Differentia

Monat: Februar, 2011

Zur Simulation von Autorschaft

Wenn auch sonst kaum etwas sicheres darüber gesagt werden kann wie sich die Bedingungen der Kommunikation durch das Internet verändern werden, so zeigt sich wenigstens jetzt schon, wie sehr die Schwachstellen einer funktional-differenzierten Gesellschaft auf ihre Belastbarkeit geprüft werden. Das wird insbesondere in den nahezu hoffnungslosen Diskussionen um den Datenschutz deutlich, in der Diskussion um die Einführung eines Leistungsschutzrechts, um die Filesharer-Verfolgung und den sich nahezu täglich anhäufenden Rechtsunsicherheiten; schließlich aber auch durch hoffentlich bald anstehende Diskussionen um ein Copy-and-Paste-Verfahren, welche sich von Differenzen der Originalität, Authentizität und Individualität ablösen und sich stattdessen auf Produktionsweisen von Texten konzentrieren, die anderen Anforderungen als denjenigen gerecht werden, wie sie die Moderne durch das Konstrukt der Autorschaft hervor gebracht hat.
Denn bereits im Jahre 1969, also etwa gleichzeitig mit den ersten Versuchen zur elektronischen Datenübermittlung, hatte Michel Foucault sich in einem für die Theorie der Autorschaft wichtigen Vortrag vor der Französischen Gesellschaft für Philosophie die Frage gestellt, was mit dem Konzept der Autorschaft noch anzufangen sei. Richtungsweisend für eine „Auflösungsgeschichte des Autors“ erscheint Foucaults Ansatz insofern, als er das Augenmerk angesichts, trotz und gleichzeitig im Sinne der für die Moderne paradigmatisch erscheinenden These vom Zurücktreten oder vom „Tod des Autors“ (Roland Barthes) auf die Orte richtet, an denen der Autor eine Funktion ausübt. Foucault beschreibt vier Modalitäten, aufgrund derer bis heute die Funktion ‘Autor’ von Bedeutung wird, die sich also in unterschiedlichen historisch und je nach Textart variablen Gewichtungen im Umgang mit Texten niederschlagen: Der Autor fungiert erstens als Wertniveau, das es ermöglicht, Modifikationen im Werk eines Autors im Rückgriff auf die Autorbiographie zu erklären. Der Autor fungiert zweitens als Feld eines begrifflichen und theoretischen Zusammenhangs, der die Annahme der Einheit des Werks legitimiert. Der Autor fungiert drittens als stilistische Einheit, die sich wiedererkennen läßt; und schließlich entsteht der Autor als geschichtlicher Augenblick und Schnittpunkt von außer ihm liegenden Ereignissen, die er umsetzt.
Die historische Variabilität der Systemkonstrukion von Autorschaft fällt zusammen mit der Geschichte des modernen, faustischen Subjekts. Dieses Kontrukt verweist auf intellektuelle Ordnungsstrukturen des 17. und 18. Jahrhunderts, die auf der Vorstellung eines autonom empfindenden und handelnden Subjekts basieren. Diese Vorstellungswelt unterscheidet sich deutlich vom Produktionsprozeß antiker oder mittelalterlicher Literatur. Für das Mittelalter dürfte gelten, dass die mediale Lage des höfischen Sängers, der aus einem Bestand von festgelegten Stoffen und Vermittlungsformen auswählt, um situationsangepasst zu erzählen, reflektiert wird durch eine Subjektposition archaischer Autorschaft. Der vortragende Sänger erfährt sich, ob in kultische oder feudale Verhältnisse eingebunden, nicht individuell. Er handelt als Glied einer ununterbrochenen Kette von ihm vorangehenden Urhebern. Die textuelle Gegenwärtigkeit, die durch ihn erzielt wird, entsteht aus einer transpersonalen Überlieferungsbewegung. Erst im Zuge der Entwicklung einer abgegrenzten Vorstellung von Individualität in der Renaissance kommt es zur allmählichen Etablierung eines Konzepts von auktorialer Indivdiualität, die den Text als Spiegel ihrer Genese begreift und benutzt. Den Höhepunkt dieser Entwicklung sehen wir in der Herausbildung des faustischen Genies des 18. Jahrhunderts. Sprache und Text werden als individueller und authentischer Ausdruck des Subjekts gewertet. Angestrebtes, aber nie einzuholendes Ziel von genieästhetischer Autorschaft wurde seitdem die vollkommene Transformation von Subjekt in Text und umgekehrt. Vermittels des Autors sollte Einheit und Sinn des Werks dokumentiert und dadurch verifiziert werden. In der weiteren Entwicklung wird dieses Konzept von Autorschaft zugunsten eines offeneren Text- und Subjektbegriffs aufgelöst. Mit zunehmenden Zweifeln an der Autonomie und Einheit des Subjekts wird auch der Autorbegriff dezentriert. Der moderne Text drückt so eher die Auflösungen des Subjekts aus als dessen Genese. Dennoch bleibt, wenn auch aus einer Bewegung der Negation heraus, die Beschäftigung mit verlorener Subjektivität ein Grundmovens des literarischen Schreibens.
Angesichts der sich jetzt entwickelnden Produktionsbedingungen von vernetzter Literatur könnte man fragen, welche Funktionen Autorschaft im Hypertext übernimmt. Die Autorschaft des Hypertextes umkreist jedenfalls keine umschließbare Leerstelle des Subjekts mehr, und sie folgt keiner die Lücken ausnutzenden Triebstruktur. Viel radikaler als es die klassische Moderne je realisierte, weil sie trotz aller artikulierten Subjektkrise doch immer dem einsamen Ich und seiner psychosomatischen Aura entscheidenden Ausdrucksraum gewährte, zerstört der interaktive Text im Datennetz die genetische Kausalität auktorialer Präsenz. Es gibt keine Suche mehr nach dem eigenen Ursprung und nach der verlorenen Zeit. Zwar bleibt all das weiterhin thematisierbar, aber es fehlt der Andere und das Andere, auf den hin oder das hin gesprochen werden könnte. Ob diese Position sich in den literarischen Produktionen im Netz bestätigt oder aussortiert wird, könnte dann Anlaß zu weiterführenden Fragen geben: Welche Funktionen übernimmt die Konstruktion kollektiver Autorschaft im Hypertext? Welche Leerstelle provoziert die Produktion von Texten im Netz? Ist es nicht doch das bekannte, durch die moderne Gesellschat entstandene Beobachtungsdefizit? Oder entsteht gegenwärtig eine ‘neue’ alte Leerstelle, die das Begehren erreget, sie zu füllen?
Weiter mit: Überlegungen zur Formbildung der „Schreibameise“

Von Doktoren und Diktatoren

Eine zukünftige neue Art von Journalismus  wird es fertig bringen müssen, in der Berichterstattung nicht mehr jeweils nur über ein individuelles Ereignis zu berichten, dieses zu kommentieren und dessen Hintergründe zu er- und vermitteln, sondern darauf zu achten, inwiefern gleichzeitige Ereignisse sich gegenseitig beobachtbar und damit kommentierbar, erforschbar, vermittelbar machen.
Denn im Prinzip dürfte die Einsicht gelten, dass, wenn zwei Dinge gleichzeitig passieren, sie auch zusammenhängen. Aber die Frage wäre wie?

Das Selbstbeschreibungsprogramm der modernen Gesellschaft hat neben vielen anderen Facetten auch ein höchst bemerkenswertes Verhältnis zu ihrer Umwelt ausgebildet, das besonders durch die Unterscheidung von Angst und Hoffnung determiniert wird. Die Komplikationen, die sich aus der Wertschätzung der Umwelt trotz ihrer Quelle für Katastrophen einerseits und der Geringschätzung trotz ihrer beeindruckenden Leistungsfähigkeit andererseits ergeben, können nur selten zu der Einsicht führen, dass beide so widersprüchlichen Betrachtungweisen eigentlich darauf hindeuten müssten, dass die Umwelt sich für all das gar nicht interessiert. Die Umwelt irritiert sich nicht für die Schwierigkeiten, die sich innerhalb sozialer Systeme herausbilden, aber sie muss die Auslagerungen von Komplexität ertragen, mit welcher sie, wenn sie überhaupt etwas damit anfangen kann, vollständig überfordert ist. Dieser Unterschied betrifft vor allem der Unterschied zwischen einer Bewusstseinsumwelt und einer Umwelt, in der lebende Organismen gedeihen. Letzteren sind all die Kontaminationen ziemlich egal und von ersterer wissen soziale Systeme, dass mit ihr zu rechnen wäre; und sie wissen auch, dass man es ihr grundsätzlich nicht immer recht machen kann. Aber in beiden Fällen muss die Umwelt einem Bewältigungsprogramm der Zivilisierung unterzogen werden, ob sie das begreift oder nicht. Dazu zählt die Kanalisierung von Flüssen, die Veränderung der Landschaft genauso wie die Erziehung von Menschen. Das liegt daran, dass soziale Systeme, obgleich sie die einzigen sind, die Zivilisation sicherstellen, mit eben dieser Zivilisation gar nichts anfangen können. Das heißt nicht, dass sie in einem Zustand der Wildheit verbleiben, sondern dass sie alle Effekte, die sich durch Zivilisation ergeben, die für die Umwelt vorteilhaften genauso wie die schädlichen, komplett aus ihrem operativen Verweisungsnetwerk heraus halten müssen, um an ihrer eigenen spezifischen Operationen nicht zu scheitern. Und sofern zivilisatorische Effekte von sozialen Systemen wiederum rückkoppelnd behandelt werden können, entstehen bestimmte Habitualisierungen, die als Selektoren verwendet werden.
So knüpfen sich an den Doktor wie an den Diktator ganz bestimmte Erwartungen, wie sie etwa Angst und Hoffnung hervorbringen, sofern ein Habitus als Kondensationspunkt von Erwartungsroutinen in die Umwelt eingeschrieben werden kann.
Richtig interessant wird es aber, wenn bemerkbar wird, wie zivilisatorische Errungenschaften, gleichviel ob angsterregend oder hoffnungmachend, an den Konditionierungen sozialer Systeme scheitern, wenn also Empörungen über enttäuschte Hoffnungen – wie sie in der Plagiatsaffäre deutlich werden – zusammenfallen mit Hoffnungen, die sich aus der Überwindung von Angst ergeben, etwa durch den Sturz eines Diktators. Schon die Physiognomie der hier gezeigten Portraitfotografien macht das Bewältigungsprogramm der Zivilisation deutlich. Dem Bösen manchmal gewachsen zu sein, aber das Gute nicht immer befördern zu können, dürfte wenigstens noch als Relativierungserfahrung herausgegeben werden. Aber man merkt dabei deutlich, wie wenig beides noch haltbar ist. Nicht etwa deshalb, weil die Unterscheidung von gut und böse selbst schon reichlich relativiert wurde, sondern weil trotz aller Differenzierungen ein Erfahrungsfortschritt nicht mehr ermessbar ist. Man wird einfach nicht mehr klüger. Deshalb eignen sich solche Skandale wie den um den Doktor wie den um den Diktator gleichermaßen, um bewährte Programme zu durchlaufen: tragischer Held oder irregeleitete Spinner – es fehlt eigentlich gar nicht mehr viel, bis bemerkbar wird, dass solche Zurechnungen gar nicht mehr plausibel zugeordnet werden können. Und vielleicht dürfte man spekulieren, dass solche Eindeutigkeiten bald gar nicht mehr anschlussfähig sind. Ob man erst dann wieder etwas dazu lernen könnte, wenn man die beiden Bilder als zwei Hälften eines Vexierbilds betrachten würde. Könnte dann noch einmal die Physiognomie des Guten wie des Bösen beschreiben werden? Und wenn ja, was hätten sie, die Physiognomie wie die Unterscheidung, welche sie benutzt, dann noch mit Menschen zu tun? Und: was wäre dann noch zu hoffen oder zu fürchten?

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