Ping-Pong-Spiele: Skeptiker gegen Homöopathen – Spielstand: Unentschieden

Der Unterschied zwischen Tischtennis und Ping-Pong besteht bekanntermaßen darin, dass man es beim Ping-Pong mit einem Partner, beim Tischtennis dagegen mit einem Gegner zu tun hat. Beim Ping-Pong kommt es darauf an, den Ball so zu spielen, dass der Partner ihn erreicht und zurück spielen kann. Tischtennis geht andersherum. Dabei ist es keineswegs ausgemacht, welches Spiel spannender zu verfolgen ist, beim Ping-Pong sind insbesondere die Verrenkungen der Spieler höchst interessant, da sie irgendwie versuchen müssen, ihr Verhalten zu koordinieren, was im Fall des Versagens dazu führt, dass sie sich gegenseitig Vorwürfe darüber machen, wer den Ball zuerst auf die krumme Bahne brachte. Und solange Prügeleien vermieden werden können, ist ein Ping-Pong-Spiel hübsch anzusehen, wengleich man sich manchmal etwas mehr Körpereinsatz der Spieler wünschen möchte.

Siehe dazu auch: Warum man Aufklärern keine Selbsttäuschung nachweisen kann und Was ist ein Argument? Der Troll als Aufklärer
Es kommt für dieses Weblog nicht darauf an zu berichten, was woanders bereits berichtet wurde; es braucht keine Zusammenfassungen oder Inhaltsangaben, da man ja alles selbst nachlesen kann. Hier geht es um die Beobachtung von Beobachtern; und ein solcher Beobachtungsstandpunkt  erklärt sich indifferent gegenüber den Differenzen derjenigen Beobachter, die den Unterschied von Differenz und Identität ständig verwechseln; und wie immer ist das Geschehen in der Kampfarena höchst unübersichtlich. In diesem Fall geht um den Streit zwischen Skeptikern und Homöopathen, aber anders als dort geht es hier nicht um die Frage wer Recht hat, sondern um eine Betrachtung der Wirkungsweise der Dokumentform und um die Frage, durche welche spezifische Operationsweise ein Kommunikationsssytem die Aussichtslosigkeit seiner Autopoiesis in Treibstoff zur Fortsetzung derselben verwendet. Das heißt auch darauf zu schauen, wie ein Wechselspiel von Motivation und Entmutigung zur Fortsetzung der Kommunikation aufrecht erhalten werden kann.
Eine gewiss kulturhistorische Meisterleistung besteht in der Einsicht, dass man Menschen wissenschaftlich heilen kann, eine Meisterleistung deshalb, weil solche Einsichten höchst unwahrscheinlich sind. Dass Engel oder Dämonen vom menschlichen Leib Besitz ergreifen, durch Körperöffnungen ein- und ausgehen und Zustände von Schmerz und Lust, Verwirrung und Angst auslösen oder auflösen können, ist nicht dabei weniger wahrscheinlich, aber interessant ist, wie etwas davon gänzlich Verschiedenes in Aussicht gestellt werden kann. Der entscheidende kulturhistorische Punkt der Umwälzung war die Ablösung der Vorstellung, dass Wissen allein durch Schrifttradition legitimierbar ist. Nicht durch die monumental verstandene Wahrheit der Schrift entstand das legitime Wissen der Neuzeit, sondern durch die dokumentierbare Kontingenz von Wahrheit durch Wiederholbarkeit von Beobachungssequenzen, die den Unterschied von identischen und nichtidentischen Unterschieden ermöglichte. Deshalb war für die ersten medizinischen Forscher der Selbstversuch der einzige und zuverlässigste Weg, weil der eigene Körper als Messinstrument nicht etwa aufgrund eines Mangels an Alternativen unverzichtbar war, sondern weil Alternativen nur erforschbar waren, wenn eine Asymmetrie zwischen identischen und nichtidentischen Unterschieden entfaltet werden konnte. Ein identischer Unterschied liegt vor, wenn durch Wiederholung kein Unterschied bemerkbar wird, wenn also die Überprüfung eines Vorher-nachher-Unterschieds keinen Unterschied macht. Man könnte dies eine wirkungslose Wirkung nennen. Dieser Fall ist aber genauso interessant wie der gegenteilige Fall, da in beiden Fällen Entropie verringert werden kann. Woher nimmt man dann aber Anhaltspunkte, um die Forschung asymmetrisch fortsetzen zu können? Der abendländische Streit zwischen Empirismus und Rationalismus ließ gar keine Entscheidung zu, da induktive wie deduktive Schlussfolgerungen dadurch aufeinander verweisen, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Innerhalb eines Modells, das Sequenzbildungen verwendet, mag es angehen, an den Anfang eine willkürliche Hypothese zu setzen, aber sobald ein Prüfungsverfahren, das Unterschiede messbar machen soll, auch Unterschiede erbringt, bleibt empirisch wie rational keine eindeutige Entscheidung möglich, wie es weiter gehen kann, weil man immer zu einem vorhersehbaren Ergebnis kommt, nämlich: mindestens immer ein Unterschied, der auch keinen Unterschied machen könnte (verkürzt: entweder 1=1 oder auch nicht). Praktisch aber taucht dieses Problem in der medizinischen Forschung niemals auf. Das hängt damit zusammen, dass etwas anderes als das, was den Streit zwischen Empirismus und Rationalismus möglich machte, immer mit im Spiel ist, ohne sich am Spiel zu beteiligen; etwas das zwar immer bemerkt, ja notwendig auch beurteilt und auf seine Verlässlichkeit hin betrachtet wurde, aber stets als Problem und niemals als Ausweg verstanden wurde, nämlich: der eigene Körper, der zur Fortsetzung methodologischer Logeleien als Umweltbedingung zwar notwendig ist, aber sich gegenüber den Differenzen eines Kommunikationssystem indifferent verhält, weil der Körper nicht kommunizieren kann. Die Entsymmetrisierung gelang also empirisch immer mühelos, sie war im kommunikativen Selektionsprozess immer schon berücksichtigt – kein System ohne Umwelt. Die Dokumentform aber musste, um ihre Überzeugungskraft zu entfalten, die Unabhängigkeit von ihrer körperlichen Umwelt notwendig postulieren, als einen Standpunkt, der eine objektive Realität, insbesondere natürlich die Objektivität des eigenen Körpers, gegen eine nur subjektive Realität stellte. Es musste ein Standpunkt der beobachtungsunabhängigen Beobachtung gefunden werden, weil nur dadurch Gesetz- und Musterbildungen dokumentierbar sind. Dass damit aber Abweichung immer wahrscheinlicher wurde, motivierte die Differenzierung der Dokumentationsregeln und erhärtete ihre Verlässlichkeit. Objektiv war das, was den kommunikativ ermittelten Regeln der Dokumentierbarkeit entsprach, die Regeln der Dokumentierbarkeit mussten aber objektiv sein, was durch ihre regelgeleitete Ausdifferenzierung gelang. Der Zirkel der Organisation und Formatierung von Erfahrung war damit asymmetrisch geschlossen, Abweichung war kein Problem, sondern der Ausweg, weil auch auf diese Weise eine Bestätigung der Dokumentform und damit der Zirkel der Erfahrung und ihrer Beobachtung ermöglicht wurde.
Damit wäre der Kampfring beschrieben, in welchem sich Skeptiker und Homöopathen befinden. Interessant ist noch zu bemerken, dass sie sich nicht mehr auf erkenntnistheoretische Spitzfindigkeiten einlassen können, weil auch erkenntnistheoretische Komplikationen so weit differenziert sind, dass man in der Hinsicht allenfalls nur noch Selektionsunterschiede gegen anderen Selektionsunterschiede stellen und mühelos Abweichung als Ausweg nutzen kann. Bleibt also nur noch der Spassfaktor, der zynische Versuch, sich im Namen des Helfens und Heilens, einander der Lächerlichkeit preis zu geben.
Und für die Erwägung einer „kulturhistorischen Zukunft der Gegenwart“ bliebe noch die Frage interessant, unter welchen Bedingungen die Unentschiedenheit des Spiels in eine andere Form der Erfahrung überführt werden kann.