Differentia

Monat: Januar, 2011

Das Performat der Mensch-Maschine-Beziehung

In dem FAZ-Blog von Mercedes Bunz mit dem Titel „Das Denken und die Digitalisierung“ werden interessante Tendenzen des Zustandekommens von Mensch-Maschine-Beziehungen erläutert. Es handelt sich um einen Artikel, den zu lesen ich empfehle, da er einige Illustrationen für das liefert, was ich als das Erfahrungsformat einer „nächsten Gesellschaft“ bezeichnen möchte. Bemerkenswert an diesem Artikel ist vor allem, wie sich darin ein Ablöseprozess dokumentiert, der aber die Möglichkeiten der in diesem Artikel beschreibbaren Erfahrungen nicht selbst schon unter Bedingungen erproben kann, durch welche möglich wird, diesen Artikel zur Kenntnis zu bringen: er leistet Vorausschau, aber diese Vorausschau kann nicht als Retroinspektion verstanden werden, sondern nur als Dokument via Verbreitung, weshalb nur eine allzu bekannte Abwägung von Ängsten und Hoffnungen vorgenommen wird, die sich insbesondere auf die durch die Subjektphilosophie der modernen Gesellschaft entstandenen Fragestellungen nach Wesen und Beschaffenheit des Menschen bezieht.

Wenigstens kann man bemerken, dass nicht mehr die Frage gestellt wird, was der Mensch ist, sondern was aus ihm wird; verbunden gleichwohl mit skeptischen Differenzierungen, die sich auf ein „Pro und Contra“ des Machbaren und Beherrschbaren beziehen; Betrachtungsweisen, welche noch ganz angepasst sind auf die Erfahrungsbildungen durch die Dokumentform. Insoweit hat man es bei diesem Artikel nur mit konventionellem, aber gleichwohl interessantem Journalismus zu tun, der noch nichts von dem erproben kann, was durch ihn in Aussicht gestellt wird.

Das könnte man zum Anlass nehmen, das Performat eines Dauer-Turing-Tests analytisch genauer zu betrachten. Denn bei dem Turing-Test handelt es sich bekanntlich um eine Simulation, die die Tauglichkeit einer Maschine zur Intelligenz überprüfen sollte. Und die interessante Frage wäre, welche Ergebnisse selbstreflexiv analysiert werden können, wenn sich die Zugänglichkeit einer Mensch-Maschine-Interaktion durch das Internet verbreitet. Zu welchen Ergebnissen könnte man kommen, wenn das Performat als Erfahrungsstruktur – in dem Fall die Simulation einer Mensch-Maschine-Beziehung – einen Prozess in Gang setzt, den das Performat entsprechend einer durch es selbst entwickelten Simulation mit „Verstehen“ bezeichnet?

Möglich wird dies, wenn durch das Performat alle entsprechenden Prozesse als Modelle simulierbar werden, die dem Ablauf bestimmter Prozesse dienen; und wenn aufgrund eines so ermittelten Modells „Verstehen“ als etwas behandelt wird, das auch auf externe Instanzen zugerechnet werden kann, so lässt sich durch das Performat und anhand seiner ablaufenden  Prozesse ein „Verstehen“ und die Bereitstellung von „Mitteilungsquellen“ erzeugen.

Die beobachtbare Realität wird also nicht als etwas Vorgefundenes beschreibbar, sondern wird durch die Simulation als nur so erzeugte Realitätsmöglicheit erkennbar. Das heißt auch, dass alle Realität, wie immer das „Verstehen“ und seine „Zurechnung auf Mitteilungsinstanzen“ beobachtet wird, nicht nachträglich von der Erfahrung durch das Performat abstrahieren kann, gleich so, als könne man, wenn man die Modelle subtrahiere, eine reine Form testen, die unabhängig vom Performat existiere.

Die durch ein Performat erzeubare Erfahrung ist nur eine modellabhängige Möglichkeit: es handelt sich nicht um ein „Abziehbild“ einer sonst unabhängigen Realität.

Entsprechend hätten man es mit der Normalerfahrung eines operativen Konstruktivismus zu tun, aufgrund dessen angenommen wird, alles sei Konstruktion; und wenn man jede solche Konstruktion immer einem Konstrukteur zurechnet, um verschiedene Perspektiven unterscheiden zu können, so wird man sehen können, dass auch die Annahme eines Konstrukteurs eine Konstruktion darstellt, die sich einem Konstrukteur zurechnen lässt und so weiter.

Dann wird man auch sehen können, dass auch Konstrukteure Erzeugnisse sind, die als nichts anderes erscheinen denn als Bündel von Erwartungen und Modellen. Die Annahme, es gebe solche Bündlungen, ermöglicht also einem Beobachter ein ordnendes, empiriegesteuertes Vorgehen, das sonst ausgeschlossen bliebe. Wenn ein Beobachter beobachtet, dass bestimmte Kommunikationen irgendwie gebündelt auftreten, dann kann er mit Hilfe der Vorstellung, es gebe unterschiedliche Beobachter, z.B. einen Code (wahr/falsch) suchen, der diese Bündlungseffekte erzeugt. Und dann macht es Sinn, diese Codierungseffekte „Beobachter“ zu nennen und anzunehmen, dass dieser Beobachter sich per Code aus seiner Umwelt ausdifferenziert.

Der Beobachter wäre nichts anderes dieses „Erzeugen von Bündlungen“, wäre künstliche Intelligenz. Er entsteht und existiert nur mit diesem Prozess der Codierung. Und er ist eben daher ein sinnvolles Produkt der Zurechnung seitens eines ihn beobachtenden Beobachters. Folglich heißt das auch, dass Realität und Konstruktion miteinander verschmelzen und dass es nur Sinn macht, von Konstruktionen zu sprechen, wenn man einen bestimmten, eben einen konstruktivistischen Realitätsbegriff von einem anderem, nämlich einem dokumentarischen Realitätsbegriff unterscheiden kann. Im Sinne eines operativen Konstruktivismus sieht man immer nur Konstruktionen auf der Grundlage von Modellen, die ihrerseits immer Konstruktionen sind, und in Abhängigkeit vom beobachteten Beobachter, der immer Konstruktion ist.

Das Performat würde entsprechend einen operativen Konstruktivismus als eine konsequent zirkulär strukturierte Erfahrung möglich machen. Die Erfahrung ermöglicht sich, indem sie immer wieder von vorne anfängt. Und sie immunisiert sich gegen endloses Infragestellen und Letztbegründungsansinnen dadurch, dass sie Paradoxien erzeugt und die Erwartung strukturiert, die es notwendig erscheinen lassen auf Paradoxien paradox zu reagieren.

Die Ware Wahrheit ist Aufklärung und Verschwörung

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Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien. Denn
sie zerstören den Geist, die Kreativität und den Mut der Menschen, und
ersetzen diese durch Angst, Misstrauen, Schuld und Selbstzweifel. (Herkunft)

Dieses Zitat ist beachtlich, aber unvollständig. Es müsste mit diesen Worten ergänzt werden: „Die andere Seite ihrer Faszination besteht in der wiederholbaren Hoffnung auf Befreiung, Vernunft und Fortschritt.“ Beides, die Zerstörungs- wie Schaffenskraft der Massenmedien, bezeichnet von Beginn an, spätestens seit der Reformation, die Unterscheidung, durch welche sich Massenmedien reproduzieren, dazu gehört natürlich auch diese Unterscheidung selbst. Gemeint ist damit das, was die Soziologie gewohnt ist, Autopoiesis zu nennen: sich selbst erzeugende und reproduzierende Systeme.

Zum Thema „Massenmedien“ ist, wie könnte es anders sein, massenmäßig viel dokumentiert und verbreitet worden und die Wahrscheinlichkeit, dass noch irgendetwas Entscheidendes übersehen wurde, ist gering, was – ganz im Sinne eines Konzepts von Autopoiesis – kein System davon abhält alles Geschriebene, Berichtete, Gefilmte und Gesendete noch einmal in variierter Form zu wiederholen. Aktuell geht gerade wieder ein Link zu diesem Thema um. Es ist eine Filmdokumentation mit dem Titel Die Ware Wahrheit und enthält vielleicht nur für den Nachwuchs, für die unter 30 jährigen, Betrachtungen als Neuigkeiten, deren Informationsgehalt in engeren Kreisen bereits in den 60er Jahren, in der Massenbreite des Publikums in den 80er Jahren Verbreitung fand: 1. Es gibt keine absoluten Wahrheiten und alle Wahrheit ist relativ und subjektiv. 2. Es gibt so genannte etablierte Medien und alternative Medien. 3. Die etablierten Medien, bei Hans Magnus Enzensberger in den 60er Jahren mit dem Schlagwort „Bewusstseinsindustrie“ beschrieben, werden ihrer kritischen Funktion häufig nicht gerecht, ja, häufig unterlaufen sie diese kritische Funktion, weshalb es 4. gute Gründe gibt, alternativen Medien, ein Schlagwort aus den 80er Jahren, zu vertrauen, da sie angeblich besser leisten könnten, was geleistet werden sollte: Sicherstellung einer kritischen Funktion, was immer das heißen mag. Wenigstens könnte man die Kontingenzformel der „Kritikfunktion“ als systemeigenen Kontrollmechanismus bezeichnen, auf welchen die Autopoiesis des Systems notwendig angewiesen bleibt. Ein Funktionsäquivalent dürfte man in der Politik finden, wo als Kontingenzformel die „soziale Gerechtigkeit“ ohne Aussicht auf Erreichbarkeit durchventiliert wird oder in der Religion die Frage nach dem Glauben und in der Philosophie die Frage nach der Erkenntnis. Die Nicherreichbarkeit stellt sicher, dass es weiter geht.
Die Hoffnungen und Enttäuschungen die Kritikfunktion der Massenmedien betreffend sind selbst massenmediale Produkte und wurden und werden über Massenmedien verbreitet, in den etablierten genauso wie in den alternativen Medien, selbstverständlich unter Berücksichtigung höchst unterschiedlicher Betrachtungsweisen und variierender Meinungen. Damit wäre das Schema, wenn auch verkürzt, analysiert, dem die oben verlinkte Filmdokumentation folgt. Enstprechend gibt es keine weitere Einsichten mehr. Nicht zu Unrecht hatte Hans Magnus Enzensbergerspäter nicht nur in kritischer Hinsicht auf seinen eigenen Standpunkt in den 60er Jahren, sondern auch unter Berücksichtigung der massenmedialen Entwicklung seit den 80er Jahren schließlich ein „Nullmedium“ identifiziert, eine buddhistische Gebetsmühle mit trancesteigernder Wirkung. Und wenn die Klagen über das Fernsehen gegenstandslos sind, so sind es die Hoffnungen ebenfalls.
All das ist nicht weiter interessant. Interessant an der Filmdokumentation ist etwas ganz anderes, nämlich dass im Titel genau jener Blinde Fleck bezeichnet wird, der in der Interviewcollage gar nicht der Reflexion unterzogen wird. Das Wortspiel des Titels und die poetische Eingangssequenz bleiben durch die Filmerzählung unverstanden, sind nur postmodernes Zitatbeiwerk ohne Belang. Zwar werden in dem Film auch Aufklärungs- und Verschwörungstheorien thematisiert. Dass aber sowohl die Beobachtbarkeit von Aufklärung und Verschwörung das notwendige Ergebnis eines bestimmten Beobachtungsschemas ist, durch welches sich Massenmedien reproduzieren, wäre mal was Neues gewesen, wenn man berücksichtigt, dass zur Analyse dieses Sachverhalts wiederum ein davon verschiedenes Beobachtungsschema verwendet werden muss, um es bestimmen zu können. Denn bislang wurde ja Wahrheit wie alles andere auch, Wissen, Information gleichsam als übergebbares, übertragbares Gut behandelt, eben wie eine Ware, die zur Transaktion die Stelle im Raum wechselt. Aber das Internet macht jeden aufdringlicher deutlich, dass es sich dabei um einen Irrtum handelt. Stattdessen wird dieser Film über Internet verbreitet und zeigt somit, wie nach Maßgabe der Filmaussage das Internet betrachtet wird, nämlich nur als Verbreitungsverfahren von Dokumenten aller Art, in diesem Fall: ein Filmdokument. Dieses digitale Filmdokument wird ganz kritiklos der digitalen Manipulierbarkeit durch Internetuser ausgesetzt und die Hersteller könnten, wenn entsprechende Manipulationen in Umlauf kämen, nur mit Empörung darauf reagieren, also nur mit koventionellen Vorstellungen von Authentizität, Ehrlichkeit, Vernunft und Wahrheit, wohingegen alles dem Zuwiderlaufende nur Verleumdung, Verdunkelung, Vernebelung, Verschwörung wäre. Das zeigt, dass die Hersteller, wie alle Aufklärer ein Verständnis von Manipulation nur einseitig verwenden können, nämlich nur gegen andere. Aber was könnte geschehen, wenn man Manipulation auch auf sich selbst bezieht? Indem man Manipulation nicht nur zugesteht, mit der darin eingeschlossenen Mängelbetrachtung, dass Manipulation immer etwas Fehlerhaftes wäre und man sie nicht immer verhindern könne, sondern indem der Einsatz von Manipulationstechniken zweiseitig verstanden wird, nämlich nicht nur als Problem, das andere herstellen, sondern als eigene Lösungsmöglichkeit. Aber so etwas ist durch Verwendung des dokumentarischen Beobachungsschemas nicht thematisierbar. Der Aufklärer ist über sich selbst nicht aufklärbar, weil er das Beobachtungschema als Form nur einseitig, und darum ideologisch verwendet, obwohl es empirisch zweiseitig verwendet werden muss, damit ein System es benutzen kann. Aber auf der anderen Seite lauert gewöhlich das Böse, das Unberechenbare und Unheimliche, welches zu bannen gerade durch die Einseitigkeit der Beherrschung unterworfen werden sollte, was schlechterdings einfach nicht geht.
Die Konventionalität des besagten Films besteht in der völlig unkritischen Beurteilung der durch ihn ermöglichten kritischen Beurteilbarkeit, die dadurch entsteht, dass die Möglichkeiten des Internets höchst unterschätzt werden, wenn man es dabei belassen möchte, über Internet Dokumente massenhaft zu verbreiten. Die Leistungsfähigkeit des Internets, die Probleme, die durch Massenmedien enstehen, dadurch zu lösen, dass weder Aufklärung noch Verschwörung die beobachtungsleitende Unterscheidung wäre, kann nicht erprobt werden, weil nur der Teufel weiß, worauf man sich einlassen würde, wenn man das Spiel mit Feuer beginnt. Stattdessen ist man auf der sicheren Seite, wenn man einfach noch einmal verbreitet, was schon tausendfach verbreitet wurde.
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