Das Internet ist nicht zitierfähig – Zur Frage der Dokumentierbarkeit von wissenschaftlicher Erfahrung
von Kusanowsky
In der Wissenschaft muss natürlich die Frage gestellt werden wie man mit Wikipedia umgeht, sofern das Dispositiv, durch das diese Frage relevant wird, nicht selbst zum Gegenstand der Diskussion erhoben wird. Die Diskussion um die Zitierfähigkeit von Wikipedia-Artikeln ist in wissenschaftlicher Hinsicht darum wenig spektakulär, wenn man darauf achtet, dass in der Wissenschaft schon immer die Zitierfähigkeit von Materalien umstritten war. Man denke etwa an Diskussionen um die Frage, ob Zeitungsartikel zitierfähig sind, Flugblätter oder Romane. Soziologisch überrascht diese Diskussion nicht, ist doch gerade der Streit genau das attraktorbildende Medium, durch den sich Wissenschaft legitimiert und sich dadurch gegen andere Systeme abgrenzt. Wichtig bleibt wohl nur die Frage, was aus einer Wissenschaft wird, wenn sie anfängt, ihr Dispositiv zu beobachten; wenn also die Bedingungen problematisiert werden, durch welche ihre Probleme zustande kommen. In dem Fall könnte man auf eine veränderte Ausgangslage für die Diskussion tippen, das heißt, dass die Bedingungen selbst sich geändert haben, aber ihrerseits noch nicht problematisiert werden können, weil sie schlicht noch nicht problematisch sind.
Alle sozialen Systeme sind Selbsterfahrungssysteme. Keine System kann sich von anderen darüber belehren lassen, wie es seine Operationen strukturell organisiert. Zwar müssen alle Systeme immer ihre Umwelt mitbeachten, entscheidend für die Herstellung von Anschlusssicherheit ist allerdings nur das, was die Systeme über sich selbst schon heraus gefunden haben. Alles andere ist Umweltkomplexität mit mehr oder minder relevanter Ordnungsfähigkeit.
Hinsichtlich einer in der Wissenschaft geführten Diskussion um ein Pro und Contra der Zitierfähigkeit von Wikipeadia-Artikeln kann man das sehr gut beobachten. Alles Pro und Contra bezieht sich nur auf die Wissenschaftlichkeit der Argumente, welche wiederum Anpassungen auf jeweils aktuelle Erfahrungsbildungen sind, die sich durch Anwendung eines Reflexionsmediums ergeben. Demnach sind alle Pro- und Contra-Argumente legitim, der Streit ist damit nicht entschieden, sondern fortgesetzt und darum sehr gut geeignet, die Bedingungen der Problemerfahrung selbst zu invisibilisieren. Das soziale System erscheint gleichsam als „Zweite Natur“ (Siegried Kracauer) und damit als selbstdeterminierte Einschränkung von Kontingenz. Interessant ist aber, wenn diese Einschränkbarkeit selbst an ihre Grenzen gerät. In diesem Fall heißt das, dass der Streit um Pro und Contra nicht mehr nur die eine oder andere Möglichkeit wählbar macht, sondern wiederum als Differenz auf einer Seite einer Unterscheidung vorkommt, wohingegen die andere Seite als Überraschungsmoment der Indifferenz verbleibt.
Denn bei Betrachtung der Argumente stellt man nicht nur eine prinzipielle Unentscheidbarkeit der Fragestellung fest, sondern darüber hinaus kann man bemerken, dass die Diskussion selbst den Anforderungen ihrer impliziten Wissenschaftlichkeit gar nicht gerecht wird und interessanterweise gar nicht gerecht werden muss, um die Wissenschaftlichkeit eben dieser Diskussion zu garantieren. Denn die Konzentration auf die Zitierfähigkeit von Texten läßt völlig außer Acht, dass Zitierfähigkeit durch Zitieren entsteht, aber Zitieren kann man nur, was zitierfähig ist. Die Diskussion bei academics.de ist selbst gar nicht oder noch nicht zitierfähig, da die Argumente in html-Dateien niedergelegt werden, aber html-Datein sind keine Dokumente, die Nachprüfbarkeit zulassen.
Zur Erläuterung: A schreibt eine html-Datei und versieht diese Textdatei mit einer Adresse. B zitiert nun diesen Text wiederum in einer anderen Textdatei unter einer anderen Adresse. Ein Dritter C könnte nun unter einer anderen Adresse behaupten, B habe A nicht richtig zitiert. B könnte anschließend, nachdem er Unterschiede festgestellt hat, behaupten, A habe nachträglich den Text geändert; A aber könnte das bestreiten. Alle drei hätten keine Möglichkeit ihre Aussagen überprüfbar zu machen, weil eine html-Datei kein Verhältnis zwischen zwischen Urtext und Kopie zulässig macht. Bei massenhaften Druckerzeugnissen ist das anders, da ihre Verteilung im Raum und die Unzugänglichkeit einer Sektorenaufteilung eine Manipulation von Texten höchst unwahrscheinlich, ja praktisch unmöglich macht, wodurch andersherum die Vergleichbarkeit immer sicher gestellt ist. Man könnte im Fall der html-Dateien allenfalls das Problem auf Fragen der Glaubwürdigkeit von Personen verschieben, prinzipiell überprüfbar wären aber alle drei Behauptungen nicht.
Ergebnis: das Internet ist nicht zitierfähig; und die Wissenschaft müsste es streng genommen ignorieren. Dass aber die hier angeführte Diskussion sich speziell auf Wikipedia-Artikel konzentriert, zeigt zweierlei: erstens, dass die wissenschaftliche Diskussion konsequent bei der Beurteilung klassischer Problemstellungen bleibt; und zweitens, dass sie ihren eigenen Umstellungsprozess gar nicht mitreflektiert.
Diese Diskussion um die Wikipedia-Artikel ist darum, wenn man sie als ein Vexierspiel der Kommunikaiton betrachtet, zugleich auch lesbar als eine Diskussion der Wissenschaft um ihre eigene Wissenschaftlichkeit, wenn sie anfängt, sich von der Benutzung von Dokumenten zu verabschieden. Da dies aber von den Diskutanten so nicht wahrgenommen wird, dürfte es recht interessant werden, wenn die Wissenschaft anfängt, sich hinsichtlich der Dokumentierbarkeit ihrer Empirie zu irritiern. An solchen Irritationen könnte man dann das Dispositiv der Wissenschaft erkennen, nämlich dann, wenn es sich geändert hat.
Ich will niemanden zitieren, aber wenn ich K. Popper recht verstanden habe, ging es ihm nicht um die Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften, sondern um die Unterscheidung, was als empirisch und mithin als wissenschaftlich referenzierbar ist. Die eigentlichen Wissenschaften (Natur hin oder her) zitieren Experimente nicht Texte, während die Nicht-Wissenschaften Texte zitieren, die auf nichts verweisen. Ueblicherweise ist ersteres in den Naturwissenschaften und letzteres in den Geisteswissenschaften zu finden, aber diese Zuschreibung ist relativ zufällig.
Wissenschaftlich spielt also gerade keine Rolle, wo der zitierte Text zu finden ist, sondern ob die darin beschriebenen Resultate reproduzierbar und falsifizierbar sind. In den Pseudowissenschaften dagegen geht es darum, ob eine Textstelle richtig abgeschrieben wurde und ob hinreichend nachbüfbar ist, ob das der Fall ist. Die Argumentationen haben dann den Charakter „schon Sokrates oder Marx hat gesagt, dass …“ wie wenn das etwas bedeuten würde. Da es um nichts anderes geht, muss dann wenigstens verifizierbar sein, ob Sokrates wirklich … (obwohl wir wissen, dass er so wenig gelebt hat wie Plato)
nur zur zitierbarkeit (und bin mir nicht sicher wie viel oder was man gewinnt), aber die zitierfähigkeit von html-dokumenten ist schon gegeben, wenn man es drauf anlegt. die wikipedia stellt das zb selbst sicher, indem einfach jede änderung protokolliert wird; andere zitate könnte man über andere mechanismen (hash vom inhalt mit notarieller beglaubigung etc.)
@markus – „die wikipedia stellt das zb selbst sicher, indem einfach jede änderung protokolliert wird“ – das protokoll ist aber ebenfalls in html geschrieben und damit immer manipulierbar. Und auch der Vorschlag der Beglaubigung ist nicht praktikabel, da ja vor der Prüfung noch nicht bekannt ist, ob ein html-Dokument wissenschaftlich zitiert werden kann oder nicht; abgesehen von dem nicht zu akzeptierenden Zeitverlust, der mit einer nachträglichen Dokumentation einher ginge und auch davon, dass eine solche Dokumentationsinstanz ihre Eigenschaften nicht selbst durch die Beurteilung von Internetseiten erhalten dürfte. Nein, die Frage der Dokumentierbarkeit ist durch das Internet nicht zu retten. Aber interessant ist, dass es darauf nicht notwendig ankommt. Sondern: die Formatierung von Erfahrung wird anders vorgenommen werden müssen. Und wenn man Ethnographie oder Kulturgeschichte studiert, wird man ein enormes Spektrum an kontingenten Möglichkeiten bemerken können. Denn die Art, wie die moderne Gesellschaft Erfahrung bislang problematisierbar gemacht hat, schlägt sich in einer sehr seltenen Form nieder, woraus die Wahrscheinlichkeit ableitbar ist, die dafür spricht, dass man Erfahrung auch ganz anders und genauso stabil zur Realitätsvergewisserung formatieren kann.
Die Wikipedia-Versionen sind html-Dateien, aber sie lassen sich nicht leichter verändern als irgendein Dokument. Jedes Buch kann umgeschrieben und nochmals gedruckt werden. Wir rechnen nicht damit, dass wir ein verändertes Buch in den Händen haben, weil das nicht hinreichend oft bemerkt wurde. Und genau das ist der Punkt: Wir rechnen nicht damit. Und das tun wir auch bei den Versionsseiten der Wikipedia nicht. Und deshalb kann man diese Seiten wie jedes andere Dokument zitieren, ohne dass vorab irgendwas sichergestellt werden müsste.
[…] kennt, deren Zustandekommen man nicht durchschaut und deren dokumentarischen Wahrheitswert man nicht überprüfen kann. Kaum hat die wissenschaftliche Forschung gelernt, dass das Bewusstsein des Individuums […]
[…] der normale Fall ist? Gleichzeitig aber gibt es wissenschaftliche Projekte, die sich um die Zitierfähigkeit von Internet-Dokumenten bekümmern, da im Netz sehr viel gelöscht wird, was eigentlich unwissenschaftlich ist, da alle […]
[…] Also: He will focus on books and papers.Ein nicht geringer Erfolg der Systemtheorie besteht darin, dass die Spekulation über die Motive von Menschen relativ wenig weiter hilft. Denn wie immer ist es ein Beobachtungssystem der Kommunikation, das Menschen und ihre Motive beobachtbar macht, und nicht andersherum. Für alle Kommunikationssysteme dürfte gelten, dass sie sich durch ihre strukturelle Selbstdeterminierung auf ein Schicksal festlegen, über das sie nichts in Erfahrung bringen können, weil die Ausgangsbedingungen für ihre Fortsetzbarkeit durch sie selbst ständig verändert werden. Die operative Schließung eines sinnprozessierenden System zieht notwendig eine unvorhersehbare Zukunft nach sich, auf welche es immer angewiesen bleibt, denn alle Anschlusssicherheit ist ein gegenwärtiger Zukunftsertrag, der nur unter der Voraussetzung genutzt werden kann, dass sich an den rekursiv ermittelten Zukunftsaussichten eines Systems nichts ändert. Wenn die Ausgangsbedingungen für die Fortsetzung einer Kommunikation auf eine Form festgelegt ist, die genau jene Disiplin erzwingt, durch die diese Form sich erfolgreich ausbreiten konnte, so muss alle Systemstabilität diese Form als ihre „zweite Natur“ (Siegfried Kracauer) behandeln, weil alles, was als Kontingenz in Erscheinung tritt, unter der Voraussetzung eines nur so und nicht anders limitierbaren Selektionshorizontes steht. Aber: Eine Form kann sich nur bewähren, solange sie nicht selbst als Medium für neue Verkoppelungsmöglichkeiten genutzt wird, solange also ihre Kontingenz aussichtsreich eingeschränkt werden kann.Die empirisch interessante Frage ist aber, was geschieht, wenn eine Form wie die Dokumentform kaum noch einen einschränkbaren Selektionshorizont zulässt, sie also ihren Zerfallsprozess durch Trivialisierung einleitet, den sie selbst nicht mehr beobachten kann, wenn sich die Ausgangsbedingungen für die Fortsetzung der Kommunikation sich aus einem Medium ausdifferenzieren, das die Dokumentform als Substrat verwendet. Bei Dirk Baecker wird eine Indifferenz hinsichtlich dieses Zusammenhangs deutlich. Eine Wissenschaft, die sich durch die Erhärtung der Dokumentform erfolgreich ausbilden konnte, könnte zwar auch noch ihren Zerfall reflektieren, aber nur unter der Voraussetzung, dass dieser Zerfall im ablaufenden Zerfallsprozess nicht verstehbar wird. Die Entscheidung lautet: Rückzug, wenn Nichtverstehbares dämonisch auf bekannte Strukturen trifft. Denn diese Wissenschaft der Kommunikation – und keine andere – kann nur über Kommunikation kommunizieren, wenn diese Kommunikation der Wissenschaft – und keine andere – den Anforderung gerecht wird, durch die ein stabiles Verhältnis von System und Umwelt erhalten bleibt. Gerät dieses Verhältnis aus den Fugen könnten die Systeme ihre Selbstbeobachtungsmöglichkeit verlieren.Kommunikationssysteme verbleiben daher konservativ, solange es nur irgendwie geht, weil nicht bekannt ist, wie es anders gehen könnte.Weiter mit: Das Internet ist nicht zitierfähig […]
Ein Kommentar in der Rubrik „Welt im Werden“. Es gibt einen Unterschied zwischen wissenschaftlichen Dokumenten und Blogposts.
„Quellenverzeichnisse sind oft schlicht alphabetisch nach Autor geordnet – manchmal auch nach Datum (Vancouver Style). Nun sind Quellen aber nicht gleich Quellen. Zwischen einer wissenschaftlichen Monographie und einem Blog-Post liegen Welten. Daher empfehlen viele Ratgeberwerke, das Quellenverzeichnis in Rubriken zu ordnen. Dafür spricht viel.
In studentischen Seminararbeiten gibt es allerdings oft nur zwei: „Bücher“ und „Internetquellen“. Das ist dann meistens Unfug.“
http://w-wie-wissenschaft-wildau.blogspot.de/2012/06/rubriken-furs-quellenverzeichnis-warum.html