Differenz von Risikostrukturen #restrisiko #ökostrom

von Kusanowsky

Was machen Ökostrom-Benutzer eigentlich wenn es im Winter wochenlang trübe und windstill ist?

Auf meiner Pinnwand bei Facebook fand ich heute diese Frage, gestellt von einem bekennenden Atomkraftbefürworter. Das Bemerkenswerte dieser Frage liegt in der Zusatzinformation über das Bekenntnis des Fragestellers, das typisch ist für ideologische Diskussionen.
Ideologische Diskussionen entstehen erstens durch eine vollständige Illusion über die Einschränkung von Kontingenz, woraus eine Beoachtungsweise resultiert, die nur dies und nichts anderes in Erwägung ziehen kann, eine Beobachtungsweise, die mit der durchhaltbaren Möglichkeit des Erwartens von Bestimmtheiten operiert; und zweitens führt dies notwendig in eine double-bind-Situation, die einen Ausweg aus der Verstrickung in Selbstwidersprüchen im Extremfall über die Beherrschung von Angst erprobt, weil Kontingenz als Option nur sehr eingeschränkt ausgeschaltet werden kann. Nicht selten führt die Nichtbeherrschbarkeit von Angst in Gewaltausbrüchen oder wenigstens in gesteigerter Erregungsfähigkeit, denn Gewalt oder Erregungssteigerung stellt sicher, dass anders gerartete Irritationen auftreten, welche von der Ausweglosigkeit einer Beobachtungssituation des double-binds ablenken.
Das gilt insbesondere für die in Atomstreitdiskussionen häufig zu findende Anweisung, nicht ideologisch zu argumentieren. Denn diese Anweisung impliziert stets, dass die Antwort auf die Frage, was Ideologisch ist und was nicht, schon bekannt und bestimmt sei; man also einen Unterschied zwischen ideologischen und nichtideologischen Argumenten unterstellen und sicher erwarten könne, dass alle Beteiligten die anfallende Sinnkomplexität trennscharf zuordnen könnten. Und wenn man Diskussion, wie sie in Talkshows geführt werden, darauf hin beobachtet, ob dies gelingt, dann wird man punktgenau mit einer Eskalation, mit einer Steigerung der Erregungsfähigkeit aller Beteiligten rechnen können, wenn diese Unterstellung als Beobachtungsdefizit in allem Beiträgen durchgereicht wird, weshalb schon unterhalb einer Schwelle, die eine explizite double-bind-Situation erkennen lässt, die anfallenden Widersprüche durch gesteigerten Kontrollverlust über Affektbewegungen kommunkativ ausgelagert werden.
Man kann das empririsch sehr gut bei solchen Anne-Will-Talkshows überprüfen: zunächst sehe und höre man zu bis jeder in der Runde von der Moderatorin das Wort erteilt bekommen hat. Dann warte man noch bis man feststellt, dass die ersten Redner ihre Argumente wiederholen. Sobald man dies bemerkt, schalte man den Ton ab und stelle sich die Frage: Was kann man sehen? Da man ja schon weiß wer anwesend ist und welchen ideologischen Standpunkt jeder einnimmt, so kann man, wenn auch nicht genau, so doch ausreichend ahnen, was gesagt wird, aber dabei konzentriere man sich auf die sogenannten non-verbalen Zeichenverkettungen wie Bewegungen des Oberkörpers, Bewegungen der Hände, der Beine, der Mimik und achte darauf, ob man eine Steigerung der gegenseitigen Redeunterbrechung bemerken kann. Nach mehrmaligen Versuchen stellt man ein deutliches Muster der Frequenzsteigerung fest. Und wenn man das mal geübt hat, kann man bei einem weiteren Testdurchlauf auch wieder den Ton einschalten. Auch wenn dieses Experiment einige Wochen dauert, weil man ja etwas die eigene Beobachtungsweise bemühen muss, so wird man doch einen höchst verblüffenden Eindruck von solchen Diskussionen bekommen. Man wird das, was man Logik, Rationalität, Widerspruchsfreiheit nennen möchte nach einiger Zeit gar nicht mehr vermissen, weil man schon gar nicht mehr darauf achtet. Täte man das aber, versuche man also dann wieder dem zu folgen, was gesagt wird, so stellt man ein Höchstmaß an Verwirrung fest und man fragt sich, wie das die Beteiligten nur aushalten können. Die Antwort liegt natürlich darin, dass sie dies gar nicht merken, oder erst dann, wenn die Affektkontrolle gänzlich scheitert, wie man dies an diesem schon älteren freak-out-Beispiel in einer Talkshow mit Angela Merkel feststellen kann. (Siehe dazu auch den Artikel: Performanz – die Risikostruktur der Dokumentform.)
Im schlimmsten Fall muss es sogar zu Gewalt kommen, weil die Affektbewegungen des Körpers irritativ auf Affektbewebungen anderer Körper reagieren, einen Effekt, den jederzeit bei Schulhofprügeleien unter Kindern bemerken kann. Aber auch bei dem Phänomen „Liebe auf den ersten Blick“ wird man so etwas bemerken können. Der Körper ist ein selbstunterscheidender Beobachter, der sich in seinen Bewegungen nicht nach dem richten kann, was sinnhaft in der Kommunikation entwickelt wurde.
Zurück zur Eingangsfrage. Wenn man beurteilen will, wie man das verstehen kann, was man schon verstanden hat, so kommt es unbedingt darauf an, eine zweite Struktur der Differenzbildung in Erwägung zu ziehen: Erstens kommt es auf die Differenz von Information und Mitteilung an, die die kommunikative Situation auf einer sachlichen Ebene zerteilt; und zweitens auf die Frage: wer redet oder schreibt, wodurch sich eine soziale Ebene entfaltet, die eine sinnhafte Verfolgung von Differenzen ermöglicht. Es macht daher für eine Beobachtung einen erheblichen Unterschied wenn man weiß von wem die Frage gestellt wird. Von Atomkraftgegenern wird die Frage nach einem Restrisiko der Stromversogung durch regenerative Energien ständig gestellt, aber nur ein Atomkraftbefürworter kann daraus eine ideologische Frage machen, da er diese Frage rhetorisch als Einwand gegen ein nicht kalkulierbares Restrisiko des Ökostroms vorträgt. Andersherum gilt Vergleichbares: die rhetorische Frage nach der Kontrolle eines Restrisikos der Atomstroms wird, wenn von Gegnern vorgetragen, nur als ideologisch motivierter Einwand betrachtet, da doch die nukleare Ingenieurwissenschaft gleichsam nichts anderes ist als eine differenzierte und komplexitätsbildende Forschung der Behandlung dieses Risikos.
Wollte man dagegen einwenden, Risiko sei nicht gleich Risiko, das Risiko im Dunkeln zu sitzen sei ein ganz anderes als das der atomaren Verstrahlung, so kommt auf der Sachebene kaum weiter ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Der Weg führt dann – wie eingangs bemerkt – nur in die Steigerung der Irritativität und anschließender Umorientierung durch Beobachtung von Affekten.
Damit soll gesagt sein: die Anweisung, jenseits von ideologischen Betrachtungsweisen zu diskutieren, führt notwendig in die ideologische Enge, weil nämlich diese Anweisung selbst ideologisch blockiert ist, da sie Vorannahmen impliziert, deren Explikation immer wieder auf den gegenseitigen Vorwurf der ideologischen Voreingenommenheit führt.
Die Situation erweist sich als ausweglos, solange man auf der Basis implizierter Anforderungen an Beobachtbarkeit erwarten kann, dass ein Ausweg gefunden werden müsste. Wollte man es dabei belassen, eine Entscheidungssituation über die Beherrschbarkeit von Technik einerseits und der Beherrschung von Angst, die ja im Technikgebrauch immer eine Rolle spielt, andererseits herzustellen, so wird man auch hier in die Irre geführt werden, denn erfahrungsgemäß münden alle Versuche zur vollständigen Beherrschung der Angst in eine faschistische Ideologie.