Der Wutbürger – eine kleine Soziologie für Einsteiger und Unterhaltungsbedürftige

Ein jeder kehr‘ vor seiner Tür, da hat er Dreck genug dafür

Nachdem der Begriff der „Politikverdrossenheit“ aus der Mode gekommen ist und auf ein Revival wartet, ist nun „der Wutbürger“ in der Diskussion. Diese Diskussion verläuft fast genau so wie jede andere: ein neues Thema, über das noch wenig gesagt wurde, wird dadurch gefunden, dass viele Leute darüber Vieles äußern. Das führt dazu, dass noch mehr Leute noch mehr und noch häufiger dazu etwas sagen. Das geht so lange weiter bis gemerkt werden kann, dass fast alle fast alles dazu gesagt haben, was spätestens dann von allen gemerkt wird, wenn ein anderes Thema gefunden wird, zu dem kaum etwas von nur wenigen gesagt wurde; weshalb es sich lohnen könnte, darüber etwas zu sagen. Entsprechend wird ein neues Thema, über das noch wenig gesagt wurde, dadurch gefunden, dass viele Leute darüber Vieles äußern. Und dann geht alles wieder vorne los.
Ein Profi-Soziologe beschreibt dies als das Funktionieren von Kommunikationssystemen, wobei für die Diskussionen der Profi-Soziologen das selbe gilt wie für alle anderen Diskussionen auch. Wichtig ist, dass sich diese Routinen, wenn auch nach dem selben Muster, so doch nicht immer identisch wie im einem Uhrwerk vollziehen, so dass mit jedem Durchlauf eine minimale Abweichung entsteht, die sich mit jedem Durchlauf verstärken kann. Aber auch verstärkte Abweichungen können wieder in eine Routine überführt werden, die wiederum ständig mit minimalen Abweichungen abläuft.
Es gibt keine zentrale Stelle, von welcher aus dieses Geschenen gesteuert wird; und das bedeutet, dass alle diesem Geschehen ausgeliefert sind, keiner kann etwas dafür oder dagegen machen. Wie kommt das eigentlich?
Die moderne Gesellschaft ist eine funktional-differenzierte Gesellschaft. Das heißt es gibt

  • eine arbeitsteilige Produktion aller Güter (z.B. Baumwolle, Socken, Schweißgeräte, Tageszeitungen, Eisenerz, Haarschnitte, Kaliumhydrogencarbonat, Scheidungsanwälte, Müllentsorgung etc.).
  • eine Aufteilung des ganzen Raums in Sektoren: private und öffentliche, gewerbliche und nicht-gewerbliche, zzgl. weiterer Unterteilungen wie Sicherheitsbereiche, Straßen, Benutzungseinschränkungen oder Erweiterungen durch Ausnahmeregelungen. Dazu zählen aber auch nationale und internationale Räume wie etwa Meeresgewässer und Lufträume.
  • Inklusions- und Exklusionsregelungen: jeder darf z.B. eine Frisörgeschäft betreten, weil die Fläche gewerblich genutzt ist, trotzdem ist der Raum ein Privatraum. Wer dort gegen die Hausordnung verstößt, darf rausgeschmissen werden, ohne, dass die Polizei kommen muss. Aber wenn man dem Frisör die Schere klaut musss die Polizei kommen, obwohl die Polizei nicht jeden Privatraum jederzeit betreten darf. (Alles sehr kompliziert.)
  • wichtig: ein staatliches Gewaltmonopol. Jede Gewalt ist nur legitim durch Inanspruchnahme staatlicher Gewalt. Eine legitime Staatsgewalt kann aber nur durch Einschränkung der Staatsgewalt entstehen. Diese Einschränkung ergibt sich aus Gesetzen, die Rechte garantieren. Die Durchsetzung dieser Rechte obliegt wiederum einer legitimen Staatsgewalt. (Auch das: sehr kompliziert, insbesondere der Punkt Freiheitsrechte; ist nur ein Thema für weit fortgeschrittene Denker, die aber, da sie auch in die arbeitsteilige Produktion eingliedert sind, darum auch nicht klüger werden können, wenngleich ständig erwartet wird, dass sie klüger wären. Deshalb denken sich die klugen Leute Tricks aus, durch die sie erstens klüger wirken als sie sind und durch welche sie zweitens nicht bemerken können, wie klug alle anderen sind, nämlich: auch nicht klüger – wie gesagt: alles sehr kompliziert.)

Für diese Zwecke kann diese Kurzbeschreibung reichen. Sie macht jedenfalls deutlich, was jeder weiß: alles sehr, sehr kompliziert, sehr widersprüchlich, unübersichtlich, verworren. Aber auch diese Betrachung ist nur eine von vielen Verschiedenen, nicht klüger, nicht dümmer, nicht vollständiger oder unvollständiger, nicht vernünftiger oder unvernünftiger, nicht besser oder schlechter als alle anderen Betrachtungen auch.
Was hat ganze nun mit dem „Wutbürger“ zu tun? Der Wutbürger ist die Beobachtung eines ganz normalen Phänomens, das für die moderne Gesellschaft typisch ist. Natürlich gab es auch im alten Rom wütende Bürger, aber die Verhältnisse waren da ganz anders, ist also nicht gut vergleichbar. Der Wutbürger ist ein Bürger, der notwendig in der Klemme sitzt. Weil keiner alles Lebensnotwendige allein produzieren kann, sind alle aufeinander und auf alles andere angewiesen. Mag merkwürdig wirken, ist aber so. Was nicht viele wissen ist, dass z.B. auch Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger unverzichtbar sind, da sie beispielsweise als Druckmittel der Kapitalbesitzer verwendet werden können, um Einkommenserwartungen zu dämpfen. Auch Kapitalbesitzer sind unverzichtbar, da die Welt und ihr Reichtum keine Adresse hat. Wer sich also etwas nimmt, kann nirgendwo um Erlaubnis bitten, aber dadurch entsteht dann eine Adresse für Reichtum, an die man sich wenden kann, wenn man diesen Reichtum erwerben will. Das ist zwar merkwürdig, aber kompliziert wie alles andere auch, also schlicht: normal.
Unverzichtbar ist praktisch alles andere auch, nämlich Umweltverschmutzung, korrupte Politiker, Kriminelle, Faschisten, Sklavenhändler, Atomkraftwerke. Das hängt damit zusammen, dass alle in der Klemme sitzen und nicht etwa nur die Armen, Dummen oder Bösen. Das ist ärgerlich gewiss und kann wütend machen. Man könnte den Grund dafür in einem einfachen Modell grob erklären:
Anders als im Monopoly-Spiel stehen am Anfang alle Haushalte und Unternehmen in einem Kreis. Das besagt: alle sind aufeinander angewiesen, also nicht wie im Monopoly-Spiel, in dem alle erst nacheinander unter gleichen Voraussetzungen ins Spiel kommen, sondern: alle kommen gleichzeitig mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen ins Spiel. Wie das kommt? Das hängt mit geschichtlicher Entwicklung, Evolution und Tradition zusammen und ist nur für Fortgeschrittene.
Hier reicht der Hinweis, dass für Haushalte und Unternehmen, die einen „sozialen Stoffwechsel“, also Kommunikation betreiben, gilt, dass sie einen Eingang und einen Ausgang haben, wobei der Eingang des einen am Ausgang des anderen grenzt. So entsteht ein Kreis. Es ist nicht möglich, alle Eingänge und Ausgänge zu auszurichten, dass sie nicht aneinander grenzen würden, denn dann hätte man nur vereinzelte Häuschen, die unverbunden, also ohne Kommunikation in Gegend herum stehen wie geistlose Steine, die irgendwo herum liegen.
Das Ziel des Spiel besteht nun darin, seinen Eingang frei zu halten, um Einkommen zu ermöglichen, und alles, was nicht mehr gebraucht wird, durch den Ausgang abzuschieben. Also muss auch der Ausgang immer frei bleiben. Das Handicap besteht darin, dass der Unterschied von Eingang und Ausgang nicht für jeden eindeutig ist. Das hat zur Folge, dass weder Eingang noch Ausgang garantiert frei bleiben können. Weil der eine nicht genau wissen kann, dass sein Ausgang am Eingang des anderen grenzt, schiebt er seinen Müll da raus wo er meint, dass dies sein Ausgang wäre und verstopft den Eingang des anderen. Der andere weiß dies aber auch nicht und könnte meinen, dass der Ausgang der anderen eigentlich sein Eingang ist. Und weil jeder vom anderen den genauen Unterschied von Eingang und Ausgang nicht kennt, ja nicht einmal bei sich selbst diesen Unterschied genau fest stellen kann, sitzen alle fest. Aber: die Kommunikation funktioniert trotzdem. Das ist merkwürdig, aber, wie oben schon angedeutet, normal; und zwar deshalb, weil ein Kreis keinen Anfang hat, denn dieser Kreis entsteht durch Kommunikation, die aber nur entstehen kann, wenn ein Kreis entsteht.
Die Situation ist aussichtslos, aber da diese mitgeteilte Einsicht der Ausweglosigkeit ebenfalls den Unterschied von Eingang und Ausgang aller anderen nicht genau treffen kann – woher soll ich wissen, wer das liest und da ich auch nicht wissen kann, was man sich alles denken könnte, wenn man dies liest – weiß ich nicht, wessen Eingang ich verstopfe, wenn ich meinen Ausgang frei räume; und ich weiß nicht, welcher Trottel meinen Eingang gerade eben verstopft hat.
Ein Wutbürger kommt notwendig zustande, und zwar deshalb, weil alle sehr unterschiedlichen darüber informiert sind wie alle anderen informiert sind, weshalb es zu höchst komplizierten Verwirrungen kommt, die weitere Vewirrungen nach sich ziehen, und zwar immer dann, wenn die Verwirrung durch Kommunikation in Ordnung und Ordnung durch Kommunikation in Verwirrung überführt wird. Aber jeder einzelne ist mit alledem überfordert, verständlicherweise, weil doch jeder jeden Tag genug damit zutun hat, Eingang und Ausgang frei zu räumen, wodurch man sich gegenseitig Eingang und Ausgang blockiert. Daher die Überforderung, die die Verwirrung verstärkt, die die Überforderung verstärkt.
Das eingangs erwähnten Diskussionsroutinen aller Art sind also nicht etwa nur eine nachfolgende Entwicklung der Überführung von Chaos in Ordnung und Ordnung in Chaos, sondern sie sind diese Überführungsprozesse.
Wer daraus Eindruck gewinnen will, dass man letztlich aus all dem nicht klug werden kann, und darum kopfschüttelnd behauptet, dass alles seien nur Hirngespinste von weltfremden Soziologen, der sollte sich mal selbst beobachten und sich fragen, woher das wohl kommt. Es könnte daher kommen, dass der Unterschied von Eingang und Ausgang nicht genau getroffen wurde. Aber da das eine recht unverbindliche Empfehlung ist, kann man genauso gut wütend werden, wenn man sich den ganzen Mist durch den Kopf gehen lässt.
Wer also nach dem Lesen dieses Artikel wütend wird, kann durchaus verstehen, worum es hier eigentlich geht. Oder auch nicht.