Differentia

Monat: Februar, 2011

Monument und Dokument


Man kommt in eine unbekannte Stadt und schlendert durch die Straßen. Plötzlich findet man sich vor einem Bauwerk, etwa einer Kirche, die durch die edlen Proportionen, durch die Harmonie aller Teile, durch ihre Schönheit auffällt. Man erkennt in ihr, sagen wir: ein gotisches Monument, möchte aber gern mehr wissen. Und dann erfährt man, daß es sich um einen Bau des 19. Jahrhunderts handelt. Man fühlt sich beschämt und fühlt auf eine seltsame Weise den Boden unter den Füßen fortgezogen … (D)as ästhetische Erlebnis war für den modernen Betrachter offenbar nur ein Teil eines Gesamterlebnisses. Er glaubte in dem Werk eine Botschaft zu hören und hört nun eine Lüge … Er hat das Werk nicht nur als ästhetisches Gebilde genommen, sondern, so können wir mit einem Worte sagen, als Dokument. Oder das umgekehrte Beispiel. Man hört ein Gedicht. Es macht keinen großen Eindruck, es sagt einem wenig. Und dann erfährt man, daß es von einem Dichter stammt, den man besonders schätzt. Liest man es nun noch einmal, so ist es fast ein anderes Gedicht geworden, obwohl sich kein Wort verändert hat. Es erscheint nun als vielsagend und gehaltvoll. Man empfindet es jetzt wieder in dieser Erweiterung: als Dokument, als Ausdruck eines Schöpfers. Das Erleben als Dokument ist ein Erleben des Individuellen und damit den Geschichtlichen.

zu finden in: Wolfang Kayser: Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Literaturwissenschaft. Bern 1951, S.22. (*)

Siehe dazu auch: E pluribus unum – Aus vielem eines
oder Monumente – Dokumente – Performate
Foto: Die Dankeskirche in Bad Nauheim, neugotisch, gebaut: 1903 – 1906

Helfen, retten, schützen – Über preadaptive advances des Internets

„Frauen und Kinder zuerst!“ ruft man, wenn das Schiff untergeht. Aber mag es auch möglich sein, dass dieser Befehl ertönt, wenn nach langer Zeit des Darbens wieder frische Nahrung angeliefert wird? In beiden Fällen, im Fall des Untergangs genauso wie Fall des Aufgangs, müssen die Schwächsten besonders berücksichtigt werden. Daraus könnte man die Frage ableiten, mit welchem Fall man es zu tun hat, wenn dieser Befehl ertönt.
Im Sinne der Beobachtung der Kommunikation als Kommunikation eines ständigen Vexierspiels könnte man auf die Idee kommen, dass man es sowohl mit einer Notstands- wie mit einer Fortschrittssituation zu tun hat. Während man auf der einen Seite das „Retten-helfen-schützen“ als Anzeichen für ein Untergangsszenario nehmen kann, so dürfte das inflationäre Aufkommen eines solchen Anzeichens auf der anderen Seite vielleicht auch darauf schließen lassen, dass gerade dieses übertriebene „Retten-helfen-schützen“ Hoffnung spenden kann.

Wie auch immer; es bleibt der Wahl eines Beobachtungsstandpunkts überlassen, von welcher Seite aus man auf die andere schauen will.
Was zur Zeit in diesem Zusammenhang am meisten Not täte, wäre ein ständig aktualisierbares Webverzeichnis der gegenwärtigen Hilfs-, Schutz- und Rettungsmaßnahmen: Datenschutz, Leistungsschutz, Verbraucherschutz, Vertrauensschutz, Bankenrettung, Eurorettung, Klimarettung, Entwicklungshilfe, Griechenlandhilfe usw. Hübsch wäre, wenn man das ganze auch noch gliedern und zusätzlich mit Querverweisen verlinken würde. So würde ein Panorama entstehen, das als Chronik die Schwachstellen eines Umbauprozesses deutlich macht: pädiatrische Hilfsbedürftigkeit oder geriatrische Gebrechlichkeit?

Kann das sein? Banken und Unterhaltungsindustrie als Schwachstellen der Gesellschaft zu betrachten, denen zuerst unter die Arme gegriffen werden muss, weil die Stärkeren genauso gut etwas warten können bis sie dran sind?
Diese Frage scheint wohl deshalb etwas irritierend, weil sie das Problem auf Subjekte focussiert, von welchen gewöhnlich angenommen wird, sie seien die handlungsintendierenden sozialen Akteure, die mit ihren Maßnahmen erfolgreich oder erfolglos sind und welche entsprechend selbstverantwortlich für all das seien, was ihnen widerfährt, weshalb, wenn es um die Rettung derselben geht, die Empörung aufflammt. Ist die Verlagsbranche nicht selbst schuld an ihrer Misere, da sie die Entwicklung verschlafen hat? Die Gegenüberlegung lautet, dass gerade ihre zutage tretende Schutzbedürftigkeit deutlich zeigt, wie schwach sie vorher war, zum Beispiel auch zu schwach, um mit der Entwicklung Schritt halten zu können. So zeigt sich, dass die Internetpioniere, welche damals, aufgrund ihres Kapitlamangels, als Außenseiter in Erscheinung traten, tatsächlich nunmehr die Stärkeren sind. Aber das führt in die Irre einer bekannten sozialdarwinistischen Behauptung, derzuolge ein survival of the fittest mit dem Recht des Stärken übersetzt wird. Es sind nicht die Stärkeren, die sich durchsetzen. Vielmehr sind es „preadaptive advances„, also vorauseilende Anschlussfindungen an bereits zurückliegende Entwicklungen der Gesellschaftsstruktur, die schon Semantiken ausbilden, noch bevor sie ihre Mächtigkeit entfalten. Diese preadaptive advances sind „the fittest“, insofern sie sich durch die Evolution als solche herausstellen. Aber wenn sie sich als solche herausstellen, ist damit nichts darüber gesagt, dass es nur so und nicht anders hätte kommen können. Evolution ist, auch wenn kontingent, Schicksal, sie kann nur als Tautologie und als Paradoxie beobachtbar werden: Tautologisch sofern sich nur durchsetzt, was sich durchsetzen konnte, weshalb es sich deshalb durchgesetzt hat; und paradoxal, indem die Durchsetzungsfähigkeit nicht selbst durchsetzungsfähig war, andernfalls hätte man vorhersehen können, was nicht vorhersehbar war; wollte man dies allerdings behaupten, so könnte man nicht vorhersehen, was vorhersehbar ist, dass nämlich nichts vorhersehbar ist.
So kommt man zu der Beobachtung, dass es nicht Subjekte und ihre angeblichen Fähigkeiten sind, welche irgendetwas herbeiführen, unterlassen oder verschulden. Evolution kann niemand verantworten.
Für die virulenten Hilfs-, Rettungs- und Schutzmaßnahmen würde dann gelten, dass sie gleichsam evolutionär bedingte Prüfungssiutationen sind, durch welche die Frage entsteht, ob es mit den zu schützenden Subjekten noch weiter geht oder oder ob man auf sie verzichten könnte? Wie sollte man das wissen können, wenn man dies nicht ausprobiert? Gerade der Schutz des Urheberrechts, wobei es sich ja um ein altes und anhaltendes Problem handelt, zeigt diese Situation ganz deutlich: Wie geht’s weiter? Nur damit oder auch ohne?
Bild: Wikipedia