Post-privacy und was man davon halten kann
von Kusanowsky
Der größte und mächtigste Gegener einer Post-privacy-Bewegung ist gegenwärtig Facebook. Dieser Fernseh-Beitrag der ARD berichtet davon, wie wenig Facebook von Offenheit und Vertrauen hält, da es ein sogenanntes privatwirtschaftliches Unternehmen ist, das sein Kapital, welches durch eine gigantische Datensammlung entsteht, mit Zähnen und Klauen nicht nur gegen Konkurrenten, sondern auch gegen Kritiker und Hacker verteidigen muss. Das Unternehmen muss, um weiterhin erfolgreich zu sein, Gewinne privatisieren und Risiken sozialisieren. Auf seine Privatsphäre kann Facebook weniger verzichten als jedes andere Unternehmen; es nährt sich gleichsam davon, dass andere Unternehmen und Haushalte bereits gelernt haben, Privatheit anders zu betrachten oder, wenn keine Lernerfahrung vorliegt, sie wenigstens ein gewisses Maß an Indifferenz gegenüber ihren eigenen Angelegenheiten zeigen. Und je mächtiger Facebook seine eigene Privatsphäre ausdehnen kann, um so schwieriger gestalten sich Bemühungen um einen konventionellen Datenschutz, da den Datenschützern die Klientel praktisch davon läuft.
Statt sich um sich selbst zu kümmern, kümmert sich das gewöhnliche Wirtschaftssubjekt (inkl. des hier sich mitteilenden Bloggers) um Facebook, und ein Datenschutz wird dann lernen müssen, sich mehr mit sich selbst zu befassen, was letztlich seine Selbstauflösung bedeutet. Denn wenn ein privater Datensammler wie Facebook in die Situation geraten könnte, dass es über seine Mitglieder mehr wissen kann, als diese über sich selbst, dann wird Facebook mutatis mutandis zum größten Datenschützer aller Zeiten. Es hilft für die Zukunft dann nicht weiter, wenn man zur Herstellung von Klarheit zwischen einem staatlichen Datenschutzbeauftragtem und einem Datenschutzunternehmen wie Facebook unterscheiden wollte. Denn was wollte man damit unterscheiden? Ein gelungener Datenschutz ist, wenn bestimmte Daten für eine bestimmte Adresse unbekannt bleiben. Damit das aber möglich ist, muss man Daten adressieren und nicht adressieren können, das heißt: die einen Daten anschlussfähig weiter zu geben, aber andere Daten, die genauso anschlussfähig wären, zurück zu halten. Daten müssten, wo immer sie entstehen, mit einem Unterschied versehen werden; ein Unterschied, der wenigstens den Unterschied einer Adresse zulässt: du weißt, wann ich geboren bin, ein anderer nicht usw. Und solange solche Unterscheidungsroutinen über die Adressierung von Daten einigermaßen anschlussfähig bleiben, solange wird man immer ein Probelm damit haben, dass unerwünschte Leser Privatkorrespondenzen abgreifen. Aber was wäre, wenn sich die Komplexität einer Datensammlung soweit erhöht, dass ein Orwellscher Beobachter, der schließlich als das einzige Privatsubjekt verbleiben würde, in die Situation gerät, dass er die Adressierbarkeit aller Daten ob dieser Komplexität aus den Augen verlöre? Man muss dabei berücksichtigen, dass die Auswertung der Daten nur durch eine rechnergestützte Mathematik funktioniert. Algorithmen lassen kein Sinnverstehen zu, und damit nur eine Berechnung von Möglichkeiten und niemals eine Erahnung derselben. Sinnverstehende Systeme leisten aber genau dies: Ahnung haben zu können auch dann, wenn das durch keine Mathematik überprüft, geschweige denn vorweggenommen werden könnte. Der Orwellsche Beoachter weiß alles, ist aber nicht intelligent oder besser: nicht kreativ. Wer Gegenteiliges annehmen möchte, hat nur unvollkommen eine Beobachtungstheorie sinnverstehender Systeme studiert, aber man muss dies nicht notwendig nachholen. Weil es ohnehin nicht darauf ankommt, ob auch Dummköpfe schritthalten. (Und ganz nebenbei: auch die Klugen sind nicht schneller, wenn sie es auch glauben möchten!)
Ein Post-Privacy-Konzept käme für Facebook nur dann in Frage, wenn das Unternehmen sich zu einem solchen letzen Beobachter eines Unterschieds von Privatheit und Öffentlichkeit ausdehnen könnte. Ein letzter Beobachter ist aber genauso wenig empirisch beobachtbar wie ein erster. Das Problem verschwände dann mit seiner Lösung; andersherum: die Lösung verlöre ihr Problem. Ein Post-privacy-Konzept kommt also für Facebook nicht in Frage, und zwar deshalb, weil mit Geldvermögen Entscheidungen über die soziale Freiheit getroffen werden können. Wenn man sicher annehmen kann, dass eine soziale Freiheit von der Verfügung über Geldmittel gelingt, so unsicher wird man doch werden können, wenn man darüber nachdenkt, ob die Verfügung über Geldmittel noch soziale Freiheit herstellen kann, nämlich dann, wenn nicht ein „Geldhaben“ darüber entscheidet, wer König ist und wer Diener, sondern ein „Datenhaben“. Und man denke sich den Fall, dass der Kapitalist in die Situation kommt, ein „Datenhaben“ nicht mehr gegen einen „Datenhunger“ ausspielen zu können.
Gewiss, das ist unwahrscheinlich. Und wenn das so ist, ist Facebook dann unserere Lösung oder unser Probelm?
Facebook hat Privatspähre? Das sah doch neulich ein Gericht in den USA anders:
siehe z.B. : http://verfassungsblog.de/unternehmen-haben-keine-privatsphre/ und dort weiter links
Ich denke, das hier ehr der Datenschutz gemeint ist, mit dem Facebook seine Daten in ihrer Zusammenstellung für sich behält. Es werden ja eben nur Auszüge an die Mitglieder zurückgegeben, über die passende Werbung ist erkennbar was über die Nutzer an Informationen gesammelt wurde.
Das Modell Facebook funktioniert auch in der Post-Privacy. Das liegt daran, das es mit einem Aufwand verbunden ist, bei dem es sich nicht lohnt diesen redundant auf zu setzten. Es lohnt sich nicht für Facebook, noch für das Einzelne Mitglied von Facebook. Bitte beachten: Aufwand sind nicht nur monetäre Kosten, sondern auch Zeit.
Der Erfolg von Facebook beruht auf den Grundsätzen des sogenannten Privateigentums. Das Privateigentum von Facebook ist eine gigantische Datensammlung. Und amerikanische Gerichte sind nicht die einzigen, die eine Meinung darüber haben was eine Privatssphäre ist. Facebook muss eine Privatssphäre genauso nutzen wie jedes andere Unternehmen und wie jeder andere Haushalt auch. Dieses post-privacy-Gerede ist ein Phänomen, das den Kontingenzraum einer Unterscheidungsroutine durchdiskutiert, ohne sich dabei auf Klarheiten einzulassen. Daher auch die Wahl eines Anglizismus, was immer dann passiert, wenn man etwas vorgeblich Wichtiges zu diskutieren hat, von dem man nicht herausfinden will, wie wenig interessant das alles ist, was man heraus finden könnte, wenn man Wortwahl genauer betrachten würde. Aber es ist diese Ungenauigkeit, die durch einen Anglizismus entsteht, die notwendige Unklarheiten zur Ausbreitung einer sonst gegenstandslosen Diskussion zuläßt.
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