Das Bullshit-Problem und seine Lösung
von Kusanowsky
Das Dispositiv der Massenmedien erzeugt ganz spezfische Erwartungen von Selektionsleistungen, durch welche eine Welt kommunikabel wird, die nur so aussehen kann wie die Bedingungen dieses Dispositivs dies zulassen. Alles andere gibt es entweder nicht oder erscheint als fremde, unnütze, irrtationale oder wirre Welt da draußen, die es mit irgendwelchen Mitteln zu vermeiden, zu bekämpfen oder sonst auf die eine oder andere Art abzuschütteln gelte, und zwar unabängig davon, ob dies gelingen kann. Allgemein ist diese Betrachtungsweise bekannt als Ansprüche auf Vernünftigkeit von Rede und Text. Dabei handelt es sich um eine für Massenmedien unverzichtbare Kontingenzformel, da der Imperativ „teile dich verständlich mit!“ nur darum stabil bleiben kann, weil seine Befolgung durch das Dispositiv der Massenmedien ständig scheitert. Abgesehen davon, dass solche Engstirnigkeiten gelegentlich auf die Nerven gehen, wenn etwa zum x-ten Mal ein Schlauberger-Coach mit dem Vorschlag kommt, die eigenen Absichten und Ziele solle man klar und eindeutig kommunizieren, so ist die roboterartige und ganz humorlose Wiederholung des immer selben Irrtums eigentlich eine hübsche Sache aus dem Menschen-Zoo.
Aber die Zeit des Leidens scheint tatsächlich bald vorbei zu sein, weil Technik sehr wohl dazu genutzt werden kann, den Humor-Faktor dieses Problems in ernsthaftes Nachdenken zu transformieren.
So gibt es jetzt beispielsweise einen Algorithmus, mit dessen Hilfe man den Bullshit-Index von Texten messen kann. Allen Technikpessimisten sei sofort gesagt, dass es auch Programme gibt, die extra dafür gemacht Bullshit zu generieren. Und die interessante Frage wäre, was wohl passiert, wenn man das eine durch das andere optimieren könnte. Hier gibt es eine Seite von Künstlern, die Beihilfe leisten zur Steigerung einer Inkompetenzkompensationskompetenz, indem man zur Vermeidung solcher Verlegenheitsfälle automatisch individuelle Bullshit-Texte herstellen kann. Entsprechend wäre der Versuch ganz interessant, wenn man bei http://www.worte.at Texte generiert und ihren Bullshit-Index misst. Mehrmalige Versuche ergeben, dass nicht mehr viel fehlt, um Texte zu generieren, deren messbarer Bullshit-Index relativ gering ist. Daraus folgt, dass dieser Algorithmus ständig optimierbar sein müsste, was andersherum auch für Textegeneratoren möglich wäre.
Na bitte. Es geht doch! Nur: durch Massenmedien geht das nicht, weil sie auch noch andere Ansprüche stellen, die sie ebenfalls nicht erfüllen können, wie etwa Authentizität. Es wird also bald Zeit, auf Simulationsmedien umzustellen.
Siehe dazu auch: Simulation im Netzwerk
Nachtrag: Wenn es gelingen könnte, diese beiden Programme gegenseitig zu optimieren, dann wird anschließend Frage interessant, wer den besten Bullshit schreibt. Wenigstens aber würde die Identifizierung von Bullshit ihren skandalösen Gehalt verlieren.
[…] This post was mentioned on Twitter by Michael Wald, Wolfgang Hamm. Wolfgang Hamm said: RT @Filterraum: Das Bullshit-Problem und seine Lösung http://bit.ly/g89a1N […]
Bin gerade über das hier gestolpert und musste an Dich denken: http://yes.thatcan.be/my/next/tweet/ – noch nicht ganz ausgereift, und womöglich gilt das besonders für deutschsprachige Tweets. Aber für Bullshit in 140 Zeichen ein recht vielversprechender Kanditat. Gratis obendrauf: das Selbstbeobachtungspotential (das Du letztens in dem Artikel über die Facebook-Klickfalle beschrieben hast) greift auch.
@Sebastian – ja, Danke für diesen Hinweis. „Gratis obendrauf: das Selbstbeobachtungspotential“ – ja, denn schon im Namen von Twitter ist die Selbstbeobachtung ja angelegt. Nun weiß ich nicht, wie „Twitter“ im englischen semantisch konnotiert ist, aber eine Bullshit-Semantik liegt natürlich nahe. Insofern macht dein Link nur auf etwas Beobachtetes noch einmal aufmerksam und treibt es auf die Spitze. Denn aufgrund der Vielzahl von Kontexten kann man bei Twitter eigentlich keinen Bullshit mehr bemerken. Diese Vielzahl entsteht ja durch die Notwendigkeit der enormen Verkürzung aller Mitteilungen, so dass es praktisch schwer fällt, Nonesense zu schreiben, wenn der Unterschied zwischen Sinn und Unsinn zerfällt. Und insofern ist dein Link natürlich eine interessante Troll-Methode, die einem dabei hilft, Blödsinn zu schreiben. So macht diese Methode auf die Situation aufmerksam, in die sich Sascha Lobo et al. begeben würden, wenn sie anfangen, Trollmethoden zu professionalisieren: ein Troll erscheint dann als ein Don Quixotte, dessen kämperfisches Engagement kein Gegenüber mehr hat, sondern nur sich selbst als virtuelle Alterität: wenn Trolle Trolle betrollen kommt schließlich nichts anderes heraus als das, was schon hineingesteckt wurde. Und wichtig: dieser Weg scheint mir, wenn auch aussichtslos, so doch unvermeidbar.
„Und wichtig: dieser Weg scheint mir, wenn auch aussichtslos, so doch unvermeidbar.“
+1.
Das schreit nach eine TV-Life-Contest-Show mit Blitztabelle: Unser Star nach … ja wohin schicken wir den besten Bullshit denn eigentlich? Berlin?