Differentia

Von Doktoren und Diktatoren

Eine zukünftige neue Art von Journalismus  wird es fertig bringen müssen, in der Berichterstattung nicht mehr jeweils nur über ein individuelles Ereignis zu berichten, dieses zu kommentieren und dessen Hintergründe zu er- und vermitteln, sondern darauf zu achten, inwiefern gleichzeitige Ereignisse sich gegenseitig beobachtbar und damit kommentierbar, erforschbar, vermittelbar machen.
Denn im Prinzip dürfte die Einsicht gelten, dass, wenn zwei Dinge gleichzeitig passieren, sie auch zusammenhängen. Aber die Frage wäre wie?

Das Selbstbeschreibungsprogramm der modernen Gesellschaft hat neben vielen anderen Facetten auch ein höchst bemerkenswertes Verhältnis zu ihrer Umwelt ausgebildet, das besonders durch die Unterscheidung von Angst und Hoffnung determiniert wird. Die Komplikationen, die sich aus der Wertschätzung der Umwelt trotz ihrer Quelle für Katastrophen einerseits und der Geringschätzung trotz ihrer beeindruckenden Leistungsfähigkeit andererseits ergeben, können nur selten zu der Einsicht führen, dass beide so widersprüchlichen Betrachtungweisen eigentlich darauf hindeuten müssten, dass die Umwelt sich für all das gar nicht interessiert. Die Umwelt irritiert sich nicht für die Schwierigkeiten, die sich innerhalb sozialer Systeme herausbilden, aber sie muss die Auslagerungen von Komplexität ertragen, mit welcher sie, wenn sie überhaupt etwas damit anfangen kann, vollständig überfordert ist. Dieser Unterschied betrifft vor allem der Unterschied zwischen einer Bewusstseinsumwelt und einer Umwelt, in der lebende Organismen gedeihen. Letzteren sind all die Kontaminationen ziemlich egal und von ersterer wissen soziale Systeme, dass mit ihr zu rechnen wäre; und sie wissen auch, dass man es ihr grundsätzlich nicht immer recht machen kann. Aber in beiden Fällen muss die Umwelt einem Bewältigungsprogramm der Zivilisierung unterzogen werden, ob sie das begreift oder nicht. Dazu zählt die Kanalisierung von Flüssen, die Veränderung der Landschaft genauso wie die Erziehung von Menschen. Das liegt daran, dass soziale Systeme, obgleich sie die einzigen sind, die Zivilisation sicherstellen, mit eben dieser Zivilisation gar nichts anfangen können. Das heißt nicht, dass sie in einem Zustand der Wildheit verbleiben, sondern dass sie alle Effekte, die sich durch Zivilisation ergeben, die für die Umwelt vorteilhaften genauso wie die schädlichen, komplett aus ihrem operativen Verweisungsnetwerk heraus halten müssen, um an ihrer eigenen spezifischen Operationen nicht zu scheitern. Und sofern zivilisatorische Effekte von sozialen Systemen wiederum rückkoppelnd behandelt werden können, entstehen bestimmte Habitualisierungen, die als Selektoren verwendet werden.
So knüpfen sich an den Doktor wie an den Diktator ganz bestimmte Erwartungen, wie sie etwa Angst und Hoffnung hervorbringen, sofern ein Habitus als Kondensationspunkt von Erwartungsroutinen in die Umwelt eingeschrieben werden kann.
Richtig interessant wird es aber, wenn bemerkbar wird, wie zivilisatorische Errungenschaften, gleichviel ob angsterregend oder hoffnungmachend, an den Konditionierungen sozialer Systeme scheitern, wenn also Empörungen über enttäuschte Hoffnungen – wie sie in der Plagiatsaffäre deutlich werden – zusammenfallen mit Hoffnungen, die sich aus der Überwindung von Angst ergeben, etwa durch den Sturz eines Diktators. Schon die Physiognomie der hier gezeigten Portraitfotografien macht das Bewältigungsprogramm der Zivilisation deutlich. Dem Bösen manchmal gewachsen zu sein, aber das Gute nicht immer befördern zu können, dürfte wenigstens noch als Relativierungserfahrung herausgegeben werden. Aber man merkt dabei deutlich, wie wenig beides noch haltbar ist. Nicht etwa deshalb, weil die Unterscheidung von gut und böse selbst schon reichlich relativiert wurde, sondern weil trotz aller Differenzierungen ein Erfahrungsfortschritt nicht mehr ermessbar ist. Man wird einfach nicht mehr klüger. Deshalb eignen sich solche Skandale wie den um den Doktor wie den um den Diktator gleichermaßen, um bewährte Programme zu durchlaufen: tragischer Held oder irregeleitete Spinner – es fehlt eigentlich gar nicht mehr viel, bis bemerkbar wird, dass solche Zurechnungen gar nicht mehr plausibel zugeordnet werden können. Und vielleicht dürfte man spekulieren, dass solche Eindeutigkeiten bald gar nicht mehr anschlussfähig sind. Ob man erst dann wieder etwas dazu lernen könnte, wenn man die beiden Bilder als zwei Hälften eines Vexierbilds betrachten würde. Könnte dann noch einmal die Physiognomie des Guten wie des Bösen beschreiben werden? Und wenn ja, was hätten sie, die Physiognomie wie die Unterscheidung, welche sie benutzt, dann noch mit Menschen zu tun? Und: was wäre dann noch zu hoffen oder zu fürchten?

Advertisements

Monument und Dokument


Man kommt in eine unbekannte Stadt und schlendert durch die Straßen. Plötzlich findet man sich vor einem Bauwerk, etwa einer Kirche, die durch die edlen Proportionen, durch die Harmonie aller Teile, durch ihre Schönheit auffällt. Man erkennt in ihr, sagen wir: ein gotisches Monument, möchte aber gern mehr wissen. Und dann erfährt man, daß es sich um einen Bau des 19. Jahrhunderts handelt. Man fühlt sich beschämt und fühlt auf eine seltsame Weise den Boden unter den Füßen fortgezogen … (D)as ästhetische Erlebnis war für den modernen Betrachter offenbar nur ein Teil eines Gesamterlebnisses. Er glaubte in dem Werk eine Botschaft zu hören und hört nun eine Lüge … Er hat das Werk nicht nur als ästhetisches Gebilde genommen, sondern, so können wir mit einem Worte sagen, als Dokument. Oder das umgekehrte Beispiel. Man hört ein Gedicht. Es macht keinen großen Eindruck, es sagt einem wenig. Und dann erfährt man, daß es von einem Dichter stammt, den man besonders schätzt. Liest man es nun noch einmal, so ist es fast ein anderes Gedicht geworden, obwohl sich kein Wort verändert hat. Es erscheint nun als vielsagend und gehaltvoll. Man empfindet es jetzt wieder in dieser Erweiterung: als Dokument, als Ausdruck eines Schöpfers. Das Erleben als Dokument ist ein Erleben des Individuellen und damit den Geschichtlichen.

zu finden in: Wolfang Kayser: Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Literaturwissenschaft. Bern 1951, S.22. (*)

Siehe dazu auch: E pluribus unum – Aus vielem eines
oder Monumente – Dokumente – Performate
Foto: Die Dankeskirche in Bad Nauheim, neugotisch, gebaut: 1903 – 1906

%d Bloggern gefällt das: