten diesen Beitrag lesen? Die Quanität eines Expertentums entsteht durch Massenmedien, welche sich ja selbst wiederum massenweise verbreiten und schließlich mit dem Internet ihre trivialste Form finden: jedem zugänglich, kostengünstig, schnell, weltweit. Die Massenmedien kommen mit dem Internet gleichsam zu sich selbst, indem sie durch ihren eigenen Code selbst wiederum medialisert und damit in ihre Elemente zerfallen. Sie erreichen durch das Internet ihre Trivialisierungsgrenze, was schließlich auch für ein Expertentum gilt. Es fällt als triviale Form auf, und erst dann kann ein, durch Massenmedien soziologisch geschulter Blick diese Komplexität, sofern sie eben schon durch das trivialste Massenmedium aller Zeiten – das Internet – reichlich reduziert wurde, erfassen. Und der Hinweis, dass auch die Analysen von Stefan Schulz höchst selektiv sind, und damit einer Verfahrensweise der Masssenmedien entsprechen, ist nur ein Hinweis auf den Code, den Massenmedien reproduzieren, indem Vollständigkeit gegen Selektion gestellt wird, ein typisches Problem von Massenmedien, die ständig Selektion und damit Einseitigkeit, Parteilichkeit, Zweifelhaftigkeit und Subjektivität problematisieren ohne dafür ein Lösung zu finden. Daher wird das Expertentum unverzichtbar: es garantiert Glaubwürdigkeit und Zweifel, was man akuell an dem Beispiel des Experten „Ranga Yogeshwar“ sehr gut beobachten kann.
Andersherum heißt das aber, dass Selektion gar kein Problem ist, unter der Voraussetzung, dass ein anderer Code als der, den Massenmedien benutzen, einen Attraktor zur Reflexionssteigerung ausbilden kann. Dies gelingt, so nehme ich an, durch Benutzung evolutionärer Errungenschaften wie sie durch ein massenhaftes Expertum als Substrat bereit gestellt wird. Wir hätten in dieser Hinsicht also mit zwei gleichzeitig und sich gegenläufig stützenden Verbreitungsprozessen zu tun: Verbreitung von Massenmedien, die schließlich in der Trivialisierung des Internets mündet; und Enttrivialisierung dieser Systemumwelt durch massenhafte Verbreitung von Experten. Dieser Prozess war schon schon vor der Durchsetzung des Internets entstanden, konnte aber aufgrund des spezifischen Dispositivs der Massenmedien nicht ausreichend gewürdigt werden. Man denke dabei an Konzepte von sogenannten Alternativmedien, Selbstverlagen, Bürgermedien, freien Radios, Gegenöffentlichkeit, aber auch an die Beurteilung einer Trivialisierungschance, wie sie etwa im Konzept der sozialen Plastik von Joseph Beuy vertreten wurde, derzufolge jeder Mensch ein Künstler und damit auch ein Kunstexperte sei.
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Wenn meine Überlegung zutreffen sollte, dass das Internet eine Verschärfung des Trivialisierungspozesses der modernen Form der Erfahrungsbildung darstellt, dann heißt das nicht, dass alles, was durch das Internet kommuniziert werden kann, trivial erscheint, sondern die Art und Weise der Beurteilbarkeit ist trivial, solange das Dokumentschema als Beobachtungsschema beibehalten wird, welches schon lange, spätestens seit der Industrialisierung, auf seine Ablösung wartet. Wenn diese Ablösung durch das Internet vollzogen wird, so dürfte man damit rechnen, dass gegenwärtig ein Enttrivialsierungsprozess abläuft, durch den eine andere Form der Erfahrung in Erfahrung gebracht wird. Vielleicht hat ja Tim Bruysten das gemeint, als er in der Diskussion um ein Leistungsschutzrecht kommentierte: „Und gerade der hier stattfindende Diskurs … zeigt die potentielle Überlegenheit der Diskursmedien gegenüber den Massenmedien des 20. Jhds.“ (Das Internet, Diskurs- oder Simulationsmedium?)