Differentia

Bemerkungen zur Realität von Simulationsmedien 6

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Nach dem Skandal ist vor dem Skandal. Auf der Internetseite Medienstratege.de kann man in einer kurzen Analyse lesen, dass es sich bei dem Versuch einer massenmedialen Fan-Unterstützung des zurück getretenen Verteidigungsministers zu Guttenberg um eine gefakte Aktion handelt. Der Analyse zufolge widerspricht das Ansteigen der Fangemeinschaft und die Art wie sie sich dokumentiert allen Wahrscheinlichkeiten. Man könnte also annehmen, dass etwas dahinter steckt, nämlich: eine Manipulationsabsicht. Und es käme ganz auf die kritische Neugier eines Aufklärer an, der darüber wiederum massenmedial unterrichtet, damit nicht passiert, was ohnehin geschieht, nämlich: Manipulation. Und nur der Aufklärer bildet sich ein durch nichts manipulierbar zu sein, wofür seine kritische Neugier symbolisch garantiert.
Diese Beispiel zeigt, dass für die moderne Gesellschaft, die ihre Selbstbeschreibungen über Massenmedien produziert, Verschwörungstheorien völlig normal und keineswegs so abwegig sind, wie manche Aufklärer meinen möchten. Das massenmedial verbreitete Dokument erzeugt ein doppeltes Realitätsverständnis, das sich auf eine Realität der Realität und eine Realität der Fiktion bezieht und fallweise das eine oder das andere als defiztär behandelt. Und dort wo Defizite nach den immer gleichen Beobachtungsroutinen auffallen, fällt auch das Schema auf, durch das diese Defizite beobachtbar werden: durch Absicht. Und sofern die Mutwilligkeit der Absichtszurechnung nirgendwo als unzumutbar beobachtet wird, ist es nur ein Frage spezifischer Bedingungen, durch die eine solche Mutwilligkeit mehr oder weniger differenziert und abstrahiert werden kann. Man könnte sagen: Massenmedien sind Verschwörungsmedien, die beides gleichzeitig erzeugen: nämlich Verschwörung – gemeint als Vernebelung oder Verdunkelung  – und Aufklärung.
Einen interessanten Wendepunkt zwischen einem Massenmedium und einem Simulationsmedium würde sich ergeben, wenn die Beobachtung von Manipulation von einem Skandalwert auf einen Reflexionswert umstellen würde. Für die oben genannte Fake-Aktion käme dann eine Analyse in Frage, die die Techniken der Manipulaton auf eine Differenz von Durchschaubarkeit und Undurchschaubarkeit verlegt und für den Fall einer einfachen und schnellen Durchschauung solcher Methoden lediglich ein Defzit benennt, das darin besteht, in dieser Hinsicht etwas mehr Professionalität zu zeigen. Und wenn sich solche Professionalisierungen durchsetzen, dürfte mit solchen dilletantischen Methoden niemand mehr durchkommen. Andersherum hieße das, dass nur die undurchschaubare Manipulation Aufmerksamkeit auf sich ziehen und folgenreiche Anschlussmöglichkeiten eröffnen würde. Das würde dann aber auch erkennbar machen, worin das Skandalon eines Simulationsmediums besteht.

Autor, Autorität und Authentizität

Es wird gewiss noch etwas dauern, bis das Spannungsverhältnis zwischen Autorschaft, Autorität und Authentizität aus entwickelten Empörungsroutinen in eine Beobachtung zweiter Ordnung transformiert wird, die neue Routinen der Validierung und Verifizierung von Erfahrung ermöglicht.
Wenn auch kaum abzuschätzen ist, durch welche Komplexität an Einzelerfahrungen solche Veränderungen zustandekommen werden, so kann wenigstens ein Kontingenzspielraum dadurch entstehen, indem man auf die Genese solcher Begrifflichkeiten schaut, die ganz eng an die Bedingungen anpasst ist, durch welche sich ein entsprechendes Problemfeld ausbilden konnte. Eine solche Betrachtungsweise zeigt wenigstens, wie selten solche Auffassungen und wie komplex und verworren die Verläufe sind, die schließlich doch in eine Art von Realitätsgewissheit münden, die etwas anderes als sich selbst kaum noch verstehbar machen kann.
Dies liegt nicht an einem „Obwohl“ der Kopmlexität, sondern an einem „Weil“ derselben, da nur dadurch ein Attraktor ausgebildet werden kann, der hartnäckig auf das selbe Problemfeld aufmerksam macht.
Dieses Problemfeld entwickelte sich vor allem durch die Schwachstellen, die in der Dokumentform angelegt waren und welche entstehen, wenn sich Routinen bewähren, die eine Überzeugungsfähigkeit entfalten und damit die Vermutung aufwerfen, dass letztlich alles durch eben solche Routinen gehandhabt werden kann. Wenn Wahrheit durch Vergleich und Überprüfung in Aussicht gestellt wird, so könnte man folglich annehmen, dass auch Wirklichkeit als ermittelbar betrachtet wird, insbesondere dann, wenn ein Dispositiv geschaffen ist, das eine „eigentliche“ Wirklichkeit von anderen Wirklichkeitskonstruktionen unterscheidbar macht.

Die Entfaltung eines Authentizitätsbegriffes ist deshalb eng an die Konstruktion des modernen Subjekts geknüpft, das seinerseits als Ergebnis einer ganz spezifischen Weltsicht ausfällt. Die moderene Tradition des metaphysischen Realismus brachte notwendig das Problem des Anfangs und des Ursprungs auf, da eine beobachtungsunabhängige Beobachterposition durch eine Subjekt-Objekt-Unterscheidung in die Beurteilung von Differenzen eingeschoben wurde. Demzufolge musste, wo Anfang und Ende, Ursprung und Nachfolge durch ein Dokument empirsch wurde, Authentizität als eine Quelle des modernen Selbst verstanden werden, als voraussetzungsloser, aber überprüfbarer Anfangspunkt des Subjekts. Die Evolution des Begriffes Authentizität wurde zugleich vom Begriff der Autonomie abgegrenzt und in eine Differenz von „Selbstbestimmung“ und „Selbstverwirklichung“ überführt.
Beobachten kann man diese Entwicklung im Werk von Jean-Jacques Rousseau, auch wenn er diesen Begriff selbst selten benutzt hat. Für Rousseau ist die Entfaltung des moralischen Bewusstseins nur dadurch möglich, „dass Personen sich in einem authentischen Selbstverhältnis befinden, das metaphorisch als Treue zur eigenen inneren Natur bezeichnet werden kann. Das aufrichtige Selbstverhältnis hängt nicht von moralischen Belehrungen ab, sondern geht aus dem Gefühl der eigenen Existenz hervor, dem das Gewissen bereits eingeschrieben ist.“
Rousseaus Werk ist insofern ein Indikator eines langfristigen Umgestaltungsprozesses, der die moderne Kultur zu Vorstellungen tieferer Innerlichkeit und radikaler Autonomie hinführte. Auf Rousseau beziehen sich in der einen oder anderen Weise philosophische Theorien der Selbsterkundung, ebenso wie Überzeugungen, die Freiheit durch Selbstbestimmung als Schlüssel zur Tugend ansehen. Neben Rousseau kann man die Vorstellung von einem authentischen Selbst auch bei Johann Gottfried Herder finden, der in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ schrieb: „Jeder Mensch hat ein eignes Maß, gleichsam eine eigne Stimmung aller sinnlichen Gefühle zueinander.“ Die Vorstellung, dass jeder Mensch seine eigene originelle Weise hat, bildet sich am Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung, der Kultur der Empfindsamkeit und der Frühromantik bzw. des von Charles Taylor diagnostizierten „Expressivismus“ aus und ist tief in das moderne Bewusstsein eingegangen. Mit der Entdeckung der Originalität und der inneren Stimme, der Vorstellung, dass jedes Individuum etwas Ureigenes ist, was zugleich jedem die Pflicht auferlegt, der eigenen Originalität im Leben gerecht zu werden, gewinnt das Authentische an Bedeutung.
Und die Frage wäre zu stellen, wie diese Bedeutungsentfaltung entstehen konnte. Warum also Authentizität dringlich werden konnte. Mein Vermutung lautet, dass die Dringlichkeit mit der Zerrüttung derjenigen Form der Empirie wuchs, durch welche sich das Problemfeld aufspannte.

Fortsetzung folgt

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